27.10.1980

GESTORBENHans Ehard

Hans Ehard, 92. Mit einem unrühmlichen Kapitel deutscher Geschichte kam der Jurist schon 1924 in Berührung: Als Zweiter Staatsanwalt vertrat Hans Ehard 1923 die Hochverrats-Anklage wegen Putschversuchs gegen Hitler und Ludendorff. Er selbst machte erst später Geschichte. Als 1946 der neue Bayerische Landtag seinen Ministerpräsidenten bestimmte, entschieden sich die Abgeordneten bei der zweiten Stimmabgabe mehrheitlich für den Justiz-Staatssekretär Ehard. Der zurückhaltende Franke erwies sich als erste Wahl. Ehard sorgte sich nicht nur um Wiederaufbau und Konsolidierung des Staates Bayern, sondern schaute auch über dessen Grenzen: 1947 trafen sich auf seine Einladung hin Ministerpräsidenten aus allen vier Besatzungszonen. Man wollte gemeinsam über die Verwaltung des geteilten Deutschlands beraten. Der Versuch scheiterte an der starren Haltung der Delegation aus der sowjetischen Besatzungszone. Mehr Glück war dem bayrischen Gastgeber 1948 beschieden, als auf der Herreninsel im Chiemsee die maßgebenden Nachkriegspolitiker Westdeutschlands zum Verfassungskonvent zusammentrafen. Dort widersetzte sich der überzeugte Föderalist Ehard mit Erfolg den mehr zentralistischen Konzepten Adenauers und Schumachers. Gleichwohl wurde Ehards Wunsch, den Bundesrat mit stärkeren Rechten auszustatten, nicht erfüllt. Hauptsächlich aus diesem Grund lehnte Bayern 1949 das Grundgesetz der Bundesrepublik ab, fügte sich jedoch dem Mehrheitsbeschluß der anderen Bundesländer. Ehard, seit 1949 auch CSU-Chef, blieb Bayerns Ministerpräsident, bis ihn der Sozialdemokrat Wilhelm Hoegner 1954 mit der Viererkoalition ablöste. Ehard wurde Landtagspräsident. Ein Jahr später verlor er den Parteivorsitz. Noch einmal, 1960, wurde Ehard Ministerpräsident seines Landes, übergab diesen Posten aber 1962 an Alfons Goppel. Seine Entscheidung, als 75jähriger anschließend das Justizministerium zu übernehmen, traf nicht überall in Bayern auf Verständnis. Die Münchner "Abendzeitung" 1962: "Nun haftet auch ihm der Verdacht an, daß er den rechten Abgang nicht findet, daß er an irgendeinem Amt klebt, bloß um noch dabeisein zu dürfen." Hans Ehard, der sich 1966 aus der aktiven Politik zurückzog, starb am vorletzten Samstag nach längerer Krankheit in München.

DER SPIEGEL 44/1980
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