07.04.1980

GRÜNEPerverse Power

Ziemlich grau sind die neuen Führer der Grünen, die Prominenz zog sich zurück. Für manche Alternativen ist der bescheidene Bekanntheitsgrad der Vorständler schon eine Art Programm.
Der eine, ein Richter, fährt, "wenn die Bahn frei ist", schon mal "150 im Fünften und mehr", aber er tritt "natürlich engagiert für Geschwindigkeitsbegrenzungen" und "gegen den übertriebenen Ausbau von Straßen" ein.
Der andere, ein Rentner, war Mitbegründer der Christlich Sozialen Union und schimpft nun über den Unionsführer Franz Josef Strauß, weil der "die Wachstumsgesellschaft und die Rüstungsindustrie verkörpert".
Die dritte, eine Verwaltungsrätin, engagiert sich beruflich in Brüssel für den "Wirtschafts- und Sozialausschuß der Europäischen Gemeinschaft", der "nahezu einstimmig pro Kernkraft ist"; privat kämpft sie selbstverständlich dagegen, daß "die EG sich zu diesem perversen Powerblock entwickelt".
Seit vorletztem Wochenende sind der Richter, der Rentner und die Rätin gleichberechtigte Vorsitzende der 13 000 westdeutschen Grünen: Norbert Mann, 36, August Haußleiter, 75, und Petra Kelly, 32. Bis zum 5. Oktober sollen sie, so Aufgabe und Wunsch, mindestens fünf Prozent des Wahlpublikums dazu bewegen, die vierte Partei auch ins Bonner Parlament zu bringen.
Daß Grüne und Bunte, was die Bekanntheit anbelangt, eher Graue in den Wahlkampf schicken und nicht populäre Profis wie den Bundestagsabgeordneten Herbert Gruhl oder die Wahlsieger von Bremen und Baden-Württemberg, Dinne und Hasenclever, das ist für sie schon "ein Stück alternatives Programm": "Wir wollen", sagt Frau Kelly, "nicht wie die etablierten Parteien irgendwelche Anführer kreieren."
Gewollt hätten sie wohl schon. Doch Grünen-Gründer Gruhl zog ebenso wie der auch über die Alternativen-Szene hinaus prominente Öko-Bauer Baldur Springmann seine Kandidatur zurück, nachdem der Parteitag in Saarbrücken ein "linksutopisches Programm" ("Neue Zürcher Zeitung") verabschiedet hatte. Und die grünen Stars Dinne und Hasenclever hatten schon zuvor abgewinkt: Sie wollen lieber in den Länderparlamenten wirken.
Vorsitzender Haußleiter gibt sich deshalb auch ganz offen als Stellvertreter. "Ich halte", sprach der Ersatzmann nach seiner Wahl, "Gruhl die Stellung, bis er wieder mag -- als Treuhänder S.27 der Einigung. Ist die erreicht, kann ich mich fröhlich zurückziehen."
Da hat er noch Zeit. Denn an der Basis ist der neue Vorstand schon so umstritten wie das Programm. Während sich der baden-württembergische Landtagsabgeordnete Winfried Kretschmann durch das Präsidium "voll repräsentiert" fühlt und Wahlsieger Hasenclever das Triumvirat ("fast mein Wunschvorstand") hochlobt, ist deren Bremer Kollege der neuen Grünen-Führung bereits gram: Das sei "eine opportunistische Riege, die einen faulen Frieden geschlossen hat", und "die hängen", glaubt er, "voll in der Luft".
Daß, wie Dinne moniert, der Verlegenheits-Vorstand "nur wenige repräsentiert", ist wiederum für die Vorsitzende Kelly eigentlich normal und unvermeidbar. Denn alle Grünen, so erklärt sie das, seien nun mal auch Einzelkämpfer: "Das sind viele spontane Menschen, die zum erstenmal wirklich das Wort ergriffen haben."
Einer, der das schon öfter versucht hat, ist Kellys Kollege August Haußleiter -- 75 und kein bißchen leise. Der Gestandene aus Bayern, der nun "gegen Berufsverbote und Wehrpflicht" Front macht, war immerhin schon einmal Parteioberer von Franz Josef Strauß. Gemeinsam mit Alois Hundhammer und Josef ("Ochsensepp") Müller gründete er 1946 die CSU und war ein Jahr lang deren stellvertretender Chef.
Weil aber die Union damals "die Spaltung Deutschlands" betrieb, stieg Haußleiter, ein immerzu idealistisch aufgelegter Trommler für nationale wie soziale Werte, lieber aus. Der Linke von rechts gründete die politisch erfolglose Deutsche Gemeinschaft und führte sie später in die "Aktionsgemeinschaft Unabhängiger Deutscher" (AUD), die freilich auch nur regionale Bedeutung gewann -- der Parteigründer brachte sie bei den Grünen ein.
Haußleiters grüne Zukunft war schon in der AUD programmiert: Sie verstand sich als "Erste deutsche Umweltschutzpartei" und wollte, so eine Grundsatzerklärung vom Oktober 1977, "die aus ökologischen Gründen für das Überleben notwendige 'kopernikanische Wende' in Deutschland mit politischen Mitteln durchsetzen" --Standortbeschreibung eines "ökologischen Sozialismus", die auch bei den Grünen unredigiert Mehrheiten finden könnte.
Mal wurde Haußleiter vorgeworfen, er sei ein "Linksradikaler", mal wurde er als "rechtsstehend" attackiert -- doch alles und immer zu Unrecht, wie er fand. Für ihn ist sein Standort stets unverändert geblieben, nur "die Gesellschaft ist nach rechts gerückt".
Vorstandskollegin Kelly, der Haußleiters bewegte Vergangenheit "ziemlich egal" ist, sieht das ähnlich. Vergangenes Jahr trat die Deutsch-Amerikanerin, die in Washington Politik studierte und den demokratischen US-Senatoren Robert Kennedy und Hubert Humphrey im Wahlkampf half, aus der SPD aus. Verantwortliche Sozialdemokraten hatten sich beharrlich geweigert, Reihenuntersuchungen über das Krebsrisiko in der Umgebung von Kernkraft- und chemischen Werken zu fördern, und so etwas wollte sie nicht mehr mitmachen. Nun findet sie ihre Ex-Partei "absolut nicht koalitionsfähig".
Die 32jährige ist mächtig emanzipiert. "Ich werde nie heiraten", schwört sie, und dazu hat sie wohl auch keine Zeit. Die grüne Kelly gehört zum Jetset in alternativen Angelegenheiten. Am Donnerstag vergangener Woche leitete sie in Bonn den Grünen-Vorstand, Freitag tat sie in Brüssel Dienst für Europa, Samstag marschierte sie mit 100 000 Gleichgesinnten durch London.
In Irland schrieb sie, gemeinsam mit Gewerkschaftern der grünen Insel, an dem Anti-Atom-Buch "The Nuclear Island". Und in der Bundesrepublik gründete sie nach dem Krebstod ihrer Schwester den Verein "Kinderplanet", der sich für die psychosoziale Betreuung kranker Kinder einsetzt.
Die ehemalige Sozialdemokratin sieht ihr individuelles Vorbild in Rosa Luxemburg, politisch strebt sie ein westdeutsches Gegenstück zur undogmatischen "Partito Radicale" an, die sich in Italien beispielsweise für die Legalisierung von Haschisch engagierte und nun im römischen und europäischen Parlament vertreten ist.
Ganz anders, viel enger der Aktionsradius des Duisburger Familienrichters und Grünen-Vorständlers Norbert Mann, der gleichfalls lange der SPD nahestand und nun seine Sympathisanten-Aufkleber am Auto gegen neue Plaketten ("Alternative -- die Grünen") ausgetauscht hat. Der SPD, beklagt er heute, "fehlt jedes Verständnis für innerparteiliche Demokratie".
Mann düpierte schon 1972 seine "richtig konservative Familie", als er für die Sozialliberalen öffentlich Stimmung machte. Später setzte er sich in nordrhein-westfälischen Bürgerinitiativen für Lärmschutz an der Bundesstraße 1 ein, stand im Kampf um die Erhaltung alter Zechen-Siedlungen seinen Mann und gründete vor zwei Jahren die regionale Umweltschutz-Liste.
Sein bürgerliches Ambiente, englische Stilmöbel und was dazugehört -das will der Vorsitzende nun schnell abbauen. Den noblen Tennisklub, in dem er zuweilen auch dem Mülheimer Manager der Kraftwerk Union die Bälle zuspielte, hat er schon gewechselt.
Seinen grünen Porsche (Beifahrer Gruhl: "Was ist das eigentlich für ein Auto") mag er auch nicht mehr leiden, da soll was anderes her. Eine Ente wohl doch nicht, aber "vielleicht ein Polo".

DER SPIEGEL 15/1980
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