11.02.1980

HITLERAn der Nadel

War der „Führer“ pervitinabhängig? Hitler-Kenner Albert Speer hält das Buch eines US-Psychiaters, der diese These verficht, für „die erste wissenschaftlich-medizinische Untersuchung der Krankengeschichte Hitlers“.
Die Prozedur wiederholte sich fast täglich: Wenn Adolf Hitler -- wie üblich -- spätmorgens erwachte, ließ sich sein Leibarzt Theodor Morell auf der Bettkante nieder und verabfolgte dem Diktator eine intravenöse Injektion.
Die Wirkung der Arznei setzte bereits ein, wenn die Nadel noch im Arm des Patienten steckte. Der eben noch schlaftrunkene Hitler wurde jählings kregel und geschwätzig. Er fühlte sich, wie er selber sagte, "frisch".
Morell behauptete später, er habe Hitler immer eine Ampulle "Vitamultin A" injiziert, ein Präparat, das viele Vitamine enthält und damals in den Morell-eigenen Hamma-Werken hergestellt wurde.
Doch der amerikanische Psychiater Leonard Heston, 48, Professor an der Universität von Minnesota, ist davon überzeugt, daß der Hitler-Arzt geschwindelt hat. Heston argumentiert: So schlaghaft muntermachend seien damals in Deutschland nur zwei Stoffe gewesen -- Pervitin und Kokain; bei Hitler habe es sich vermutlich um Pervitin gehandelt.
Heston hat seinen Verdacht, das Vitamultin sei von Morell mit Pervitin angereichert worden, in einem Buch begründet, das Hitler-Kenner Albert Speer für "die erste wissenschaftlichmedizinische Untersuchung der Krankengeschichte Hitlers" hält.
( Leonard L. and Renate Heston: "The ) ( Medical Casebook of Adolf Hitler". ) ( William Kimber, London; 184 Seiten; ) ( 6,95 Pfund. )
Heston: "Hitler war von Rauschgiften abhängig."
Heston studierte die gesamte Literatur über Hitlers Krankheiten und stieß dabei auch auf die Vermutung, der Diktator habe sich mit Drogen aufgeputscht. Nähere Einzelheiten fand er in unveröffentlichten Materialien, die in amerikanischen Archiven lagern.
Der Wissenschaftler befragte schließlich gezielt viele Leute, die mit Hitler Kontakt gehabt hatten.
Besondere Aufmerksamkeit widmete Heston dabei der Hinterlassenschaft des Dr. Morell. Der Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten war Mitte der dreißiger Jahre mit Hitler bekanntgeworden, 1936 hatte ihn Hitler zu seinem Leibarzt bestellt.
Für sein Alter (47) war Hitler damals ein kerngesunder Mann, und so war der beleibte Berliner Prominenten-Doktor Morell für ihn der richtige S.85 Arzt. Er verstand es nämlich meisterhaft, Patienten zu behandeln, denen im Grunde gar nichts fehlte.
So wie Morell echten Kranken strikt aus dem Wege ging, so vermied er es ängstlich, gefährliche Medikamente zu verordnen. Sogar Schlafmittel verschrieb der Modearzt selten und dann nur in wirkungslosen Dosierungen.
Morells Grundsatz war es, ärgerliche Medizin-Pannen zu vermeiden und sich seine Kundschaft aus betuchten Hypochondern zu erhalten. Das ging so lange gut, bis er an Hitler geriet, der sich wirkungslose Arzneien nicht aufschwatzen ließ.
Morell hatte nun die Wahl zwischen seinen Prinzipien und Hitler. Er entschied gegen seine Prinzipien. Und als Hitler ihm offenbarte, woran er litt, fuhr Morell starkes Geschütz auf.
Gegen Hitlers Bauchkneifen, dem die Ärzte mit Diät und milden Gesundheitstees beizukommen versucht hatten, verordnete Morell Eukodal, das dem Morphium ähnelt. Die Wirkung überzeugte Hitler. Er glaubte, einem Wunderdoktor begegnet zu sein.
Schwieriger war es, Hitlers Blähungen zu lindern. Dagegen hatte der Diktator emsig Dr. Kösters Antigas-Tabletten geschluckt -- ohne Erfolg. Morell verordnete zusätzlich Euflat.
Aber auch dieser Arznei mit dem griechisch-lateinischen Namen (eu = gut; flatus = der Furz) widerstanden des Führers Darmwinde. Den Patienten stimmten derlei Beschwerden trübe, und er suchte nach Gegenmitteln.
Da traf es sich, daß die medizinischen Fachblätter, die Hitler eifrig las, gerade über ein Wundermittel berichteten, das sowohl Mißstimmungen zu beseitigen wie Leistungsreserven freizusetzen versprach -- Pervitin.
Natürlich wünschte Hitler, die fabelhafte Medizin zu probieren, doch Morell sträubte sich anfänglich dagegen. Er kannte die Gefährlichkeit dieses Weckmittels, das er einmal in einem Brief an einen Kollegen als "Peitsche, kein Futter für das Pferd" bezeichnet hatte. Hitler aber war nicht der Patient, der sich medizinische Wunderwaffen ausreden ließ.
Der Diktator probierte eine Pervitin-Tablette und war begeistert. Die schien ihm nützlicher als die schwachen Cola-Tabletten, von denen er eine ganze Röhre nehmen konnte, ohne auch nur S.88 annähernd so beschwingt zu werden wie von einer Pervitin.
Fortan nahm er das Weckmittel, anfänglich nur in kleinen Dosen und nicht regelmäßig. Aber mit der Zeit wurden die Pervitin-Pausen immer kürzer.
Mittlerweile verflog die allgemeine Begeisterung über das Wundermittel. Unter Pervitin-Einfluß donnerten Luftwaffen-Piloten einen Bomber nach dem anderen auf den Landebahnen zu Schrott. Und so reihte Deutschland als eines der ersten Länder Pervitin unter die Betäubungsmittel ein. Es unterlag nun denselben strengen Verschreibungsbestimmungen wie etwa Morphium.
Aber da hatte sich Hitler längst so an das Weckmittel gewöhnt, daß es ihm -so schätzt Heston -- seit spätestens Anfang 1942 schon intravenös gespritzt werden mußte, nahezu jeden Morgen. Nebenher schluckte Hitler täglich noch bis zu zehn Wecktabletten.
Dieser Pervitin-Abusus stellte Morell nicht nur vor medizinische Probleme. Denn: Derartige Mengen waren selbst für Hitler offiziell nicht zu beschaffen, ohne daß es auffiel.
Jede Pervitin-Tablette war dank des deutschen Betäubungsmittelgesetzes registriert, Kontrollbehörden konnten den Verbleib jeder einzelnen Packung zurückverfolgen. So mußte auch der morphiumsüchtige Hermann Göring, zweitmächtigster Mann im Reich, sich seine Opiate aus dem Ausland kommen lassen oder aus Luftwaffen-Apotheken abzweigen.
Hitler und Morell waren sich einig, daß über die Pervitin-Einnahme nichts bekannt werden durfte. Hitlers sorgsam gepflegter Ruf als "Mann der Tat" wäre ruiniert gewesen, wenn das Volk erfahren hätte, daß es von einem Pervitin-Schlucker geführt wurde.
Und Morell fand einen Weg, die Kontrolle zu umgehen: Er bezog das ominöse Vitamultin direkt aus seinen Hamma-Werken. Es wurde in Ampullen zur Injektion, aber auch in Tablettenform geliefert. Die für Hitler bestimmten Vitamultin-Tabletten waren eigens in Goldpapier eingewickelt, und die Männer und Frauen, die zu Hitlers vertrautem Kreis zählten, erinnerten sich später genau, daß der Führer in prekären Situationen fortwährend diese Gold-Tabletten schluckte.
Einem der Lebensmittelüberwacher für Wehrmacht und Waffen-SS, dem Professor Ernst-Günther Schenck, kam Morells belebende Vitamin-Mixtur damals S.89 verdächtig vor. Er ließ, wie er Heston berichtete, das Präparat in einem Laboratorium analysieren.
Resultat: Es enthielt zwar tatsächlich die angegebenen Vitamine, darüber hinaus aber Pervitin und Koffein -eine Zusammensetzung, die besonders wirkungsvoll ist, da Koffein die Wirkung des Pervitin potenziert.
Professor Heston sieht keinen Grund, an Schencks Bericht zu zweifeln. Denn es sprechen auch andere Beobachtungen dafür, daß Großdeutschlands Führer wie ein Junkie an der Nadel hing:
Heston erkannte, daß die vielen kleinen Symptome, die von mehreren Zeugen an Hitler wahrgenommen wurden, das klassische Bild eines Pervitin-Abhängigen ergeben. So fand der gedopte Hitler nur mit Hilfe starker Barbiturate erst gegen Morgen einen betäubungsähnlichen Schlaf, aus dem er dann nur durch Aufputschmittel wieder hochgebracht werden konnte.
Heston: "Der Gebrauch von ''Uppers'' zum Aufwachen und ''Downers'' zum Einschlafen ist ein typisches Anzeichen für Drogenmißbrauch, wie wir es häufig in der medizinischen Praxis erleben."
Andere Anzeichen für Pervitin-Mißbrauch gab es in Fülle: Hitlers krankhaftes Mißtrauen gegen seine Mitarbeiter; seine wechselnden Stimmungen, die zwischen Depression, Wutausbrüchen, latenter Gereiztheit und Euphorie schwankten; sein eingleisiges Denken, seine Starrköpfigkeit, sein Nägelkauen und ein quälender Juckreiz, der ihn veranlaßte, sich zwanghaft zu kratzen. Im Genick, wo er sich zeitweise regelrecht wundkratzte, bildeten sich dann leichte Infektionen.
Auch das Zittern in Hitlers linkem Arm, als dessen Ursache viele Wissenschaftler die Parkinsonsche Krankheit ansehen, hält Heston für eine Folge der chronischen Pervitin-Vergiftung.
Und für alle diese Symptome hatte Morell stets ein Gegenmittel parat, meist in Form von Injektionen, so daß Göring ihn bald "Herr Reichsspritzenmeister" titulierte. Das durfte Hitler freilich nicht hören, denn ihm imponierten Injektionen, vor allem wenn sie schmerzten.
1943 reichten die morgendlichen Pervitin-Injektionen schon nicht mehr aus, um Hitlers Spannkraft zu erhalten. Der Doktor mußte auch tagsüber öfter zur Spritze greifen.
Doch nun offenbarte das Pervitin seine verheerenden Nebenwirkungen: Hitler büßte die Fähigkeit zum flexiblen Denken vollends ein. Seine strategischen Rezepte erschöpften sich in sturem Festkrallen. Heston führt sogar Hitlers starres Verhalten in der Katastrophe von Stalingrad auf Pervitin-Mißbrauch zurück.
Zur gleichen Zeit klagte Hitler über Herzbeschwerden. Morell, der davon S.90 wenig verstand, ließ von nun an öfter ein EKG anfertigen. Die Kurvenblätter, auf denen vermerkt stand, es handle sich um den "Patienten A.", schickte er dem Herzspezialisten Dr. Karl Weber nach Bad Nauheim. Der Experte stellte anfangs eine beginnende Sklerose der Herzkranzgefäße fest, die sich jedoch schon bald "schnell verschlimmern" sollte.
Hitler und sein Doktor hielten diese beunruhigenden Befunde so geheim, daß nicht einmal Kammerdiener Linge, dem sonst so leicht nichts verborgen blieb, das Herzleiden seines Herrn kannte.
Einige der EKG-Blätter Hitlers sind erhalten geblieben und erlauben eine nachträgliche Diagnose. Sie deuten laut Heston darauf hin, "daß Hitler an einem erheblichen Herzmuskelschaden litt und im späten Frühling oder frühen Sommer des Jahres 1943 einen Infarkt erlitten haben könnte".
Morell jedenfalls hat nichts davon gemerkt, aber immerhin erkannte auch er, daß es mit der Pervitin-Behandlung nicht mehr so weitergehen konnte.
Doch sobald das Aufputschmittel abgesetzt war, litt Hitler unter Entzugserscheinungen. Gleichwohl war er in der Lage, zeitweilig wieder klar und logisch zu denken. So plante er in einer Pervitin-Pause im Herbst 1944 ganz allein die Ardennen-Offensive, deren strategisches Konzept "gesund und vom alten Hitler-Elan geprägt war" (so Heston). Der Pervitin-Stopp führte allerdings zu schweren Depressionen.
Das Bomben-Attentat am 20. Juli 1944 setzte der durch "Uppers" und "Downers" zerrütteten Physis Hitlers mehr zu, als es anfangs den Anschein hatte. Nach der Detonation, die ihm die Hose und die Trommelfelle zerrissen hatte, glaubte Hitler sogar, nun seien "alle meine Leiden kuriert", weil sich das Gliederzittern zurückgebildet hatte. Doch das Zittern stellte sich bald wieder ein, stärker als je zuvor.
Ende September kam noch eine Gelbsucht mit Übelkeit und dem Gefühl allgemeiner Hinfälligkeit hinzu. Der sonst so willensstarke Führer verließ kaum noch das Bett. Er lag lethargisch unter der Decke und hatte das Interesse selbst an seinen Krankheiten verloren.
Bettlägerig war der dauernd kränkelnde Diktator bis dahin noch nie gewesen. Morell, zutiefst erschrocken und ratlos, zog andere Ärzte hinzu. Doch niemand von ihnen kam auf den -laut Heston naheliegenden -- Gedanken, Hitlers Galle zu untersuchen. Heston ist überzeugt, daß Gallensteine die Ursache von Hitlers starken Bauchschmerzen waren.
Im Februar 1945 traf Hitler ein leichter Schlaganfall, von dem er sich nicht wieder erholte. Er vergreiste zusehends. Als der sonst so unentbehrliche Morell sich am 22. April verabschiedete, um noch aus dem fast eingeschlossenen Berlin zu entkommen, ließ ihn Hitler ungehindert ziehen. Hitler: Er brauche nun weder Arzt noch Medizin.
Doch Zeugen beobachteten, daß Hitler auch weiterhin die in Goldpapier eingewickelten Tabletten nahm -- bis zum 30. April 1945, an dem er sich im Bunker unter der Reichskanzlei erschoß.
S.84 Leonard L. and Renate Heston: "The Medical Casebook of Adolf Hitler". William Kimber, London; 184 Seiten; 6,95 Pfund. * S.85 Mit den SA-Führern Jüttner (l.) und Lutze. *

DER SPIEGEL 7/1980
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