09.02.1981

PSYCHIATRIETür zudrücken

Immer neue Skandale und Affären in nordrhein-westfälischen Landeskrankenhäusern. Diese Woche beginnt der erste Prozeß gegen einen Psychiater - weitere Verfahren folgen.
Wenn Fritz, 53, im Festen Hause das Tatütata der Gemeindefeuerwehr hörte, erklärte er schon mal: "Baader-Meinhof." Einmal ging er, mit einer Walther 7.65 in der Tasche, in den Keller, suchte dort nach einer Höllenmaschine und rief "Bombenalarm".
Wenn Werner, 60, gravitätisch bei schönem Wetter vor dem Mitteltrakt auf und ab schritt, kam er den anderen wie "der Sonnengott" vor. Er litt an "maßloser Selbstüberschätzung". Vor der Tür blieb er oft stehen und wartete, bis ein Pfleger ihm öffnete. Fritz mußte ihn kritisieren, weil er "einem Ausländer nicht die Hand" geben wollte.
Es war wie bei Dürrenmatt. Die sich so verquer gaben, waren nicht Patienten, sondern Ärzte in einem Irrenhaus, Psychiater am Landeskrankenhaus Brauweiler bei Köln.
Fritz Stockhausen, Dr. med., Facharzt für Nerven- und Gemütsleiden, war bis zur Auflösung der Anstalt Medizinischer Leiter und ist in einem Prozeß, der diese Woche vor dem Kölner Landgericht beginnt, wegen Totschlags in zwei Fällen angeklagt.
Möglicherweise aber ist der Doktor schuldunfähig. Kapazitäten von der Universität Heidelberg stellten bei ihm "manisch-depressive Symptome" fest.
Werner Thewalt, auch Dr. med., Facharzt für Neurologie und Psychiatrie, wird in diesem Frühjahr gemeinsam mit zwei Kolleginnen in Köln ebenfalls vor Gericht stehen. Sie sollen "durch Fahrlässigkeit den Tod eines Menschen" verursacht haben.
Die Prozesse in Köln sollen Individualschuld klären, doch die Einzelfälle sind nur Symptome für das verbreitete Elend der deutschen Psychiatrie.
In den 104 Psychiatrischen Kliniken und Landeskrankenhäusern der Bundesrepublik werden 63 000 Patienten aufbewahrt: debile und depressive, sieche, süchtige und schizophrene -- alle jene, deren Psyche nicht, nicht mehr oder anders funktioniert. Fast ein Drittel muß länger als ein Jahrzehnt hinter Anstaltsmauern verbringen, und mancher, der erst drinnen so richtig verrückt wird.
Viele von ihnen sind, einmal unter Verschluß, verraten und verkauft. Dabei war spätestens nach dem "Bericht über die Lage der Psychiatrie in der Bundesrepublik Deutschland", der sogenannten Psychiatrie-Enquete aus dem Jahre 1975, auch amtlich, wie es hinter den hohen Mauern zugeht. Über "menschenunwürdige Zustände" wird allenthalben geklagt, egal, ob in Haar bei München oder auf "Bonnies Ranch", der Karl-Bonhoeffer-Klinik von Berlin-West, wo mehr Fixer rausals reinkommen. Daß die Wirklichkeit noch viel schlimmer ist, als die Enquete ahnen ließ, offenbart sich in Nordrhein-Westfalen.
Dort ermittelt seit Jahren eine Bürgerinitiative mit besten Verbindungen in die Anstalten -- die "Sozialistische Selbsthilfe Köln e.V." (SSK), eine Gruppe von über hundert Leuten, die in den Häusern recherchieren. Kontaktleute unter Patienten und Ärzten, Pfleger und Sozialarbeiter versorgen sie mit Hinweisen, bis hin zu Krankenblättern. Ohne die Leute vom SSK wären die Prozesse dieses Monats schwerlich in Gang gekommen.
In Brauweiler ging es zu wie in einem Irrenhaus. Von den Stationen S.94 M 14 und M 15 im Haus D ("Zellengebäude"), wo ein Arzt und ein Psychologe versuchten, 110 chronische Alkoholiker, Suchtkranke und geistesgestörte Straftäter ruhig zu halten, verschwanden immer wieder die Patienten.
Der Fluchtweg war wohlbekannt, sie turnten aus den Fenstern in acht und zehn Metern Höhe. Der Patient Wolfgang Rademacher brachte es auf 50 Extratouren. Insgesamt sind mehr als 150 Patienten mit Bettlaken, Kabeln und Kordeln und auch in freiem Fall abgegangen. Manche besorgten nur was zu trinken, andere blieben länger weg.
Anstaltsleiter Stockhausen war "über das sogenannte Abhauen gar nicht so traurig, das ist vielfach das Zeichen einer beginnenden Gesundung". Für manche das Gegenteil. Einer, Horst Rauch ("Schwachsinn mittleren Grades"), sprang freihändig und fiel auf eine Bierflasche. Er schnitt sich die Fußsohlen auf, 28 brachen sich die Glieder, einer sitzt seither querschnittgelähmt im Rollstuhl, und zwei haben es nicht überlebt -- was ihm die Totschlagsanklage einbrachte.
Nur acht Abgänge hat Stockhausen als "besondere Vorkommnisse" weitergemeldet. Den zuständigen Kontrolleuren vom Landschaftsverband war nicht aufgefallen, was in der Umgebung an jeder Theke erzählt wurde.
Selbst als der Personalchef von Brauweiler "Persönlich-Vertraulich" nach oben meldete, daß auch "Herr Dr. Stockhausen dem Alkohol mehr zuspricht, als dies zu vertreten wäre", passierte jahrelang nichts.
Der Fall des Angeklagten Stockhausen, der kein Idioten-Getto wollte, aber statt der Fenster besser gleich das Tor offen gelassen hätte, ist ein Beweis für mangelnde Fachaufsicht.
Im Prozeß gegen den Stockhausen-Kollegen Thewalt und andere geht es weniger um äußere Mißstände als um eine menschenfeindliche Psychiatrie, die ihre Patienten wahllos und mit Überdosen von Psychopharmaka ruhigstellen will.
Der Arzt Thewalt mußte öfter wechseln: Mal war er Chefarzt im St. Valentinushaus im Rheingau, dann Landesmedizinalrat in Bedburg-Hau, leitender Arzt in einer Trinkerheilanstalt.
Der Chef im Landeskrankenhaus Düren, Helmut Koester, beschwerte sich bei der Aufsichtsbehörde, daß in Thewalts Haus 4 "fast alle Patienten in geradezu unverständlicher Weise extrem medikamentös überdosiert waren". In einem Fall wurde ein Patient fast vergiftet, sein Zustand war "vorübergehend lebensbedrohlich".
Bei der Akte Thewalt liegt noch ein Vermerk der Behörde selber: Moniert wird die "ungewöhnlich hohe Medikation der Patienten durch Dr. Thewalt, unkontrollierte, offenbar häufig vom Pflegepersonal vorgenommene Fixierung und eine mangelnde Frequenz von Visiten". Aber Thewalt wurde nicht in den Ruhestand, sondern zu Stockhausen nach Brauweiler versetzt, als stellvertretender Direktor.
Dort kam, auf einer Thewalt-Station, die 20jährige Marion Masuhr zu Tode -- und erst Wochen nach ihrer Beerdigung wurde nach den Ursachen geforscht, ihre Leiche exhumiert. Die Obduktion ergab, daß Marion Masuhr mit Medikamenten vollgepumpt war. Im Blutplasma wurde eine Konzentration von mehr als siebzig Milligramm Phenobarbital gefunden, schon sechzig Milligramm können tödlich sein.
Die ermittelnde Oberstaatsanwältin Maria Mösch, die gegen Thewalt noch ein weiteres Verfahren vorbereitet, konnte "nicht mehr feststellen, welcher Arzt welche Medikation zu welchem Zweck" verschrieben hatte. In der Krankenakte gab es eine "Vielzahl von Abänderungen, Überschreibungen, Streichungen und Ungenauigkeiten" -es bestehe "der dringende Verdacht, daß diese Unterlagen nachträglich manipuliert worden sind".
Fest steht, daß in den letzten Monaten der Marion Masuhr der Abteilungsarzt Thewalt keine Zeit hatte, weil er siebzehnmal als Sachverständiger vor Gericht auftreten mußte.
Die beiden Stationsärztinnen fühlten sich nicht recht zuständig. Die eine war nur Halbtagskraft und kannte das Krankenbild nicht so genau, die andere war zwar voll beschäftigt, aber verließ sich darauf, daß die Kollegin seit Jahren mit den Patienten vertraut sei.
Während die Kripo -- alarmiert vom SSK -- noch im Haus war, um die Todesumstände von Marion Masuhr zu ermitteln, starb ein weiterer Patient -- erschlagen von einem Pfleger S.96 in einer Beruhigungszelle, dem "Bärenzwinger".
Brauweiler wurde geschlossen, die Patienten entlassen und auf andere Anstalten verteilt. Ein Großteil kam nach Düren -- auch nicht besser.
Erst als sich dort zwei Patienten umbrachten -- einer hängte sich auf, der andere verbrannte in seiner Zelle -- veränderte sich was: neuer Innenanstrich, neues Mobiliar, neue Waschbecken und sogar ein paar neue Therapeuten-Stellen.
Das System, das so was zuläßt, ist nicht zu knacken, solange es die Großpsychiatrie gibt. In den Psychofabriken werden Patienten aus allen sozialen Bindungen herausgelöst, weit weg von ihren Familien zusammengezogen. Gettos abseits des normalen Lebens.
Die Kliniken sind wahnsinnig groß -- und die allergrößte in ganz Europa ist die Anstalt von Bedburg-Hau. Am Rande des 14 000 Einwohner-Orts werden von 43 Ärzten 3200 Patienten verwaltet, auf einen Doktor kommen 75 Kranke. "Manchmal", sagt ein Stationsarzt, "muß ich die Tür hinter mir zudrücken. Jeder will was, und ich habe keine Zeit." In den Mammutbetrieben geht die Würde des Menschen kaputt. Von "leeren Menschenhülsen" sprechen Ärzte oder: "Eine gut erhaltene Fassade, aber er kotet ein."
Nirgendwo sonst ist das Vertrauen der Kranken zu ihren Ärzten und Betreuer tiefer gestört, als in den psychiatrischen Kliniken -- ausgerechnet dort, wo die zu behandelnde Krankheit zuweilen nur die Folge radikaler Beziehungslosigkeit ist.
Die Personaldecke ist dünn -- selbst in der modernsten psychiatrischen Klinik der Bundesrepublik, der 133 Millionen Mark teuren Rheinischen Landesklinik in Bonn, mußten schon kurz nach der Eröffnung im Jahre 1979 Abteilungen geschlossen werden, weil Pfleger fehlten. Die "desolate Personalsituation", so zwei Ärztinnen in einem Brief an den Landschaftsverband, habe in der Abteilung für ältere Psychiatrie-Patienten zu 95 Unfällen geführt. Betagte Leute waren aus den Betten und von Stühlen gefallen oder samt Rollstuhl umgestürzt. Vier alte Frauen seien danach gestorben.
Ende vorigen Jahres waren immer noch über 200 Stellen unbesetzt, als kommissarischer Leiter für die Seelenkranken amtiert ein Facharzt für Gehörlosentherapie. Der Verwaltungschef wechselte nach sechs Monaten zur Provinzial-Versicherung nach Düsseldorf; weniger Arbeit, mehr Geld.
Auch die leitenden Ärzte suchen sich häufig ein besseres Gewerbe. Neben ihrem Beamtensalär kassierten die Mediziner an den Landeskrankenhäusern im Rheinland allein in einem Jahr durchschnittlich über 25 000 Mark zusätzlich. Bei den Chefärzten betrugen die Nebeneinkünfte durch Gutachten und Privatpatienten fast das Zehnfache: weit über 200 000 Mark pro Mediziner.
Wer aber als Arzt versucht, öffentlich zu diskutieren, wie es drinnen zugeht, riskiert, wie in Bedburg-Hau, gemaßregelt zu werden. "Das Grundrecht der freien Meinungsäußerung", schrieb die Verwaltung an einen Arzt, habe dort seine Grenzen, wo "das Wohl der Verwaltung" gefährdet werde.
Wer als Reformer unter die Bürokraten gerät, geht leicht zugrunde. Der ehemalige Klinikchef vom Landeskrankenhaus Düsseldorf, Professor Caspar Kulenkampff, gab seinen Posten dran und wurde Leiter der Abteilung Gesundheitspflege beim Landschaftsverband Rheinland, dem zehn der NRW-Landeskrankenhäuser unterstehen. Er wollte seine Vorstellungen in einem "politischen Apparat umsetzen", weil er glaubte, daß von dort aus mehr zu bewegen wäre.
Kulenkampff sieht sich immer noch in einem System "drin, gefangen ... Das ist das System, das aus dem 19. Jahrhundert stammt". Veränderungen herbeizuführen sei schwieriger, "als ich persönlich mir das einst mal dachte, als wir unseren Sachverständigenbericht schrieben"; der liberale Kulenkampff war Vorsitzender jener Kommission, die im Auftrag der Bundesregierung die Psychiatrie-Enquete erstellte.
Selbst die Gutwilligen kommen aus dem System nicht raus. Weil Kulenkampff jahrelang von Mißständen gewußt haben soll, ohne etwas dagegen zu unternehmen -- wird auch gegen ihn ermittelt.
S.96 Ende November 1979 vor dem Ministerium für Arbeit und Soziales in Düsseldorf. *

DER SPIEGEL 7/1981
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