09.02.1981

Reagan: „Wir dürfen nicht zimperlich sein“

Brandreden gegen die Sowjets, Rüstungsprogramme in Milliardenhöhe und gar wieder die Neutronenbombe für Europa - mit solchen Tönen fing Ronald Reagan seine Regierung an. Dabei ist Amerika der Sowjet-Union immer noch militärisch überlegen. Und auch wirtschaftlich könnte es, trotz schwerer Krise, besser durchhalten.
Sie hatten sich öffentlich duelliert und, wie Andrew Jackson, ihren Gegner erschossen. Sie hatten mit Kurzwaren gehandelt wie Harry Truman, eine Schanklizenz erworben wie Abraham Lincoln, erst als erwachsene Männer Lesen und Schreiben gelernt wie Andrew Johnson.
Und sie waren dennoch, zumindest einige von ihnen, gute, ganz wenige sogar bedeutende Präsidenten der USA geworden.
Warum sollte es da nicht auch ein Film-Held aus dem Wilden Westen schaffen, der als Hauptdarsteller in "Cavalry Charge" und "Law and Order" aufgetreten war?
Wenn dieser Ronald Reagan, seit vorigen Freitag 70, erst einmal ins Weiße Haus eingezogen sei, so hofften und glaubten viele Amerikaner, werde aus dem Film-Cowboy von gestern sehr schnell ein pragmatischer Staatsmann werden und vielleicht sogar ein bedeutender Präsident; zwar ältlich, aber vielleicht doch weise, zwar von einer Woge des Patriotismus zum Sieg getragen, aber wohl nach dem Sieg doch vernünftig, gradlinig, berechenbar.
Wie hatte doch der alleswissende Henry Kissinger auf dem Wahlkongreß der Republikaner in Detroit im Juli über den "Treuhänder unserer Hoffnungen" geschwärmt: "Ronald Reagan wird die Vision von dem hochhalten, was Amerika sein kann." Das sollte sich auf erstaunliche Weise bestätigen.
Die neue Zeit war formell noch nicht angebrochen, Ronald Reagan noch nicht unter den Klängen von "Hail to the Chief" rotgewandeter Marines-Musikanten zum König der USA gekrönt und gesalbt, da klang der Welt schon das Leitmotiv der neuen Administration in den Ohren.
Am 9. Januar trat der künftige Außenminister Alexander Haig vor den Außenpolitischen Ausschuß des Senats, der ihn auf seine Qualifikation zu prüfen hatte. Der Prüfling, bis dahin als smarter, diplomatischer Offizier bekannt, überraschte durch gesammelte Härte, Klarheit des Geistes und eine unzeitgemäße Moral: Frieden sei nicht das Wichtigste im Leben. "Es gibt Dinge, für die wir Amerikaner bereit sein müssen zu kämpfen."
Seit dieser Tonvorgabe stimmten die neuen Männer ein Crescendo an, das daheim wie neue Trompeten von Jericho klang, in der Welt aber, in Europa und der Sowjet-Union vor allem, erst Verwunderung, dann Irritation und schließlich Angst weckte. Da fiel Schlag auf Schlag -- alles nur Worte, aber was für welche:
12. Januar: Ronald Reagan forderte in einem Interview mit dem rechten Magazin "U.S. News & World Report", die Russen müßten "ihr Verhalten ändern und dürfen nicht mehr wie bisher vorgehen".
28. Januar: Haig kündigt auf seiner ersten Pressekonferenz als Außenminister an, "terroristische Regierungen", in seinem Verständnis wohl die Mehrheit der Uno-Mitglieder, würden künftig unter Druck gesetzt.
29. Januar: Präsident Reagan beschuldigt die Sowjets auf seiner ersten Pressekonferenz, daß sie "lügen und betrügen", hinter allem Terrorismus steckten und sich eine Moral zurechtgelegt hätten, die es ihnen erlaube, "jede Art von Verbrechen" zu begehen.
Das waren Worte, die kein Carter, Ford, Nixon, Johnson je gebraucht, das war der stärkste verbale Affront, den ein führender Staatsmann der Nato seit Ende des Kalten Kriegs gegen Moskau gemacht hatte.
Selbigen Tags folgte den Worten dann auch eine -- kleine, kleinliche --Tat: Als Sowjet-Botschafter Anatolij S.101 Dobrynin auf bewährt schnellem Weg das US-Außenministerium in Washingtons C Street durch die Garage betreten wollte, signalisierten die Wachmänner "Halt".
Dobrynins Limousine mußte zurücksetzen. Der Botschafter durfte nicht mehr per Schnell-Lift in die (siebte) Chefetage. Nach sieben Jahren Sonderbehandlung hieß es: Keine Extrawurst mehr für den Russen, durch den Haupteingang mit ihm wie mit jedem gewöhnlichen Besucher.
Amerikanische Medien feierten die Anordnung des neuen Außenministers Haig wie einen Sieg über die Russen. Nach fast 15monatiger Demütigung durch wildgewordene Mullahs endlich eine befreiende Tat, endlich der Welt gezeigt, daß sich die mächtigen Vereinigten Staaten nicht weiter herumschubsen lassen.
Und auch das Furioso der starken Worte ging ungehemmt weiter:
2. Februar: Haig erklärt in einem Interview (SPIEGEL 6/1981) "die ganze Welt" zur "Sache der Nato".
2. Februar: Reagan erklärt in einem Interview mit fünf US-Journalisten, die Sowjets hätten keine Moral, weil sie "nicht an ein Leben nach dem Tod ... und nicht an Gott glauben".
3. Februar: Verteidigungsminister Caspar Weinberger enthüllt auf seiner ersten Pressekonferenz, die Reagan-Regierung wolle "sehr wahrscheinlich Gebrauch machen" von der Neutronenbombe.
Nun erregte sich Europa, denn mit einem Schlag wurden düstere Erinnerungen an jenen leidvollen Zwist geweckt, der 1977/78 Europäer mit Amerikanern, Europäer mit Europäern, Deutsche mit Deutschen und Sozialdemokraten mit anderen Sozialdemokraten entzweit hatte. Eine veritable Mine im Bündnis, die längst weggeräumt schien, war fröhlich wieder ausgelegt. Prompt protestierten die Protestler von damals: Holländer, Dänen, Schweden. Bremens SPD: "Unverantwortliches Vorhaben."
Und Moskau trat nun auch ans Gewehr. Hatten die Sowjets nach anhaltendem Sperrfeuer gegen den unglückseligen Carter den Nachfolger Reagan zunächst noch geschont und die ersten sowjetfeindlichen Ausfälle mit Verzögerung unkommentiert wiedergegeben, so gingen sie seit dem 3. Februar ihrerseits in Kampfpositur -- die Folge der Schmähungen aus Washington ließ ihnen kaum eine andere Wahl.
Auf den Terrorismus-Vorwurf konterte Moskaus "Prawda" mit "böswilliger Betrug", und auf Reagans gedanklichen Ausflug in die Götterwelt der Roten mit "mittelalterlich". Immer schon habe das Weiße Haus "vor Frömmigkeit gestöhnt", wenn es besonders Abenteuerliches im Sinn gehabt habe. Dem gläubigen Katholiken Haig hielten die Sowjets "Ignoranz und Scheinheiligkeit" vor. Summa summarum: "Aggressive, militaristische Reden aus Washington."
Nun mußte die neue Administration genau das tun, was den Präsidenten Carter so oft in Verlegenheit gebracht hatte: Gegenorder geben. State-Department-Beamte kündigten an, daß sie versuchten, das "Buschfeuer" auszutreten, und am Ende beteiligte sich Chef Haig selbst an den Löscharbeiten: Alle Nato-Staaten erhielten es in Botschaften des Ministers schwarz auf weiß, daß eine Entscheidung über die Neutronenbombe nicht gefallen sei, dazu die Bitte, die diesbezüglichen Äußerungen des Kollegen Weinberger nicht zu beachten.
Mit solch grellem, beklemmendem Feuerwerk hatte noch kein einziger der Reagan-Vorgänger seine Amtszeit als US-Präsident eröffnet, und daß die schwersten der hochgegangenen Raketen nicht planvoll und vorsätzlich, sondern eher beiläufig, zufällig gezündet wurden, änderte nichts an dem verheerenden Eindruck.
Vermutlich hatte Reagan seinen "Lügen und Betrügen"-Vorwurf und Weinberger seinen Neutronen-Einfall gar nicht als schwerwiegende Äußerung empfunden. Als Reagan gefragt wurde, warum er auf seiner ersten Pressekonferenz die Sowjets so hart angenommen habe, antwortete er: "Ich wünschte heute, Sie hätten diese Frage gar nicht gestellt. Sie haben sie aber gestellt."
Erschüttert jedenfalls war das weitverbreitete Wunschdenken, die neuen Männer in Washington würden weltgewandter operieren als Carters Provinzteam aus Georgia; enttäuscht waren die Hoffnungen, daß sich Reagans Leute besser untereinander abstimmen und die Alliierten genauer informieren würden, als Carter es tat.
"Wir waren auf Weinbergers Bemerkungen so wenig vorbereitet wie auf die Angriffe des Präsidenten gegen die Russen", beklagte sich ein westlicher Diplomat in Washington. "Ist das die Zeit der Konsultationen?"
So kamen denn vorige Woche bestürzende Fragen auf: War der unberechenbare Carter vielleicht sogar berechenbarer als Reagan? Oder schlimmer: Ist Amerika einer Weltmachtrolle nicht fähig -- ganz gleich, wer im Weißen Haus regiert, ob Vietnam-Johnson, Watergate-Nixon, Geisel-Carter oder Western-Reagan.
Niemand hatte daran gezweifelt, daß die durch einen konservativen Erdrutsch an die Macht gekommene Reagan-Administration gegenüber den Sowjets eine Politik der Stärke betreiben würde, daß Diplomatie wieder eine Funktion von Raketen und Divisionen, Machtgebärden und Durchhalteparolen werden würde. Aber derart unreflektiert und undifferenziert?
So simpel sieht der hochintelligente Haig das Terrorismus-Problem, daß er S.102 in seinem Senatshearing ankündigte: "Statt den Menschenrechten werden wir uns jetzt dem internationalen Terrorismus widmen, denn er ist die äußerste Menschenrechtsverletzung."
Daß des einen Terrorist des anderen Freiheitskämpfer ist, schien er nicht wahrzunehmen. Namibias Swapo etwa galt sogar im Washington Carters -wie heute noch in Europa -- als nationalistische Unabhängigkeitsbewegung. Carters Uno-Vertreter pflegten, wenn auch nur insgeheim, mit Jassir Arafats PLO Kontakte. Die Reagan-Administration klassifiziert dagegen beide Organisationen als Handlanger der Russen.
Die Einstellung zu Moskau bestimmt künftig offenbar weitgehend, ob die US-Regierung jemanden als Freund oder Feind bewertet. Willkommen in Washington sind Anhänger des westlichen Wirtschaftssystems und sogar Diktatoren, wenn sie sich als gute Antikommunisten bewährt haben. Präsident Reagans erste Staatsgäste: Edward Seaga, konservativer Wahlsieger aus Jamaika, und Chun Doo Hwan, brutaler Putschgeneral aus Südkorea.
Der Kongreß, ganz im Einklang mit der Grundstimmung im Lande, folgte Reagans Bitte, einen Jahresbericht über Menschenrechte in aller Welt erst nach Chuns Abreise zu veröffentlichen. Gefangenschaft und Folter in Südkorea machen einen beträchtlichen Teil der Dokumentation aus.
Während der General aus Korea in Washington geehrt wurde, erfuhr Amerikas El-Salvador-Botschafter Robert White, daß seine Dienste nicht mehr gefragt seien. Schon Reagans Übergangsteam hatte ihn als "Sozialreformer" aufs Korn genommen.
Wo "Sozialreform" als Schimpfwort gilt, sind Kürzungen von Sozialausgaben nur logisch. In einem geheimen schwarzen Buch von 123 Seiten Umfang stellte Reagans Budgetdirektor David A. Stockman für den Kongreß eine erste Strichliste zusammen.
Insgesamt sollen schon im nächsten Haushaltsjahr, das am 1. Oktober beginnt, an die 40 bis 50 Milliarden Dollar eingespart werden -- in praktisch allen Bundesprogrammen. So sollen die staatlichen Zuschüsse für Arbeitsbeschaffungsprogramme und Schulspeisung gekappt werden, sollen die Städte weniger Mittel zur Slumsanierung, die Alten und Armen weniger Beihilfen im Gesundheitsdienst und in der Lebensmittelversorgung, die Bauern weniger Subventionen, alleinstehende Mütter weniger Kinderbeihilfe erhalten. "Wir dürfen nicht zimperlich sein", erklärte der Präsident seinen Landsleuten am vorigen Donnerstag in seiner ersten TV-Botschaft an die Nation.
Reagans Amerika soll vor allem auch sparen, weil der Präsident Zauberhaftes versprochen hat: Er will den Haushalt ausgleichen und die Steuern senken -- bei gleichzeitiger Rekorderhöhung des Verteidigungsbudgets.
Der Militärhaushalt für das laufende Haushaltsjahr soll von 171 auf rund 178 Milliarden Dollar steigen. Im kommenden Haushaltsjahr will die Reagan-Mannschaft dann bereits an die 220 Milliarden Dollar für die Verteidigung ausgeben -- etwa 23,6 Milliarden mehr, als die scheidende Carter-Regierung veranschlagt hatte.
Das übersteigt noch weit die "Sieben-Prozent-Lösung", für die sich bislang die Falken innerhalb der Republikanischen Partei stark gemacht hatten: Nur mit einer jährlichen Steigerung der Militärausgaben um sieben Prozent, so hatten sie argumentiert, sei Amerika in der Lage, den Sowjets annähernd Paroli zu bieten.
Sieben Prozent reales Wehr-Wachstum im Jahr -- nach vier Jahren Reagan hätte das Militärbudget dann die Horror-Marke von 300 Milliarden Dollar überschritten, und das Geld würde immer noch nicht ausreichen, um die ehrgeizigen Rüstungsprojekte der Rechten, der Militärs und der Industrie zu finanzieren.
Anders als die Europäer und sein Vorgänger Carter in der Anfangszeit seiner Regierung fürchtet Reagan einen neuen Rüstungswettlauf mit Moskau nicht. Er glaubt, daß die Sowjet-Union mit ihrem niedrigeren Bruttosozialprodukt viel mehr darunter leiden müsse als der reiche Westen -- ökonomisch wahrscheinlich eine richtige Rechnung. Denn nach einer CIA-Berechnung produzieren die USA heute 40 Prozent mehr als die Sowjet-Union, können sie es sich leisten, jeweils zehn Dollar für etwas aufzuwenden, wofür die Sowjets nur sechs zur Verfügung haben.
Aber das reiche Amerika macht wirtschaftlich, so Reagan am vorigen Donnerstag, "die schlimmste Krise seit der großen Depression durch."
Seit 1979 schon leben die USA mit zweistelligen Inflationsraten, seit Jahren sind Millionen Amerikaner arbeitslos, schließt der Staatshaushalt mit gigantischen Defiziten ab. Insgesamt waren die Staatsschulden Ende 1979 bereits auf den phantastischen Betrag von 1,2 Billionen Dollar angewachsen, belaufen sich allein die Zinsen für dieses S.105 Minus in diesem Jahr auf rund 90 Milliarden Dollar.
Nach Rüstungs- und Sozialetat ist der Schuldendienst der drittgrößte Einzelposten im US-Haushalt. Reagan: "Wir sind von einer wirtschaftlichen Katastrophe gewaltigen Ausmaßes bedroht, und wir können uns nicht damit retten, daß wir so weitermachen wie bisher."
Aber läßt sich, wie viele Amerikaner -- und nicht nur die Rechten -- glauben, die Konjunktur auf Panzerketten schneller ankurbeln, kann Rüstung zugleich auch Rettung für die Wirtschaft bringen?
Die Anhänger dieser Theorie verweisen gern auf die Erfahrungen des Koreakrieges, als Amerika dank einer gigantischen Rüstungsanstrengung kurzfristig eine Art Wirtschaftswunder erlebte.
Bald aber lösten die Haushaltsdefizite, mit denen der Feldzug in Asien finanziert wurde, einen starken Inflationsschub aus. Nur die Überschüsse in der Handelsbilanz ließen die Löcher im Etat nicht ganz so bedrohlich erscheinen.
Inzwischen aber hat Amerika miterleben müssen, wie seine wirtschaftliche Vormachtstellung in der Welt von Jahr zu Jahr schrumpfte. 1950, bei Ausbruch des Koreakrieges, betrug der Anteil der USA am Bruttosozialprodukt der Erde noch 34 Prozent; 1978 war er auf unter 25 Prozent abgesunken.
"Das eigentliche Risiko für die nationale Sicherheit der USA", folgerten zwei liberale Autoren in der US-Zeitschrift "Foreign Policy", "ist die schmaler gewordene wirtschaftliche Basis, aus der die Militärmacht destilliert wird. Wenn also Alarm geschlagen wird, dann sollte die Betonung auf ökonomischem und nicht auf militärischem Gebiet liegen."
Vermutlich könnten die USA auch heute noch -- wie zu Zeiten von Weltkrieg II und Korea -- schlagartig auf Kriegsproduktion umschalten und das Tempo im Rüstungswettlauf mit den Sowjets dramatisch beschleunigen.
Aber das würde auch ihnen mehr Opfer abfordern als je zuvor und vielleicht sogar ihren Lebensstandard wirklich auf den zu Zeiten der von Reagan beschworenen Großen Depression zu Beginn der 30er Jahre reduzieren.
Vor allem die Inflationsrate, die auf dem Rüstungssektor ohnehin bereits die 14-Prozent-Marke erreicht hat, würde noch verheerender sein -- schon deshalb, weil die USA bei einem neuen Hochrüstungsprogramm noch mehr Rohstoffe einführen müßten als bisher. Allein im vergangenen Jahrzehnt aber haben sich die Ausgaben für den Import strategisch wichtiger Mineralien vervierfacht.
Erst recht aber würde sich die Inflationsspirale drehen, wenn auch noch ein privater Konjunkturaufschwung einsetzte. Der Geldumlauf, so fürchten seriöse Wirtschaftswissenschaftler, wäre dann kaum mehr zu kontrollieren.
Und fraglich ist, ob sich mit den Rüstungsgeldern mehr Arbeitsplätze schaffen ließen als bisher: Gerade die Waffenfabriken sind in hohem Maß automatisiert, gebraucht werden allenfalls Facharbeiter, Techniker und Ingenieure -- und von denen gibt es jetzt schon zu wenig.
Schon unter Carter, der wie kaum ein anderer Präsident vor ihm das Budget des Pentagon erhöhte -- in nur vier Jahren von 100 auf 171 Milliarden Dollar --, war es zu gefährlichen Engpässen im Wettlauf zwischen militärischem und zivilem Bereich gekommen.
Boeing etwa, der größte Flugzeugproduzent der Welt, hat seit 1978 seine Zulieferer voll ausgelastet, um den Bau der neuen Jet-Modelle 757 und 767 voranzutreiben. Würden diese Vorhaben nun zugunsten militärischer Projekte gestreckt, so ginge auf absehbare Zeit ein wichtiger Aktivposten in der US-Handelsbilanz verloren.
Die Zulieferfirmen sind zum Teil so lange im voraus ausgebucht, daß die Luftfahrtbauer 1980 bereits dazu übergehen mußten, Nachschub außer Landes anzufordern. Boeing und McDonnell Douglas schlossen sogar schon Lieferabkommen mit dem Kugellagerunternehmen Nippon Miniature Bearing. "Nirgendwo sonst", so das japanische Magazin "Nihon Keizai", "können die Amerikaner ähnlich gutes Material bekommen."
Auch auf anderen Gebieten sind die amerikanischen Aufrüster auf die Hilfe S.108 des Auslands angewiesen. Mehr als die Hälfte der 23 wichtigsten Rüstungs-Rohstoffe, die Amerika benötigt, stammen von ausländischen Lieferanten -eine Abhängigkeit, die durch den jahrelangen Materialkrieg in Vietnam noch erhöht wurde.
Drei der wichtigsten zehn Grundstoffe der Rüstungsindustrie -- Mangan, Chrom und Kobalt -- kommen in den USA kaum mehr vor.
Auch Bauxit, Grundstoff der Aluminiumherstellung, muß zu mehr als 90 Prozent eingeführt werden, das meiste von der Kariben-Insel Jamaica, deren neuer konservativer Premier von Reagan als erster ausländischer Staatsgast begrüßt wurde.
Zwar ist auch die Sowjet-Union bei einigen Rohstoffen auf Importe angewiesen -- Chrom etwa bezog sie aus dem Iran --, doch insgesamt ist Moskau auf diesem Sektor besser dran. "Die Sowjet-Union", resümierte die "Washington Post", "kann so gut wie all ihre Bedürfnisse auf diesem Feld befriedigen. Das sind Tatsachen, die für Debatten wenig Raum lassen."
Die Sowjets selbst sind sich dessen wohl bewußt. Auf die ersten scharfen Töne aus Washington antwortete am 27. Januar die Moskauer "Literaturzeitung": "Wenn uns jemand kleinkriegen will, tut er besser daran, nicht in Dollar, sondern mit Rohstoffen zu rechnen. Auf diesem Feld sind wir reicher als andere."
Nur: Mit Rohstoffen allein lassen sich weder die Rüstungsarbeiter noch die Soldaten der Sowjet-Union ernähren.
Schwächen könnte Reagan die Russen deshalb durch den Einsatz der "Getreidewaffe". Entgegen seinen S.109 Wahlversprechen und auf dringendes Anraten von Haig, so sickerte letzten Donnerstag in Washington durch, wolle der Präsident das Kornembargo verlängern, das nach dem Russeneinmarsch in Afghanistan von Carter verhängt worden war.
Wenige Tage zuvor noch hatte Reagans Landwirtschaftsminister John Block die Ausfuhrsperre als "die lächerlichste Sache" bezeichnet, "von der ich je gehört habe". Block erreichte, daß der Getreideboykott statt im Nationalen Sicherheitsrat im gesamten Kabinett beraten wurde -- und unterlag dennoch.
Wirrsal allerorten, die Administration erlebt Positionskämpfe wie gehabt unter allen Vorgängern. So hatte Haig am Inaugurationstag den noch im feierlichen Bratenrock steckenden Präsidenten mit einem 20-Seiten-Organisationsplan überrumpeln wollen. Dieser hätte den Außenminister, also ihn selbst, zum absoluten Herrscher in der Außenpolitik erhoben. Reagan vertagte die Entscheidung.
Er war auch nicht bereit, einen Sparentwurf für alle Ministerien zu unterzeichnen, mit dem Haushaltsdirektor David Stockman vollendete Tatsachen schaffen wollte.
Am meisten entrüstet über den 34jährigen, den die US-Presse oft mit dem deutschen Wort "Wunderkind" bedenkt, war Haig. Stockman wollte dem General ein Drittel der Entwicklungshilfegelder streichen und ihm damit ein wichtiges Instrument der Außenpolitik rauben.
Haig wiederum plazierte einen Vertrauensmann, den Generalmajor Robert Schweitzer, der unter ihm bei der Nato in Brüssel gedient hatte, im Nationalen Sicherheitsrat des Richard Allen.
Reagan, sein Hauptberater Ed Meese (Spitzname: "Premier") und Allen drückten dem Außenminister als Stellvertreter den Kalifornier William Clark auf, der zwar nichts von internationaler Politik versteht, aber vielleicht einen guten Wachhund abgibt.
Fachlich in der Klasse von Clark bewegt sich Energieminister James Edwards. Den gelernten Dentisten mußte Reagan ins Kabinett nehmen, um den mächtigen rechten Senator Strom Thurmond bei Laune zu halten, der vom liberalen Ted Kennedy den Vorsitz des Justizausschusses übernahm.
Der rechte Flügel der Republikaner fühlt sich nämlich in der Administration unterrepräsentiert. "Bis jetzt ist es so, als ob Main Street (die konservative kleinstädtische Hauptstraße) die Wahl gewonnen hat, aber Wall Street (das gemäßigte republikanische Establishment) das Land regiert", beschwerte sich der erzkonservative republikanische Abgeordnete Howard Phillips.
Leute seines Schlages waren entrüstet, als Reagan kürzlich auf einer Party Katharine Graham, die Chefin der liberalen "Washington Post", mit einem Wangenkuß begrüßte.
Daß sich Reagan und der Kremlführer in absehbarer Zeit in die Arme fallen, braucht niemand zu befürchten. Schlappheit gegenüber den Russen kann dem Neuen und seinem Team niemand vorwerfen. Schon beschuldigt Moskau die Regierung Reagan, sie bereite einen begrenzten Atomkrieg vor.
Was aber verbirgt sich hinter der seltsamen, ebenso provokanten wie unbedarften Frische der Reagan-Leute, die ihre Arbeit noch nicht organisiert haben, sich aber schon ins große Wortgefecht gegen die andere Weltmacht stürzen?
Reagans Fixierung auf die Russen entspricht ganz gewiß seiner tief verwurzelten Antipathie gegen das kommunistische System, das er seit Jahrzehnten als Inkarnation des Bösen bezeichnet hat. In der Abneigung gegen Sowjets und "Terroristen" weiß sich der Präsident gleichzeitig in Übereinstimmung mit der überwiegenden Mehrheit seiner Landsleute.
Weinbergers Neutronenbomben-Bombe, die in Europa mit lautem Knall detonierte, ging in Amerika im Glücksgefühl über den großen Neubeginn unter, im Jubel über die Rückkehr der Geiseln. In einer Stimmungslage, in der Demonstranten "Atomisiert Persien" forderten, in der die Mehrheit des Volkes Rekordausgaben für das Militär wärmstens unterstützt, damit "Amerika wieder Nummer eins" werde, war die Neutronennachricht keine Schlagzeile wert.
Die Vorstellung, daß Amerika "Nummer eins" nicht mehr sei, von rechten Gruppen wie dem "Komitee für die allgegenwärtige Gefahr" hektisch geschürt, ist das Damoklesschwert über dem amerikanischen Selbstbewußtsein, seit die Weltmacht Amerika mit dem kleinen Vietnam nicht fertig wurde und die Sowjet-Union in der Rüstung tatsächlich aufholte, wobei nach unvoreingenommener Wertung aber Amerika nach wie vor überlegen ist (siehe Seite 104).
Die wirtschaftlich bedrängte, mit Afghanistan und Polen geschlagene Sowjetmacht mit verbaler Kraftmeierei und hartem Rüstungsdruck zu demütigenden Rückzügen zwingen zu wollen, scheint die wichtigste außenpolitische Richtlinie der Reagan-Leute zu sein -wie weit der starke Mann Reagan dabei gehen will, wenn es zu einer krisenhaften Zuspitzung käme, etwa über Polen, weiß er wahrscheinlich selber nicht.
Fast religiöser Glaube an die Weltmission Amerikas, der den Frontier-Typ Reagan beflügelt, dürfte jedenfalls kaum den richtigen Maßstab für eine zutreffende Einschätzung von Reaktion und Möglichkeiten des Gegners liefern.
Sollte aber der vom Zaun gebrochene Schlagabtausch entgegen dem verbalen Anschein gar nicht so sehr prinzipielle Ziele im Geist des politisch-religiösen Fundamentalismus von Reagans Gefolge und Gefolgschaft haben, sondern lediglich vom wirtschaftlichen Debakel in Amerika ablenken -- um so bedenklicher.
Denn kein Idi Amin oder Gaddafi, denen man einen Unvernunft-Vorschuß willig gewährte, sprach seine Verdammungsurteile über die sündigen Sowjets, sondern ein Präsident der USA.
"Es sieht so aus", schrieb vorigen Dienstag Sowjet-Autor Juri Kornilow in der "New York Times", "als ob Washington berechnen möchte, wer vom Frieden mehr profitiert, die USA oder die Sowjet-Union."
S.100 Mit Chefberater Meese. * S.101 Auf einer Ausstellung zeitgenössischer Kunst 1980 mit dem Hinweis auf die US-Präsidentenweisung 59, mit der die "militärischen Ziele" eines Nuklearangriffs festgelegt wurden. * S.102 Bei einem Abendessen am vorigen Mittwoch. *

DER SPIEGEL 7/1981
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