16.06.1980

LIBYENHeimatlose Hunde

Ermordete Exil-Libyer in London, Bonn, Rom, Athen: Der „kopflose Irrläufer“ Gaddafi nimmt Rache an seinen Gegnern.
Bei uns macht sich zunehmend Appetit auf ein kühles Bier vom Faß bemerkbar", schrieb Professor Hans-Joachim Pachur aus Tripolis in bitterer Ironie an seine Dienststelle in Berlin. "Bitte schleunigst Zusendung via libyschen Geheimdienst."
Das war am 24. März dieses Jahres. Die in dem Brief geäußerte Hoffnung Pachurs, er und seine fünf deutschen Mitarbeiter würden wohl schon bald auf eine "Weiße" zurück in Berlin sein, hat sich nicht erfüllt. Vor einem Vierteljahr waren Pachur und Kollegen, ein Geologenteam der FU Berlin, aus ihrem Basislager am Dschebel Uweinat im nordwestlichen Sudan verschleppt worden. Heute sind sie noch immer in Bengaschi, 30 Kilometer südöstlich der libyschen Hauptstadt Tripolis, in Haft.
Die Libyer werfen den Deutschen vor, sie hätten illegal die Grenze überschritten, die Berliner Forscher glauben, den Vorwurf entkräftet zu haben. Tatsächlich werden sie kaum aus strafrechtlichen Gründen weiter festgehalten. Libyens Staatschef, Muammer el-Gaddafi, hat die Kompetenzen in seinem Staat dermaßen gründlich durcheinandergewirbelt, daß sich die zuständigen Behörden nicht trauen, die Deutschen auf freien Fuß zu setzen.
Entscheidungen dürfen nur noch mit Zustimmung der von Gaddafi berufenen "Revolutionären Komitees" gefällt werden. Die jungen Revolutionäre aber sind nicht zum Einlenken bereit, weil Gaddafi ihnen eingeschärft hat, daß die herkömmliche Administration dekadent und konterrevolutionär sei. "In unserem Land", so lehrt Gaddafi, "ist jedermann die Regierung." Entsprechend wild wuchert das Chaos.
Die revolutionäre Katharsis entspringt weniger einem neuen ideologischen Höhenflug Gaddafis als einer Reihe von peinlichen Fehlschlägen, besonders auf außenpolitischem Gebiet:
* Im Frühjahr vergangenen Jahres wurde ein libysches Expeditionskorps, das Gaddafi zur Unterstützung seines Freundes Idi Amin nach Uganda entsandt hatte, von tansanischen Truppen schmählich aufgerieben.
* Zum Jahreswechsel zerbrach Gaddafis Waffenbrüderschaft mit der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO), nachdem sich die PLO-Führer um Jassir Arafat dem Befehl des Libyers widersetzt hatten, den Suezkanal und die ägyptischen und saudiarabischen Ölquellen zu zerbomben.
* Im Januar dieses Jahres wurde eine Einheit von Gaddafis "Fremdenlegion" bei dem Versuch, die tunesische Stadt Gafsa zu besetzen und das Regime Habib Burgibas zu stürzen, von tunesischen Soldaten zusammengeschossen.
Auch innenpolitische Erschütterungen haben Gaddafis Reputation stark geschädigt. Am 4. April schoß ihm bei einem Offizierstreffen in Bengasi ein unbekannter Attentäter eine Kugel in die Schulter. Wenige Tage später wurden die Ölraffinerien bei Tobruk von mehreren heftigen Explosionen erschüttert. Bei Demonstrationen gegen die "Revolutionskomitees" starben in Tobruk elf Menschen.
Aus Mißtrauen gegen die eigenen Troupiers hat Gaddafi ganze Armeekontingente aufgelöst. Die Lücken will er jetzt mit Frauenbrigaden füllen. Nach einem Erlaß von Anfang Mai sollen alle libyschen Frauen, ob ledig oder verheiratet, in Zukunft regelmäßig zu Wehrübungen antreten.
Mitte Mai stürmten libysche Studenten auf Gaddafis Weisung 17 Botschaften in aller Welt und verjagten den größten Teil des diplomatischen Personals. Statt der Exzellenzen führen nun "Volkskomitees" die diplomatischen Geschäfte.
Inzwischen hat das politische Großreinemachen auch auf das europäische Ausland übergegriffen. In den vergangenen Wochen starben nacheinander elf Auslandslibyer eines gewaltsamen Todes. Und alle hatten sie eines gemeinsam: Sie waren Feinde Gaddafis.
* Am 10. Mai wurde vor dem Bonner Hauptbahnhof der Kaufmann Omran el-Mahdawi, früher Sektionsleiter des libyschen Geheimdienstes für Westeuropa, mit vier Kugeln aus einem "Smith & Wesson"-Revolver erschossen. Der Täter, S.117 Ehimidia Baschir, gab als Motiv an, er habe sich für die Nichtbegleichung von rund 100 000 Mark Schulden rächen wollen.
* Am 21. März fand man in der Via del Castro Pretorio in Rom die Leiche des millionenschweren Exportkaufmanns Mohammed Salim Rtemi im Kofferraum eines BMW mit westdeutschem Kennzeichen. Wie die Polizei ermittelte, war Rtemi kurz zuvor mit einer Barschaft von 18 Milliarden Lire (knapp 40 Millionen Mark) nach Italien eingereist.
* Am 19. April starb der Kaufmann Abd el-Aref Ghalil im Kugelhagel einer dreiköpfigen Killergang im "Cafe de Paris" an der Via Veneto. Einer der Mörder, der Libyer Jussif Msalatah Uidah, 23, wurde wenige Minuten nach dem Überfall von der römischen Polizei verhaftet, als er versuchte, die Tatwaffe unter einem geparkten Auto verschwinden zu lassen. Zwei weitere libysche Täter, wie Msalatah Uidah Studenten der Universität Perugia, wurden tags darauf festgenommen.
* Am 1. April wurde in London der Journalist Mohammed Ramadan erschossen, als er die Moschee am Regents Park verließ.
* Am 25. April fiel der Rechtsanwalt Mahmoud Abu Nafa einem Mordanschlag zum Opfer. Abu Nafa war in seiner Kanzlei im Londoner Stadtteil Kensington von zwei jungen Libyern überfallen und niedergeschossen worden. Die mutmaßlichen Mörder konnten kurz darauf gefaßt werden.
* Am 10. Mai töteten zwei Libyer bei einem fingierten Treff in der Bar des Hotels "Torino" am Bahnhof "Termini" in Rom den Baustoffhändler Abdallah Mohammed el-Kasmi. Als mutmaßlicher Mittäter wurde zwei Tage später Kasmis Vetter, Mohammed Fadir, verhaftet.
* Am 21. Mai starben gleich zwei Gaddafi-Feinde: In einem Athener Apartment fand die Polizei die enthauptete Leiche des 23jährigen Abu Bakr Abdel-Rahman. In Rom wurde der von Messerstichen entstellte Leichnam des Kaufmanns Mohammed Fuad Buojar entdeckt. Um seinen Hals trug er eine Nylonschnur. Auf seiner Brust lag ein Zettel mit der Aufschrift: "Allah ist groß ... Lang leben die libyschen Revolutionskomitees in Rom."
Gleichfalls nach Tripolis weisen auch die Spuren zweier noch ungeklärter Morde an libyschen Staatsbürgern in Beirut und La Valetta.
Den Befehl zur weltweiten Jagd auf Oppositionelle hatte der "Meister der Meuchel-Mörder", wie ihn der Londoner "Guardian" nennt, Anfang April selbst gegeben. "Entweder sie kehren in die Volksrepublik der Massen zurück, oder sie sind dem Tode geweiht -ganz gleich, wo sie sich aufhalten." Stichtag für die Rückkehr: der 11. Juni.
Wenige Stunden vor Ablauf der Frist gebot Gaddafi plötzlich Einhalt. Die Komitees, hieß es in einer Blitzorder aus Tripolis, sollten nur noch rechtskräftig von Volksgerichten verurteilte Volksfeinde liquidieren. Ausgenommen: "Kollaborateure Ägyptens, Israels und Amerikas".
Trotzdem wurde tags darauf in Rom ein Libyer bei einem Attentat schwer verletzt, ein anderer vor dem Mailänder Hauptbahnhof durch sechs Revolverkugeln getötet.
Die Exekutionsaufträge werden von ortsansässigen Exillibyern, in der Regel Studenten, aber auch von ambulanten Kommandos vollzogen, die in libyschen Auslandsvertretungen absteigen.
Ihre Waffen bekommen sie per Diplomatenkurier aus Tripolis. Die Einsatzleitung liegt in der Regel beim "Büro für Auslandsbeziehungen" unter Führung des Gaddafi-Vetters Said S.118 Gaddafi Adam und dem von Parteiideologe Ahmed Salim geführten "Büro für den Export der Revolution".
Die Mordserie hat die ohnehin von Bespitzelung und Drohungen verunsicherten libyschen Auslandskolonien in Panik versetzt. Seit Gaddafi seine in Italien operierenden "Squadroni rivoluzionari" auf sie angesetzt hat, gibt es, wie ein römischer Exillibyer dem "Corriere della Sera" anvertraute, "für uns keinen Frieden mehr".
Und ein in London lebender Libyer berichtete der "Sunday Times", er schlafe aus Furcht vor Gaddafis Vendetta-Gangs schon seit Wochen nie mehr als zwei Nächte in demselben Bett. Daß es den Auftraggebern um Gaddafi Ernst ist, machte "El-Sahf el-Ahdar", das Organ der "Revolutionären Komitees", in seiner Ausgabe vom 28. April noch einmal deutlich. Die "physische Liquidierung", hieß es, "wird nicht aufhören, bis alle Stellen zerstört sind, von denen aus die Revolution angegriffen wird". Keine Macht der Erde werde "diese heimatlosen Hunde" schützen können. Ja selbst ihre Familien würden "ohne Zweifel in grausamer Weise geschunden" werden.
Wer zu Lebzeiten nicht freiwillig heimkehrt, der soll auch nach seinem Tode bleiben, wo er ist. Libysche Erde jedenfalls ist zu schade, so "El-Sahf el-Ahdar", um ihre "dreckigen sterblichen Überreste" aufzunehmen. Die Särge von vier der in den letzten Wochen umgebrachten Emigranten durften denn auch gar nicht erst auf dem Flughafen von Tripolis ausgeladen werden. Sie wurden, angeblich weil die "Einfuhrgenehmigung" fehlte, umgehend nach Rom und London zurückgeschickt.
Die Jagd auf Auslandslibyer ist Teil einer blutigen Säuberungs- und Revanchekampagne, mit der der "kopflose Irrläufer" (so Marokkos König Hassan II.) sein Volk seit drei Monaten in Atem hält. Nach Schätzungen westlicher Diplomaten wurden 3000 Personen verhaftet, mehrere hundert davon von "Volksgerichten" liquidiert oder zu Tode gequält.
Einige prominente Häftlinge legten vor den Kameras des Libyschen Fernsehens "Geständnisse" ab. Andere verschwanden und tauchten erst als Leichen wieder auf, zum Beispiel der Rechtsanwalt Mohammed el-Hemmi aus Bengasi. Hemmis Leichnam wurde vom örtlichen "Revolutionskomitee" Anfang Mai seiner Familie übergeben -- mit der ausdrücklichen Weisung, den Sarg vor der Beisetzung nicht mehr zu öffnen.
Wenn es nach Gaddafi geht, müssen noch "Meere von Blut fließen", bevor die Sozialistische Revolution ihre Erfüllung findet. In der Sowjet-Union, schwärmte er kürzlich, hätten auch erst fünf Millionen Menschen sterben müssen, ehe die Nation den rechten revolutionären Tritt gefaßt habe.
Westeuropas Regierungen reagierten vorwiegend verhalten auf den Amoklauf des arabischen Revolver-Messias. Denn Gaddafi betrachtet die Liquidierung libyscher "Volksfeinde" auch außerhalb der libyschen Grenzen als "innerlibysche Angelegenheit". Einigen der in Frage kommenden Außenministerien, darunter auch dem Bonner AA, hat er vorab sogar Listen mit den Namen der Todeskandidaten zustellen lassen.
Überaus behutsam taktieren vor allem die Italiener. Denn "die Möglichkeiten des Eingreifens", so gab die römische S.119 Tageszeitung "Paese Sera" zu bedenken, "sind begrenzt durch die besonderen Beziehungen zwischen Italien und der libyschen Regierung": Italien deckt fast 20 Prozent seines Erdölbedarfs in seiner nordafrikanischen Ex-Kolonie. 15 000 Italiener sind in Libyen als Lehrer, Techniker und Kaufleute tätig.
Nicht ganz so intensiv, aber auch brisant sind die Beziehungen der Bundesrepublik zu Tripolis. Das Bundeskriminalamt in Wiesbaden bildet seit Jahren libysche Polizeibeamte aus. Und die, so weiß ein Beamter im Bonner Innenministerium, "werden zu Hause sicher nicht nur zur Verkehrsregelung eingesetzt".
In Westdeutschland überwachen sie unter anderem libysche Studenten und Geschäftsleute. Denkbar, daß sie auch im Rahmen der "Heimführungsaktion" (Bonner Jargon) Verwendung finden.
Immerhin beobachtet Bundesinnenminister Gerhart Baum, den eine persönliche Freundschaft an den -- inzwischen entmachteten -- libyschen Innenminister Belgassim bindet, "die Entwicklung mit größter Sorge".
Die Ermordung von Omran el-Mahdawi hat die Hoffnungen auf Freilassung Professor Pachurs und seiner Schicksalsgenossen beflügelt. Inzwischen erreichte Bonn "durch inoffizielle Kanäle" das Angebot aus Tripolis, die Berliner gegen den Mörder Mahdawis und seinen in Rom verhafteten Komplicen auszutauschen.
Die Zeichen stehen günstig. Am 25. Mai wurden zwei jugendliche Kommando-Mitglieder, die in die Bundesrepublik eingereist waren -- bei großzügigster Auslegung des Opportunitätsprinzips --, ins Ausland abgeschoben. Weil trotzdem nichts passierte, wollen die Bonner jetzt ihren letzten Trumpf ausspielen: Noch diesen Monat soll Willy Brandt oder Araberfreund Hans-Jürgen Wischnewski nach Tripolis fahren, um die deutschen Wissenschaftler freizubekommen.
Entschlossener als Deutsche und Italiener trat Großbritanniens Regierungschefin Margaret Thatcher den libyschen Killerkommandos entgegen. Obwohl für London die Arbeitsplätze von immerhin 5000 in Libyen stationierten Briten auf dem Spiel stehen, mußten drei libysche Diplomaten "Gaddafis Mörderhauptquartier in St. James" (so die "Sunday Times") räumen und abreisen. Letzten Freitag mußte sogar der Missionschef das Land verlassen.
Auch Jimmy Carter leistete Widerstand. Obwohl Gaddafi -- zum drittenmal in anderthalb Jahren -- gedroht hatte, er werde den Amerikanern den Ölhahn zudrehen, ließ das FBI nach mehrtägiger Belagerung der Gaddafi-Mission in Washington vier libysche Greifer mit Diplomatenstatus abschieben.
Der erwartete massive Gegenschlag blieb aus. Gaddafi wies lediglich 25 Amerikaner aus Libyen aus -- fast nur eine symbolische Geste im Verhältnis zu dem, was die Welt von Gaddafi gewöhnt ist. Die amtliche libysche Begründung für den Hinauswurf freilich stürzte westliche Beobachter in tiefes Grübeln: Die Amerikaner, so hieß es, hätten "Verbindung zu terroristischen und antisemitischen Organisationen" gehabt.
S.116 Am 11. Juni 1980, als Gaddafis Ultimatum ablief. * S.119 Mitglieder des Kommandounternehmens gegen Gafsa. *

DER SPIEGEL 25/1980
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