09.02.1981

„Mephisto": Die Wiederkehr des Verdrängten

Klaus Manns „Schlüsselroman“ über Gustaf Gründgens und seine Karriere im Dritten Reich, 1936 im Exil publiziert, 1966 in der Bundesrepublik verboten, macht noch einmal Furore: durch den Bestseller-Erfolg einer Taschenbuchausgabe, die von der Justiz toleriert wird, und durch eine Theaterversion, in der die böse Legende triumphiert.
Heimlich und hoffnungsvoll hatte der Rowohlt Verlag 30 000 Exemplare des suspekten Werks drucken lassen -heimlich, um keine schlafenden Hunde zu wecken, hoffnungsvoll, daß sich für diese Auflage genug Käufer fänden. Am 2. Januar kam, durch kein Inserat, keinen Prospekt angekündigt, die Taschenbuchausgabe von Klaus Manns Roman "Mephisto" auf den Markt.
Inzwischen läuft das 250. Tausend durch die Druckmaschinen, der Verkaufserfolg dieses Buches ist an Schnelligkeit ohne Beispiel und kaum zureichend zu erklären aus dem Reiz des Verbotenen -- doch kein schlafender Hund läßt von sich hören.
Das Buch, das nun seit Wochen täglich tausendfach verkauft wird, ist verboten, zweifelsfrei, seit 15 Jahren, in letzter Instanz durch Bundesgerichtshof und Bundesverfassungsgericht -doch kein Staatsanwalt, der eben noch seine Leute hinter dem letzten "Playboy"-Ausklapp-Photo herhetzen ließ, streckt nun auch nur ein Fingerchen nach "Mephisto" aus. Karlsruhe schweigt.
Der Run auf "Mephisto" aber wächst weiter und weiter. In Gang gebracht hat ihn die französische Bühnenfassung von Ariane Mnouchkine, die letztes Frühjahr in Berlin und in München gastierte; weitergetrieben haben ihn Raubdrucke des Romans; die Verfilmung ist fertig; und am vergangenen Freitag hatte der Mnouchkine-"Mephisto" in Stuttgart seine erste Premiere auf deutschem Boden. Drei weitere Bühnen werden in den nächsten Wochen folgen.
Klaus Manns "Mephisto" ist -- strittig mag sein, zu wieviel Prozent und auf welchem Niveau -- ein Schlüsselroman über Gustaf Gründgens; weil er diesen verleumde, ist er verboten.
Der "Mephisto"-Boom, und nur das mag ihn erklären, zeugt von der ungebrochenen Überlebenskraft und Faszination der Gründgens-Legende, der Legende einer Künstlerkarriere als artistisch-politischem Hochseilakt ohnegleichen. Nicht nur Teil, sondern Essenz dieser Legende ist das funkelnd Verführerische, zwielichtig Schillernde, diabolisch Unwiderstehliche, inkarniert in der Figur des Mephisto, die Gründgens über mehr als 30 Jahre öfter als jede andere gespielt hat.
Er soll der mächtigste Theatermann des Dritten Reichs gewesen sein, Görings geliebtestes Prunkstück, Bühnen-Paradepferd Nummer eins eines Regimes, das süchtig nach Kunst-Glamour und Kultur-Prestige war -- und zugleich soll er ein Held des inneren Widerstands gewesen sein, der Verfolgte beschützte, Juden zur Flucht verhalf und Kommunisten aus den Todeskellern der Gestapo rettete.
Weil es bis heute keine seriöse, mit Dokumenten belegte Gründgens-Biographie gibt, stürzt man sich auf den "Mephisto", gierig, wenigstens aus der Schlüssellochperspektive ein Stück "Wahrheit" jenseits des Legendären zu gewinnen. Gerade die aber gibt der Roman nicht; er ist die böseste und effektvollste Version der Legende, und auch deshalb ist er verboten.
Ein ehrgeiziger junger Schauspieler und Regisseur, der Mitte der zwanziger Jahre auf einer Hamburger Bühne erste kleine Erfolge hat, erste große ein paar Jahre später in Berlin; einer, von dem so weithin bekannt ist, daß er die Nazis haßt, zu den Linken hält und sich für ein "Revolutionäres Theater" begeistert, daß er sich beim Umsturz 1933 angstvoll verkriechen muß -- und ein Jahr später wird er unter Jubel zum Herrscher über die repräsentativste Bühne des neuen Regimes ernannt.
So weit, so grob stimmt die Gründgens-Biographie mit der Karriere des Roman-Helden Hendrik Höfgen überein, S.183 die Klaus Mann als Emigrant in Amsterdam 1936 beschrieb. Es ist wahrscheinlich, daß Mann (die Arbeit an einem Horst-Wessel-Roman war gescheitert) nicht einmal selbst auf die Idee kam, Gründgens als Vorbild für eine Romanfigur zu wählen, die beispielhaft den schwindelerregenden Aufstieg eines Opportunisten im Dritten Reich vorführen sollte.
Es ist glaubhaft, daß Mann nicht am Einzelfall, sondern am Exemplarischen des Typs interessiert war. Höfgen paßt zu den Mächtigen, die ihn mächtig gemacht haben, weil auch sie, blutig und blutgierig, zutiefst Komödianten sind: "Er hat ihre falsche Würde, ihren hysterischen Elan, ihren eitlen Zynismus und die billige Dämonie."
Klaus Mann zielt auf einen Prototyp, und trifft doch nur Gründgens; zum einen, weil dessen artistisch-politischer Hochseilakt eben nicht typisch war, sondern einzigartig (sonst wäre er keine Legende); und mehr noch, weil Mann in so tiefer, haßvoller Faszination mit seinem Gegenstand verbunden war, daß er den Blick gar nicht von ihm lösen konnte.
Als Nazi-Karriere-Roman betrachtet, ist "Mephisto" ein teils hastig, teils brillant geschriebenes, biographisches Material ungeniert zur Kolportage zurechtbiegendes, leicht verlogenes und höchst wirksames Stück Agitationsliteratur.
Als literarisches Psychogramm des Typus Gründgens aber ist "Mephisto" grandios. Mann trifft sein gehaßtes Idol nicht nur in Physiognomie und Manieren, Attitüden, Ticks und Marotten unnachsichtig, er deckt auch hinter den Masken von Charme, Arroganz und hysterischer Geltungssucht einen Abgrund von Angst und Unwert-Gefühlen auf. Das ist grandios, weil noch Manns Haß eine Form von Mitgefühl ist; weil er mit dem hellsichtigen Entsetzen dessen schreibt, der in der tiefsten Nichtigkeit des anderen seine eigene gespiegelt findet.
"Mephisto" ist verlogen, weil Klaus Mann sich selbst als Person ausspart. Er war 19, Gründgens 26, als die beiden sich 1925 in Hamburg begegneten, und sie waren fasziniert voneinander, weil jeder im anderen etwas zu finden glaubte, was ihm selbst abging. Dem einen die wirkungsbewußte Bravour des Komödianten, dem anderen die großbürgerliche Lässigkeit des prominenten Prominenten-Sprößlings.
Zusammen mit Erika Mann und Pamela Wedekind spielten sie 1925 in Hamburg Klaus Manns Stück "Anja und Esther". Als sie ein Jahr später zu einer "Revue zu vieren" wieder zusammenfanden, waren Gründgens und Erika Mann verheiratet, Klaus Mann und Pamela Wedekind (weil sie noch nicht volljährig waren) verlobt -- doch zum Ruhm und Image des exquisiten Quartetts, einer glitzernden Modeblüte der zwanziger Jahre, gehörte das Flair des Androgynen, Inzestuösen und Homoerotischen. Dann freilich, Knall auf Fall, heiratete Pamela den eine Generation älteren Carl Sternheim, Klaus und Erika fuhren nach Amerika, und Gründgens schrieb an seine Mutter: "Ik bin Neese."
Vielleicht waren Klaus Mann und Gustaf Gründgens einander ähnlicher, als sie selbst erkannten -- in Homosexualität, Masochismus und langen Phasen von Drogenabhängigkeit, in Einsamkeitsangst, bedrohlicher Depressivität und in dem, was dagegen half: rastlose Betriebsamkeit, Ruhmsucht, exzessive Selbstdarstellung.
Der Vorwurf, mit einem literarischen Werk "gemeine Verleumdung" zu betreiben, traf Klaus Mann zum erstenmal, als der geltungssüchtige Knabe, eben 18jährig, sein erstes Buch veröffentlichte: Darin fand sich ein allzu unverkennbares und allzu maliziöses Porträt seines Internatsdirektors.
Auch sein Haßliebes-Objekt Gründgens hat Klaus Mann schon vor 1933 in einem Roman porträtiert, zwielichtig unter dem zwielichtigen Namen Gregor Gregori -- und ihm ein Faible für die Cäsaren-Grandezza Mussolinis angedichtet. Doch zum "aasigen" Zyniker wurde der Typus erst als "Mephisto".
Das revuehafte Theaterstück, das Ariane Mnouchkine aus dem "Mephisto" gemacht hat, treibt, indem es mit dem Romanmaterial sehr frei umgeht, das Verwirrspiel zwischen Faktischem und Fiktivem über das Buch hinaus: Einerseits trägt es das Autobiographische, das Klaus Mann ausgespart hatte, mit einem Auftritt aus "Anja und Esther" und einer Genreszene aus dem Hause Thomas Mann in die Geschichte zurück, andererseits malt es mit agitatorischen Kabarett-Szenen Höfgens linkes Engagement breit aus. Es glättet und pointiert, es führt keine Ursachen vor, nur noch Ereignisse: Kein Wort erklärt mehr den rasanten Aufstieg des "Kulturbolschewisten" zum Nazi-Superstar -- er wird zum Theatercoup.
Wieviel provozierende Vehemenz diesem dünnen Theatertext, der die Gründgens-Legende als böse Show evoziert, dennoch abzugewinnen ist, führt Hansgünther Heyme mit seiner Stuttgarter Produktion vor. Sie drängt Privataffären und politische Rhetorik beiseite, verschärft die Kabarettszenen mit authentischem Material von Tucholsky, Hollaender, Erika Mann, setzt mit szenischen Zitaten von Sternheim, Wedekind und Kaiser hochstilisierte Staatstheatralik dagegen, und erreicht in ihren intelligentesten Momenten, daß das Theater als ewiges Blendwerk sich selbst zum Thema wird: In Heymes Spektakel erscheint Büchners Revolutionsrede des Saint-Just (mit der sich Höfgen, gespielt von Hans Falar, hier den neuen Herren empfiehlt) als faschistische Blutrausch-Proklamation und der Gefangenenchor aus "Fidelio" als zynische Blasphemie.
Einen Schluß hat "Mephisto" nicht, nur ein Jubelfinale. Den eigentlichen Epilog dazu hat Klaus Mann 1946 erlebt und beschrieben -- in einem Manuskript, das erst 1980 publiziert wurde: Es schildert Gründgens'' ersten Nachkriegs-Auftritt in Berlin.
Es erzählt, wie es dem "Maitre de plaisir des großdeutschen Reiches" gelungen sei, "das kleine Kunststück von 1933 zu wiederholen und abermals die Seite zu wechseln"; wie er in neun Monaten Haft die Russen so für sich eingenommen S.184 habe, daß sie ihn "aus dem Gefängnis direkt ins Deutsche Theater zurückbrachten", weil erneut eine glänzende Galionsfigur des Kulturbetriebs gebraucht wurde; und wie "die Berliner Tausende von Mark bezahlten, um bei dem triumphalen Comeback ihres Lieblings dabei zu sein".
Fassungslos hatte der Emigrant Klaus Mann 1936 den Berliner Gründgens-Jubel zur Kenntnis genommen, doppelt fassungslos stand er zehn Jahre später vor der "hysterischen Begeisterung", mit der Berlin die Wiederkehr des "unzerstörbaren Lieblings" feierte.
An diesem Tag begann die deutsche Nachkriegs-Theatergeschichte. Sie begann mit einem Akt der Restauration, und ihm folgten die Verrenkungen, Kriechübungen und Verdrängungsrituale, die dann bald und verlegen unter dem Etikett "Vergangenheitsbewältigung" zu den Akten gelegt wurden.
Zu diesen Akten gehört auch das Verbot eines exemplarischen Werks der antifaschistischen Agitationsliteratur durch das Bundesverfassungsgericht. "Die Allgemeinheit sei nicht daran interessiert, ein falsches Bild über die Theaterverhältnisse nach 1933 aus der Sicht eines Emigranten zu erhalten", steht in diesem Urteil, und "es sei Klaus Mann zuzumuten gewesen, den Roman nach 1945 umzugestalten". Das Schweigen aus Karlsruhe, das stille Begräbnis des Verbots im Jahr 1981 wird weder Mann noch Gründgens gerecht.
Klaus Mann hat sich noch in den letzten Tagen vor seinem Freitod im Mai 1949 mit einem Verleger herumgeschlagen, der aus Angst vor Gründgens keine "Mephisto"-Neuausgabe wagte. Doch auch Gründgens ist dem "Mephisto"-Trauma bis zu seinem Tod nicht entkommen: Mit dem Ruhm wuchs die Angst vor dem Buch, das er angeblich nie gelesen hatte.
1946 tut er die Anwürfe des "albernen Kläus''chen" mit mildem Spott ab. 1950 meint er, bei einer neuen Veröffentlichung des Romans "würde ich es getrost meinen jüdischen Freunden überlassen, Seite für Seite dieses Buches zu entkräften". Doch schon 1952 beruhigt ihn mehr ein juristisches Gutachten, wonach er gegen eine "Mephisto"-Publikation "jeden Prozeß mühelos gewinnen" würde.
Noch auf dem letzten Gipfel des Weltruhms, beim "Faust"-Gastspiel 1961 in New York, wo das Publikum dicht mit Emigranten durchsetzt ist, spielt er gegen die böse Legende an. Wichtiger als der Erfolg, schreibt er seinen Vertrauten, war ihm, "daß ich meinen Mephisto nun an die Stelle von dem von Klaus Mann setzen konnte".
Er hat es nicht geschafft. Die böse Legende macht noch einmal Furore: Zum Schluß der Stuttgarter Aufführung quittiert Mephisto in unverkennbarer Gründgens-Maske den Publikumsjubel mit dem Hitlergruß.
S.183 Gustaf Gründgens, Erika Mann, Pamela Wedekind, Klaus Mann. *

DER SPIEGEL 7/1981
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