07.04.1980

„Bratfisch hat wundervoll gepfiffen“

Das Drama in Mayerling / Von Gerd Holler Am 30. Januar 1889 wurde der habsburgische Kronprinz Rudolf in seinem Jagdschloß Mayerling tot aufgefunden, neben ihm seine Geliebte, Mary Vetsera. Lesart des Wiener Hofes: In geistiger Verwirrung erschoß Rudolf die Vetsera und sich selbst. Mit einer neuen These belegt ein Mediziner, daß die Gründe für den peinlichsten Skandal in der Geschichte der Habsburger Monarchie weder im Gesundheitszustand Rudolfs zu suchen sind, noch in politischen Motiven, noch in seiner Liaison, sondern höchstwahrscheinlich in der Person der Mary Vetsera. Im grünen Wald von Mayerling Ein schöner Traum zu Ende ging. Zwei Herzen liebten sich so sehr und schlugen plötzlich nimmermehr. Das Schicksal hat mit rascher Hand Zerrissen dort der Liebe Band. Josef Petrak 1980 Verlag Fritz Molden, Wien
Um 6.10 Uhr trat Erzherzog Rudolf aus seinem Schlafzimmer. "Völlig angezogen und pfeifend", wie Kammerdiener Johann Loschek später zu Protokoll gab, schlenderte er ins Vorzimmer.
Rudolf wies Loschek an, in einer Stunde das Frühstück im Billardzimmer aufzutragen und den Kutscher Josef Bratfisch zu holen, der mit seinem Fiaker "eine Fuhre" nach Wien bringen solle.
Auf dem Weg über den Hof hörte der Kammerdiener plötzlich hinter sich eine scharfe Detonation. "Ich lief", erzählte Loschek später, "sofort zurück, der Pulvergeruch kam mir schon entgegen." Er rannte durch den geräumigen Hausflur, durch das Vorzimmer und stand dann vor der Tapetentür, hinter der das Schlafzimmer des Erzherzogs lag.
Das Zimmer war "entgegen der Gewohnheit Rudolfs von innen versperrt" -- so Loschek. Er rief zunächst leise, dann laut nach dem Erzherzog, klopfte vorsichtig an die Tür und schlug schließlich mit einem Holzscheit dagegen. Bald war Loscheks Klopfen und Rufen im ganzen Schloß zu hören.
Doch aus dem Schlafzimmer kam kein Laut. Loschek alarmierte den Schloßverwalter Zwerger und schickte ihn zu dem Grafen Hoyos, der -von Rudolf zu einer Hirschjagd eingeladen -- in der nahegelegenen Meierei des Mayerlinger Schlosses wohnte.
Josef Graf Hoyos-Sprinzenstein, Freund des Erzherzogs und wirklicher Geheimer Rat am Kaiserhof, zog sich gerade an, als sich Zwerger bei ihm melden ließ. Die beiden Männer liefen in das Schloß zu Loschek, der noch immer vor der Tapetentür stand.
Nach kurzer Beratung entschied Hoyos: Tür aufbrechen] Da nahm ihn S.206 Loschek verlegen beiseite: Seine Kaiserliche Hoheit, gab er zu bedenken, sei nicht allein, er habe noch eine junge Dame bei sich, "eine gewisse Baronesse Vetsera".
Das überraschte Hoyos, denn von der neuesten Liaison seines Freundes hatte er nichts gewußt. "Nun war das Schlimmste zu befürchten", erklärte er später. "Bei der Totenstille, die im Schlafgemach herrschte, war an die Möglichkeit einer erfolgreichen Hilfe kaum zu denken."
Loschek holte ein Beil und schlug die Tür ein. Hoyos freilich scheute sich, das Schlafzimmer des Kronprinzen zu betreten, und befahl Loschek, einen Blick in das Zimmer zu werfen. Der Graf notierte: "Loschek, der in das Gemach blickte, erklärte, daß beide als Leichen im Bett lägen."
Doch mit dieser Auskunft gab sich Hoyos nicht zufrieden. Loschek sollte in das Zimmer eindringen und sich darin umsehen. Die Einrichtung war ihm vertraut: der Waschtisch an der Tapetentür, das breite französische Bett, das Nachtkästchen mit der Marmorplatte, der runde Rauchtisch und die Polstermöbel zwischen den breiten Fenstern.
Über den Bettrand hing der Oberkörper des Erzherzogs. Neben ihm lag eine tote Frau, den Kopf fast ganz unter den Kissen versteckt: Marie ("Mary") Baronesse Vetsera.
Loschek beugte sich vorsichtig über Rudolfs Leiche. Als er die blutenden Lippen des Toten sah, rief er: "Jesus, Maria] Seine Kaiserliche Hoheit haben sich mit Strychnin vergiftet]"
Ungeheuerliches war geschehen, der einzige Sohn Kaiser Franz Josephs, der 30jährige Thronerbe der ältesten Monarchie Europas an der Seite einer 17jährigen Mätresse umgekommen, vergiftet. Und nun mußte Graf Hoyos dem Kaiser die Unglücksbotschaft überbringen.
Während Hoyos im Hof auf den Fiaker wartete, ging Loschek noch einmal in das Schlafzimmer. Erst jetzt sah er, daß der Schädel des Kronprinzen zertrümmert war, auch jetzt erst bemerkte er den Revolver, der neben der Leiche lag.
Jetzt fielen Loschek auch die vielen Blutspuren im Zimmer des Kronprinzen auf: Blut auf dem Bettlaken, Blut auf dem Boden, Blut an den Wänden, Blut an der Zimmerdecke.
Doch von diesen neuen Entdeckungen erfuhr Hoyos nichts mehr. Er saß bereits in Bratfischs Kutsche, die über die vereisten Straßen jagte.
Am Bahnhof von Baden ließ Hoyos halten und eilte zum Bahnhofsvorsteher. Er kam gerade rechtzeitig: Pünktlich um 9.18 Uhr lief der aus Triest kommende Kurierzug C-1 ein, der nach Wien fuhr, in Baden allerdings keine Passagiere aufnahm. Ein paar Worte des Grafen ("Rudolf ist tot]") genügten jedoch, ihm einen Platz im Zug zu verschaffen.
Doch die Hiobsbotschaft war schneller in Wien als ihr Überbringer. Gleich nach der Abfahrt des Zuges telegraphierte der Bahnhofsvorsteher an den ihm vertrauten Baron Nathaniel Rothschild in Wien, was er von Hoyos erfahren hatte, und der Bankier gab die Nachrichten prompt an die Börse weiter.
Bald wußte ganz Wien, daß sich in Schloß Mayerling eine Tragödie abgespielt hatte. Nur Kaiserhof und Polizei blieben ahnungslos, denn der Unglücksbote Hoyos, um 9.50 Uhr auf dem Wiener Südbahnhof eingetroffen, konnte sich nicht entschließen, vor den Kaiser zu treten.
So lief er von einem Höfling zum anderen, immer in der Hoffnung, einer werde ihm schon den Gang zum Kaiser abnehmen. Er alarmierte den Obersthofmeister Rudolfs, der informierte den Obersthofmeister der Kaiserin, dieser wiederum den Generaladjutanten des Kaisers; schließlich fanden sie die Lösung: Eine Frau mußte helfen.
Die Vorleserin der Kaiserin Elisabeth sollte mit ihrer Herrin sprechen und sie bitten, den Kaiser zu informieren. Tatsächlich bat dann kurz darauf die Kaiserin den Kaiser in ihren Salon -- endlich erfuhr Franz Joseph, was Wien seit Stunden wußte.
Die Worte der Kaiserin sind nicht überliefert, doch der Inhalt ihrer Botschaft läßt sich unschwer rekonstruieren: S.208 In Mayerling habe die Vetsera erst Rudolf und dann sich selber vergiftet.
Seine Bestürzung hinderte den Kaiser freilich nicht daran, wenige Stunden später ein Vertuschungsmanöver zu inszenieren: Kein k. u. k. Untertan sollte erfahren, was sich in Mayerling wirklich zugetragen hatte -- jede Spur der Vetsera mußte beseitigt, die Ursache von Rudolfs Tod um jeden Preis verschleiert werden.
Noch am Nachmittag des 30. Januar erging die amtliche Mitteilung, Rudolf sei einem Schlaganfall erlegen. Das klang freilich so wenig überzeugend, daß sich das Obersthofmeisteramt kurz darauf korrigieren mußte: "Seine K. u. K. Hoheit der Durchlauchtigste Kronprinz Erzherzog Rudolf ist ... am Herzschlag plötzlich verschieden."
So hatte es die Kaiserin von Anfang an gewollt. Als sie wenige Minuten nach dem Besuch des Kaisers der Baronin Vetsera mitteilte, ihre Tochter habe Rudolf vergiftet, verlangte sie barsch: "Und jetzt merken Sie sich das: Rudolf ist am Herzschlag gestorben]"
Selbst Rudolfs Witwe, die Kronprinzessin Stephanie, mußte auf Befehl der Kaiserin die Mär vom Herzschlag übernehmen. Stephanie, eben von der Erzherzogin Valerie informiert, stürzte zu ihrer Kammerfrau: "Hast du gehört, der Kronprinz ist heute früh an Herzschlag gestorben] Glaubst du das?" Die Kammerfrau: "Nein]"
Inzwischen hatte Wiens Polizeipräsident Baron Krauß den Befehl erhalten, zehn Polizisten zur Sicherung des Schlosses nach Mayerling zu entsenden, schon schwärmten Sonderbeauftragte des Kaisers aus, unliebsame Pressemeldungen zu verhindern und Mitwisser zum Schweigen zu bringen.
Am frühen Morgen des 31. Januar meldete sich Franz Josephs Leibarzt, der Hofrat Hermann Widerhofer, beim Kaiser; er war inzwischen in Mayerling gewesen und hatte Rudolfs Leiche untersucht. Der Kronprinz, so berichtete er arglos und in der Absicht, den Kaiser zu trösten, habe nicht lange gelitten; die Kugel sei direkt in die Schläfe eingedrungen.
Ärgerlich fuhr Franz Joseph ihn an: "Was reden Sie denn von einer Kugel?"
Widerhofer: "Ja, Majestät, die Kugel, mit der er sich erschossen hat]"
Franz Joseph: "Er? Er hat sich erschossen? Das ist nicht wahr, sie hat ihn doch vergiftet] Der Rudolf hat sich nicht erschossen. Was Sie da sagen, das müssen Sie auch beweisen können."
Darauf belehrte Widerhofer den Kaiser, es sei sicher, daß der Kronprinz Selbstmord verübt habe; die Lage der toten Mary Vetsera und andere Indizien schlössen jeden Zweifel aus. Zudem hatte Widerhofer die in Mayerling gefundenen Abschiedsbriefe Rudolfs mitgebracht. In dem Brief an Ehefrau Stephanie stand: "Ich gehe ruhig in den Tod, der allein meinen guten Namen retten kann."
Jetzt erst erkannte der Kaiser die ganze Tragweite des Mayerling-Dramas: Rudolf hatte Mary Vetsera und sich erschossen; zu dem Schmerz um den Sohn kam die Schande -- würde doch die katholische Kirche, Hauptstütze der Monarchie, einer kirchlichen Beerdigung des Selbstmörders schwerlich zustimmen.
Desto hartnäckiger drängte der Kaiser darauf, alle lästigen Hindernisse, die einer kirchlichen Beerdigung im Wege standen, zu beseitigen. Die Ärzte mußten in einem Gutachten attestieren, daß Rudolfs "That in einem Zustand von Geistesverwirrung geschehen" sei (nur unter dieser Voraussetzung konnte ein Selbstmörder von der Kirche beerdigt werden), und die Familie Vetsera mußte einwilligen, Marys Leiche sofort verschwinden zu lassen.
Der Hof verlangte Absurdes: Die Leiche durfte nicht nach Wien übergeführt werden, sondern nur auf den Friedhof des Zisterzienser-Stiftes in dem Mayerling benachbarten Dorf Heiligenkreuz, und auch dies nicht in einem Leichenwagen. Die Vetsera, so verlangten die Vertreter des Kaisers, müsse in einer Kutsche sitzend nach Heiligenkreuz gebracht werden, als sei sie noch am Leben.
Hofsekretär Heinrich Freiherr von Slatin vom Obersthofmeisteramt erhielt die Order, mit Rudolfs Leibarzt Franz Auchenthaler nach Mayerling zu fahren, um "den weiblichen Leichnam wegzuschaffen" (so eine Instruktion). Zwei Onkel von Mary Vetsera, Georg Graf Stockau und Alexander von Baltazzi, sollten Slatin dabei assistieren.
"Die Nacht war stürmisch", berichtet Slatin, "die Hunde heulten, als wir S.211 uns dem Schloß näherten. Zwerger öffnete, vor Aufregung konnte er kaum sprechen. Unter dem Flackern einer Laterne führte uns Zwerger in das Gemach, in das der Leichnam der armen, schönen Baronesse am Vortag gelegt worden war."
Auchenthaler wusch die Leiche und bestätigte später, um dem Hof die Einschaltung der Staatsanwaltschaft zu ersparen, in einem Protokoll, "aß die Vetsera sich selber getötet habe. Der Arzt diktierte: Am " " 30. Jänner 1889 wurde im Gemeindegebiet Mayerling ein " " weiblicher Leichnam aufgefunden. Der Herr Leibarzt Dr. Franz " " Auchenthaler constatiert zweifellos Selbstmord mittels " " Schußwaffe. An dem linken Stirnwandbeine befindet sich ein 5 " " cm langer und 3 cm breiter lappiger Substanzverlust der Haut, " " in dessen Umgebung die Haare versengt sind; es ist also die " " Eintrittsöffnung des Projektils. Der Schußkanal geht quer " " durch das Gehirn und endet ca. 2 cm über dem rechten äußeren " " Gehörgang, hier eine schmale kantige Ausschußöffnung bildend. " " Die Knochen um Einschuß- und Ausschußöffnung sind ringsherum " " zersplittert, ebenso die Schädeldecke. "
Dann zogen Stockau und Baltazzi die Tote an. Inzwischen hatten Beauftragte des Hofes und einige Polizisten den Abt von Heiligenkreuz aufgesucht und sein Einverständnis eingeholt, daß die tote Vetsera auf dem dortigen Friedhof beerdigt werde. Nach Abschluß der Vorbereitungen im Schloß ging ein Telegramm an das Polizeikommando in Heiligenkreuz: "Müller (so der Kodename für die tote Vetsera) kommt über S."
Kurz darauf rollte eine Kutsche in den Hof. Der zufällig vorbeikommende Hof-Telegraphist Julius Schuldes beschrieb später den "rohen Mummenschanz": Stockau und Baltazzi "schleiften im unsicheren Lichte der Handlaterne des Verwalters Zwerger die mit Pelz und Hut bekleidete Leiche, dieselbe beiderseits unter den Armen gefaßt, zum Wagen, wo sie dann neben ihr Platz nahmen".
Während der Fahrt saß Mary halb liegend zwischen ihren Onkeln, die Mühe hatten, die Tote auf dem Sitz zu halten. Da die Leiche durch das ständige Rütteln des Wagens immer wieder vornüberkippte, steckten ihr die beiden Männer einen Stock ins Kleid, um sie am Hinabgleiten zu hindern.
Gegen 24 Uhr erreichte der Wagen das Stift Heiligenkreuz, doch es stürmte und regnete so heftig, daß der Totengräber erst am nächsten Tag die vorgesehene Grabstelle ausheben konnte. Stockau und Baltazzi nahmen derweil Gelegenheit, die vorzüglichen Weine des Stifts zu probieren -- bis der Stiftskämmerer Pater Wilfling dem makabren Treiben ein Ende setzte.
Am nächsten Morgen wurde die Leiche auf dem Pfarrfriedhof von Heiligenkreuz beigesetzt. Polizeikommissär Johann Habrda eilte auf das Postamt des Dorfes. Um 10.10 Uhr telegraphierte er an das Wiener Polizeipräsidium: "Alles abgethan. Habrda."
Die Meldung aus Mayerling brachte die kaiserliche Fahndungs- und Vertuschungsaktion auf Hochtouren. Eine Kommission des Hofes durchsuchte Rudolfs Appartements in der Hofburg und in Mayerling, jedes Papier wurde sichergestellt, das möglicherweise auf die Motive der Tat hinweisen konnte.
Kein Indiz, keine Zeugenaussage sollte Licht in das Dunkel des "Schwarzen Freitags der Dynastie der Habsburger" (so ein österreichischer Autor) bringen. Mögliche Mitwisser der Tat wurden zu strengstem Schweigen verpflichtet. Niemand durfte am Kaiserhof den Namen Vetsera nennen.
Die wenigen Eingeweihten hielten den Mund, denn: "Die Wahrheit ist so schrecklich, daß man sie nie gestehen kann" (so der Erzherzog Karl Ludwig). Und Prinz Philipp von Sachsen-Coburg-Gotha, ein Freund Rudolfs, beschwor seine Frau: "Frag mich nicht. Es ist furchtbar, furchtbar] Ich kann dir nichts darüber sagen."
Das "Geheimnis von Mayerling" war entstanden, das bis heute ungelöst ist. "Über die Hintergründe dieses Selbstmordes", urteilte der österreichische Habsburg-Kenner Janko von Musulin S.213 1978, "wissen wir noch immer nicht Bescheid."
Mal sollte der Selbstmord ein Verzweiflungsschritt des politisch liberalen Erzherzogs gewesen sein, der unter seinem reaktionären Vater gelitten hatte, mal sollte Rudolf aus Lebensüberdruß Schluß gemacht haben, mal von anonymen Mächten getötet worden sein.
Die meisten Deutungen liefen auf die These hinaus, Rudolf habe durch chronischen Alkohol- und Morphiummißbrauch körperlich und moralisch so abgebaut, daß er praktisch ein "Selbstmordkranker" (so die Stephanie-Biographin Irmgard Schiel) gewesen sei.
Oder, wie es Brigitte Hamann, die Verfasserin der neuesten und fraglos besten Rudolf-Biographie, sieht: Der Kronprinz habe "mit großer Wahrscheinlichkeit Selbstmord verübt, weil er gescheitert war"; nervlich ramponiert, von einem verständnislosen Vater am Mitregieren gehindert, drogen- und alkoholabhängig, "war er am Ende, vor allem körperlich und seelisch".
Seltsam nur, daß bei solcher Motivforschung Mary Vetsera immer mehr dem Blick der Forscher entschwand. Sie wurde zu einer Randfigur, die nur durch Zufall in das Drama von Mayerling geraten sein sollte. Brigitte Hamann: "Von Liebesselbstmord wegen Mary Vetsera kann keine Rede sein."
Keinem der Forscher aber fiel auf, wie psychologisch unmöglich solche Deutungen sind. Die Frau, an deren Seite Rudolf sich erschoß, sollte am allerwenigsten mit dem Drama zu tun gehabt haben? Das ist unwahrscheinlich: Mary Baronesse Vetsera ist eine zentrale Figur, ohne die man das Drama von Mayerling nicht verstehen kann.
Als Badener und langjähriger Hausarzt des inzwischen verstorbenen Rudolf-Forschers Hermann Zerzawy, eines ehemaligen Abwehroffiziers des k. u. k. Evidenzbüros, habe ich mich schon früh für die Mayerling-Historie interessiert. Ich begann zu recherchieren.
Dabei lernte ich ein paar Menschen kennen, die mir eine seltsame Geschichte erzählten:
In den Apriltagen des Jahres 1945 hatten Soldaten der Roten Armee bei ihrem Vormarsch auf Wien in Heiligenkreuz Station gemacht. Oberhalb des Friedhofes am Waldrand stand eine sowjetische Artilleriebatterie, deren Troß lag auf dem Friedhof. Bald streunten Rotarmisten herum, rissen die Grüfte auf und durchsuchten sie nach Schmuck.
Einige Soldaten machten sich auch an das Grab der Rudolf-Geliebten heran, wie eine Eintragung im Gräberbuch der Pfarre Heiligenkreuz besagt. Es heißt da: "Das Vetsera-Grab wurde von russischen Soldaten aufgebrochen. Der Sarg enthielt nur Knochen, der Schädel lag neben dem aufgebrochenen Sarg in der Gruft."
Nach dem Abzug der Sowjets wurde das Grab notdürftig wieder in Ordnung gebracht, der Schädel Mary Vetseras in den Sarg zurückgelegt. Ein Augenzeuge gab mir später zu Protokoll, daß der Schädel nicht von einer anderen geplünderten Grabstelle stammte, sondern unzweifelhaft der Schädel war, den der Totengräber in der Vetsera-Gruft gefunden hatte.
Im Mai 1959 erschien in der Städtischen Bestattungsanstalt in Baden eine Frau namens Theresia Müller und beantragte eine Neubestattung der sterblichen Überreste von Mary Vetsera. Ihre Begründung: Sie sei die Enkelin eines Leibjägers von Kaiser Franz Joseph und habe gehört, daß die Grabstelle der Vetsera geplündert worden sei; sie fühle sich moralisch verpflichtet, die Gruft wieder in Ordnung zu bringen.
Am 7. Juli 1959 wurden die Knochenreste umgebettet, wobei Patres und Bestatter eine verblüffende Entdeckung machten: Das Skelett wies keinerlei Schußspuren auf.
"Im Sarg", so bezeugt Amtsrat Eduard Halbwachs, der Leiter der Bestattungsanstalt, "waren vorhanden: der komplette und sehr gut erhaltene Schädel mit noch vorhandenen Zähnen im Ober- und Unterkiefer. Die knöchernen Schädelnähte (Kranznaht, Pfeilnaht, Lamdanaht) waren fest verwachsen und nicht gesprengt. Die Schädelbasis war unversehrt. Im Scheitelbein seitwärts links fand sich ein 5:7 cm ovaler, scharf begrenzter Knochendefekt."
Und weiter: "Da ich wußte, daß es sich hier um eine Leiche handelte, die angeblich durch Kopfschuß ums Leben gekommen war, suchte ich aufmerksam am Schädel eine Einschuß- und eine Ausschußöffnung, und ich kann heute noch mit aller Gewißheit und Bestimmtheit sagen, daß am ganzen Schädel keine Einschußöffnung festgestellt werden konnte."
Andere Augenzeugen bestätigen die Aussage von Halbwachs. Pater Gerhard Hradil, Prior des Stifts Heiligenkreuz: "Der Schädel sah aus wie jeder andere, war nicht zertrümmert, war fest und gut erhalten." Heinrich Baltazzi-Scharschmied, ein Vetter von Mary Vetsera: "Seitwärts am Schädel, oben, fast am Scheitel links, war ein kleiner Knochendefekt. Wir waren damals alle der Meinung, daß dieser entstanden ist, als der Sarg mit dieser (im S.217 Grab) vorgefundenen Gartenhaue aufgeknackt wurde."
Ich begriff sofort, was diese Entdeckung bedeutete -- Mary Vetsera war nicht erschossen worden.
Bis heute aber gilt in der Mayerling-Forschung übereinstimmend folgende Version für den Vetsera-Tod: aufgesetzter Schuß am linken Stirnbein, quer durch das Gehirn gehend, mit Ausschuß knapp über dem rechten Ohr, mit Zertrümmerung des Schädels und Platzen der knöchernen Schädelnähte. Das jedoch war offenbar alles "Mumpitz", wie schon der alte Hoyos kurz vor seinem Tod die Mayerling-Versionen genannt hatte.
Um ganz sicher zu sein, wollte ich eine gerichtsmedizinische Untersuchung der Vetsera-Überreste beantragen. Herr Baltazzi-Scharschmied war mit einer Exhumierung Mary Vetseras einverstanden, worauf ich den Abt von Heiligenkreuz am 3. November 1978 bat, die Exhumierung und Untersuchung der Skeletteile der Baronesse zu gestatten.
Leider erhielt ich einen abschlägigen Bescheid. Abt Franz Gaumannmüller schrieb mir: "Schon vom rein menschlichen Standpunkt aus gesehen, wollte dieses junge Mädchen freiwillig in den Tod gehen, ohne zu fragen, auf welchem Weg. Ich glaube daher der Toten verpflichtet zu sein, ihre Ruhe nicht zu stören."
Doch meine Neugier war geweckt, ich suchte nach weiteren Indizien, die das Rätsel aufklären konnten.
Ich erhielt im Archiv Baden Zugang zu bisher unveröffentlichten Originaldokumenten des Jahres 1889, ich konnte die persönlichen Aufzeichnungen des in Mayerling stationierten Hof-Telegraphisten Schuldes lesen und entdeckte in anderen, schon bekannten Unterlagen manchen Hinweis, der meine Vermutungen bestätigte. Schließlich halfen mir auch meine medizinischen Kenntnisse.
Erstes Ergebnis meiner Recherchen: Auchenthalers Totenschein war falsch. Schon Slatin hatte erklärt, daß das Vetsera-Protokoll des Arztes "nicht der Wahrheit entspricht". Blieb nur die Frage, ob Auchenthaler alles gefälscht hatte.
Auffallend war -- und das bildete den Ausgangspunkt meiner Untersuchungen -- der unterschiedliche Zustand der beiden Leichen, die angeblich durch die gleiche Waffe getötet worden waren: hier der Kronprinz mit dem zerschmetterten Schädel, dort Mary Vetsera völlig unversehrt.
Widerhofer und Slatin, aber auch der Ministerpräsident Graf Taaffe hatten übereinstimmend ausgesagt, daß die Vetsera schön und unverändert ausgesehen habe, obwohl sie -- einen Kopfschuß vorausgesetzt -- genauso furchtbar hätte zugerichtet sein müssen wie Rudolf.
Slatin sah beide Leichen im Schlafzimmer des Thronfolgers im Bett liegen und berichtete später, aufgrund seiner damaligen stenographischen Aufzeichnungen, was er beobachtet hatte.
Er beschreibt das Aussehen und die tödliche Verletzung des Kronprinzen, auch die Umgebung des Bettes. Bei der Beschreibung der toten Vetsera notierte er lediglich, daß es ein schöner weiblicher Leichnam gewesen sei. Hätte dieser weibliche Leichnam ebenfalls einen Kopfschuß mit Sprengung der Schädeldecke aufgewiesen, so hätte Slatin dies wohl ebenfalls vermerkt.
Das wirft die Frage auf, ob die Tatwaffe in jedem Fall die gleichen Verletzungen verursachen mußte, wie sie bei Rudolf festgestellt wurden.
Laut dem Obduktionsbefund Widerhofers und den Angaben Loscheks hat sich Rudolf mit einem Revolver "mittleren Kalibers" erschossen. Zu dieser Zeit gab es in der österreichischen Armee zwei Typen von Revolvern:
* den Kavallerie-Offiziers-Trommelrevolver 70/74, System Gasser, 6 Schuß, Kaliber 11 Millimeter, und
* den Infanterie-Offiziers-Trommelrevolver, System Gasser-Krobatschek, 6 Schuß, Kaliber 9 Millimeter.
Für Privatpersonen war noch der kleine, sechsschüssige Bulldogg-Revolver, Kaliber 7 Millimeter, im Handel.
Im Unterschied zur heutigen Munition gab es keine Stahlmantelgeschosse mit Bleikern, sondern nur Bleikugeln. Während Stahlmantelgeschosse Weichteile und selbst dicke Knochen ohne Deformation durschlagen, verformen sich Bleigeschosse schon nach dem Aufprall auf dünne Knochen wie etwa Schläfenbeine und Schulterblätter.
Sie erzeugen somit eine beträchtliche Sprengwirkung sowohl in Knochen als auch in Weichteilen, und je näher die Distanz des Schusses, desto größer die Sprengwirkung. Die Zerstörung sieht dann so aus, als ob im Innern des Körpers eine Dynamitpatrone zur Explosion gebracht worden sei.
Gerade am Hirn, das außerordentlich flüssigkeitsreich ist, findet sich eine starke hydrodynamische Wirkung des Geschosses, die sich bei Nahschüssen noch beträchtlich verstärkt. Besonders bei angesetzten Schüssen ist die Sprengwirkung verheerend.
Die Kopfschwarte wird vom knöchernen Schädel abgehoben und platzt. Quer durch das Gehirn verläuft der Schußkanal, komprimiert die flüssigkeitshaltige Hirnmasse, die auf der Austrittsstelle des Geschosses den Knochen sprengt. Ferner breitet sich der Gasdruck nach allen Seiten gleichmäßig aus, so daß der Schädel abgesprengt und Hirnteile herausgeschleudert werden.
Der amtliche Befund Widerhofers sprach denn auch davon, daß "Se. K. Hoheit der Durchlauchtigste Kronprinz zunächst an einer Zertrümmerung des Schädels und der vorderen Hirnpartien gestorben" sei: "Die Zertrümmerung ist durch einen aus unmittelbarer Nähe gegen die rechte vordere Schläfengegend S.220 abgefeuerten Schuß veranlaßt worden."
Slatin schildert, daß die Schädeldecke des Kronprinzen abgesprengt war, Blut und Gehirnteile herausgequollen und teilweise herausgeschleudert waren. Damals mochte freilich kein Mensch glauben, daß ein Schuß aus einem Revolver eine derart verheerende Wirkung haben konnte. Wir wissen aber heute, daß die damaligen Bleikugeln und auch noch die Treibladungen aus Schwarzpulver solche Verletzungen erzeugen konnten.
Sollte also tatsächlich, wie die Mayerling-Forscher bisher annahmen, Mary Vetsera von Rudolf erschossen worden sein, so müßte ihr Schädel genauso ausgesehen haben wie der des Erzherzogs. Davon ist aber nirgends die Rede.
Bleibt noch eine Möglichkeit, die von dem Mayerling-Forscher Judtmann auch bereits erwogen wurde: Mary wurde mit einer kleineren Waffe erschossen. Aber selbst wenn Rudolf den Sieben-Millimeter-Bulldogg verwendet hätte -- die Sprengwirkung wäre nicht viel kleiner gewesen.
Zudem würde dies ein weiteres Rätsel ungelöst lassen: das Verschwinden der zweiten Kugel. Eine Revolverkugel war einige Tage nach der Tat im Schlafzimmer von Mayerling gefunden worden, doch die andere Kugel, die Mary getötet haben mußte, blieb unauffindbar.
Slatin erzählt dazu eine bezeichnende Geschichte: Wenige Tage nach der Katastrophe sei der Päpstliche Nuntius, Monsignore Galimberti, im Schloß Mayerling erschienen. Er habe dort unter dem Vorwand, im Schlafzimmer Rudolfs beten zu wollen, herumspioniert und Slatin gefragt: "Wie viele Kugeln?"
Warum stellte er diese Frage? Nach der offiziellen Lesart mußte doch Galimberti mit zwei Kugeln rechnen. Oder hatte er in Wien über den Tod der Vetsera doch etwas anderes gehört -wie der Telegraphist Schuldes, den ebenfalls das Fehlen der zweiten Kugel irritierte?
Schuldes notierte, daß ihm am 3. Februar 1889 der Schloßverwalter Zwerger eine Kugel gezeigt habe, die in der Leiste des Nachtkästchens im Schlafzimmer Rudolfs gesteckt hatte. Das war, wie man aus der Lage der Leichen schließen kann, die Kugel, die sich Rudolf sitzend in die rechte Schläfe jagte, die dann seinen Schädel durchbohrte und über Mary hinweg in das Nachtkästchen schlug.
Wo aber war die zweite Kugel? Schuldes schrieb, er wisse nicht, ob noch eine andere Kugel gefunden worden sei. Sicherlich hat Zwerger nach ihr gesucht.
Es konnte gar nicht schwerfallen, sie zu finden, falls sie tatsächlich vorhanden war. Sie konnte nur -- wenn die offizielle Todesversion der Wahrheit entsprach -- in der Rückwand des Bettes oder im Waschtisch links neben dem Bett stecken. Doch Zwerger fand nur eine Kugel, weil nur ein Schuß abgegeben worden war.
Wenn aber Rudolf Mary nicht erschoß, wie kam sie dann um? Die Ursachen ihres Todes haben kaum Spuren hinterlassen: Nirgends findet sich ein Hinweis auf Gift oder tödliche Tabletten, die Anzeichen eines gewaltsamen Todes sind schwer nachweisbar.
So bleibt dem Forscher nur die Möglichkeit, in der Mayerling-Literatur nach neuen Indizien zu suchen, die das wirkliche Tatmotiv enthüllen und damit alle Ungereimtheiten und Widersprüche der Affäre klären könnten.
Die bisher genannten Motive halten einer kritischen Überprüfung nicht stand, zumal die medizinischen Kenntnisse der älteren Mayerling-Forscher recht lückenhaft sind. Ihre Thesen waren meist im psychologisch-medizinischen Bereich angesiedelt: Rudolf sollte alkohol- und drogenabhängig, ja sogar geisteskrank gewesen sein und aus Lebensüberdruß die Tat von Mayerling lange vorher geplant haben.
"Morphium, Alkohol und Frauen, in Stunden der Depression, der Melancholie als Rauschmittel benützt", hätten sein Elend verschlimmert, findet Brigitte Hamann; eine praktisch unheilbare S.222 Geschlechtskrankheit (Gonorrhoe) habe ihn vollends ruiniert.
Die Rudolf-Forscher aber irren, wenn sie annehmen, daß damals eine Gonorrhoe eine schwere, lebenslange Krankheit war, die zu Siechtum und Lebensüberdruß des Patienten führte. Tatsächlich wußte man schon in der Zeit Rudolfs, daß eine Gonorrhoe (wie jede andere bakterielle Infektion) ausheilen konnte.
Da es noch keine geeigneten krampflösenden Mittel gab, verschrieben die Ärzte Morphium in Form von Zäpfchen oder als Tinktur. Dazu machte bereits der Arzt Girtanner Einspritzungen in die Harnröhre mit Opiumtinktur, oder es wurde Nußblättertee, Malventee oder Bärentraubenblättertee verabreicht.
Was weiß man nun konkret von Rudolfs Infektion? Aus den Rezeptbüchern der k.u.k. Hofapotheke -- eigens angelegt für Rudolf, Stephanie und für die Tochter Elisabeth -- geht hervor, daß der Kronprinz am 5. Februar 1886 drei Morphiumzäpfchen erhielt und daß ihm zwei Tage später zehn Stück Opiumpulver verschrieben wurden.
Eine Woche später wurde Rudolf Lithiumcarbonat verschrieben, ein damals sehr gebräuchliches Mittel gegen Gicht bzw. ein Harnsteinlöser. Anscheinend hatten die Ärzte vom 5. bis 14. Februar Rudolfs Beschwerden noch nicht als venerische Erscheinung diagnostiziert, sondern glaubten an einen Blasenkatarrh.
Erst am 16. Februar stellte der behandelnde Arzt die richtige Diagnose: Gonorrhoe. Er verschrieb auch sofort 30 Gelatinekapseln mit Kopaivabalsam, "frisch gefüllt", wie er extra in der Signatur angibt. Vier Tage später erhielt Rudolf vier Kokainzäpfchen, und am 25. Februar, sicher wegen der anhaltenden Tenesmen (Krämpfe) des Urogenitaltraktes, 24 Kokainpillen.
Nun wurde dem Kronprinzen ein mehrwöchiger Aufenthalt im Süden verordnet, und er trat mit seiner Frau Stephanie eine Fahrt nach seiner Insel Lacroma (Lokrum) vor Ragusa (Dubrovnik) an.
Kurz nach der Ankunft erkrankte Stephanie schwer. Angeblich handelte es sich um eine "Bauchfellentzündung", sicherlich eine gonorrhoische Ansteckung seitens ihres Mannes, der noch infektiös war. Der Aufenthalt mußte bis Mai 1886 verlängert werden.
Frau Hamann vermutet: "Der Kronprinz wußte, daß die Krankheit der Anfang von seinem Ende war." Das ist unwahrscheinlich. Bei der damaligen Durchseuchung der Bevölkerung mit gonorrhoischen Affektionen hätten ja Massenselbstmorde an der Tagesordnung sein müssen.
Tatsächlich wurden solche Krankheiten als "Kavalierskrankheiten" aufgefaßt, und die "Bon jour Tröpfchen-Krankheit", wie sie der Arzt I. Bloch nannte, war in Militärkreisen sogar bis zu den Tagen des Zweiten Weltkriegs heiteres Gesprächsthema. Rudolf, der durch seinen militärischen Dienst "mitten im Leben" stand, hat der Sache sicher keine ernste Bedeutung beigemessen.
War er Morphinist? Der "Berliner Börsencourier" vom 24. Februar 1889 berichtete, daß der Kronprinz in letzter Zeit öfter über Kopf- und Gelenkschmerzen geklagt und daher immer öfter zum Morphium gegriffen habe, ohne daß die Ärzte davon gewußt hätten. Später haben Autoren diese Angaben immer wieder aufgegriffen.
In den Rezeptbüchern der Hofapotheke findet man keine einzige Verschreibung für Morphiuminjektionen; aber nur Injektionen hätten zur Sucht führen können, während der orale Gebrauch von Morphium nur sehr selten morphiumabhängig machte. Es darf nicht vergessen werden, daß es damals S.224 keine schmerzstillenden Mittel gegeben hat. Bei heftigen Schmerzzuständen verschrieben die damaligen Ärzte Morphiumpulver, Morphiumzäpfchen, Morphiumtinktur, Kokainpillen oder Opiumtropfen.
Rudolf erhielt sie, aber nicht er allein. Ebenso häufig nahmen diese Alkaloide auch sein Vater und seine Mutter, ohne daß man sie als Morphinisten bezeichnet hätte.
Am 10. April 1878 wurde für Rudolf eine Reiseapotheke zusammengestellt, und hier gibt es die erste Morphiumverschreibung. Außer 30 Flaschen Lorenzer Sauerbrunn wurden Chininpulver, Hustenpulver (Pulvis Doveri) und 20 Stück Morphiumpulver in der Einzeldosis von 5 Milligramm mitgegeben. Am 23. September 1885 erhielt der unter starkem Husten leidende Rudolf von Dr. Auchenthaler 10 Stück Opiumpulver in einer Einzeldosis von 10 Milligramm. Auch 1886 und 1887 erhielt Rudolf wiederholt Morphiumpulver.
Brigitte Hamann schreibt, es seien "Anzeichen dafür vorhanden, daß Rudolf von dieser Zeit an, auch als der Husten abgeflaut war, das Morphium weiter einnahm, nun jedoch heimlich, wobei offenbar der Kammerdiener Loschek half". Dies ist eine reine Annahme, die durch nichts bewiesen ist.
Am 24. März 1887 erhielt Rudolf nochmals Morphium, am 7. April teilte er seiner Frau mit, daß er und die "Kleine" (seine Tochter Elisabeth) wieder gesund seien und es ihnen sehr gut gehe. Seit 24. März 1887 wurde für Rudolf bis zu seinem Tode kein Alkaloid mehr verschrieben.
Es erhebt sich nun die Frage, ob Rudolf solche Mittel nicht auch ohne ärztliche Verschreibung aus der Apotheke beziehen konnte. Dies war öfter der Fall, wurde aber stets im Rezeptbuch vermerkt.
Offen bleibt, ob sich Rudolf über Loschek irgendwo Morphium besorgen ließ. Dafür gibt es nirgends einen Hinweis, und die Beschaffung war in dieser Zeit wesentlich schwerer als heute, sie war nur mit ärztlicher Hilfe möglich. Einen Schwarzmarkt für Drogen im heutigen Sinne gab es nicht.
Nicht fundierter sind die Behauptungen, Rudolf habe an Progressiver Paralyse gelitten. Ein Eingeweihter des Hofes, Margutti, will das vom späteren Leibarzt des Kaisers, Dr. Kerzl, und der wieder von seinem Vorgänger Widerhofer, der bei der Obduktion Rudolfs anwesend war, erfahren haben.
Die näheren Zusammenhänge der Progressiven Paralyse waren damals noch unbekannt, und man wußte noch nicht, daß die Syphilis mit der Progressiven Paralyse in ursächlichem Zusammenhang stand. Dieser Zusammenhang wurde erst 1906 mit der Entdeckung des spezifischen Erregers der Lues, der Spirochaeta pallida, durch F. R. Schaudinn erahnt.
Seit 1495 wurden bei syphilitischen Erscheinungen Quecksilbersalben (Sarazenensalbe: Quecksilber und Bleiverbindungen in Schweineschmalz) verwendet. Um 1880 hatte man jedoch allgemein die Schmierkuren mit der Quecksilbersalbe aufgegeben und wendete in allen Wiener Spitälern und Ambulatorien die neuesten antiluetischen Therapien an: Quecksilberoleate, hypodermatische Einspritzungen (subcutane Injektionen) mit Sublimat oder Sublimat-Chlornatrium.
Frau Hamann meint, bei Rudolf seien "die üblichen Quecksilberkuren" angewendet worden. Das stimmt nicht]
In den Rezeptbüchern der Hofapotheke finden sich zwar für Rudolf von 1874 bis 1. Januar 1889 regelmäßig Verschreibungen einer niedrig dosierten Quecksilbersalbe. Die verordnete Menge der Salbe konnte aber niemals für eine antiluetische "Schmierkur" ausreichen. Hier "ie Abschrift eines dieser Salbenrezepte: S. K. K. Hoheit dem " Durchl. Herrn Kronprinzen Erzherzog Rudolf
" Rp: Mercur. praecip. flav. 0,15 Ungt. mollis 10,0 M. f. ungt. "
Laxenburg, 23. 6. 1883
" Prof. Dr. Widerhofer "
Es wurden immer nur zehn Gramm Salbe hergestellt, eine minimale Menge, wie man sie in der Augenheilkunde verwendet. Die Quecksilbersalbe war neben einem "Augenwasser", wie es die gesamte Familie Habsburg verwendete, die einzige Therapie, um eine chronische Bindehautentzündung zu kupieren.
Die Frage, ob Rudolf an einer Progressiven Paralyse litt, kann verneint werden, da kein einziger Anhaltspunkt dafür vorliegt. An Rudolf ist zeitlebens keine antiluetische Therapie durchgeführt worden.
Und Rudolfs "Alkoholismus"? Mayerling-Kenner Schuldes berichtet, er habe nie gesehen, daß Rudolf übermäßig trank oder gar einmal betrunken war. Auch Leibkutscher Bratfisch gab später bei der Polizei zu Protokoll, daß Rudolf nie betrunken war oder übermäßig trank.
Nein, die herkömmlichen Motive können die Tat von Mayerling nicht erklären. Weder Drogen noch Alkohol noch eine Geschlechtskrankheit haben Rudolf in den Tod getrieben. Er war nicht glücklicher oder unglücklicher als so mancher andere Offizier oder Fürst in seiner Zeit.
Der Schlüssel des Mayerling-Rätsels liegt woanders. Die Historiker haben ein Motiv übersehen, obwohl es so naheliegend ist. Der Schlüssel heißt: Mary Vetsera.
Im nächsten Heft
Kaiser Franz Joseph: "Was die Vetsera mit Rudolf treibt, ist unglaublich."
S.204
Im grünen Wald von Mayerling Ein schöner Traum zu Ende ging. Zwei
Herzen liebten sich so sehr und schlugen plötzlich nimmermehr. Das
Schicksal hat mit rascher Hand Zerrissen dort der Liebe Band.
Josef Petrak
*
S.211
Am 30. Jänner 1889 wurde im Gemeindegebiet Mayerling ein weiblicher
Leichnam aufgefunden. Der Herr Leibarzt Dr. Franz Auchenthaler
constatiert zweifellos Selbstmord mittels Schußwaffe. An dem linken
Stirnwandbeine befindet sich ein 5 cm langer und 3 cm breiter
lappiger Substanzverlust der Haut, in dessen Umgebung die Haare
versengt sind; es ist also die Eintrittsöffnung des Projektils. Der
Schußkanal geht quer durch das Gehirn und endet ca. 2 cm über dem
rechten äußeren Gehörgang, hier eine schmale kantige Ausschußöffnung
bildend. Die Knochen um Einschuß- und Ausschußöffnung sind
ringsherum zersplittert, ebenso die Schädeldecke.
*
S.224
S. K. K. Hoheit dem Durchl. Herrn Kronprinzen Erzherzog Rudolf
Rp: Mercur. praecip. flav. 0,15 Ungt. mollis 10,0 M. f. ungt.
Laxenburg, 23. 6. 1883
Prof. Dr. Widerhofer
*
S.222 Schmerzpulver in zehn Einzeldosen aus Morphinsalz, Natriumbicarbonat und weißem Zucker. * S.224 Links: Kaiser Franz Joseph. *
Von Gerd Holler

DER SPIEGEL 15/1980
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 15/1980
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Bratfisch hat wundervoll gepfiffen“

  • Spektakuläre Drohnen-Aufnahmen: Die größte Felsbrücke der Welt
  • Recycling in China: Familie Peng im Plastikmüll
  • Darts-WM: Acht Millimeter entscheiden über den Sieg
  • Seltene Aufnahmen: Hier schlüpft gerade ein Tintenfisch