09.02.1981

BAUTECHNIKRaus hier

Um Heizkosten zu sparen, ließen Hausbesitzer Kunststoff-Schaum in die Hauswände pressen. Doch mitunter entströmen dem Dämm-Schaum gefährliche Gase - das Gesundheitsamt in Lübeck schlug Alarm.
Die Handwerker stiegen nachmittags vom Dachboden. Abends tränten Monika Wiszniewski die Augen. Wenig später lief auch Ehemann Bernd und Söhnchen Kai das Wasser aus den Augen, brannten Nase und Rachen. Die Topfpflanzen auf der Fensterbank ließen die Blätter hängen.
Bernd Wiszniewski, Mieter der Dachwohnung am Marliring 30 in Lübeck, alarmierte das Gesundheitsamt. Der zuständige Gesundheitsingenieur kam, roch, urteilte: "Schnell raus hier!" Sechs Dachgeschoßwohnungen am Marliring wurden in dieser Lübecker Blitzaktion kurz vor Weihnachten für die Dauerbenutzung gesperrt.
Quelle des "bestialischen Gestanks" (Wiszniewski) und Ursache der Tränenreizung, so argwöhnten die Mieter, sei der Isolierschaum auf Harnstoff-Formaldehydbasis, mit dem die Dachstühle des Wohnblocks an Lübecks Marliring ausgeschäumt worden waren. Die Messungen der Gesundheitsinspekteure bestätigten den Verdacht: Formaldehydkonzentrationen zwischen 0,5 und 10 ppm
( ppm = parts per million; hier: 1 ppm = ) ( ein Teil Formaldehyd auf eine Million ) ( Teile Luft. )
hatten manche Bewohner schon ein halbes Jahr lang, seit Beginn der Isolierungsaktion, klaglos geschluckt -- bis zu hundertmal mehr, als von Amts wegen erlaubt. Die Konzentration darf in Wohnungen maximal 0,1, am Arbeitsplatz höchstens 1,0 ppm betragen.
Wegen seiner keimtötenden Wirkung dient Formaldehyd, ein farbloses, stechend riechendes Gas, als Desinfektionsmittel. Die Substanz wird zahlreichen Kosmetika als Konservierungsmittel beigemengt und ist überdies Bestandteil vieler Kunststoffe (Kunstharze). Ein "unersetzliches Mittel", so Professor Hans Ludwig Thron, Mediziner im Bundesgesundheitsamt, um bestimmte Viren zu inaktivieren, aber schon von 0,5 ppm an "sehr ungemütlich" für menschliche Schleimhäute. Nasenbluten, Orientierungsstörungen, sogar lebenslange Allergien können Folge des Einatmens formaldehyd-geschwängerter Luft sein.
Steigende Heizölpreise und die Bonner Zuschüsse für bessere Wärmedämmung von Wohnhäusern haben der Isolierschaum-Branche einen wahren Boom beschert. Von einer "regelrechten Dämm-Euphorie" spricht Lothar Gerhardy, im Fachverband Schaumkunststoffe zuständig für den Bereich "UF-Ortschaum" -- so der Sammelbegriff für Zweikomponenten-Schäume aus Urea-Formaldehyd.
"Da gibt es Firmen, die verkaufen das Zeug den alten Mütterchen an der Haustür", klagt ein Branchen-Insider. In Norddeutschland, wo viele Häuser S.198 zweischalige Außenwände haben, wird besonders viel geschäumt: Durch kleine Löcher wird der am Ort angemischte Schaum in Wand- und Dachhohlräume gespritzt und härtet dort aus.
Vier bundesdeutsche Herstellerfirmen haben sich zu einer "Güteschutzgemeinschaft Aminoplast-Montageschaum" zusammengeschlossen. Die Güte-Wächter verteilen Lizenzen an geschulte Verarbeiterfirmen und suchen die Schuld für Pannen vorwiegend bei den schwarzen Schafen: Firmen, die mit dem Isolierboom "wie Pilze aus dem Boden schossen" (Gerhardy) und im Wirrwarr der Produkte und Einschäumungsapparaturen nicht immer baunormengerecht mitmischen.
Fehler vor Ort freilich, das räumte die "Gütegemeinschaft" ein, können auch schon mal bei Beachtung der DIN-Vorschriften auftreten. Unter "bestimmten ungünstigen Bedingungen" (Gerhardy), wenn etwa der Zweikomponentenschaum nicht völlig exakt gemischt wird und das beim Austrocknen frei werdende Formaldehyd nicht nach außen entweichen kann, härtet der Schaum nie aus, dringt von "Regenschauer zu Regenschauer" (Gerhardy) immer wieder ein kräftiger Schub Formaldehyd in die Wohnung.
Nicht Pfusch am Bau, sondern ganz generell das "System dieses Schaumes" macht der Lübecker Gesundheits-Ingenieur Klaus Peter Böge für die Schäden verantwortlich. Das deckt sich offenbar mit der Einschätzung amerikanischer Behörden.
Ursprünglich hatte das amerikanische Energieministerium die weiße, rasiercremeähnliche Isoliermasse empfohlen. Doch alsbald häuften sich die Klagen von Hausbesitzern über Nasenbluten, Kopfschmerzen und Rachenreizungen. Und während die Bundesdeutschen immer noch sorglos mit dem UF-Ortschaum hantieren, hat der US-Staat Massachusetts die Verwendung von UF-Isolierschäumen in Privathäusern schon 1979 verboten. Seit kurzem droht in den USA sogar ein generelles Verbot für diesen Stoff.
Noch ist nicht geklärt, in welchem Ausmaß ein Leben zwischen UF-Schaumwänden die Gesundheit schädigt. Alarmierende Meldungen kamen vom Chemical Industry Institute for Toxicology in North Carolina. Ratten, die ein Jahr lang bis zu 15 ppm Formaldehyd inhaliert hatten, bekamen Nasenschleimhautkrebs.
Unterdes wehen in der Bundesrepublik nicht nur im hanseatischen Lübeck Formaldehydgase durch die Wohnräume. Vor drei Jahren schon gab es einen ähnlichen Fall in Garding bei Husum; dort war die Zwischendecke eines Wohnhauses mit UF-Ortschaum isoliert worden. Die Folgen: Der Wohnungsinhaber mußte im Stall schlafen, weil er 7 ppm Formaldehyd im Haus nicht ertragen konnte, und gab seine Kinder in ein Heim. Der Husumer Bauhandwerker, der die Decke geschäumt hatte, mußte 500 Mark Bußgeld zahlen.
Im ostfriesischen Kreis Leer gibt es seit dem letzten Sommer drei schaumgeschädigte Familien. Beißender Geruch und Schleimhautreizungen machen dort die Nutzung einiger Wohnräume teilweise unmöglich. Und bei seiner Lübecker Recherche schließlich ist Böge "von einer Überraschung in die andere getappt": Nur drei von 25 überprüften Wohnungen waren mit Werten bis zu 0,1 ppm "sauber", alle anderen lagen über diesem Wert.
"Eine ungeheure Schweinerei, die hier passiert", nennt es der Lübecker Gesundheitsbeamte. Doch mit einem Verbot des Schaums ist offenbar vorerst nicht zu rechnen.
Das Bundesgesundheitsamt (BGA) in West-Berlin weist die Zuständigkeit für ein Verbot von sich -- die liege bei den Behörden der Bundesländer. Liefern könnte das BGA eine Begutachtung der Schaum-Gefahren -- aber dafür, so ein Sprecher des Amtes, liege "bislang noch kein Antrag vor".
S.197 ppm = parts per million; hier: 1 ppm = ein Teil Formaldehyd auf eine Million Teile Luft. *

DER SPIEGEL 7/1981
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