07.04.1980

KULTURGESCHICHTE

Aroma vom Paradies

Pfeffer als Statussymbol, Kaffee als Wachmacher zum Kapitalismus, Hasch mit "postindustrieller" Zukunft -- ein neues Buch bietet Fakten und Thesen zur Geschichte der Genußmittel.

Der Kaffee, glaubten manche Zeitgenossen im 17. Jahrhundert, habe eine anti-erotische Wirkung und könne sogar impotent machen; er wurde daher besonders den vom Zölibat geplagten katholischen Geistlichen anempfohlen.

Die Trinkschokolade hingegen galt als Aphrodisiakum. Ein zeitgenössischer Versemacher warb so für das neuartige Getränk: "Du kostest es, mein Schatz, drauff werd ichs auch genießen / Ich reiche Dirs zugleich mit S.246 meinem Herzen dar / Weil wir der späten Welt noch Enkel geben müssen."

Dem Rauchen verhalfen die Landsknechte des Dreißigjährigen Krieges zu gesamteuropäischer Verbreitung, der Zigarre die napoleonischen Feldzüge, der (ursprünglich russischen) Zigarette die Soldaten des Krimkriegs.

Aufs Tabakschnupfen mochten spanische Priester im 18. Jahrhundert, trotz päpstlichen Verbots, nicht mal während der Messe verzichten. Um 1750 wurden in England pro Kopf jährlich acht Liter Schnaps geschluckt. Und das Opium war zu Beginn des 19. Jahrhunderts als Schmerzmittel so allgemein verbreitet und leicht zur Hand "wie heute das Aspirin".

Vermischtes aus der Geschichte der Genußmittel. Es wird mitgeteilt in einem Buch, das jetzt bei Hanser erscheint und das dem, wovon es handelt, auf angemessene Weise Ehre macht: "Das Paradies, der Geschmack und die Vernunft. Eine Geschichte der Genußmittel"

( Wolfgang Schivelbusch: "Das Paradies, ) ( der Geschmack und die Vernunft". Hanser ) ( Verlag, München; 248 Seiten; 39,80 ) ( Mark. )

ist so anregend wie diese.

Verfasser des mit über 100 historischen Abbildungen illustrierten Werkes ist Wolfgang Schivelbusch, 38, der sich schon früher als vielseitig beschlagener Kulturgeschichtsschreiber ausgezeichnet hat: Für seine "Geschichte der Eisenbahnreise" erhielt er 1978 den Deutschen Sachbuchpreis.

Sein neues Buch bietet nicht nur den Lesegenuß zahlreicher kulturhistorischer Kuriosa, sondern auch das Stimulans interessanter Theorien, die kaum ein geschichtliches Faktum, und sei es die Erfindung des Kakaopulvers, dem Zufall überlassen wollen.

"Jede Gesellschaft", schreibt Schivelbusch, "hat die Genuß- und Rauschmittel, die sie verdient, die sie braucht und die sie verträgt." Beispiel: "Die Trunksucht ist eine der mächtigsten Zivilisationskrankheiten. Daß ihre materielle Ursache, der Alkohol, dennoch so fest in unserer Kultur verankert ist, zeigt, daß sie ihn offenbar braucht."

Die durch Genuß- und Rauschmittel im menschlichen Organismus bewirkten Vorgänge, zu diesem Schluß kommt der Autor, "vollenden sozusagen chemisch, was geistig, kulturell und politisch schon vorher angelegt war".

Schivelbuschs Geschmackshistorie beginnt mit der Schilderung der in ihrer Intensität phantastisch anmutenden mittelalterlichen Gewürzkultur. Zimt und Muskat, Ingwer und Nelken, Safran und -- vor allem -- Pfeffer beherrschten seit dem 11. Jahrhundert in einem heute kaum nachschmeckbaren Ausmaß den Geschmack der Herrschenden, die sich erstmals von der allgemeinen Volksernährung absetzende feine Küche der Feinen.

Fleisch, Gemüse, Früchte und sogar der Wein wurden mit Gewürzen "in heute fremdartigen Kombinationen" geradezu überhäuft und erstickt. Sie waren oft "nicht viel mehr denn Vehikel für die Gewürze". Diese wurden manchmal auch pur als Dessert gereicht und dienten im übrigen nicht nur dem Gaumenreiz, sondern auch als Statussymbole: "Je vornehmer ein Haushalt, um so größer sein Verbrauch an Gewürzen."

Schivelbusch sieht diese epochale Geschmacksmode gespeist von religiös bestimmten Phantasien, die an die Herkunft der begehrten teuren Importe anknüpften: "Das Aroma der Gewürze, die aus dem Fernen Osten nach Europa kommen", so erläutert er, "wird als ein Hauch verstanden, der aus dem Paradies in die menschliche Welt herüberweht ..."

Im ausgehenden Mittelalter, mit dem zunehmenden Reichtum des den Adel imitierenden städtischen Bürgertums, stieg die Nachfrage nach Gewürzen so stark an, daß der Handel ihr auf den bisher erschlossenen Wegen nicht mehr nachkommen konnte. Der Autor zieht einen hübschen Vergleich zwischen der Gewürz-Abhängigkeit des Abendlandes vom Orient und der Abhängigkeit des heutigen Europas vom arabischen Öl und zitiert dazu aus dem Logbuch des portugiesischen Weltumseglers Vasco da Gama: "Wir sind auf der Suche nach Christen und Gewürzen."

Europäische Pfeffersucht, so Schivelbusch, führte schließlich zur unverhofften Entdeckung Amerikas -- eine "klassische List der Vernunft ... Die Gewürze spielen bei der Überführung des Mittelalters in die Neuzeit eine Art Katalysatorenrolle". S.247

Im 17. Jahrhundert waren Gewürzmarkt und Gewürzappetit der Europäer gesättigt, wenn nicht schon übersättigt. Zu neuen Genuß-Stars stiegen die "Kolonialwaren" Kaffee, Tee und Schokolade auf.

Zum Anregendsten in Schivelbuschs Buch gehört seine Darstellung des kultur- und sozialhistorischen Gegensatzes zwischen dem Kaffee, den er als bürgerlich-protestantisches "Leib- und Seelengetränk" interpretiert, und der Trinkschokolade, die er als aristokratisch-katholisch deutet.

Er schildert und zitiert überzeugend, wie das Bürgertum des späten 17. Jahrhunderts den Kaffee als den "großen Ernüchterer" begrüßt: "Die Vernunft und die Geschäftstüchtigkeit des Kaffeetrinkers werden dem Rausch, der Unfähigkeit und Faulheit des Alkoholtrinkers gegenübergestellt, am deutlichsten in Texten aus dem puritanischen England" -- der Kaffee als Wachmacher zu Aufklärung, Rationalismus und Kapitalismus.

In England und Holland, im protestantischen Nordwest-Europa also liegt laut Schivelbusch das "Gravitationszentrum" des Kaffees im 17. und 18. Jahrhundert.

Im katholischen Süden dagegen, in Spanien und Italien, lokalisiert er das "Kraftzentrum" der (aus Mexiko eingeführten) Schokolade. Katholiken schätzen sie wegen ihres hohen Nährwerts als Getränk für die Fastenzeit. Vom spanischen kommt sie an den französischen Hof, wird zum Statusgetränk des Ancien Regime, zum -- oft im Boudoir und noch im Bett geschlürften -- Frühstücksgenuß der Rokoko-Aristokratie.

Schivelbusch: "Sitzt die (kaffeetrinkende) bürgerliche Famlie aufrecht und diszipliniert am Frühstückstisch, so ist hier alles fließende, lässig-müde Bewegung. Macht der Kaffee gleichsam ruckartig wach für den Arbeitstag, so kultiviert die Schokolade eher jenen Zwischenzustand von Liegen und Sitzen, den die zeitgenössischen Abbildungen wiedergeben: das allmorgendliche Erwachen einer untätigen Klasse zum gepflegten Nichtstun."

So weit (zu weit?) treibt der Geschmackshistoriker derlei Interpretationskunst, daß er seinem Kaffee-Schokolade-Schema sogar zwei sonst in anderen Zusammenhängen figurierende Geistesgrößen einzupassen weiß: "Goethe, der sich als Mitglied einer höfischen Gesellschaft auch in seiner Produktion eine aristokratische Ruhe leisten kann, macht aus der Schokolade einen Kult. Balzac, der für den Literaturmarkt, und nur dafür, arbeitet und lebt, ist als einer der exzessivsten Kaffeetrinker in die Geschichte eingegangen."

Die Opulenz solcher Mitteilungen und Deutungen, Vergleiche, Thesen und Anekdoten macht (auch wenn manche bezweifelbar erscheinen mögen) die Lektüre dieses Buches durchweg genuß- und lehrreich.

Bedenkenswert, was Schivelbusch zum "Modernitäts"-Phänomen der Genußbeschleunigung S.248 (etwa von der gemütlichen Pfeife über die schon "schnellere" Zigarre zur nervösen "Zigarettenlänge") einfällt; oder wie er den öffentlich-fortschrittlichen Charakter der englischen Kaffeehauskultur der privatistischen "Kaffeekränzchen"-Idylle des deutschen Biedermeiers kontrastiert.

Er beschreibt oder streift so bemerkenswerte Phänomene wie die "Inversion" der Zigarre vom revolutionären Symbol im deutschen Vormärz zum typischen Unternehmer-Accessoire, wie die "Evolution des Tresens" und die Bedeutung der Kneipe für das Proletariat, wie die Rolle des Branntweins als Disziplinierungsmittel im Militär oder den "alltäglichen" Opiumkonsum von Arbeitern im Manchester-Kapitalismus.

Den erst im 20. Jahrhundert so genannten Rauschgiften, den Rauschmitteln Opium, Kokain, Haschisch und Marihuana, ist das letzte Kapitel gewidmet. Einleuchtend wird dargestellt, welchen Anteil an der Tabuisierung der Rauschdrogen gerade -- gegen ihre Absicht -- die "Opium- und Haschisch-Literaten des 19. Jahrhunderts" hatten, die Baudelaire und Coleridge und de Quincey zum Beispiel.

Indem sie die Drogen als Mittel zur Ich-Auflösung, als Vehikel zur Flucht aus einer verabscheuten Realität priesen, schreckten sie die Gesellschaft aus ihrer bisherigen Gleichgültigkeit gegenüber jenen Stoffen auf. Mit ihren extravaganten Imaginationen und ihren antisozialen Affekten leisteten die Poeten der "künstlichen Paradiese", so Schivelbusch, "der bürgerlichen Gesellschaft gleichsam Formulierungshilfe bei der Tabuisierung dieser Drogen" -diesmal eine List der Unvernunft?

In der gegenwärtigen Gesellschaft nun erkennt der Genußgeschichtler Anzeichen für eine Wende: Die bürgerliche "Berührungsangst" vor den Rauschmitteln, zumindest den "weichen", habe abgenommen, man betrachte diese als "mögliche Schlüssel für eine neue Sensibilität". Und es erscheint ihm "denkbar, fast absehbar, daß Haschisch und Marihuana einmal ähnlich allgemeine Genußmittel werden wie vor 300 Jahren der Tabak".

Das wäre wahrlich, mit Schivelbusch zu reden, eine "epochale Veränderung", und es wäre wohl -- so high, wie er sie prognostiziert -- eine nach seinem Geschmack: "So wie im 17. Jahrhundert die Kaffee- und Tabakverbote Rückzugsgefechte mittelalterlicher Weltanschauung waren (welche zu Recht in den neuen Genußmitteln die bürgerlich-neuzeitliche Dynamik witterte), so lassen sich die heute noch geltenden Verbote der Rauschdrogen interpretieren als Rückzugsgefechte bürgerlicher Rationalität und Selbstdisziplin."

Wohl bekomm''s]

S.246 Wolfgang Schivelbusch: "Das Paradies, der Geschmack und die Vernunft". Hanser Verlag, München; 248 Seiten; 39,80 Mark. *

DER SPIEGEL 15/1980
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