16.06.1980

NS-KURIOSATrunkene Sehnsucht

Eine Hohe Frau des Dritten Reiches erinnert sich: Henriette von Schirach erzählt „Anekdoten um Hitler“.
Jung-Adolf war ein stolzer Knab'. Wenn ihn der Herr Lehrer nicht richtig beim Namen nannte, "Hiter" statt Hitler sagte, verschränkte er die Arme und überhörte den Appell des Pädagogen.
Als er größer war, der Größte, photographierte ihn sein Leiblichtbildner Heinrich Hoffmann einmal mit dem Scotch-Terrier "Burli" der Lebensgefährtin Eva Braun. Wütend verbot Hitler die Veröffentlichung: "Ein Staatsmann läßt sich nicht mit einem kleinen drolligen Hund photographieren. Nur ein deutscher Schäferhund ist eines Mannes würdig."
Gerühmt wird seine Schlagfertigkeit. Eine Mücke, die sich zum Stechen auf der Backe eines Generals niedergelassen hatte, zerdrückte er blitzschnell, und der hohe Offizier, der Blut im Gesicht spürte, erschrak. Da spöttelte Hitler: "Sehen Sie, meine Herren, das ist der erste deutsche General, bei dem in diesem Kriege Blut fließt."
"Ich bin ein mediterraner Mensch", gestand er in stiller Stunde. "Wenn der schreckliche Krieg endlich zu Ende ist, will ich in den Albaner Bergen zeichnen und malen wie viele deutsche Künstler vor mir."
Der Führer, wie ihn keiner kennt. Ein sonderbares Buch, das soeben erschienen ist, will endlich einmal --Verlagstext -- "den anderen Hitler zeigen, den Heiteren, den Mitmenschlichen, den gemütlichen Österreicher, den trunkenen Künstler, den Geistreichen voller Einfälle".
"Anekdoten um Hitler" heißt das Schatzkästlein für den braunen Hausfreund. Der "Türmer-Verlag" vom Starnberger See, Spezialist für Reichs-Kleinodien, hat es herausgebracht, und verfaßt ist es von einer, die an die 20 Jahre zum inneren adolfinischen Kreis gehörte: Henriette von Schirach, Tochter des Hitler-Photographen Heinrich Hoffmann und ehemals Gattin des Reichsjugendführers Baldur von Schirach.
Im gesegneten Alter von 66 Jahren kramt die Hohe Frau noch einmal im Nähkörbchen der Erinnerungen. Ihr Anliegen: "Ich habe versucht, in der einen und anderen Anekdote 'meinen' Hitler blitzlichtartig zu erhellen."
Denn wenn sie an ihn denke, so schreibt sie einleitend, "sehe ich nicht den triumphierenden Führer unterm Lichterdom", nicht den "Parsifal", dessen "Augen der trunkenen Sehnsucht über die Gipfel in die Unendlichkeit schweifen", nicht den "geschlagenen Hitler", der am "Kaminfeuer" die Verlustmeldungen liest -- "mit der linken Hand verdeckt er seine Augen, damit niemand seine Tränen sieht".
Nein, sie muß weiter zurückdenken, "in das Jahr 1921, als der junge überschlanke Hitler in die Werkstatt meines Vaters kommt und ihn wie später immer wieder fragt: 'Hoffmann, was gibt es Neues?'".
Das war in der Münchner Schellingstraße, nahe der "Osteria Bavaria", in der Hitler gern sein Vegetarier-Menü nahm. Hitler wurde "gleichsam Stammgast bei den Hoffmanns", schreibt Henriette von Schirach, und eine kleine Verkäuferin in Hoffmanns Photoladen, Eva Braun, spielte dann auch noch eine Rolle. S.181
Im Jahr 1932 heiratete die Studentin Henriette den Reichsjugendführer Baldur von Schirach; Trauzeugen: Adolf Hitler und SA-Stabschef Röhm. Mit Hitlers Machtergreifung begann der schwindelnde Aufstieg in die Etage der Paladine, in die Fürsten-Suite des Dritten Reiches.
Unterm Titel "Der Preis der Herrlichkeit" hatte Henriette von Schirach im Jahre 1956 schon einen Kassensturz ihres Lebens gemacht -- damals zeitgemäß-chic in Sack und Asche. In ihren "Anekdoten" sieht sie wieder klar: "Hitler war ein Verzauberer, ein Anrufer und Aufbieter der Seelen wie seit Luther keiner mehr."
Rund 80 Schnurren und Kalendergeschichten, erlebte und gehörte, hat sie zusammengetragen, unter heimeligen Spitzmarken wie: "Der Gefreite auf Nachtwache", "Hitlers erster Kuß", "Am Grabe Napoleons", "Hitlers Vorsehung". Ein Jammer, daß der Mann den Krieg verloren hat.
Seine Tierliebe, beispielsweise, war vorbildlich. So rang er dem Duce, für "eine Million kleiner Laubbäume zur Renaissance Ihrer verkarsteten Bergketten", das Versprechen ab, "daß unsere Zugvögel nicht mehr in tödlichen Fangnetzen umkommen". Henriette von Schirach: "Der Duce reichte dem Führer gerührt die Hand."
Die Jagd war ihm ein Greuel. Er vermieste "Parteigenossen in führender Stellung" das Schießvergnügen und bot eingesperrten Wilderern Bewährungshilfe: "Himmler soll aus seinen Wilderer-Häftlingen eine Spezialtruppe von Scharfschützen zusammenstellen."
Zum Weibe stand er zwiespältig. Schon als Feldgrauer im Schützengraben "suchte der Idealist Hitler diesen Urtrieb zu steuern -- mit Hilfe des Philosophen und Weiberfeindes Schopenhauer". Bei einem Künstlerfest im Hause Hoffmann, Silvester 1924, reagierte er "wie der reine Tor":
Denn als ihn da ein Photomodell, mit "Augen voller Lüste", überraschend küßte, traf ihn schier der Schlag: "Wie von einem Taumel erwacht, rannte Hitler zum Ausgang, ergriff seine Reitpeitsche und eilte in die schneebedeckten Straßen Münchens hinaus."
Heirat kam für ihn nicht in Frage, Gründe hatte ihm sein getreuer Dietrich Eckart geliefert: "Infolge der Gefallenen des Weltkrieges seien die Frauen bei weitem in der Überzahl. Wer Deutschland einmal führen wolle, könne nur mit Hilfe der Frauen zur Macht gelangen." Um allen Frauen "die auch noch so vage Hoffnung zu suggerieren, er sei noch zu haben", müsse der "Retter Deutschlands" unverheiratet bleiben.
Im Jahre 1932 hatte sich Eva Braun aus Eifersucht seinetwegen beinahe totgeschossen. Seinem Leibphotographen vertraute er, er wolle "für sie sorgen", sie aber nicht heiraten: "Meine Einstellung zu diesem Thema kennen Sie ja." Hitler: "Evas größter Vorzug ist es, kein politischer Blaustrumpf zu sein. Politische Frauen hasse ich. Die Freundin eines Politikers darf nicht gescheit sein."
Das wird auch heute noch manchem aus der Seele gesprochen sein. Und ein rechtes Trostbüchlein sind die "Anekdoten" für jene, die wähnen, der Führer hat von all den schlimmen Sachen in seinem Reiche nichts gewußt.
So konnte ihr Vater, erzählt Henriette, einen jungen Künstler vor dem Galgen bewahren. Was der denn gemacht habe, wollte Hitler wissen. Hoffmann: "Er ist zum Tode verurteilt, weil er Sie beleidigt hat." Hitler: "Reden Sie kein dummes Zeug] Deswegen wird man doch nicht gleich zum Tode verurteilt."
Hitler war ein Zuckmayer-Fan. "Das wäre der Dichter des Dritten Reiches", sagte er zu Hoffmann, "Zuckmayer könnte wie kein anderer die Probleme des deutschen Volkes mit ungeheurer propagandistischer Dynamik gestalten." Doch Zuckmayer wurde "von Goebbels fanatisch bekämpft". Ein Machtwort Hitlers, "daß man alles tun müsse, damit Carl Zuckmayer nicht emigriert wie Thomas Mann", zerschellte am Widerstand des kleinen Doktors. Henriette: "Hitler kapitulierte vor seinem Gefolgsmann]"
Zuweilen hat der Führer seinen Hofschranzen auch richtig Spaß gemacht. Als er von einem Staatsbesuch in Rom zurückgekehrt war, erzählt Henriette, "bereitete es ihm diebisches Vergnügen, den körperlich unproportionierten König Viktor Emanuel schauspielerisch perfekt zu imitieren". Nämlich: "Der italienische Monarch war eine Sitz-Größe, und Hitler verstand es zum Gaudium seiner engsten Mitarbeiter hinreißend, die tragikomischen Veränderungen des stehenden und des sitzenden Königs nachzuvollziehen."
Den Mann, der sie "verwöhnte und bildete", sieht Henriette freilich zuweilen auch kritisch, beispielsweise Hitlers Tick, sich nicht in der Badehose zu zeigen. "Das macht ein großer Staatsmann nicht", sagte er. "Wo bliebe die Ehrfurcht vor Napoleon, wenn uns solche Bilder von ihm überliefert wären?"
Darob seufzt Frau Henriette: "'Der Menschheit ganzer Jammer faßt mich an', möchte man mit Goethes Faust angesichts derartig infantiler Bekenntnisse eines geschichtsmächtigen Mannes ausrufen]" Steht doch der Braunauer mit dem Weimarer Altmeister auf einer Stufe -- Frau von Schirach: "Die Begegnung und Freundschaft von Winifred Wagner und Adolf Hitler darf man mit der Goethes und Frau von Steins vergleichen."
Hitler, der Künstler. "Seinem Volk den Lebensraum zu erobern", schreibt Henriette, "war das Kernstück seiner politischen Mission", nach Stalingrad wußte er, "daß er damit gescheitert war". Nun sei in ihm "die zweite Seele, die in Wahrheit die erste war und blieb, aber verdrängt werden mußte", erwacht: "Sein Drang nach dem Süden, sein ungestillter und nun unerfüllbarer Traum, als 'mediterraner Mensch' unsterbliche Kunstwerke zu schaffen."
"Hierin", schließt die Witwe, "liegt Hitlers eigentliche Tragik." Seine?

DER SPIEGEL 25/1980
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