10.11.1980

Der Papst ist das größte Hindernis

Zum erstenmal kommt ein Papst in das Land Martin Luthers. An diesen Papstbesuch knüpfen sich evangelische Hoffnungen auf ein besseres Verständnis zwischen der protestantischen und der katholischen Kirche. Aber alle ökumenischen Bestrebungen müssen am Dogma von der Unfehlbarkeit des katholischen Lehramts scheitern.

Er kommt in die Bundesrepublik, um, wie er sagt, "die ganze geliebte deutsche Nation (zu) ehren, die so eng verbunden ist mit der Geschichte der Kirche, des Christentums und so tief verwurzelt in der christlichen Tradition".

Pathetische Worte, die Papst Johannes Paul II. bestimmt nicht ganz leicht über die Lippen gekommen sind. Denn sein fünftägiger "Pastoralbesuch", den der Pontifex maximus am Samstag dieser Woche beginnt, führt ihn in das Land, in dem die Spaltung der westlichen Christenheit begann, in das Land, in dem vor 435 Jahren die polemische Nachricht verbreitet wurde, das Papsttum zu Rom sei "vom Teufel gestiftet".

Johannes Paul II. kommt in das Land Martin Luthers, in dem es zur katholischen Tradition gehört, daß dem Doktor Martinus und dessen Anhängern seit dem 3. Januar 1521 alle Christen- und Menschenrechte abgesprochen sind.

Das schien freilich längst vergessen. Mit dem Zaubermittel "Ökumene"

( Aus dem Griechischen oikein = wohnen. ) ( Ökumene war ursprünglich die ) ( geographische Bezeichnung für den ) ( Siedlungsraum des Menschen auf der ) ( Erde. Theologisch ist Ökumene die ) ( Bezeichnung für die Gesamtheit der ) ( christlichen Kirchen. Ökumenismus ist ) ( seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil ) ( die Bezeichnung für die ) ( interkonfessionellen ) ( Einigungsbestrebungen. )

hatten Katholiken und Protestanten den tiefen Graben zu überbrücken versucht, der die beiden Kirchen in Deutschland trennte. Und scheinbar hielten die Brücken auch -- bis sich Johannes Paul II. zu Besuch ansagte.

Daß der Papst "das größte Hindernis auf dem Weg zum Ökumenismus ist", hatte Papst Paul VI. deutlich erkannt, aber noch nie ist das auf so kleinkarierte Weise demonstriert worden wie jetzt vom deutschen Episkopat.

Mit protokollarischem Gezerre und ollen Kamellen aus der Reformationszeit traktierte er die evangelischen Amtsbrüder. Da hatte sich der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) angebiedert, das "gegenseitige Verstehen" und die "verheißungsvolle Zusammenarbeit" durch ein Gespräch S.49 mit dem Papst zu vertiefen. Doch dafür hatten die Bischöfe keine Minute der kostbaren 106 Papststunden in der Bundesrepublik vorgesehen.

Im übrigen, so ließen sie die EKD-Vertreter wissen, dürften sie ja -- auf ausdrücklichen Wunsch des Heiligen Vaters -- mit Vertretern aller nichtkatholischen Kirchen dem Stellvertreter Christi eine Stunde lang ihre Aufwartung machen.

Die Nachfahren Luthers protestierten nicht. Sie barmten (ein nur "protokollarisches Gruppenbild mit Papst" sei doch zuwenig) und bettelten so lange, bis ihnen die Bischöfe großzügig gestatteten, den Papst 60 Minuten in Mainz für sich allein zu haben.

Zu Recht bekamen sie dafür von dem Hamburger Theologen Helmut Thielicke Schelte: "Mir kommt es subaltern vor, daß der Rat der EKD sich bemüht, in letzter Minute noch eine einstündige Audienz beim Papstbesuch herauszuschinden."

Aber die EKD-Räte feierten den Smalltalk zu Mainz schon vorweg als eine "historische Stunde, wenn sich erstmals auf deutschem Boden offiziell die Nachfahren Martin Luthers mit dem Nachfolger Leos X. treffen, der am 3. Januar 1521 den Reformator aus der römischen Kirche ausschloß".

Daß es bei diesem Gespräch für Luther jedoch keinen Pardon geben könne, machten die Bischöfe unmittelbar darauf den "getrennten Brüdern und Schwestern" deutlich. In einer eigens zum Papstbesuch veröffentlichten "Kleinen deutschen Kirchengeschichte" verbreiteten sie zum Preis von 5,80 Mark die alten Vorurteile.

Luthers "Reformation brachte keine Reform, sondern die Spaltung der Kirche"; er sei "blind" gewesen "für die katholische Wahrheit"; seine Hochzeit mit der ehemaligen Zisterziensernonne Katharina von Bora -- "mitten während der Schrecken des Bauernkrieges" -- sei "durch Unzucht und Gelübdebruch befleckt und durch das Blut so vieler tausend Ermordeter besudelt" worden; und nicht einmal die Übersetzung der Bibel sei eine besondere Tat gewesen, denn "bis dahin lagen bereits 18 deutsche Bibelübersetzungen vor", und zudem sei Luthers Übersetzung zu sehr "eine Interpretation im Sinne seiner theologischen Ansichten".

Die evangelische Kirche meldete diesmal öffentlich Protest an, aber der fiel reichlich zahm aus. Das sei zwar ein "unerhörter Tiefschlag", mahnte Hartmut Löwe, Vizepräsident der EKD-Kirchenkanzlei, aber die EKD habe die Hoffnung, daß "katholische Bischöfe und Wissenschaftler eine deutliche Zensur für die Fehlleistung" des Autors, des Freiburger Kirchenhistorikers Remigius Bäumer, finden würden.

Dabei blieb es fast auch schon. Der EKD-Ratsvorsitzende, Landesbischof S.51 Eduard Lohse, sagte gar nichts, und Hermann Dietzfelbinger, ehemaliger Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, wiegelte im "Rheinischen Merkur/Christ und Welt" ab: "Zur Resignation oder gar zum Abbruch des Gesprächs" zwischen den beiden Kirchen ist "kein Anlaß. Der Fall Bäumer scheint mir dafür zu klein".

Doch nicht nur der Fall Bäumer kündigt einen Rückfall in gegenreformatorische Polemik an, und der Freiburger Professor ist auch nicht allein schuld am "ökumenischen Scherbenhaufen", vor dem Bayerns Kultusminister Hans Maier, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, gewarnt hat.

Das "ökumenische Klima" habe sich verändert, stellt Karl Immer, Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, fest. Er stützt sich auf Berichte evangelischer Glaubensbrüder aus Polen und Italien, in denen davon die Rede sei, "daß seit Amtsantritt dieses Papstes ihnen ein kalter Wind von seiten vieler Katholiken entgegenweht".

In der Tat, Karol Wojtyla der Pole, in dessen Land Ökumene ein Fremdwort ist, hat bald nach seinem Amtsantritt, in der Enzyklika "Redemptor hominis", deutlich gemacht, was er unter Ökumene versteht und verstanden wissen will: "Keinesfalls bedeutet sie oder kann sie bedeuten, auf die Schätze der göttlichen Wahrheit, die von der Kirche beständig bekannt und gelehrt worden sind, zu verzichten oder ihnen in irgendeiner Weise Abbruch zu tun."

Die Mitglieder des vatikanischen Sekretariats für die Einheit der Christen warnte er vor "jeder Leichtfertigkeit und jedem unklugen Eifer", und er berief sich dabei auf Gott, der "einen Zeitpunkt für die Verwirklichung seines Heilsplans für die christliche Einheit" festgelegt habe.

In einer Analyse der rund 20 Reden Johannes Pauls II. zur christlichen Einheit kamen evangelische Theologen zu dem Schluß, daß der Papst immer nur dieselben Versatz-Stücke zu Dokumenten der ökumenischen Passivität Roms kombiniere.

Doch ist Wojtyla in Sachen Ökumene wirklich der "katholischste Papst" dieses Jahrhunderts? Kann überhaupt ein Papst das ökumenische Liebesgeflüster ernst nehmen, solange das als Anstalt göttlichen Auftrags und Rechts fungierende "Lehramt" der römischkatholischen Kirche für sich beansprucht, der Fels des unfehlbaren Dogmas in der Brandung der irrenden Häresien zu sein? Auf diesem unerschütterlichen Fels ruht nach katholischem Kirchenverständnis alles, an ihm wird alles gemessen.

Von den Definitionen des Lehramts hängt daher ebenso ab, was Ketzerei, "Häresie" (von griechisch hairesis = Auswahl) sei. Zwar sind Häretiker immer noch Menschen, die Christen bleiben wollen, aber sie wählen eben falsch unter den Schätzen des Glaubens aus. Sie reißen Einzelwahrheiten heraus, oder aber, schlimmer, sie leugnen ein (unfehlbares) Dogma.

Nun "leugnen" aber die evangelischen Christen eine Reihe katholischer Dogmen:

* die Unfehlbarkeit (und den Primat) des Papstes,

* die Unbefleckte Empfängnis der Jungfrau Maria und

* die Leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel.

Als Leugner katholischer Dogmen sind und bleiben daher auch die Protestanten nach römischem Verständnis Ketzer -- und zwar trotz der schönen Worte, die das Zweite Vatikanum an die Adresse der "Brüder im Herrn" gerichtet hat.

So heißt es im ersten Kapitel des "Dekrets über den Ökumenismus", den jetzt in den (abtrünnigen) Gemeinschaften Geborenen dürfe die Schuld an der Trennung nicht zur Last gelegt werden, "die katholische Kirche betrachtet sie als Brüder, in Verehrung und Liebe. Denn wer an Christus glaubt und in der rechten Weise die Taufe empfangen hat, steht dadurch in einer gewissen, wenn S.53 auch nicht vollkommenen Gemeinschaft mit der katholischen Kirche".

Doch schon im selben Kapitel wiederholten die Konzilsväter, was die katholische Kirche ihrem Selbstverständnis nach ist und wohl auch bleiben wird: Nur durch sie und durch sie allein, "die das allgemeine Hilfsmittel des Heiles ist, kann man Zutritt zu der ganzen Fülle der Heilsmittel haben". Und an anderer Stelle, im Kirchen-Dekret, heißt es: Es gibt zwar auch außerhalb der Kirche "vielfältige Elemente der Heiligung und der Wahrheit", die jedoch "als der Kirche Christi eigene Gaben auf die katholische Einheit hindrängen": nur auf die katholische also.

Ökumene heißt also im Verständnis des katholischen Lehramts: Rückkehr in den Schoß der Mutter Kirche -nichts sonst.

Nach evangelischem Verständnis steht jedoch nicht die Kirche im Zentrum der Verkündigung, nicht einmal so sehr der Glaube der Kirche, sondern der Glaube des einzelnen an seine Erlösung durch die alles bewirkende, allein von Christus vermittelte, in der Taufe Gestalt annehmende Gnadentat Gottes.

Dreimal sprach Luther ein "allein" aus, das ihm als notwendig erschien, um seine "Theologie des Kreuzes" von der "Theologie der Herrlichkeit", des Gesetzes und der Werke abzuheben, die ihm die Lehre der Kirche zu verfälschen schien.

* "Allein durch den Glauben" (sola fide): Der Mensch wird nur im Glauben an die göttliche Gnade gerechtfertigt. Er vermag durch die Allgewalt der Sünde nichts aus eigener Kraft dazu zu tun.

* "Allein durch die Gnade" (sola gratia): Die Gnade Gottes rechtfertigt im ungeschuldeten Opfertod Jesu Christi den Menschen, indem sie ihn an Leiden und Tod Christi als Gnadentat für die Erlösung aller Menschen glauben heißt.

* "Allein durch die Schrift" (sola scriptura): Nur die Heilige Schrift ist letztlich Norm und Richtschnur allen christlichen Glaubens und Handelns, nicht aber sind es Tradition und Lehramt einer sich als göttliche Heilsanstalt und Verwalterin aller Gnadenmittel auslegenden Kirche.

Daher verwarf Luther im Namen des Evangeliums den Anspruch der katholischen Amtskirche, sich als Heilsanstalt göttlichen Rechts, als Trägerin einer Tradition anzusehen, die nicht nur im Namen, sondern durch das förmliche Wirken des Heiligen Geistes sich dazu berechtigt und ermächtigt glaubte, auch nach dem Abschluß der Offenbarung in der Schrift neue absolute und mit dem Charakter göttlicher Unfehlbarkeit ausgestattete Heilswahrheiten zu verkünden.

Aber eben diesen Anspruch kann die katholische Kirche nicht aufgeben, denn auf ihn muß sie sich schließlich auch berufen, wenn es etwa um die Unauflöslichkeit der Ehe oder die Heiligung des Amtspriesters geht als eines vom Vatergott über die Mutter Kirche eingesetzten Mittlers.

Die Heiligung bleibt deshalb evangelischen Geistlichen versagt, sie sind für die katholische Kirche keine Priester. Weil aber für das Abendmahl ein S.54 geweihter Priester unabdingbar sei, stellte das Zweite Vatikanum fest: Die Protestanten hätten "vor allem wegen des Fehlens des Weihesakraments die ursprüngliche und vollständige Wirklichkeit des eucharistischen Mysteriums nicht bewahrt".

Daher ist auch das evangelisch gespendete Abendmahl für katholische Gläubige "ungültig". Im "Ökumenischen Direktorium", den amtskirchlichen katholischen Richtlinien aus dem Jahre 1967, heißt es daher immer noch ganz konsequent, ein Nichtkatholik könne auf eigenen Wunsch "bei Todesgefahr oder in schwerer Not (Verfolgung, Gefängnis)" das katholische Sakrament der Eucharistie erhalten, wenn er daran glaubt und "in der rechten inneren Verfassung" sei.

Doch umgekehrt heißt es in Sachen Abendmahl schroff: "Ein Katholik aber, der sich in derselben Lage befindet, darf diese Sakramente nur von einem Amtsträger, der die Priesterweihe gültig empfangen hat, verlangen."

Für die ökumenische Praxis bedeutet das: Die sogenannte Interkommunion, also die Teilnahme von Protestanten an der katholischen Meßfeier mit Empfang der Hostie und die Teilnahme von Katholiken am evangelischen Abendmahl, ist nicht erlaubt.

Aber auch so eindeutige Absagen an die Abendmahlsgemeinschaft katholischer und evangelischer Christen halten die EKD nicht davon ab, den Traum der Ökumene zu träumen. In einer "Handreichung" für evangelisch-katholische Begegnungen heißt es optimistisch: "Das ökumenische Abendmahlsgespräch ist im Gang. Solange keine Einigung erzielt ist, sollten einzelne, die den Empfang des Abendmahls in der anderen Kirche wünschen, nach seelsorgerlichem Ermessen zugelassen werden."

Als absurd erscheinen alle ökumenischen Beteuerungen der katholischen Kirche angesichts der Mischehen-Praxis. Während die katholische Kirche die Ehe als Sakrament ansieht und noch immer an ein eigenes kirchliches Recht bindet -- sie erkennt das staatliche Recht nur hinsichtlich der bürgerlichen Wirkungen an --, ist in der protestantischen Kirche die Ehe kein Sakrament. Auch nur standesamtlich geschlossene Ehen werden als gültig anerkannt.

Außerdem gilt noch immer in der katholischen Kirche die Konfessionsverschiedenheit der Partner als ein "Ehehindernis", von dem der Katholik nur befreit werden könnte, wenn er verspräche, in der Ehe als katholischer Christ zu leben, und sich nach Kräften darum bemühen wird, die Kinder "in der katholischen Kirche taufen zu lassen und im katholischen Glauben zu erziehen".

Fatal wird es für den katholischen Ehepartner, wenn er es nicht schafft, seine Kinder katholisch taufen zu lassen. Dann nämlich, so verfügte die Deutsche Bischofskonferenz, "beinhaltet das Versprechen, daß er durch seine beispielhafte Lebensführung den Kindern den katholischen Glauben nahebringt und durch religiöse Fortbildung seinen Glauben vertieft, um mit seinem Ehepartner ein fruchtbares Glaubensgespräch führen ... zu können". Mit anderen Worten: Er ist verpflichtet, Partner und Kinder zum wahren Glauben zu bekehren.

Daß die römische Kirche nicht bereit ist, im Geist der Ökumene Konzessionen zu machen, wird durch die Tatsache erhellt, daß sogar ein Votum der katholischen Würzburger Synode abgelehnt wurde, die Konfessionsverschiedenheit generell als Ehehindernis aufzuheben.

Aber es gibt ja nicht nur Ehehindernisse, die dem Einheitsstreben katholischer und evangelischer Christen entgegenstehen. Unbefleckte Empfängnis und Mariens Himmelfahrt, wie überhaupt die Marienverehrung der katholischen Kirche, haben von Anfang an den Widerspruch evangelischer Theologen herausgefordert.

Nicht nur das am 1. November 1950 von Papst Pius XII. verkündigte Dogma von der Leiblichen Aufnahme der "Gottesmutter" Maria in den Himmel, sondern auch die besondere Marien-Anhänglichkeit des Polen Johannes Paul II. -- ein neues Dogma: Maria als "Miterlöserin" wird erwartet -beunruhigt die Protestanten.

Der Ökumenismus hat in der katholischen Kirche keine Chance. Weder gelegentliche Verbrüderung der Laien noch spitzfindige Versuche katholischer Theologen, die Dogmen -- besonders die Unfehlbarkeit und den Primat des Papstes -- ökumenisch zu interpretieren, S.56 weder ökumenische Wortgottesdienste und Kongresse noch gutgemeinte Proklamationen von Bischöfen und Kardinälen können an dem Satz rütteln: "extra ecclesiam nulla salus", außerhalb der Kirche gibt es kein Heil.

Von diesem Satz kann die katholische Hierarchie noch weniger abweichen als die Bundesregierung von dem Verfassungsauftrag, die Wiedervereinigung Deutschlands immer und immer wieder in ihr Programm aufzunehmen.

Die katholische Kirche kann nicht einmal dem Ökumenischen Rat der Kirchen beitreten, in dem sich 1948 alle übrigen christlichen Kirchen zusammengeschlossen haben. Sie würde damit eingestehen, daß sie nicht allein die Kirche Christi wäre, daß es neben dem katholischen Weg auch noch andere Wege zum Heil gäbe.

Das könnte sie jedoch nur, wenn sie ihre Definition vom Wesen der Kirche und die Autorität des Lehramts aufgäbe, aber darüber haben schon vor rund 460 Jahren Martin Luther und der römische Dogmatiker Johannes Eck drei Wochen lang vergebens diskutiert.

So war dieses erste "ökumenische" Gespräch im Jahre 1519 eigentlich auch schon das letzte gewesen. Bleibt die Frage, warum die evangelische Kirche mit einer die Grenzen der Selbstachtung verletzenden Verbissenheit die Hände nach Rom ausstreckt, obwohl sie immer wieder abgewiesen wird?

Angesichts der Pluralität evangelischer Lehrmeinungen erscheint vielen protestantischen Christen das Papsttum als Garant einer Lehr- und Glaubenseinheit, die sie in ihrer Kirche vermissen. Daß jeder Gottesgelehrte mit seiner Theologie als Autorität auftreten kann, verwirrt evangelische Christen.

Sie wissen nicht einmal mehr, wie viele reformatorische Kirchen es überhaupt gibt: Staatskirchen, Freikirchen, Glaubensgemeinschaften -- und christliche Sekten. Daher, so meint der evangelische Theologie-Professor Wolfhart Pannenberg, setze sich mehr und mehr die Erkenntnis durch, "daß ein Amt der Einheit nötig ist: als Zeichen und als Werkzeug für das Bleiben in der Wahrheit, das der Kirche verheißen ist".

Dabei gehen evangelische Christen freilich von der trügerischen Hoffnung aus, "daß es jenseits der Alternative ''Unterwerfung unter den Papst'' oder ''Abschaffung des Papsttums'' durchaus Ansätze zu einer Verständigung gibt".

Zweifellos hat dazu das Theologengezänk innerhalb der katholischen Kirche über die Unfehlbarkeit des Papstes beigetragen. Die Forderung des Tübinger Theologen Hans Küng, das Infallibilitätsdogma zu revidieren, war für evangelische Christen ein Signal. Sie haben übersehen, daß in der katholischen Kirche nicht einzelne Theologen über Glaubenssätze entscheiden, sondern das unfehlbare Lehramt, das nach eigenem Verständnis allein im Besitz der Wahrheit ist.

Am "Fels Petri" muß jede evangelische Hoffnung auf Einheit zerschellen, aber auch jeder von katholischen Christen unternommene Versuch, über eine "versöhnte Verschiedenheit" hinaus zur Einheit mit den getrennten Brüdern und Schwestern zu gelangen.

Vor 18 Jahren beklagte der damalige Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Joachim Beckmann, die "schmerzliche Erkenntnis ... daß wir Evangelischen in dem Weg, der uns als der katholische Weg der Wiedervereinigung vor Augen steht, keine Möglichkeit sehen können, das erstrebte und ersehnte Ziel zu erreichen".

Daran hat sich nichts geändert, und daran wird auch die von der EKD gefeierte "historische Stunde" in Mainz nichts ändern.

Die Frage, welchen Sinn dieses Gespräch dann überhaupt haben soll, hat Papst Bonifatius VIII. auf den Tag genau vor 678 Jahren beantwortet: "So erklären wir also, bestimmen und entscheiden, daß es für jedes menschliche Geschöpf unbedingt heilsnotwendig ist, dem römischen Papst untertan zu sein."

S.48 Aus dem Griechischen oikein = wohnen. Ökumene war ursprünglich die geographische Bezeichnung für den Siedlungsraum des Menschen auf der Erde. Theologisch ist Ökumene die Bezeichnung für die Gesamtheit der christlichen Kirchen. Ökumenismus ist seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil die Bezeichnung für die interkonfessionellen Einigungsbestrebungen. * S.51 Oben: Kardinal Höffner (M.) mit dem Präses Immer der Evangelischen Kirche im Rheinland (l.) und dem Metropoliten Augoustinos von Elaia; * unten: Papst Pius XII. verkündigt am 1. November 1950 das Dogma von der Leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel. * S.53 Angeblich soll Luther am 31. Oktober 1517 seine 95 Thesen an das Portal der Schloßkirche zu Wittenberg angeschlagen haben. *

DER SPIEGEL 46/1980
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