14.04.1980

„Ich höre noch Schreie in der Nacht“

SPIEGEL-Redakteur Tiziano Terzani im zerstörten Kambodscha
Kambodscha von heute fordert die Phantasie des Schreckens heraus. Ich hatte das Land im Jahre 1975 verlassen, kurz bevor die Roten Khmer Pnom Penh übernahmen.
Ich hatte ein Kambodscha verlassen, das Krieg führte, aber immer noch lebendig war; mit Städten, mit normalen Menschen, vielen Freunden.
Ich kam zurück und fand nur noch die Skelette der Gebäude und der Menschen wieder, die ich gekannt hatte.
Kambodscha sieht heute wie ein Land aus, das von allen gottgesandten und menschengemachten Mißgeschicken heimgesucht wurde, von Pest und Krieg, Erdbeben und Neutronenbomben.
Seit Oktober 1975 hatte ich in thailändischen Flüchtlingslagern und später, 1978, auch in südvietnamesischen Berichte über die Pol-Pot-Massaker gehört, aber mein Verstand konnte die Dimensionen jener Realität nicht erfassen.
Ich verbrachte 17 Tage in Kamputschea. In einem Fiat sowjetischer Bauart fuhr ich über 1500 Kilometer durch zehn der 19 kambodschanischen Provinzen auf Straßen, die von amerikanischen Minen zerbombt und von den Roten Khmer niemals repariert worden waren.
Überall wo ich anhielt, manchmal rein zufällig wegen Reifenschadens oder um Kokosnußsaft zu trinken, fand ich Massengräber und Vernichtungsfelder. Manchmal ließ es sich nicht vermeiden, über Knochen von Menschen zu gehen, die zwischen 1975 und 1978 umgebracht worden waren.
In Pnom Penh war ich stundenlang mit dem Fahrrad unterwegs und suchte nach Plätzen, die ich kannte, nach Häusern, in denen ich gewohnt hatte, nach alten Freunden. Ich konnte nichts und niemanden finden. Ich hielt Ausschau nach meinem alten Dolmetscher, aber von dessen ganzer Familie gab es nicht eine einzige Spur, ausgelöscht.
Statt dessen sah ich einige vietnamesische Vietcongbekannte, die ich nach der kommunistischen Machtübernahme in Saigon getroffen hatte und die jetzt zu der Besatzungs-Armee gehören, die Hanoi in Kamputschea unterhält.
Kambodscha 1980: In der Einsamkeit des Dschungels, hoch über den Zuckerpalmen, blicken rätselhafte Gesichter mit unruhigem Lächeln hernieder, die riesigen Steinfiguren der Tempelstadt Angkor Wat. An den Wänden der Tempel und Paläste berichten riesige Flachreliefs von großen Schlachten, die die Kräfte des Lichtes und der Finsternis gegeneinander schlugen, von schrecklichen Folterungen, von erschlagenen, zerstückelten Menschen.
Eine Inschrift lautet: "Der Wissende betrachtet das Leben als ein flackerndes Licht, bewegt von einem heftigen Wind."
All dies wurde vor nahezu tausend Jahren geschrieben und geschnitzt als S.165 eine Warnung an die Menschen. Es sieht jetzt aus wie eine gespenstische Prophezeiung.
Nur vier Kilometer weiter, vor den verrußten Ruinen des ehemaligen Gymnasiums von Siem Reap, bleichen die Reste Hunderter Menschen, die geschunden, erschlagen, zerstückelt wurden, in der sengenden Sonne.
Die unglücklichen Nachkommen der Erbauer dieses Monuments kratzen jetzt die Steine von Angkor ab und sammeln die Exkremente der Fledermäuse, um sie als Dünger zu benutzen, und sie scharren in den Massengräbern. Einige suchen nach ihren Angehörigen, andere suchen in den Falten der vermoderten Hemden nach verstecktem Gold.
Von oben lächeln die steinernen Gesichter der Gott-Könige mit halbgeschlossenen Augenlidern unentwegt und umbarmherzig auf die Menschen nieder, die so töricht sind zu glauben, in der Geschichte gebe es einen Fortschritt.
Man hört das Lachen der Affen und das Klagen der Zikaden. "Sie schreien, weil die Trockensaison alle Blätter abgetötet hat, aber ich habe das Gefühl, daß sie schreien, weil so viele Khmer tot sind", sagt der Kurator der Tempelstadt Pich Keo, der fünf Schwestern, einen Bruder, beide Elternteile und einen Sohn in den Massengräbern weiß.
Der Wächter Angkor Wats führt mich durch die Ruinen des alten Khmer-Reiches, die an die vor langer Zeit eingefallenen Armeen aus dem S.167 Westen und Osten erinnern, und durch die neueren Ruinen, die der schreckliche Schicksalsgott namens Pol Pot zurückließ.
1970 lebten 36 Archäologen in Kambodscha. 21 wurden umgebracht, 12 sind in Paris, Pich Keo ist einer der drei, die blieben. Seine Bücher wurden vernichtet, alle Dokumente von Angkor verbrannt, und wie alle überlebenden Kambodschaner, die ich traf, kann auch er kaum den Mut zu einem Neubeginn aufbringen.
Die Leute gehen in ihre Häuser zurück, aber finden leere Gemäuer vor, die Frauen gehen zu den Brunnen, aber finden kein Wasser; auf dem Grund liegen verwesende Leichen. Die Männer versuchen, die Reisfelder zu pflügen, aber graben Skelette aus. Wie die Bauern in anderen Ländern, die Steine von ihren Äckern klauben, sammeln die kambodschanischen Bauern Schädel auf und arbeiten weiter.
Ein gelähmtes, verzweifeltes, gebrochenes Volk von Witwen, Waisen und wenigen noch lebenden terrorisierten Männern wandert umher, sammelt die Stücke seines Unglücks und sucht den verlorenen Faden des Lebens wiederaufzunehmen.
Überall haben kleine Märkte wieder geöffnet, die Kinder spielen auf Bergen von Abfall, zerbrochene Buddhas werden unter Strohdächern gesammelt, das S.168 alles an Plätzen, wo einst eine Pagode stand, die von den Roten Khmer dem Erdboden gleichgemacht wurde.
Kambodscha lebt wieder, allerdings unter dem Schutz der Armee traditioneller Feinde, die sich jetzt als Freunde bezeichnen und denen die Leute für ihr Überleben danken müssen.
"Wenn sie nicht gekommen wären, wäre ich im vergangenen Jahr gestorben. Wenn sie gehen, werde ich im nächsten Jahr sterben", sagt Rim Rom über die Vietnamesen; ein früherer Student, der jetzt als Dolmetscher im Außenministerium arbeitet. Acht Mitglieder seiner Familie kamen um.
In Kambodscha stehen derzeit mindestens 200 000 vietnamesische Soldaten, sie sollen garantieren, daß Pol Pot nicht an die Macht zurückkehrt und Kambodscha zu einer gewissen Form von Normalität zurückfindet.
Pnom Penh soll das Symbol dieser Wiedergeburt Kamputscheas sein. In der Stadt selbst wohnen heute wieder 120 000 Menschen, weitere 130 000 leben in der Umgebung. An den Einfahrtstraßen wird niemand kontrolliert. Nur wer in der Stadt ständig wohnen will, muß einen Arbeitsplatz nachweisen, gewöhnlich erhält er ihn von der Regierung.
Bald nach dem 7. Januar 1979, als die vietnamesische Armee in Pnom Penh einmarschierte und Pol Pot stürzte, stellte die neue Regierung des Präsidenten Heng Samrin jeden an, der sich in Pnom Penh meldete und gewisse Fertigkeiten vorweisen konnte.
Der Monatslohn betrug zunächst 15 Kilogramm Reis, später 18 Kilogramm. Jetzt wurde eine neue Währung eingeführt, die Banknoten kamen frisch aus sowjetischen Druckereien. Da erhält ein Staatsangestellter dann 60 Riel, wobei ein Riel einem Kilogramm Reis oder 25 Zentimeter Stoff entspricht.
Ein Arbeitsplatz berechtigt auch zu einer Unterkunft, aber die früheren Einwohner Pnom Penhs durften nicht einfach in ihre Häuser zurückkehren. Die Stadt wurde in Abschnitte aufgeteilt und jedem Ministerium ein Stadtteil in der Nähe als Wohnquartier für die eigenen Mitarbeiter zugewiesen.
Große frühere Wohngebiete blieben vietnamesischen Soldaten und Kadern reserviert. Ein quer über die Straße gelegter Bambuspfahl und ein vietnamesischer Posten in einer Holzkabine markieren das Gebiet, das kein Kambodschaner betreten darf. Während einige Stadtteile am Rande noch gespenstisch aussehen, verdecken im Zentrum Pnom Penhs große Beete mit überschwenglichen S.169 Bougainvilleas und Mimosen einfach einige der schlimmsten Narben.
Die größten Boulevards sind nach zwei früheren kambodschanischen KP-Führern benannt, die beide getötet wurden, einer angeblich von den Chinesen, der andere von Pol Pot. Und das alte Hotel "Royal" wurde jetzt in "Samaki" (Solidarität) umbenannt.
Die Kokospalmen, die die Roten Khmer mitten auf den Gehwegen pflanzten, verbergen hinter ihrem prächtigen Grün einen Teil der Zerstörung. "Sehen Sie nicht, daß diese Kokospalmen größer sind, als es eigentlich ihrem Alter entspricht?" fragt mich mit einem verängstigten Blick in den Augen der Dolmetscher Rim Rom: "Sie haben einen besonderen Dünger erhalten."
Unter Pol Pot war es verboten, Leichen einzuäschern. "Holz ist dazu da, um Feuer zum Kochen zu machen, und sollte nicht verschwendet werden", pflegten die Roten Khmer zu sagen. So begruben sie ihre Opfer zusammen mit Samen der Kokospalmen.
"Ich betrachte die Kokospalmen und habe noch im Ohr, wie die Tschhlop (die jungen Garden der Roten Khmer) mir zuflüsterten: ''Gute Kokosnuß, gute Kokosnuß, töten, um einen guten Kokosnußbaum zu bekommen ...''", sagt Rim Rom, der zwei Jahre auf einer Kommune in Svay Rieng arbeitete.
Ständig wurde er daran erinnert, daß er immer noch einen guten Dünger abgeben würde, wenn er als Arbeitskraft nicht mehr tauge. Jetzt glaubt er wie viele andere Kambodschaner, unter jeder "Pol-Pot-Kokospalme" liege eine Leiche.
Tausende dieser Bäume wachsen in jeder verlassenen Stadt und in jedem verlassenen Dorf Kambodschas. Der frühere Zentralmarkt von Pnom Penh, der noch geschlossen ist, liegt hinter einem dichten Wald von Kokospalmen versteckt.
Die Regierung Heng Samrin hat sich nach einem Jahr zumindest den Anschein von Normalität und Leistungsfähigkeit gegeben.
Die Nationalbücherei -- unter Pol Pot ein Stall für Schweine -- wurde wiedereröffnet mit Büchern, die man im Garten verstreut gefunden hatte, und mit dem, was noch vom alten buddhistischen Institut übriggeblieben war. Dessen unersetzliche Sammlung alter Manuskripte hatten die Pol-Pot-Leute in den Mekong geworfen.
Jouk Kun, ein früherer Universitätsprofessor, dessen Frau, sechs Kinder und fünf Brüder unter Pol Pot hingerichtet wurden oder den Tod fanden -einer wurde getötet, weil er "dick" war und daher eindeutig ein Bourgeois --, arbeitet an einem neuen Katalog: "Wir haben wenigstens die Regale", sagt er. "Die Roten Khmer benutzten sie zum S.170 Aufbewahren ihrer Kochtöpfe und Reisschüsseln."
Das Hauptpostamt wurde in seinem alten französischen Kolonialgebäude wiedereröffnet und nimmt Briefe ins Ausland entgegen. Aber es gibt keine Briefmarken. Von den früher 1700 Angestellten haben sich 85 zur Arbeit gemeldet.
Das alte berühmte Nationalmuseum in Pnom Penh ist wiedereröffnet, obwohl alle hölzernen Exponate, selbst alte Waagen und Spieße fehlen. "Die Khmer Rouge benutzten sie zum Feuermachen", sagt Taou Sun Heng, ein früherer Student der Archäologie, der jetzt das Museum leitet.
Statuen und Bronzegeräte sind noch an ihren Plätzen, die meisten haben weiße Farbflecken. Die Roten Khmer wollten das Museum als Schaustück für Ausländer wiedereröffnen und versuchten es neu zu streichen. Doch statt des traditionellen Kalks benutzten sie Ölfarbe, die überall hintropfte. "Wir brauchen Hilfe, um die Statuen zu säubern, ohne sie zu beschädigen", sagt der Kurator.
An der Universität hat nur die medizinische Fakultät ihre Vorlesungen wiederaufgenommen. Es sind nur noch einige Bücher vorhanden und nur sieben der ehemals 70 Professoren. Von den über 500 Ärzten, die 1975 in Kambodscha lebten, haben sich nur 56 zur Arbeit gemeldet.
Einen 57. entdeckte ich zufällig in einem Dorf Ostkambodschas. Aber er weigert sich, wie viele andere Intellektuelle, seine Identität zuzugeben. "Bitte, bitte, sagen Sie niemandem, wer ich bin", bat er mich. Leute seiner Art haben unter Pol Pot nur überlebt, weil sie vorgaben, sie seien Analphabeten. Jetzt tun sie sich schwer zu glauben, daß alles vorüber sei.
"Seit 1975 habe ich nichts gelesen, nicht ein einziges Wort geschrieben. Ich weiß nicht, wer ich bin", sagt die Kambodschanerin Tschham Tschhajasi (Ehemann und zwei Kinder tot), die ich S.171 über den Markt von Sisophon stolpern sah. Sie war im Orchester von Pnom Penh Flötistin.
In Pursat sah ich an einer Straßenecke in der Mitte eines Niemandlandes eine zitternde Frau, die vor vier kleinen Reiskuchen kauerte, die sie zum Verkauf anbot. "Bonjour Madame", sagte ich.
Sie blickte mich an, als sei ich eine außerirdische Erscheinung, und stammelte langsam: "Bonjour Monsieur." Ith Sithon, die einzige Überlebende einer 16köpfigen Familie, war früher Lehrerin in Pnom Penh. Ihr Mann wurde vor ihren Augen erschlagen, weil er ein Lon-Nol-Offizier war. Ihre sechszehn Monate alte Tochter starb bald danach an Unterernährung. Obwohl erst 28 Jahre alt, sagte sie ständig: "Wieder anfangen zu leben -- ich weiß nicht mehr, wie man es macht."
In einem Dorf in der Nähe von Neak Luong an der Straße 1 wurde mir ein Mann in den zwanziger Jahren gezeigt, der fürchtete, die Roten Khmer würden ihn zwingen zuzugeben, daß er Student gewesen ist. Deshalb gab er vor, taub und stumm zu sein. Die Roten Khmer waren seit einem Jahr nicht mehr da, aber er konnte immer noch nicht sprechen und schien nichts zu hören.
Etwa viereinhalb Millionen traumatisierter, verschreckter Khmer sind in Kambodscha übriggeblieben. Zumindest ein Drittel ist an Malaria oder Beriberi erkrankt. Alle haben einmal an Unterernährung gelitten und sind noch schwach und verwundbar. "Wir haben es mit einer Bevölkerung zu tun, die keine Belastungen mehr aushält", sagt ein Uno-Beamter, der in Pnom Penh arbeitet.
In einem Land, das zu Sihanouks Zeiten in jeder Provinzhauptstadt ein vollausgestattetes Krankenhaus hatte, in jedem Distrikt eine Sanitätsstelle, vernichtete Pol Pot systematisch jede Spur der westlichen Medizin.
Und da er sich ausschließlich auf traditionelle Praktiken verließ, verwandelte er sogenannte Waldkrankenhäuser in Warteräume des Todes: Die Lebensmittelration der Patienten wurde halbiert, junge Bauernkinder führten Operationen aus.
"Eines Tages sah ich, wie die Khmer Rouge ein siebzehnjähriges Mädchen in das Krankenhaus brachten. Sie war gesund und meinte, sie solle dort als Krankenschwester arbeiten. Statt dessen sah ich, wie man ihr ein Schlafmittel verabreichte, sie an den Operationstisch band und wie sie von zwei jungen Ärzten in Stücke geschnitten wurde.
"Die Stücke wurden später im Garten vergraben", erinnert sich Dr. Hun Tchhen Ly, der jetzt an dem Krankenhaus in Battambang arbeitet (fünf Brüder, seine Frau und zwei Kinder wurden getötet). Er sagt auch noch: "Pol Pot war schlimmer als Hitler, denn er tat das mit seinem eigenen Volk."
Diesem Pol Pot gelang es wenigstens, mit einer Krankheit fertig zu werden, der Lepra. Er ließ alle Leprakranken ausrotten.
Seit einem Jahr bemüht sich die Regierung, wieder ein Gesundheitssystem für das gesamte Land aufzubauen, aber die Schwierigkeiten sind ungeheuer groß. In Provinzen wie Pursat und Kampong Tschhnang gibt es überhaupt keine Ärzte. Von internationalen Hilfsorganisationen übersandte Arzneimittel sind zwar eingetroffen, werden aber wie "Bonbons" (so ein vorübergehend anwesender ausländischer Arzt) verteilt. Nicht mal Farbe ist vorhanden, um die Wände neu anzustreichen, die immer noch mit Blut und Exkrementen verschmiert sind.
In Battambang, einer Provinz mit 830 000 Einwohnern, ist der einzige, der operiert, ein Pfleger. "Ich habe dem Chirurgen von 1968 bis 1975 assistiert, und ich erinnere mich genau, wie es gemacht wird", sagt Tschuon Bun Thol (der sieben Mitglieder S.172 seiner unmittelbaren Angehörigen verloren hat). Wie alle anderen Provinzkrankenhäuser hat auch das in Battambang kein Röntgengerät.
"Unter diesen Umständen ist es absurd, von einem Gesundheitsprogramm für Kamputschea zu sprechen", sagt ein ausländischer Arzt, der gekommen war, die Situation zu untersuchen und Ratschläge zu erteilen. "Das Beste ist, die Bevölkerung zu ernähren."
Im Augenblick hungert niemand, nirgends sieht man die wandelnden Skelette, die noch im Oktober zu Tausenden unter den Flüchtlingen über die thailändisch-kambodschanische Grenze kamen. Aber die allermeisten der Patienten in den Krankenhäusern, die ich besichtigte, litten an schwerer Unterernährung, ebenso wie die Kinder mit aufgeblähten Bäuchen und bräunlichem Haar in den Dörfern entlang der Straße in Westkambodscha.
Ein ausländischer Fachmann kleidete das in die Worte: "Hinter der Fassade der Normalität lauert immer noch die Zeitbombe Hunger."
Die Rechnung ist einfach. 1979 wurde in Kamputschea auf einem Viertel des Ackerlandes Reis gepflanzt. Wegen der schlechten Irrigation, dem Mangel an Düngemitteln und einer außergewöhnlich harten Dürre brachte die Ernte nur 40 Prozent des erwarteten Ertrages. Die Kambodschaner, die bislang die Massaker, den Krieg und Hunger überlebt haben, müssen zwischen April und Dezember 260 000 Tonnen importieren, wenn sie unter vertretbaren Bedingungen am Leben bleiben wollen.
"In der Vergangenheit haben wir uns vom Wald ernährt. Wir werden das wieder tun", sagt Khunn Thach (sie hat ihren Mann, zwei Schwestern und einen Sohn verloren), Leiterin des früheren Grand Hotels von Siem Reap, das jetzt verfallen ist und kein Wasser hat.
Ernährungsexperten sehen die Lage so: Wenn die Menschen wieder Blätter, Eidechsen und Ratten essen, werden sie nicht in der Lage sein, in der nächsten Saison wieder Reis anzupflanzen, und so wird der Hungerzyklus niemals aufhören.
Die neuen Herren konnten die Agrarproduktion nicht so schnell wieder in Gang bringen, vor allem weil die Pol-Pot-Kader das Bewässerungssystem grundlegend geändert hatten: Sie ließen die Zwangsarbeiter aus den Städten, die aufs Land geschickt worden waren, riesige Kanäle graben, taten dies jedoch ohne jegliches Ingenieurwissen, so daß die vielen Deiche brachen, als der Regen kam.
Der Provinz Battambang geht es am schlimmsten. Wie überall im Land erhielt jeder, der für die Regierung arbeitete, seine Reisration, wer aber nicht für die Regierung arbeitete, bekam nur ungefähr 700 Gramm im Monat.
1975 liefen in Battambang 500 Wasserpumpen, jetzt sind es nur fünf. Damals fuhren 1000 Traktoren, jetzt nur 60. Die noch übriggebliebenen Ochsen und Büffel reichen kaum aus, ein Drittel des Ackerlandes der Provinz zu bebauen.
Ein weiterer Grund für die unzulängliche landwirtschaftliche Produktion: Die Bevölkerung ist noch nicht wieder seßhaft geworden. Obwohl formell immer noch Ausgangssperre besteht, hört man nachts in Pnom Penh das Quietschen von Karren, die langsam durch die unbeleuchteten Straßen geschoben werden. Von Norden nach Süden, von Westen nach Osten.
Die Menschen ziehen immer noch im Lande umher auf der Suche nach ihren Angehörigen, auf der Suche nach Dingen, von denen sie hoffen, sie könnten sie hier und dort wiederfinden.
Vor dem Bahnhof lagern Hunderte und warten, daß ein Zug nach Sisophon oder Kampong Som abfährt, was gänzlich unwahrscheinlich ist. Im ganzen Lande fahren nur noch zwei Lokomotiven.
Vor dem alten Staatskino habe ich eine Woche lang 400 schmutzige und hungrige Waisenkinder und Frauen gesehen, die auf einen Lastwagen warteten, der sie in ihre Dörfer in der Provinz Kampot zurückbringen sollte. Sie waren zu Fuß aus Pursat eingetroffen, wohin die Roten Khmer sie 1976 getrieben hatten. Die meisten Männer waren getötet worden.
Vietnamesische Truppen, die in den Dschungelgebieten des Landes Reste der Roten Khmer verfolgen, finden immer noch Kinderbanden, die im Wald überlebt haben. Die Soldaten schaffen die Kinder an eine Hauptstraße und sagen ihnen dann, sie sollen in ihre Geburtsdörfer zurückkehren.
Überlebende verschiedener Familien finden sich oft zusammen. Tscheang Sam Kol (Eltern, Frau und zwei Kinder verloren), früher Lehrer an einer Grundschule, hat die Witwe eines Kollegen geheiratet.
In Pnom Penh, wo die Menschen durch die augenscheinliche Rückkehr zur Normalität wieder Mut fassen, versuchen Mütter, ihre Töchter schon mit 15 Jahren zu verheiraten, aber es sind nicht genügend junge Khmer-Männer übriggeblieben.
"Warum heiraten Sie nicht einen dieser vietnamesischen Soldaten?" fragte ich ein paar dutzendmal und bekam S.173 immer die gleiche Antwort: "Einen Joun? Nie und nimmer."
In dem Wort "Joun", einer herabsetzenden Bezeichnung für die Vietnamesen, kommt die ganze komplizierte Beziehung zwischen diesen beiden Völkern zum Ausdruck, die seit Jahrhunderten Nachbarn sind und sich seit Jahrhunderten verachten.
Die Vietnamesen betrachten die Khmer traditionell als ein primitives Volk, die Khmer wiederum die Vietnamesen als grausam, engstirnig und hinterlistig. "Sie sagen etwas und meinen es ganz anders."
Neben den mythischen Ungeheuern ihrer Legenden sind die Vietnamesen die bösen Gestalten in vielen Märchen der Khmer, und es gibt wohl kein Khmer-Kind, dem die Großeltern nicht die "Teegeschichte" "rzählt haben: Vor langer Zeit gab es einen vietnamesischen König" " Er nahm einen Khmer gefangen und ließ ihn auf einem Deich " " arbeiten. Der König sagte, er arbeite zu langsam und müsse " " bestraft werden. Er ließ ihn bis zum Hals eingraben und " " setzte einen Topf mit Wasser auf seinen Kopf, um seinen Tee " " zuzubereiten. Der König zündete ein Holzfeuer um den Kopf des " " armen Khmer an, der begann zu schreien und den Kopf zu " " bewegen. Du siehst, sagte der vietnamesische König, ich muß " " dich noch stärker bestrafen, weil du mein Teewasser " " verschüttest. "
Seit dem Niedergang des alten mächtigen Khmer-Reiches von Angkor sind die Khmer immer schwächer, die Vietnamesen immer stärker geworden. In der Mitte des 18. Jahrhunderts gingen sie daran, das, was von Kambodscha noch übriggeblieben war, zwischen sich und den Thais aufzuteilen.
Die Franzosen, die kamen, um Vietnam zu kolonisieren, beendeten diesen Prozeß und "schützten" Kambodscha. Jetzt, ein Jahrhundert später, hat die Geschichte die Vietnamesen wieder nach Kambodscha gebracht. Hanois Propaganda spricht von den "brüderlichen Beziehungen" zwischen den drei Völkern Indochinas.
Die Franzosen pflegten diese drei Völker so zu kennzeichnen: Die Vietnamesen bauen den Reis an, die Khmer beobachten, wie der Reis wächst, die Laoten hören zu, wie der Reis wächst.
Es war immer ein Traum der Vietnamesen, sich ihre wirtschaftliche Basis durch die Beherrschung ganz Indochinas zu sichern. Jetzt haben sie ihr Ziel erreicht, und jeden Morgen preisen die Lautsprecher in ganz Kambodscha die "militante Solidarität" der drei indochinesischen Völker und die "Liebe der Vietnamesen zu den Khmer".
"Ja, sie lieben uns, wie der Fuchs die Henne liebt", sagt Khuon Sokour, einziger Überlebender einer siebenköpfigen Familie. Der frühere Regierungsbeamte verdient sich jetzt seinen Lebensunterhalt, indem er auf dem Tou-Tam-Pon-Markt westlich von Pnom Penh Waren kauft und verkauft.
Zwischen Stößen von Abfall und dem Gestank verdorbenen Gemüses herrscht noch die Atmosphäre der alten Zeit. Die Leute hocken am Boden, essen Nudelsuppe und Kuchen aus klebrigem Reis. Die Frauen verkaufen alles, von Seife bis zu Batterien, alte Bücher, die auf den Straßen aufgesammelt wurden, und rote Saphirringe. Die Mädchen nähen Hemden und Sarongs in schreiendsten Farben: Violett, Rot, Hellblau, Grün, Reaktion auf das Schwarz der Pol-Pot-Leute.
Schwarze unförmige Anzüge waren die Uniform der Roten Khmer, Schwarz wurde der gesamten Bevölkerung aufgezwungen. "Ich brauche nur jemanden zu sehen, der sich schwarz gekleidet hat, und schon zittre ich wie ein Vogel, der in einen Teich gefallen ist", sagt Neag Savann (der Ehemann, eine Tochter und zwei Schwestern liegen in Massengräbern von Pol Pot).
Es scheint die Frau nicht zu stören, daß sie zwischen Stapeln von Schädeln in dem Dorf Toul Kok lebt. Die Roten Khmer richteten dort in den ersten Tagen nach ihrem Sieg in Pnom Penh mindestens 30 000 Menschen hin.
"Die Lebenden jagen mir mehr Schrecken ein als die Toten", sagt sie und ist stolz auf ihren neuen geblümten Sarong, den sie für sechs Hühner erstanden hat.
Die Leute versuchen, die Zeichen der Vergangenheit auszulöschen. Arm wie sie sind, werfen sie die bequemen billigen Gummisandalen weg, die sie unter Pol Pot trugen, und ziehen statt dessen die teuren, bunten Plastiksandalen an, die aus Thailand kommen.
Alles, was jetzt in Kambodscha zum Kauf angeboten wird, kommt aus Thailand über den "Heng-Samrin-Pfad", wie die Ausländer diesen Weg nennen. Jeden Tag fahren lange Kolonnen auf Fahrrädern den Weg von Kampong Tscham nach Sisophon nahe der thailändischen Grenze, alle Fahrer haben Gold in den Taschen versteckt.
Sie kommen zurück mit Zigaretten, Stoffen, Uhren, Batterien, Radios, Sandalen S.174 und Fruchtgetränken. Sie fahren stets in Gruppen. Von 20 hat immer einer ein Gewehr bei sich.
"Es gibt viele Banditen, vor allem, wenn wir durch den Wald fahren", sagte einer von ihnen, den ich an einer "Raststätte" außerhalb von Kampong Thom traf, "und die größte Gefahr ist, eine Reifenpanne zu haben und alleingelassen zu werden."
Fünf Tage dauert die Hinfahrt, fünf Tage die Rückfahrt, aber der Profit lohnt das Risiko. Ein Sarong, den man in Sisophon für fünf Dollar einkauft, ist in Kampong Tscham zehn wert, in Pnom Penh zwischen 13 und 15.
Jeder Radfahrer kann bis zu 40 Kilo transportieren. die meisten Männer auf dem "Heng-Samrin-Pfad" sind Bauern ohne Reisfelder, Angestellte ohne Arbeit, die allerdings das Glück hatten, ein Fahrrad zu finden.
Pol Pot hatte alle Fahrräder beschlagnahmt und sie in Lagerhäusern zum Verrotten gestapelt. Jetzt werden sie, meist ohne Bremsen, für drei Zehntel Unzen Gold angeboten. Sobald diese Investition gemacht worden ist, läßt sich das Kapital zur Finanzierung des Pendelverkehrs zwischen der thailändischen Grenze und dem Zentrum Kambodschas leicht auftreiben.
Viele Menschen, die 1975 ihr Vermögen vergruben, graben es jetzt, da sie überlebt haben, wieder aus und machen Geschäfte. Eine Unze Gold, die man an einen Radfahrer zehn Tage lang ausleiht, bringt zehn Prozent Zinsen.
Viele dieser "Bankiers", die von Kampong Tscham und Pnom Penh aus operieren, sind Überlebende der ehemals 300 000 Menschen starken chinesischen Gemeinde, die seit Generationen in Kambodscha lebte. "Der Kapitalismus steigt aus der Asche des zerstörerischen Sozialismus von Pol Pot auf", sagt ein ausländischer Experte in Pnom Penh.
Die Regierung hat gegen diesen Schwarzhandel nichts unternommen, im Gegenteil, es scheint, daß sie die Aufrechterhaltung des "Heng-Samrin-Pfades" für lebensnotwendig hält.
Der ständige Güterstrom kann helfen, den Wert der neuen Währung zu garantieren, in die die meisten Leute noch kein großes Vertrauen setzen.
Händler, die die Grenze nach Thailand überqueren und Waren auf den Markt nach Sisophon zurückbringen, nur 28 Kilometer von der Grenze entfernt, müssen den Thais die Waren in Gold bezahlen.
Gold ist neben der vietnamesischen Währung, dem Dong, immer noch das willkommenste Zahlungsmittel in ganz Kamputschea. Gold-Wiegemeister ist ein neuer Beruf, ausgeübt auf den Märkten von Leuten, die mit großer Sorgfalt Splitter eines Armbandes oder Glieder einer Kette auf kleine Waagen legen. Für diese Arbeit erhalten sie eine Zigarette vom Käufer und eine vom Verkäufer; ein ganzes Päckchen ist zwei Kilo Reis wert.
Sisophon, die Endstation des "Heng-Samrin-Pfades" lebt im Goldrausch. Die alte Stadt, immer noch leer und verfallen, ist von der vietnamesischen Armee besetzt. In einer früheren Apotheke unterhalten sie ein kleines Gefängnis für vietnamesische Zivilpersonen, die bei einem Fluchtversuch nach Thailand gefangen wurden.
Außerhalb der Stadtgrenze, auf einer offenen Ebene ohne den Schatten eines einzigen Baumes, stehen die Menschen vor Stapeln von Waren, die an schäbigen Buden aufgebaut sind. Radfahrer laden auf, Leibwächter reicher Kaufleute, die ihre Pistolen unter dem Hemd versteckt tragen, blicken wachsam in die Runde.
Vietnamesische Offiziere kaufen Stereokassetten, Waisenkinder betteln an den Ständen, wo man -- natürlich für Gold -- eine eisgekühlte Coca-Cola bekommen kann.
Es wird noch eine Zeit dauern, bis die kambodschanische Industrie in der Lage sein wird, die Güter zu liefern, die jetzt thailändische Händler in das Land schicken und dafür alles Gold aus Kambodscha abziehen.
Von den 80 wichtigsten Industriebetrieben, die Kambodscha 1975 hatte, konnten weniger als die Hälfte ihre Arbeit wiederaufnehmen, und die nur teilweise. Es fehlt an Energie, Rohstoffen, Ersatzteilen und Werkzeugen.
"Ohne Hilfe von außen werden sie nie zurechtkommen", hört man ständig von den ausländischen Experten, die jetzt die kambodschanische Industriestruktur untersuchen.
Wohin ein Fremder auch kommt, er wird um Hilfe gebeten. "Könnte Ihre Regierung uns nicht ein paar chinesische Schraubenschlüssel schicken?" fragte mich Hoc Lim (in seiner Familie wurden 30 Personen getötet), technischer Direktor einer Textilfabrik in Kampong Tscham.
Sein Bericht über die Fabrik in Kampong Tscham ist ein Beispiel für die S.175 tragische Ironie der jüngsten Geschichte Kambodschas.
1960 schenkten die Chinesen die Anlage dem Prinzen Sihanouk, Premier Tschou En-lai kam zur Eröffnung. 1975 ließ Pol Pot die Fabrik schließen, alle Arbeiter davonjagen, die Maschinen demontieren.
Im Dezember 1978 wurde die Fabrik wieder geöffnet: vollständig neu, wiederum ein Geschenk der Chinesen, diesmal an Pol Pot. Gearbeitet wurde nur 26 Tage. Als die vietnamesische Armee näherrückte, schafften die Pol-Pot-Arbeiter und die chinesischen Techniker alle Werkzeuge der Fabrik weg, einschließlich der Schraubenschlüssel, ohne die die Maschinen jetzt nicht angeschlossen werden können.
Es ist eine der modernsten Textilfabriken, die ich je gesehen habe, aber von 210 Webstühlen arbeiten nur 50, und auch sie werden bald stillstehen, wenn die 72 Tonnen Rohbaumwolle aufgebraucht sind, die von der Unicef gespendet wurden.
Bis 1975 gab es auf 9000 Hektar Baumwollplantagen um Kampong Tscham, jetzt liegen die Felder brach und trocken in der Sonne. Pol Pot hatte für sie eine andere Verwendung.
Nur einen Kilometer von der Textilfabrik entfernt, zu beiden Seiten der Straße, die zu dem alten Provinzflughafen führt, sind die Felder ein endloser Schreckensteppich: Schädel, Oberschenkelknochen, Schienbeine und Knochen, soweit ich sehen kann.
Wie oft habe ich von kambodschanischen Flüchtlingen gehört, die Roten Khmer hätten Leute abgeführt, die man nie wiedergesehen habe. Hier sind nun die Abgeholten, namenlose Schädel ohne einen einzigen Kugeleinschuß, darunter viele winzige Schädel kleiner Kinder.
"Ein Schlag mit der Hacke, ein Schlag mit der Axt, ein Schlag mit dem Stock", pflegten die Tschhlop zu wispern, um ihre Untertanen darauf vorzubereiten, daß sie nicht einmal eine Kugel wert seien. Hier sind sie: eingeschlagene Schädel.
50 000 Menschen liegen auf diesen Feldern: Lon-Nol-Soldaten und Beamte S.177 mit ihren Familien, Studenten, Lehrer, Leute, deren Sünde darin bestand, daß sie gebildet waren.
Warum ist das alles passiert? "Ich arbeite hier, weil ich die Antwort suche. Ich habe Unmengen Dokumente gelesen, aber keine Antwort gefunden", sagt Ing Pech, 53 (fünf Kinder und zwei Brüder wurden hingerichtet), im Lyzeum Toul Sleng im südwestlichen Distrikt von Pnom Penh.
Durch Folterkammern dieses Gebäudes gingen zwischen 1975 und 1978 über 20 000 Kambodschaner -über Eisenbetten, auf denen sie geschlagen und mit Elektroschocks gequält wurden, durch di e winzigen Zellen, wo man sie ohne Nahrungsmittel in Ketten verhungern und verwesen ließ, darunter Rote-Khmer-Minister, Botschafter und hohe Funktionäre, die des "Verrats" angeklagt waren. Ing Pech ist einer von ihnen, man hatte ihn als CIA-Agenten abgestempelt, aber am Leben gelassen, weil er die Lastwagen reparieren konnte, mit denen die Roten Khmer ihre Opfer in das Gefängnis brachten.
Am 5. Januar 1979, zwei Tage bevor die vietnamesische Armee in Pnom Penh einmarschierte, richteten die Tschhlop in aller Eile die verbleibenden Häftlinge hin, einschließlich zweier Amerikaner, die sie Mitte 1978 auf See gefangen hatten. Ing Pech gelang es, sich zu verstecken.
"Unser Leben hier war wie ein Haar. Am Morgen ist es noch da, am Abend nicht mehr. Ich höre noch die Schreie in der Nacht. Manchmal denke ich, ich werde von diesen Schreien taub. Deshalb habe ich darum gebeten, hier zu arbeiten. So kann ich zurückkommen, ich kann versuchen, das zu begreifen."
Die Bürokratie des Todes der Roten Khmer hat stapelweise Material zurückgelassen, das Ing Pech aufarbeitet: 16 000 Akten über Opfer, dutzendweise Kisten mit Photographien der Menschen, vor und nach der Hinrichtung aufgenommen, darunter 1200 Bilder von Kindern, einige von ihnen unter zehn Jahre alt. Nichts geschah hier offenbar ohne Eintragung: Ankunftstag, Geständnisse, Hinrichtungstag.
"Lieber Genosse Douch, verschwende nicht soviel Papier. Nimm nur von den wichtigsten Gefangenen alle Angaben auf. Für die anderen reichen ein paar Zeilen. Sei vorsichtig bei denen, die lügen. Sei auf der Hut. Mit freundlichen Grüßen gez. Khieuv", schreibt in einem Brief vom 5. November 1977 der Pol-Pot-Verteidigungsminister Son Sen (Deckname: Khieuv) an den Gefängnisdirektor. Er ist auch jetzt noch in der weltweit anerkannten Rote-Khmer-Regierung Minister.
Der Direktor Douch, der noch bei den Pol-Pot-Streitkräften im Dschungel lebt, klebte in eine Art Tagebuch ein Bild von sich mit Frau und Kindern ein. Dann folgen Seite für Seite die Bilder der Folterer und Killer des Lagers.
Mit einem Arbeitsteam von fünf Leuten hat Ing Pech Listen der Hingerichteten zusammengestellt und mit ihren Bildern in drei Zimmern von Toul Sleng die Wände bedeckt.
Viele Leute, deren Angehörige von den Roten Khmer "abgeholt" wurden und die jetzt etwas über ihr Schicksal erfahren wollen, beginnen ihre Suche hier. Mit weitgeöffneten Augen betrachten sie langsam diese Kataloge des Todes und hoffen, niemanden wiederzuerkennen.
Im nächsten Heft
Heng Samrin, Kambodschas neuer Herr - Die Vietnamesen sind allgegenwärtig - Was wußte Peking vom Massenmord?
S.173
Vor langer Zeit gab es einen vietnamesischen König. Er nahm einen
Khmer gefangen und ließ ihn auf einem Deich arbeiten. Der König
sagte, er arbeite zu langsam und müsse bestraft werden. Er ließ ihn
bis zum Hals eingraben und setzte einen Topf mit Wasser auf seinen
Kopf, um seinen Tee zuzubereiten. Der König zündete ein Holzfeuer um
den Kopf des armen Khmer an, der begann zu schreien und den Kopf zu
bewegen. Du siehst, sagte der vietnamesische König, ich muß dich
noch stärker bestrafen, weil du mein Teewasser verschüttest.
*
S.164 An einer Hauswand in Pnom Penh. * S.165 An dieser Stelle wurden etwa 20 000 Kambodschaner von den Roten Khmer hingerichtet. * S.170 Beim Fahneneid in Pnom Penh. * S.172 Im Toul-Sleng-Gefängnis von Pnom Penh kurz vor der Exekution photographiert. * S.173 Lagerbewacher im Photoalbum des Gefängniskommandanten Douch. * S.175 In Pnom Penh (o. l.), Battambang (o. r.) und Sisophon (u.). *
Von Tiziano Terzani

DER SPIEGEL 16/1980
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