10.11.1980

SYLTGrün ön Buurem

Die Sylter Friesen mucken gegen Überfremdung und Ausverkauf ihrer Insel auf -- reichlich spät.
Immer ganz aggressiv" wird Maike Ossenbrüggen, rothaarige Friesin aus Keitum auf Sylt, wenn sie "den Stacheldraht" des "Bütlöners" sieht.
Bütlöner, das ist auf friesisch ein Draußenländer, Auswärtiger, in diesem Fall ein Ferienhausbesitzer aus Westdeutschland, S.101 und den Draht hat der um sein Anwesen nahe dem Keitumer Kliff gezogen und dort so den früher freien Zugang zur Küste versperrt.
Es sind nicht nur Stacheldrähte und Jägerzäune der Bütlöner, die Einheimische wie Maike Ossenbrüggen gallig werden lassen.
Insbesondere in der Söl'ring Foriining, dem fast 1500 Mitglieder starken Sylter Verein, der sich bislang vornehmlich die Pflege des Friesischen und der Nordseedeiche angelegen sein ließ, erheben sich neuerdings zunehmend Stimmen, die eine Überfremdung und den "Ütferkoop fan Grün ön Buurem" -- Ausverkauf von Grund und Boden -- auf Deutschlands überlaufenster Ferieninsel beklagen, wo sich sommers fast 100 000 Menschen drängeln, viermal so viele wie dort ihren Hauptwohnsitz haben.
So schalt Uwe Petersen, stellvertretender Vorsteher des Amts Landschaft Sylt und Vorsitzender der Foriining, unlängst öffentlich die Sylter "Totengräber" -- meint: meist auswärtige Spekulanten, die an Sylter Sand und Kleiboden zusammenrafften, wo immer ein Quadratmeter zu kaufen war, Altbauten abrissen, Zweitwohnungsburgen und Appartementhäuser errichteten und damit ihren Reibach machten; meint aber auch: Einheimische, die sich ihre Heimaterde von Immobilienhändlern oder Finanzierungsgesellschaften abschnacken ließen oder auch fleißig mitspekulierten.
Für Maike Ossenbrüggen gar, im Verein verantwortlich fürs Ressort Volkstumsarbeit und an hohen Feiertagen wie Erntedank selbst noch in der Tracht der Sylter Friesen, dem "broket Kaartel" (buntes Kleid), hat Sylt es "offensichtlich mit einer Mafia zu tun".
Von "Maklern und Renditeanlegern" sowie "ohnmächtigen Behörden" bis hin zu "den Parteien" und "Bauleuten, die in den Sylter Gemeindevertretungen zu großen Einfluß haben", reicht nach Frau Maikes Meinung der Kreis derer, die den Rest der Bevölkerung "for dum forkoopet" und "bisketen" (beschissen) haben.
Recht hat Frau Maike in ihrem Friesenzorn. Denn daß die mit Beton und Teer schon weitgehend verkleisterte Insel, in deren Metropole Westerland in der Saison Karosserieblech so zahlreich und Kohlenmonoxyd so dicke ist wie zur Rush-hour in der Hamburger City, überbevölkert, verbaut, zersiedelt und womöglich nicht mehr zu retten ist, wurde spätestens 1974 durch ein Gutachten notorisch, das die Landesregierung in Auftrag gegeben hatte.
Damals verordnete Kiel den Syltern zwar einen sogenannten Flächennutzungsplan. S.103 Doch zum Besseren gewandelt hat sich auf dem Eiland gleichwohl noch nichts seither.
Im Gegenteil: "Planung, wenn sie überhaupt stattfindet, verläuft unkoordiniert. Belastungsgrenzen wurden bereits überschritten. Verfremdung greift um sich", so der Landtagsabgeordnete, Westerländer SPD-Vorsitzende und Stadtrat Ernst-Wilhelm Stojan vor ein paar Monaten in der Begründung eines Antrages seiner Partei, einen Westerländer Kurortentwicklungsplan aufzustellen.
Rund 4500 Zweitwohnungen, meist in bis zu 14 Stockwerken hohen Betonburgen, gibt es mittlerweile in Westerland -- bei nur 4000 Einheimischen-Wohnungen; und es werden immer mehr, denn kaum zu bremsen ist der Boom, der unter anderem vom Paragraphen 34 des Bundesbaugesetzes angeheizt wird: Danach ist in einem zusammenhängenden Baugebiet eine sogenannte Lückenbebauung zulässig, wenn sie sich in die Umgebung einfügt, und vereinfacht heißt das: Wenn schon rechts und links Wohnsilos mit Eigentums-Appartements stehen, können es die Behörden nicht verwehren, daß dazwischen ein drittes gebaut wird.
Ähnlich wie in Westerland sind die Relationen zwischen Zweit- und Einheimischen-Wohnungen beispielsweise in der Gemeinde Sylt-Ost. Eine dort das Baugeschehen nur höchst unzureichend regelnde Polizeiverordnung aus dem Jahre 1958 ermöglichte es aber auch, daß -- ein Paradebeispiel für Sylter Zersiedlung -- in Munkmarsch ein halbes Schock nachgemachter Friesenhäuser über die Heide verstreut wurden.
Im 600-Seelen-Dorf Rantum südlich von Westerland wiederum stehen 200 Zweitwohnungen und Ferienhäuser, von denen gerade "ein Prozent", so Bürgermeister Heinz Brich, "in einheimischer Hand" sind.
Bis zu 1000 Mark, in guter Westerländer Lage, werden mittlerweile im Gefolge des Baurausches auf der Insel für den Quadratmeter Boden gezahlt. Der Zins der ohnedies raren Mietwohnungen -- viele Hauswirte bevorzugen Feriengäste statt Dauermieter -- zog mit, und zwischen 700 und 1000 Mark monatlich kostet in der Regel beispielsweise eine Wohnung zwischen 45 und 50 Quadratmetern. Konsequenz: Immer mehr junge Sylter, die nicht so teuer wohnen können, müssen aufs Festland auswandern, und zunehmend pendeln Arbeitnehmer von dort aufs Eiland -- wie der "Skostiinfaager", der in Maike Ossenbrüggens 300 Jahre altem Reetdachhaus in Keitum den Schornstein kehrt.
Allmählich aber dämmert den Einheimischen auch, daß sie mit dem Inselland, das sie zum Zweitwohnungsbau an Makler und Bauträgergesellschaften verhökerten, ruinöser Konkurrenz Vorschub leisteten. Vor allem in der Vor- und Nachsaison bekommen es die professionellen Zimmervermieter nun zunehmend zu spüren, daß die Zweitwohnungsbesitzer, die ihr Eigentum häufig auch an Urlauber vermieten, Syltgästen günstigere Preise machen können als die Einheimischen.
Begreiflich, daß Makler oder Bauträger insbesondere bei älteren Syltern mit Grundbesitz aufkreuzten und ihnen gegen Überlassung eines Teiles ihres Grundstückes gratis ein schönes neues Haus bauten -- mit der Eigentumswohnanlage, die sie dann auf dem überlassenen Teilareal errichteten, machten sie gleichwohl noch ein Pfundsgeschäft.
Weniger begreiflich schon, daß auf der Insel auch Gelände für fast jeden Preis weggeht, das zum Beispiel in einem Naturschutzgebiet liegt und darum auch auf Sylt nicht bebaut werden darf. "Ein Stück Land auf Sylt zu besitzen", mutmaßt der Rantumer Brich, "hat wohl für viele Leute einen hohen Prestigewert" -- zum Beispiel wohl für den Münchner Kaufmann, der letzten April für 185 000 Mark ("Ich kaufe nun gerne einmal Land") das 23 Hektar große Dünenareal "Grüne Blidsel" im Listland ersteigerte.
Andererseits erinnert der blanke Hans, der Jahr für Jahr ein weiteres Stückchen von der Insel abzwackt, auf Sylt täglich daran, daß nichts ewig ist. Ein Bremer Bauunternehmer, der vor ein paar Jahren in Rantum eine Fläche sogenannten Unlandes erwarb, für das striktes Bauverbot besteht, war wenige Tage nach Vertragsabschluß "mit einem Bauantrag da" (Brich), wenn auch erfolglos.
Und immer wieder melden sich bei Brich "Söhne und Erben" von Leuten, die nach dem Kriege in den mittlerweile naturgeschützten Dünen bei Rantum Parzellen gekauft hatten: "Ob ich ihnen denn nicht wenigstens in Aussicht stellen könne, daß dort vielleicht doch einmal gebaut werden darf."
Bei soviel Begehrlichkeit, die ihr Eiland bei den Bütlönern weckt, haben die eingeborenen Friesen, die nun "die Insel vor dem letzten Ausverkauf bewahren wollen" (Maike Ossenbrüggen), gewiß einen schweren Stand. Der Versuch der Söl'ring Foriining zum Beispiel, das "Grüne Blidsel" gegen die auswärtige Konkurrenz zu ersteigern, endete bei 182 000 Mark. Ein höheres Gebot ließen die Eigenmittel und Spenden nicht zu.
Noch weit schwieriger dürfte gewiß im Einzelfalle werden, was Maike Ossenbrüggen und ihren Freunden vorschwebt: "durch Aufklärung" verkaufswilligen Grundeignern "bewußtzumachen, daß Geld nicht alles ist".

DER SPIEGEL 46/1980
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 46/1980
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

SYLT:
Grün ön Buurem

  • Unterwegs mit einem Jäger: Darum ist Wild das bessere Fleisch
  • Weihnachtsbraten: "Kann ich selber eine Gans schlachten?"
  • Gorilla-Forscherin in Afrika: Immer schön Abstand halten!
  • Schülerrede auf dem UN-Klimagipfel: Wie eine 15-Jährige mit Politikern abrechnet