16.02.1981

AFRIKAMal an der Reihe

Eine fortschrittliche Ehe zerbricht an der islamischen Tradition - Gegenstand des Erfolgsromans der Senegalesin Mariama Ba.
Leichenfest in Dakar, Beerdigung des senegalesischen Beamten Modou. Drei Tage lang zieht eine summende Menge von Trauergästen, Freunden, Verwandten, Armen, Unbekannten und Bettlern durch das Haus von Modou. Die Gruppe der Männer sitzt schweigend. Ihnen gegenüber bei den Frauen Lärm, lautes Reden, Händeklatschen, schrille Schreie.
Ein Kissen im Rücken, die Beine ausgestreckt, verfolgt die Witwe Ramatoulaye das Treiben der Trauergäste, das Beileidsgemurmel, das Feilschen der Sippen um die Beerdigungskosten und -- das junge hohlwangige Ding an ihrer Seite: "Die Gegenwart meiner Mitehefrau geht mir auf den Nerv!"
Beide Frauen, die reife Ramatoulaye, Mutter von zwölf Kindern, engagierte Lehrerin, eine Frau "mit schweren Armreifen", und das Schulmädchen, so alt wie Ramatoulayes älteste Tochter, müssen vor den Gästen den Schein wahren. "Unsere Schwägerinnen behandeln mit absoluter Gleichheit 30 und fünf Jahre ehelichen Zusammenlebens, sie feiern mit der gleichen Selbstverständlichkeit zwölf und drei Mutterschaften", empört sich Ramatoulaye.
Die afrikanische Autorin Mariama Ba schrieb das Tagebuch von Ramatoulaye, einer modernen Afrikanerin, die sich als Opfer der überlieferten Polygamie empfindet, unter dem Titel "Ein so langer Brief", aufsehenerregender Erfolg auf der vorigen Frankfurter Buchmesse.
( Mariama Ba: "Ein so langer Brief". ) ( Edition Sven Erik Bergh, ) ( Unterägeri/Schweiz; 146 Seiten; 19,80 ) ( Mark. )
Selten genug passiert ein S.164 afrikanisches Manuskript deutsche Sprach- und Verständnisgrenzen. Der Grund liegt nicht nur im Desinteresse von Verlagen und Lesern.
In Afrika, wo noch immer fast zwei Drittel der Bevölkerung Analphabeten sind, wird viel erzählt und wenig geschrieben. Hier, wie in anderen Ländern mit mündlicher Überlieferung, erreicht das geschriebene, dann gedruckte und teuer verkaufte Wort nur eine winzige einheimische Oberschicht.
In solchen fast buchlosen Gesellschaften ist Schriftstellerei ein Luxus, besonders für Frauen. Eingeschnürt in Stammestraditionen oder entwurzelt im Slum der Großstadt, müssen sich Afrikanerinnen um anderes kümmern als um Literatur. Kaum eine Schriftstellerin schaffte es, den schlichten Alltag der Afrikanerinnen aus ihrer Erfahrung zu beschreiben.
Die Szenen einer afrikanisch-islamischen Ehe hat die Senegalesin Mariama Ba offensichtlich selbst durchlebt. Polygamie, Vielweiberei, ist in Afrika, vom Islam noch untermauert, weit verbreitet. In westafrikanischen Staaten wie Mauretanien, Senegal, Guinea, Niger und quer durch die Sahara in Mali, im Sudan oder in Somalia betet die Mehrheit zu Allah.
Der Koran regelt den Alltag, das Ehe- und Familienleben. Doch Mohammeds Ehevorschriften garantieren keinen Familienfrieden -- das zeigt Mariama Ba dramatisch.
Die Kindheit ihrer Romanheldin Ramatoulaye war ganz vom Koran bestimmt. "Wir haben auf dem steinigen Weg zur Koranschule unsere Tücher und Sandalen abgenutzt", erinnert Ramatoulaye ihre Freundin.
Ramatoulaye ist aber auch ein Kind gutbürgerlicher französischer Erziehung, ausgestattet mit jenem Bildungsgepäck, das Frankreich den Aufsteigern in seinen Kolonien auflud und das die neuen Eliten des frankophonen Westafrika verinnerlichen.
"Ich werde niemals die weiße Frau (eine französische Lehrerin) vergessen, die als erste einen Lebensweg ''außerhalb des Gewöhnlichen'' für uns wollte", schwärmte Ramatoulaye.
Ihre sensible Frauengeschichte ist kein neues Heldenepos für westliche Feministinnen, enthält keine Kopf- oder Schwanz-ab-Parolen, sondern verlangt die "bürgerliche" Gleichheit, die sich die Frauen von der politischen Unabhängigkeit erhofft hatten.
Die Frau mit französischen Fortschrittsvorstellungen und postkolonialen Gleichheitsidealen, aber islamischem Erbe durchlebt als Studentin nach der Unabhängigkeit des Senegals in den 60er Jahren eine schizophrene Zeit: "Manche Männer fanden uns töricht, andere bezeichneten uns als Hexen, aber viele wollten uns besitzen."
In der berauschenden Aufbruchstimmung des neuen Staates, unter den Vorzeichen von Gleichheit und Partnerschaft, hatte Ramatoulaye ihre Ehe mit Modou begonnen. Beide haben studiert, beide sind berufstätig. Ramatoulaye zieht zwölf Kinder groß, versorgt den Riesenhaushalt.
Die junge Ehefrau wird von der Sippe des Mannes vereinnahmt. "Ich erduldete seine Schwestern, die viel zu oft ihr Heim verließen und sich bei mir breitmachten", und die Schwiegermutter, die immer wieder, begleitet von Freundinnen, das Haus ihres Sohnes besucht und beglückt weggeht, "vor allem, wenn ihre Hand den von mir geschickt hineingeschobenen Geldschein umfaßt".
Ramatoulaye bleibt jahrelang allen traditionellen Rollen gerecht. Dann hört sie, daß eine Schulfreundin ihrer Tochter von "einem alten Kerl" ausgehalten werde. Ein Imam klärt sie auf: Gott habe ihrem Mann eine zweite Frau bestimmt.
Der Geistliche beglückwünscht sie zu einem "Vierteljahrhundert Ehe". Modou, ein fortschrittsgläubiger und engagierter Gewerkschafter, bemäntelte die Flucht aus seiner Midlife-Crisis mit dem Koran. Die mühsam aufgebaute Partnerschaft bleibt auf der Strecke.
"Du stellst Dir das Problem der Polygamie einfach vor", schreibt Ramatoulaye einem Verehrer, der sie selbst zur Zweitfrau möchte. "Die aber, die damit leben, kennen die Zwänge, die Lügen, die Ungerechtigkeiten, die das Gewissen belasten."
Als der Bruder ihres Mannes sie als Witwe dem Brauch nach "erben" will, fährt sie ihn an: "Und deine Frauen, Tamsir? Dein Einkommen reicht weder für ihre Bedürfnisse noch für die deiner ''zig Kinder." Eine der Schwägerinnen macht Färbereiarbeiten, die andere verkauft Früchte, die dritte rattert unermüdlich auf der Nähmaschine, alle arbeiten, um den Pascha zu ernähren.
Ramatoulaye aber will kein Dasein, wo sie mal "an der Reihe" ist. "Gekleidet in das einzig annehmbare Gewand der Würde", führt sie ihr Leben allein fort.
Afrikanische Kritiker haben den Briefroman als "zu weiblich, sentimental und lyrisch" bezeichnet. Aber natürlich waren sie alle Männer.
S.163 Mariama Ba: "Ein so langer Brief". Edition Sven Erik Bergh, Unterägeri/Schweiz; 146 Seiten; 19,80 Mark. *

DER SPIEGEL 8/1981
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