10.11.1980

Helfende Geister

Die Technik beherrschen Lateinamerikas Fußball-Stars, die Taktik vernachlässigen sie. Dafür unterziehen sich vor allem brasilianische Spieler Macumba-Ritualen.
Zwei Stunden nach Mitternacht, vor dem WM-Qualifikationsspiel gegen Mexiko, trommelte ein Priester des karibo-afrikanischen Voodoo-Kultes Haitis Fußball-Nationalmannschaft zusammen -- heimlich, hinter dem Rücken ihres deutschen Trainers Josef Piontek.
Er hypnotisierte sie mit Sprüchen und Gesten und suggerierte ihnen einen sicheren 2:0-Sieg, falls sie seine und nicht die Ratschläge des Trainers befolgten.
Während des Spiels im Azteken-Stadion von Mexiko City verzweifelte Trainer Piontek. Seine Mannschaft verkehrte die angeratene, vorsichtige Taktik und stürmte wie in Trance in eine 1:4-Niederlage. Zu spät identifizierte Piontek den Fremden im Bus und in der Kabine, den ihm die Spieler als Sicherheits-Beamten unterschoben hatten, als Voodoo-Magier.
Wie die Karibik-Kicker dem Voodoo-Kult, hängen viele brasilianische Mannschaften dem ebenfalls aus Afrika überkommenen Umbanda- oder daraus erwachsenen Macumba-Glauben an. Sogar weltbekannte Klubequipen bis zum Meister Flamengo vollziehen vor dem Spiel Macumba-Rituale.
Schon die brasilianischen Weltmeister Didi, Garrincha und Zagallo hatten zu ihrer Zeit den Nationaltrainer Vicente Feola bestürmt, Macumba-Zeremonien in den Trainingsplan der Nationalmannschaft aufzunehmen. Feola verwies sie an Spezialisten. Seitdem, vor allem durch Mißerfolge bei den letzten Weltmeisterschaften entmutigt, gilt der Magier mehr als der Trainer.
Macumba und Umbanda "sind die brasilianischen Antworten auf den Streß der westlichen Welt", der auch in Südamerika spürbar werde, entdeckte der Bremer Psychologie-Professor Fritz Stemme, der jüngst in Brasilien auch die "Sozialpsychologische Funktion des Fußballs" erforschte. Animistische Kulte, die einst afrikanische Sklaven in Lateinamerika eingeführt haben, durchdringen zunehmend die Gesellschaft und mit ihr den Lieblingssport der Armen, den Fußball.
Auch unter Fußballspielern sei "der Glaube an eine beseelte Umwelt übermächtig", erkannte der frühere Nationaltrainer Claudio Coutinho. Deshalb beschwören viele Trainer, Funktionäre und Spieler den Fußballerfolg auch mit irrationalen Mitteln und spannen Glauben, Aberglauben und magische Kulte in ihre Vorbereitungen ein.
Der FC Sao Paulo, Brasiliens größter Klub, war kürzlich ans Tabellenende abgerutscht. Vor dem entscheidenden Spiel verriegelte die Mannschaft ihre Garderobe und entzündete Kerzen in den Vereinsfarben. Hand in Hand formte sie einen Kreis und betete zur Schwarzen Heiligen von Aparecida.
Sao Paulo siegte. Dankbar charterte die Mannschaft einen Bus und besuchte die Nationalheilige Brasiliens im Wallfahrtsort Aparecida do Norte, 200 Kilometer von Sao Paulo entfernt. Mit brennenden Kerzen in den Händen rutschten sie auf den Knien die Kirchenstufen hinauf und dankten für ihre Rettung.
Mehr an Aberglauben (wie ihn auch europäische Stars pflegen, die nur in bestimmten Stiefeln oder Trikots auflaufen) erinnern die Maßnahmen, mit denen die Spieler Flamengos den Sieg gegen ihren Ortsrivalen aus Rio, Fluminense, sicherzustellen hofften: Sie beschafften sich Zigarettenkippen und Stiefelstollen ihrer Gegner und pflanzten sie nachts unter lauten Verwünschungen in den Rasen des Maracana-Stadions ein.
Nun sollten die Rivalen stolpern, über den Ball treten und Fehlpässe schlagen. Statt dessen endete das Spiel unentschieden: Es stellte sich heraus, daß Nachbar Fluminense Rat vom selben Kultchef eingeholt und den Rasen ebenfalls präpariert hatte.
Voller Glaubenseifer jedoch vollenden Mannschaften ihre Vorbereitungen auf wichtige Spiele mit beschwörenden Macumba-Zeremonien. Ähnlich wie im Voodoo-Kult glauben auch Macumba-Anhänger durch die Hilfe erfahrener Medien und mit Opfergaben Geister und Götter zu erreichen und sie zu bewegen, ihnen zu helfen oder ihnen wenigstens nicht zu schaden.
Siege und Tore werden nach dem Glauben brasilianischer Spieler von geneigten S.210 Geistern und Göttern bewirkt. Deshalb opfern sie den Geistern und bitten nach genau festgelegten Ritualen um Beistand.
Rot und Schwarz gelten etwa als Farben des teuflischen Geistes Exu (gesprochen: Eschuh), mit dem es der Klub Flamengo hält. Darum spielt die Mannschaft Flamengos (Abkürzung: Menga) in Exus Farben. Alle Exu-Gläubigen werden damit zu Menga-Fans. Beim Klub-Namen denken die Klubfans an "menga", Opferblut.
Als die Mannschaft der Corinthians Sao Paulo in Rio gegen Vasco da Gama antrat, erschien ihr Präsident Vicente Mateus im Flamengo-Trikot. So glaubten die Spieler den Geist Exu auf ihrer Seite. In diesem Jahr verloren die Corinthians dennoch: Vasco habe es fertiggebracht, erklärten die unterlegenen Spieler, den Gott Ogum für sich einzunehmen und ins Stadion zu locken. Ogum gilt für Macumbisten als Gottheit des gerechten Krieges und Helfer gegen das Böse.
Der brasilianische "Fußballspieler folgt einer Psychologie, die aus Ritualen und Aberglauben besteht", folgerte Fußballforscher Stemme. "Deshalb wird er immer mehr dem Medizinmann glauben als dem Universitätspsychologen, wenn's kritisch wird."
So halten Spieler und Trainer im Umkleideraum stets eine Art brasilianischen Feldgottesdienst ab. Psychologisch dämpft das Ritual die Spannung, stärkt den Kampfgeist und lenkt die Konzentration auf das bevorstehende Spiel. Die Athleten bilden einen Kreis, murmeln Beschwörungsformeln und stoßen Verwünschungen gegen den Gegner aus. Corinthians-Trainer Brandao stärkte seine Mannschaft mit Kraftsprüchen: "Wir machen Schluß mit der Rasse dieser unglücklichen Menschen."
Brandao zitierte 1977 vor dem Endspiel gegen Ponte Preta den Geist des gegnerischen Mittelstürmers Avelino herbei und führte mit dem unsichtbaren Gegner einen wütenden Dialog, während sich Avelino in Wirklichkeit in der Nachbarkabine vorbereitete. "Während sich Avelino auf das Spiel konzentrierte", schrieb eine Zeitung anderntags, "wurde er in der Kabine des Gegners bereits erledigt."
"Ich will, daß ihr kämpft", herrschte ein anderer Corinthians-Trainer, Filpo Nunes, seine Kicker an. "Vom Kopf bis zum Fuß." Dann rammte er, mit dem Kopf voran, eine Schranktür, bis das Holz zersplitterte. Ein mißtrauischer Spieler fand allerdings heraus, daß sich Filpo eine morsche Tür ausgesucht hatte.
Bahias Trainer und Masseur Alemao benetzte, während seine Spieler sich hilfesuchend umfaßten, die Klubembleme auf den Trikots mit Cachaca, Zuckerrohrschnaps, als Opfergabe für Exu. (Xango, ein anderer Gott, bekommt dunkles Bier.) So beschwor er S.211 über das Vereinssymbol den Teufelsgott. Dann überreichte er den Spielern je zwei Kügelchen. Sie heißen Cosmos und Damiao und sollen die Kindergeister ablenken und daran hindern, sich in das Fußballspiel einzumischen.
Wenn die Spieler die Kabinen verlassen, trotten sie auf dem Weg zum Spielfeld gewöhnlich durch einen Tunnel. Auf diesem Gang endet das Ritual: Die Spieler beten, einzeln oder gemeinsam, jeder uriniert zur Linderung der Spannung an einer ihm vorbehaltenen Stelle gegen die Wand, und alle brechen in Kriegsgeschrei aus.
"Als ich im Tunnel auf mein erstes Spiel wartete, drehte sich mein Magen um", erinnerte sich Fluminense-Torwart Paulo Goulart an die Wirkung der Geisterbeschwörung. "Es war, als müßte ich mich übergeben. Aber ich hielt stand."
Am Rhythmus des Händeklatschens oder der mit flachen Händen geschlagenen Trommeln ihrer Anhänger im Stadion machen die Spieler aus, ob ihre Formeln und Gebete den hilfreichen Geist herbeigelockt haben. Wenn sie die Macumba-Götter, wie meist im Heimspiel, auf ihrer Seite wähnen, gelingt ihnen oft alles; ein europäischer Trainer würde sagen: Sie sind motiviert. Die Gegner dagegen lähmt der magische Rhythmus, der ihnen üblicherweise im Auswärtsspiel mißgesinnte Geister signalisiert.
Sogar brasilianische Fachleute nehmen das magische Brimborium zumindest vor der Öffentlichkeit ernst. Im Mai siegte Vasco gegen die Corinthians durch fünf Tore des Mittelstürmers Roberto. Er und die Zuschauer glaubten, der Macumba-Gott Ogum habe ihn als Medium zu dieser Glanzleistung benutzt. Psychologe Stemme: "Die Einheit von Spiel, Spieler und Publikum war vollkommen."
"Welcher Gott hat ihm geholfen", überschrieb die Zeitschrift "Placar" ihren Bericht. "Irgendeine fremde Macht erschien im Maracana-Stadion", hieß es weiter im Text. "Ogum, Oxala oder Xango -- einer von ihnen half dem phantastischen Dynamit-Roberto."
Doch derlei fremdartige Fußballbräuche dürften keinen Anlaß "zu europäischer Überheblichkeit bieten", stellte Forscher Stemme eine Parallele her. Die meisten Europäer "können nicht glauben, daß durch die Körper besessener Medien Geister und Gottheiten mit uns in Kontakt treten", erklärt er. "Ersetzt man jedoch in der Sprechweise vieler Brasilianer die Geister durch psychologische Fachausdrücke, bleibt alles beim alten."
Ob "ich einen Komplex haben soll, oder ein Teufelsexu mich ständig irritiert -- der Vorgang ist derselbe, mit dem einzigen Unterschied, daß in Umbanda und Macumba häufig Spontanheilungen vorkommen, während die Psychotherapie oft auch nach Jahren keine Erfolge erzielt".

DER SPIEGEL 46/1980
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