16.02.1981

GESTORBENHermann Esser

Hermann Esser, 80. Der Kampf gegen die bayrische Räterepublik 1919 hatte den Ex-Soldaten Hitler und den Jungjournalisten Hermann Esser zusammengeführt. Esser, Jahrgang 1900, Sohn eines Reichsbahndirektors und ursprünglich Sozialdemokrat, gehörte damals zum Münchner Reichswehr-Gruppenkommando, das ihn eines Tages auf einen Polit-Lehrgang schickte. Dort lernte er einen Österreicher in abgetragener Soldatenkluft kennen: Hitler. Dessen Rednertalent beeindruckte Esser so sehr, daß er bei seinen Vorgesetzten durchsetzte, Hitler als Agitator zu verwenden. Er selber nahm Hitler mit zu den Sprechabenden der "Deutschen Arbeiterpartei", eines nationalistischen Kleinbürger-Zirkels, dem er Hitler als "Trommler" empfahl. Gemeinsam rissen Hitler und Esser die Führung der künftigen NSDAP an sich und entfesselten in Münchner Versammlungssälen eine wüste Hetze gegen Demokraten und Juden, die Esser in dem von ihm redigierten "Völkischen Beobachter" noch durch giftige Attacken auf Gegner und Abweichler verschärfte. Nach dem mißglückten Novemberputsch von 1923 sammelte Esser die Reste der Partei in einer "Großdeutschen Volksgemeinschaft". Zum Dank gab ihm Hitler nach dem Wiederaufbau der Partei die begehrte Mitgliedsnummer 2 und ernannte ihn zum Reichspropagandaleiter. Doch bald gingen Hitler die rüden Manieren seines Freundes auf die Nerven. Zuweilen nannte er jetzt Esser einen "Lumpen", dem man nicht trauen könne, und als Esser auch noch durch amouröse Abenteuer Hitler vergrätzte, entzog der ihm 1936 das Du, freilich nicht das Gastrecht an seiner Tafel. Entsprechend dürftig war seine Karriere im Dritten Reich: zwei Jahre lang bayrischer Wirtschaftsminister, ab 1939 Staatssekretär für Fremdenverkehr im Propagandaministerium. So konnte er Entnazifizierung und Vergangenheitsbewältigung leicht überstehen. Er verhielt sich so still, daß Franz Josef Strauß keine Bedenken hatte, dem Staatsminister a. D. zum 80. Geburtstag seine herzlichsten Glückwünsche überbringen zu lassen. Unauffällig ist Hermann Esser auch gestorben, am 7. Februar.

DER SPIEGEL 8/1981
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