10.11.1980

Peter Bichsel über Jürg Federspiel: „Die beste Stadt für Blinde“

Vom voreiligen Ärger Peter Bichsel, 45, Schweizer Erzähler und Publizist, hat zuletzt „Geschichten zur falschen Zeit“ veröffentlicht. - Jürg Federspiel, 49, ist freier Schriftsteller in Zürich.
Einer holte die Leiche seines Vaters ab, einer spaziert während des Krieges in Vietnam herum und berichtet von den Dingen, die er dort eben sieht und erlebt, einer lernt einen Blinden in New York kennen und findet dabei fast widerwillig ein Thema, einer ärgert sich über Hunde.
Dieser Eine bezeichnet sich als Ich, und er ist mit Sicherheit der Autor Jürg Federspiel selbst -- kein Ich-Erzähler und auch keiner, der von sich selbst erzählt, viel eher einer, der glaubt, daß er mit dem Einbringen des Ichs den Wahrheitsbeweis antrete. Jürg Federspiel hält alles, was er berichtet, für unwahrscheinlich -- nicht für außergewöhnlich, aber für unwahrscheinlich --, und er setzt sich darüber hinweg, daß der Leser ihm dies alles glauben wird. Er kämpft gegen voreiliges Verständnis. Er fürchtet sich davor, daß der Leser ihn verstehen könnte.
Federspiel legt Wert darauf, daß er von all den Dingen, die er hier beschreibt, nichts versteht. Der Besucher Vietnams ist weder ein Fernostexperte noch ein politisch Kompetenter, nicht einmal unbedingt ein politisch Interessierter. Er führt uns vor, wie das wäre, wenn wir Unkompetente dort herumstehen würden -- das wird zum überraschenden Leseerlebnis.
Dabei bleibt es völlig unklar, weshalb dieser Federspiel nach Vietnam gereist ist -- am ehesten wohl, weil er den Auftrag einer Zeitung hatte. Würde er diese Reise literarisch romanhaft erzählen, er müßte für den Helden irgendwelche schicksalhaften Umstände erfinden, die ihn sozusagen grundlos nach Vietnam verschlagen hätten, und eine solche Erzählposition würde die Geschichte dann zwangsläufig zur Tragödie werden lassen.
Sie klingt in jeder seiner Geschichten an, die Tragödie, die Katastrophe des Lebens, aber sie gelingt hier nicht -sie wird vom Autor verweigert, weggewischt und vergessen. Die Unrast des Erzählers gibt der Tragödie keine Chance. Federspiel endet seine Geschichten angeekelt. Er weigert sich angesichts der ekligen Welt, in der Traurigkeit ihrer Tragödie zu baden.
Federspiel weint nicht, er ärgert sich. Und er ärgert sich nicht etwa über die Schlechtigkeit der Welt, über Ungerechtigkeit und graue Hintergründe. Er ärgert sich nur über die Umständlichkeiten dieser Welt, die sich ihm, dem Ich, in den Weg stellen. Er betrachtet Welt mit kindischem Trotz und nimmt alles persönlich: Ein potentiell Asozialer erschrickt vor sozialen Themen, und er weigert sich, diese Welt mit literarischer Traurigkeit zu besänftigen. Er zieht den voreiligen Ärger dem voreiligen Verstehen vor. Sein Erzählprinzip heißt Ungeduld, ein nervöser Mann, der kaum die Zeit aufbringen will zum Erzählen, der Übersensible in der Verkleidung des rasenden Reporters.
Die elf Geschichten oder Reportagen (beide Bezeichnungen sind unzutreffend), die dieser Band sammelt, sind alle zuerst für Zeitungen geschrieben worden, sind zum Teil Auftragsarbeiten. Dies zu erwähnen tut (nach deutschem Leseverhalten) dem Buch und dem Autor Abbruch, und Federspiel hat denn auch entsprechende Quellenangaben mit Recht unterschlagen; schließlich sind es seine Geschichten. Aber (so verhält es sich nun mal) eine Sammlung von bereits veröffentlichten Texten gilt eben nicht so recht als richtiges Buch. Man nimmt es als Verlegenheitslösung eines Autors, der halt wieder einmal ein Buch haben möchte.
Aber Federspiel kann diese "richtigen" Bücher schreiben und hat es auch getan: "Orangen und Tode", "Paratuga kehrt zurück" -- schöne und gute und stimmige Geschichten, von (wie man sagt) hoher literarischer Qualität. Darin war das Ich ein echter Ich-Erzähler. Was ihm dort passierte, war zum vornherein literarisch ausgewählt und autobiographisch gemeint. Das Ich war umgeben vom Hauch der Traurigkeit. Es verhielt sich sehr still und gab sich keine Blößen.
Das Ich in "Die beste Stadt für Blinde" ist kein literarisches mehr. Es ist ein journalistisches. Es ist nicht das Ich einer Person, die so tut, als ginge es ihr gar nicht um das Buch, sondern das Ich des Schreibers, unabsichtlich gesetzt, ein grammatikalischer Zufall. Es erinnert mich mitunter an das Ich beim Journalisten Heinrich Heine. Es könnte etwas damit zu tun haben, den Zwang abwerfen zu wollen, ein Dichter sein zu müssen. Eigenartig, daß dies immer wieder nur die journalistische Arbeit erbringen kann, eigenartig, daß man sich das nicht selbst wählen kann, daß dies einem "vorsätzlichen" Buchautor kaum einmal gelingt.
Ich halte es keineswegs für einen Zufall, daß die Sammlungen von halbjournalistischen Arbeiten auf dem deutschen Buchmarkt zunehmen, und ich halte es auch nicht für eine Art Verlegenheit. Offensichtlich gelingt es einer "reinen" Literatur fast nicht, ein Ich so selbstverständlich zu setzen, wie es hier geschieht, nämlich ganz einfach als: "Ich bin der, der das schreibt", oder als: "Weil mein Ich drin ist, ist es Realität."
Federspiels Themen sind typische Angebote an Redakteure, die nach dem Außergewöhnlichen Ausschau halten. Er bietet ein gerichtsmedizinisches Institut in New York an, die wahre Identität des Sprayers von Zürich, Hundefriedhöfe in Amerika, den Soldatenfriedhof vom Hartmannsweilerkopf -- und diese Aufzählung macht den falschen Eindruck, daß es hier immer wieder um Tod gehe.
Federspiel erwähnt zwar seine eigenartige Liebe zu Friedhöfen; daß er dauernd wieder auf sie zurückkommt, mag ihn aber selbst überraschen. Sie sind überall da in seinem Buch, aber sie fallen eigentlich nicht auf. Federspiel schreibt nicht über das Grauenhafte des Todes, sondern über Selbstverständlichkeiten: ein rasender Reporter, S.236 der durch Friedhöfe rennt, wie einer Abkürzung wegen.
Man schickt diesen Federspiel nach Vietnam während des Krieges, und er kommt zurück und beschreibt kaum den Krieg, vielmehr wie umständlich er da gelebt habe, wie unbequem man es ihm da gemacht habe. Ignoranz? Keineswegs. Federspiel beschreibt exakt, was geschieht, wenn man einen Mann wie Federspiel nach Vietnam schickt. Was soll dieser unpolitische, überängstliche, übernervöse Mann dort? Was geschieht mit ihm?
Fast bin ich geneigt zu sagen: Dies ist die einzige Vietnam-Reportage, die ich kenne, für die man wirklich hinreisen mußte, die einzige, die man nicht hätte von hier aus schreiben können. Jahre nach diesem Krieg gelesen, tönt sie wie eine Voraussage. Vietnam ist hier bereits ein vergessenes, ein kaum erwähnenswertes Land, aus Peinlichkeit verdrängt -- eine Apokalypse der Langeweile viel eher als eine Apokalypse des Grauens.
Federspiel ist damit mit Sicherheit ungerecht, und er erscheint fast als zynisch angesichts der Wirklichkeit, von der wir wissen. Aber Federspiels Darstellung entspricht unserer Unfähigkeit, dauernd mit der Wirklichkeit zu leben. Seine nervöse Eile entspricht unserer Resignation, und Federspiel ist erfrischend ungerecht. Er will zu den Dingen nichts zu sagen haben. Er ist einer, der in Amerika war und aufgefordert wird, von Amerika zu erzählen; einer, den man fragt: Wie war es denn nun in Vietnam?
Die Antwort ist hilflose Pflichtübung. Man kann schließlich nicht aus Vietnam zurückkommen und nichts erzählen, also erzählt man halt das, was zufällig war. Er erzählt es ohne Vorurteile wie einer, der nicht gewußt hatte, daß dort ein Krieg ist. Wie einer, der hingeschickt wurde, um zu sehen, was geschieht, wenn man ihn hinschickt. Er kommt zurück wie ein Überlebender eines zynischen Experiments, wie einer, den man ausgeschickt hat, um zu sehen, ob er überlebe.
Das trifft auf fast alle Geschichten dieses Bandes zu -- ein Traumwandler, der überlebt, und der mit Ärger und Haß reagiert, wenn man ihn weckt. Einer, der so tut, als halte er die zufällige Realität für die Wahrheit, und damit über die Unbeschreibbarkeit der Wahrheit schreibt; ein ungeduldiger, hastiger Erzähler mit unmöglichen Assoziationen, mit Bildungsplunder, mit Humor an den falschen Stellen, oft unsorgfältig, aber nie sorglos.
Er schreibt hier gegen eine Literatur, gegen eine Vorstellung von Literatur. Mir scheint, das was wir immer wieder als die Literatur bezeichnen, ist nichts als eine Vorstellung. (Das Werk Goethes deckt sich ganz und gar nicht mit der Vorstellung Goethe, Heine kann immer wieder nur überraschen.) Das gegen die Vorstellung "Literatur" S.237 Schreiben ist nichts Neues. Im Grunde genommen ist das Thema der Literatur. Federspiel tut es hier zufällig.
Ob man ihm das abnehmen wird? Kaum. Denn Federspiel ist gegenüber dem Leser handikapiert: Er kann keine Gründe nennen, warum er das schreibt, und warum das geschrieben werden muß. Es muß ja vielleicht auch nicht. Hier bezieht einer die Unnützlichkeit des Schreibens aus dem anscheinend nützlichen Journalismus. Federspiel ist ein Journalist, der untersucht, was geschieht, wenn ein Schriftsteller journalistische Themen behandelt. Es spricht für das Thema, daß es kein neues ist.
Von Peter Bichsel

DER SPIEGEL 46/1980
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