13.04.1981

BÜCHERGrüner Etikettenschwindel

Peter Mosler: „Die vielen Dinge machen arm.“ Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg; 224 Seiten; 19,80 Mark.
Glaubt man der "Frankfurter Rundschau", dann muß der Autor Peter Mosler den "Dissidenten der Bundesrepublik" zugerechnet und sein alternativ sich gerierendes Buch "Die vielen Dinge machen arm" als ein Stück grüner Widerstandsliteratur gelesen werden.
Für ein oppositionelles Werk aus dem Geist Lebenssinn stiftender grüner Utopien hat man es offenbar auch beim Rowohlt-Verlag gehalten, sonst hätte der wohl kaum ein Buch verlegt, in dem Menschen als "Ratten" bezeichnet werden oder die Sehnsucht nach einem neuen Leben sich in dem Wunsch äußert, "ein behindertes Kind (zu) sein".
Daß aber ein ebenso menschenfeindliches wie gedankenloses Buch, das überdies vor ideologischem Opportunismus nur so strotzt, den Kulturbetrieb als Oppositions-Literatur passieren kann, durch diese Tatsache verdient es denn doch wieder Aufmerksamkeit.
Die Hauptfigur des Buches heißt Caspar. Caspar hat bei den letzten Wahlen für die Grünen votiert, er liest "taz", "Humus" und "Pflasterstrand", er fühlt sich den "Ökotopisten" zugehörig, vorrangig aber ist er "wurzellos" -- alles, wie es der Knigge für Aussteiger befiehlt.
Auch Caspars Vergangenheit ist mustergültig: Er war damals im SDS, eine schöne Zeit, die Studentenbewegung, aber -- "keine wilde Schwermut holt sie zurück".
Dieser alternative Streber schnippt nun in Moslers Buch unablässig mit dem Finger, um den Klassendurchschnitt im Pflichtfach "Anders leben" zu übertreffen.
Während die graue grüne Masse in den Städten und in Gegnerschaft zur Atomenergie verharrt, hat Caspar bereits die Zeichen der Zukunft erkannt, der Zukunft, die der "postindustriellen Gesellschaft" gehört. In diese stürmt Caspar aus dem Sündenpfuhl Frankfurt, wo sich ihm all die käuflichen Dinge "aufherrschen", voran in den nahe gelegenen Vogelsberg: Dort hat sich ihm ein Häuschen aufgeherrscht.
Wenn ihn da alternativ beseelte Freunde aus der Stadt, ganz im Vertrauen S.240 "eine Rotte von Sexualpathologen", besuchen und mit ihm diskutieren wollen über Dualwirtschaft oder die Unmöglichkeit, aus der Industriegesellschaft auszusteigen, dann werden sie von Caspar allemal an ihre alternative Gewöhnlichkeit erinnert mit grämlich abgewandten Bekenntnissen der Art: "Die politischen Clownerien in der Stadt interessieren mich nicht."
Was aber interessiert ihn denn dann, den Aussteiger ins postindustrielle Eigenheim?
Die Medien tut er als "nichtiges Gemurmel" ab; Rockmusik schenkt ihm nicht "Entzücken und Lebensfreude"; in der Schlemmeretage des KaDeWe blickt er freudlos ins "Maul des Imperialismus"; das Dorf, in dem er lebt, ist auch nicht mehr das, was es mal war; auf der Buchmesse immerhin gibt's schöne Frauen, doch auch sie sind Caspars nicht würdig, weil "schön und bedeutungslos".
Auch die moderne Literatur, namentlich die Bücher von Peter Schneider, Botho Strauß und Peter Handke verdienen nur Moslers Desinteresse, weil darin "nichts als das nichtswürdige Summen des Marktes" zu vernehmen ist.
Was bleibt da als Quell für ein anderes Leben übrig, wenn einem dann auch noch eine Claudia davonläuft und Freundin Anna Caspars Griff unter ihre Bluse in Moslers casinoforschem Emanzipationsjargon zurückweist: "Die Milch steht auf dem Schrank"?
Doch, ein Lebensborn bleibt, und es ist kein biologisch-dynamischer Garten, kein geschäftsmäßiges Körnerwesen, auch nicht der soeben "quietschend" geborene Sohn David, sondern Moslers alternativer Zettelkasten, aus dem er Caspar mit Zitaten aus der grünen Literatur, aus Büchern von der "Autopest" bis zur "Windenergie", von den "Erfahrungen einer Rutengängerin" bis zur "Welt als Gartenchina" derart anfüttert, daß der eines selbständigen Gedankens gar nicht erst fähig werden kann.
Warum er es denn nun mit dem von Mosler in der Tat nur viel zitierten alternativen Leben hält, welche Erfahrungen zur Sehnsucht nach dem "ganzheitlichen Menschen" geführt haben oder woher das viele Holz für die von Mosler propagierte wohngesunde Bauweise kommen soll, wenn nicht aus den doch hoffentlich zu erhaltenden Wäldern -- man erfährt es von dem Untertanen des Zettelkastens nicht.
Indem Mosler sich bei den Experten alternativer Lebensformen einhakt und sich mit deutschen Geistesgrößen, mit Adorno und Goethe, mit Walter Benjamin und Kafka verbrüdert gegen die dummen Konsumenten von Fernsehunterhaltung oder gegen die "Ratten" in der Stadt, dünkt sich Mosler schließlich selber eine Geistesgröße und steht vor jedem seiner Sätze so stramm, als hätte Goethe gesprochen. Diese kopflose Ehrfurcht vor dem eigenen Wort führt dazu, daß Mosler ständig vergißt, was er gerade gesagt hat.
War eben noch die Stadt rettungslos dem Untergang geweiht, so will er sie wenig später durch "Hausbegrünung" retten.
Hat er gerade dem Berliner Verleger Wagenbach im Brustton "linker" Moral vorgeworfen, dem Markt verfallen zu sein, so berichtet der Gegner von Markt und Konsum kurz danach von einem Kinderbuch, das er gar nicht erst schreiben wird, "weil die Eltern so was nicht kaufen".
Oder Mosler erteilt auf Seite 46 den Bauern seines Dorfes eine strenge Rüge, weil sie keine guten Bücher lesen; auf Seite 47 lobt er im selben Schlußwort-Ton: "Das Dorf schert sich nicht um Kultur-Konventionen."
Wenn ein sich immer noch als linksliberal verstehender Kulturbetrieb einen Autoren als "Dissidenten der Bundesrepublik" in die Arme schließt, der Wörter wie "Lebensraum" für Lyrik hält, in dessen KdF-Sprache der Bauer "die Frucht dem Boden abringt" und "Armut" gleichbedeutend mit "Größe" ist, dann liegt der Verdacht nahe, daß die linksliberale Identität des Kulturbetriebs weiter nichts mehr ist als Etikettenschwindel. Der bringt dann Autoren wie Mosler hervor.
Christian Schultz-Gerstein
Von Christian Schultz-Gerstein

DER SPIEGEL 16/1981
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