21.04.1980

ÄRZTEWelt der Feinde

Gegen den Berliner Psychoanalytiker Günter Ammon, einen seit langem umstrittenen Außenseiter seiner Branche, machen nun auch entlaufene Schüler mobil.
Draußen blies der Wind so kalt, trieb grauen Novembernebel um das Travemünder Kongreßzentrum Maritim. Drinnen aber bestimmten "Festlichkeit und Freude, Freundschaft und Ernst den Höhepunkt des XI. Internationalen Symposiums der Deutschen Akademie für Psychoanalyse (DAP)": Wegen ihrer "Verdienste um Wege in eine neue Welt" erhielt 1979 die "Wissenschaftlerin" Gisela Ammon die "Goldene Medaille" der Akademie.
Goldmedaille und Urkunde, so berichtete das "Kongress Bulletin" der DAP stolz, "wurden von Dr. Günter Ammon persönlich überreicht". So bleibt das Gold in der Familie, denn die Geehrte ist Günter Ammons Ehefrau. Auf des weißbärtigen Seelendoktors Namen hatten entlaufene Jünger schon vor Jahren "Ammon ist Mammon" gereimt (SPIEGEL 48/1974).
Die Kurzkritik hat dem Psychiater damals wenig geschadet. In diesen Wochen jedoch legen entlaufene Schüler des Günter ("Gottvater") Ammon ausführliche Darstellungen vom Leben der Präsidentenfamilie und dem Leid mancher ihrer Adepten vor. Die Kritiker, jahrelang schweigsame Dulder, sparen nun nicht mit deutlichen Worten: Ammon, so heißt es jetzt öffentlich, sei "ein Meister der Intrige", "unerträglich selbstherrlich", "Angst" sei "sein Machtmittel", er "mißbraucht" die Psychoanalyse als "Disziplinierungsmittel" und macht "das große Geschäft mit der Suche der Menschen nach dem Sinn des Lebens".
Unter dem Titel "In irrer Gesellschaft" haben vier abgefallene Ammon-Schüler "Verständigungstexte" zu einem jüngst erschienenen Buch beigesteuert.
( "In irrer Gesellschaft -- ) ( Verständigungstexte über Psychotherapie ) ( und Psychiatrie". Suhrkamp Verlag, ) ( Frankfurt; 512 Seiten; 16 Mark. )
Diesen Sammelband nahm der angesehene Münchner Medizinpublizist Jürgen-Peter Stössel zum Anlaß, den Lesern der "Süddeutschen Zeitung" Ende letzten Monats von einem "Führer und seinen abtrünnigen Schülern" zu berichten. Stössels Beitrag trug der überraschten Zeitung nahezu 200 Leserbriefe, Telegramme und Fernschreiben ein, pro und contra.
Umstritten nämlich ist der nunmehr 61jährige Berliner Nervenarzt, seit er vor rund einem Dutzend Jahren begann, diverse Vereine und Institute mit wohltönenden Namen zu gründen oder gründen zu lassen, unter anderem:
* die "Deutsche Akademie für Psychoanalyse (DAP)", Präsident: Dr. Günter Ammon;
* die "Deutsche Gruppenpsychotherapeutische Gesellschaft" (DGG), Präsidentin: Gisela Ammon;
* das "Lehr- und Forschungsinstitut für Dynamische Psychiatrie und Gruppendynamik", Direktor: Dr. Günter Ammon;
* die "Pinel-Gesellschaft" zur "Förderung psychiatrischer Kliniken und wissenschaftlicher Forschung", einzige Gesellschafterin: Gisela Ammon;
* den "Psychoanalytischen Kindergarten", wissenschaftliche Leitung: Kindergärtnerin Gisela Ammon; und dazu
* die "Dynamische Psychiatrie -- Internationale Zeitschrift für Psychiatrie und Psychoanalyse", Herausgeber: Dr. Günter Ammon.
Nebenbei repräsentiert der dickleibige Doktor auch noch den "Konstantinianischen Orden des Heiligen Georg" für die "gesamte Bundesrepublik und West-Berlin", fand vorübergehend Zeit, seiner "Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Medizin" als Präsident vorzustehen und seiner "Berliner Schule" eigenem Bekunden nach "weltweit Anerkennung" zu verschaffen.
Die von Ammon gelehrte sogenannte dynamische Psychiatrie hat, wie der Psycho-Multi ohne falsche Bescheidenheit verkündet, "die herkömmliche diagnostische S.88 Klassifizierung und Einordnung der Patienten abgeschafft". Krankheitsgeschehen bewege sich, "diagnostisch gesehen", auf einem "gleitenden Spectrum". Den Münchnern, die ihn jetzt so beuteln, erläuterte Ammon 1977 im Deutschen Museum "die von mir vorgenommene Widerlegung der orthodoxen Aggressionslehre". Danach ist Aggression nichts Schlimmes, sondern eine "zentrale Ich-Funktion".
Nach der Theorie der dynamischen Psychiatrie liegt der Seelenpein vor allem ein "Ich-Defizit" zugrunde, welches herrühre von einer frühzeitig mißglückten "Symbiose mit der Mutter". Diese habe das Kind zu früh -- oder zu spät -- aus der lebenswichtigen Gemeinsamkeit entlassen. In der Gruppe könne der leidende Mensch jedoch von seiner "archaischen, ich-defizitären Krankheit genesen".
Ammon hat klein angefangen. Seine erste "Schülerin", so berichtete das "Berliner Ärzteblatt", sei Ehefrau Gisela gewesen. Sie, die sich damals noch "Kauffrau" nannte, gründete am 28. März 1967 in Berlin die "Epidaurus GmbH", die unter anderem "Diät-Lebensmittel" herstellen und vertreiben sollte. Daraus wurde nichts. Statt dessen avancierte Gisela Ammon zwei Jahre später zur "Psychotherapeutin", was freilich wenig besagt, denn so darf sich jeder nennen. Über mangelnde Nachfrage konnte das Ehepaar trotzdem nicht klagen.
Auf der Suche nach einer Seelenheilkunde jenseits der in Deutschland unverändert üblichen Verwahrpsychiatrie liefen dem Dr. Ammon und seinen Instituten reichlich Patienten zu. Erinnert sich Gislinde Bass, die jetzt in München als Psychotherapeutin arbeitet: "Ich begann als Patientin. Nach einem halben Jahr therapeutischer Behandlung sagte mir Ammon, wie begabt ich für eine psychoanalytische Ausbildung sei" -- gesagt, getan. "Ich durfte mit einer Lehranalyse auf der Couch beginnen beim stellvertretenden Institutsleiter, der aber damals selbst noch auf der Couch des Institutsleiters lag."
Solche Karrieren waren und sind im Bannkreis der Ammon-Institute durchaus üblich. Frau Bass, die sich zehn Jahre später endgültig von "Gottvater" trennte, hat für den SPIEGEL aufgezeichnet, wie die Psychoanalyse in der DAP gehandhabt wird, wer damit das große Geld verdient und warum die Umgangsformen der Seelenheilkundigen oft so rüde sind.
Ihr Ko-Autor ist der Münchner Psychologie-Professor Friedrich Wilhelm Battenberg. Er hing Ammon fünf Jahre lang an, brachte es zu zahlreichen Funktionen im verzweigten Psycho-Reich des Berliners, trug wie Frau Bass den hauseigenen Titel "Dozent" -- und besann sich dann doch eines anderen. Der Professor jetzt: "Die DAP ist eine S.89 militante Vereinigung." Der Bericht der beiden Ammon-Dissidenten trägt den Titel: "Die Geschäfte des Herrn A." (siehe Seite 90).
Schwierigkeiten bereitet es allen Ex-DAPlern zu erklären, weshalb sie so viele Jahre brauchten, um zum neuen Urteil zu finden. Ein Grund mag darin liegen, daß die jungen Psychologen den Erklärungen der altehrwürdigen (und untereinander bös zerstrittenen) Psychoanalytiker-Vereinigungen von Herzen mißtrauen. Deren größte, die "Deutsche Gesellschaft für Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie", hat über Ammon längst den Stab gebrochen. "In einigen seiner Arbeiten", mäkelt die DGPPT, "erweckt er den Anschein der Entdeckung originärer neuer Erkenntnisse, obwohl diese oder sehr ähnliche Erkenntnisse bereits früher im Schrifttum von anderen Wissenschaftlern veröffentlicht worden sind."
Übereinstimmend berichten die Ammon-Abschwörer, daß sich der umstrittene Doktor mehr und mehr in einer Welt von Feinden wähnt. Im Kreis der Verbliebenen herrsche, urteilt Psychologe Battenberg, die Stimmung einer, im Sinne Horst Eberhard Richters, paranoischen "Festungsfamilie". Bibelfest spottete "Puls", das "Unabhängige Mitteilungsblatt der Berliner Kliniker", S.90 über Ammon: "Seit Hesekiel stets verfolgt".
( Hesekiel 25, "Weissagung wider die ) ( Ammoniter": "Und des Herrn Wort geschah ) ( zu mir und sprach: Du Menschenkind, ) ( richte Dein Angesicht gegen die Kinder ) ( Ammon und weissage wider sie ... Darum ) ( siehe, ich will meine Hand über Dich ) ( ausstrecken und Dich den Heiden zur ) ( Beute geben und Dich aus den Völkern ) ( ausrotten." )
Ernsthaftere Gedanken zum Selbstverständnis der Analytiker-Zunft hat sich der Theologie-Professor Dietrich Stollberg gemacht. Er gehörte vor Jahren kurzfristig zu den Vorstandsmitgliedern der DAP. Psychoanalytiker, so lehrte er, fühlen sich gern als "behinderte und verfolgte Elite", denn eigentlich strebten sie nichts Geringeres als "die Weltherrschaft" an. Was den Seelenzergliederern aller Richtungen heimlich vorschwebe, sei eine "Oligarchie der Analytiker", weil sie glaubten, allein zu wissen, was Welt und Mensch im Innersten zusammenhält.
"Omnipotenz- und Elitephantasien", meinte Stollberg, seien bei Analytikern gang und gäbe. Ganz generell entgehe man dem persönlichen Herausgefordertsein durch die Psychoanalyse nämlich am besten, indem man selbst Psychoanalytiker werde.
S.86 "In irrer Gesellschaft -- Verständigungstexte über Psychotherapie und Psychiatrie". Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 512 Seiten; 16 Mark. * Im Ammon-Institut in Paestum. * S.90 Hesekiel 25, "Weissagung wider die Ammoniter": "Und des Herrn Wort geschah zu mir und sprach: Du Menschenkind, richte Dein Angesicht gegen die Kinder Ammon und weissage wider sie ... Darum siehe, ich will meine Hand über Dich ausstrecken und Dich den Heiden zur Beute geben und Dich aus den Völkern ausrotten." *

DER SPIEGEL 17/1980
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