08.09.1980

SPANIENSchwester Marihuana

Fünf Haschisch-Schmuggler täglich faßt in der Touristensaison der spanische Zoll in der kleinen Hafenstadt Algeciras, dem neuen Hauptumschlag-Platz für die Droge.
Am Anlegekai der Fährschiffe aus Afrika im Hafen von Algeciras drängen sich Tag für Tag die Zuschauer hinter den Absperrgittern, um "Pirri" beim Schnüffeln zu beobachten.
Sie werden fast nie enttäuscht: Mindestens einmal am Tag wird der auf Haschisch abgerichtete Schäferhund des spanischen Zolls fündig. Wenn dann die geschmuggelte Droge ans Tageslicht kommt, erhält der Hund begeisterten Beifall.
Der tägliche Zulauf kommt nicht von ungefähr. Denn hundert Kilometer südlich von Algeciras, im marokkanischen Rif-Gebirge, werden immer größere Mengen Hanf angebaut. Marokko ist Europas wichtigster Haschisch-Lieferant, die kleine südspanische Hafenstadt Algeciras größter Hasch-Umschlagplatz geworden: Rund 50 Prozent des in Europa konsumierten Stoffs, so eine vorsichtige Schätzung der spanischen Zollbehörden, gelangen über Algeciras in den Norden.
Zwischen 130 und 150 Tonnen Haschisch werden von internationalen Rauschgiftringen und lokalen Schmugglerbanden in Algeciras jährlich verschoben. Im zolleigenen Lagerraum stapeln sich inzwischen solche S.151 Mengen konfiszierten Gutes, daß die Gebäudewachen verstärkt werden mußten, um Diebe abzuschrecken.
Während der Touristensaison fassen die rund hundert Beamten der Guardia Civil, die im Hafen von Algeciras rund um die Uhr im Haschisch-Einsatz sind, täglich gar bis zu fünf Delinquenten, die meisten von ihnen jugendliche Abenteurer und kleine Gauner, darunter in den ersten fünf Monaten dieses Jahres allein in Algeciras und Cadiz 80 Deutsche.
Die Fangquote verdankt die Polizei weniger dem Hund Pirri als vielmehr hilfreichen Hinweisen aus Marokko: Dieselben Händler, die im Rif-Gebirge das Haschisch verkaufen, geben vielfach nach Geschäftsabschluß dem spanischen Zoll die Autonummer ihres Kunden durch.
Denn nur wenn der Schmuggel nicht allzu einfach ist, können die Preise hoch gehalten werden: Innerhalb von drei Jahren stieg auf diese Art der Kilopreis von 300 auf rund 3000 Mark.
Wer der Polizei in Algeciras ins Netz geht, muß nicht selten erst mal bis zu zwei Jahre in Untersuchungshaft, denn die Provinzgerichte des spanischen Südens sind der Drogenschwemme so wenig gewachsen wie die Gefängnisse.
In der Haftanstalt von Cadiz etwa, wohin viele der in Algeciras gefaßten Hasch-Schmuggler überwiesen werden, sitzen 220 Häftlinge zusammengepfercht in einem Bau, der für 140 Insassen geplant war. Für sämtliche Gefangene gibt es tagsüber drei Toiletten.
"Der Abfluß", so einer der Insassen zum SPIEGEL, "führt durch den Raum, in dem wir unsere Mahlzeiten einnehmen müssen." Im Essen finden sich, klagt ein anderer, totes Ungeziefer und Dreck. Und: "Schon geringe Vergehen werden mit Prügelstrafe und wochenlanger Einzelhaft geahndet."
Noch schlimmer ist es offenbar im Untersuchungsgefängnis der spanischen Enklave Ceuta an der marokkanischen Küste, wo ebenfalls viele der geschnappten Hasch-Touristen landen: Je 25 Häftlinge sind in Schlafräumen von zwölf Meter Länge und fünf Meter Breite auf doppelstöckigen Pritschen untergebracht, Fensterscheiben gibt es nicht. 70 Personen teilen sich vier Waschbecken.
Kommt es dann endlich zum Prozeß, ergeht das Urteil meist nach der Faustregel: Pro Kilo Hasch bei der Festnahme ein Jahr Haft, die Höchststrafe sind zwölf Jahre und ein Tag. Nur wer genügend Geld hat, kann sich mit einer Kaution bis zu einer Höhe von 30 000 Mark aus dem Gefängnis freikaufen.
Doch die großen Händler gehen in Algeciras sowieso nicht ins Netz -- sie haben längst erkannt, daß sowohl Algeciras als auch Malaga, der andere traditionelle Schmuggelhafen Andalusiens, zu gefährlich geworden sind, weil die Polizei, so eine unter Händlern kursierende Untergrund-Schmuggelfibel, "dort gut arbeitet". Vor beiden Häfen wird in dem 50 Seiten dicken Handbuch ausdrücklich gewarnt.
Die Großen haben schon neue Handelswege organisiert, gegen die Spaniens Polizei weitgehend machtlos ist:
Haschischplatten und immer häufiger auch Haschisch-Öl werden vor der Mittelmeerküste Marokkos in Hochsee-Jachten verladen, die entweder auf direktem Weg unverfängliche kleine Häfen irgendwo in Europa anlaufen, oder aber in den von Touristen überfüllten Luxus-Jachthäfen an der Costa del Sol, etwa in Puerto Banus in Marbella, S.152 vor Anker gehen. Dort können sie ihre Fracht in aller Ruhe löschen.
Häufig auch starten nachmittags von Gibraltar aus starke Motorboote in Richtung auf die nur elf Kilometer entfernte Küste von Marokko, jagen vollbeladen mit Haschisch wieder über die Meerenge zurück und werfen die Ware, an Salzsäcken vertäut, abends vor der spanischen Küste ins Meer.
Innerhalb von sechs Stunden löst sich das Salz im Wasser auf, und im Morgengrauen treibt dann das Hasch-Paket allein an den Strand. Wird der Empfänger beim Abholen gestört, finden auch schon mal ahnungslose Touristen wasserdicht verpackte, zentnerschwere Haschisch-Pakete.
Welches Ausmaß der Haschisch-Handel zwischen den Küsten hat, zeigte sich, als im vergangenen Mai auf Gibraltar und in England Haschisch-Händler von Scotland Yard festgenommen wurden, die in eine Transaktion im Wert von rund einer Milliarde Mark verwickelt waren.
In einem Versteck, das der Bank-Manager Ambrosius Vinales in einem der zahlreichen Felsentunnel auf Gibraltar angelegt hatte, fand die Polizei Pfundnoten im Wert von 120 Millionen Mark -- Lohngelder für Haschisch-Transporteure in Europa und Produzenten in Marokko.
Von solchen Summen können die in Algeciras, Ceuta oder Cadiz gestrandeten Abenteurer oder Süchtigen nur träumen. "Wir haben mit der internationalen Drogen-Mafia oder Heroin-Szene nichts zu tun. Wir sind Amateure", schreibt, nicht ohne Berufsstolz, ein Deutscher, 27, der wegen des Besitzes von 20,7 Kilo Haschisch in Cadiz einsitzt. "Wir setzten dem ''Bruder Alkohol'' die ''Schwester Marihuana'' entgegen, denn wir sind von unserer Droge überzeugt."
Ihre Droge kriegen die Geschnappten auch im Gefängnis:
In die Haftanstalt von Algeciras wird Haschisch in ausgehöhlten Melonen oder Tennisbällen eingeschmuggelt, die jemand von draußen über die Mauer wirft.
S.150 Mit Schäferhund "Pirri". *

DER SPIEGEL 37/1980
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