21.04.1980

NORWEGENSchwere Schlagseite

Die Regierung in Oslo erwägt, die Erdölförderung in der Nordsee zu verlangsamen.
Defätismus, meint die Osloer Zeitung "Aftenposten", könne sich Norwegen auch nach dem Wohninsel-Unglück in der Nordsee nicht leisten: "Wir wissen, daß das Leben weitergehen muß."
Die platte Erkenntnis sagt allerdings nichts über das Wie. Längst haben Kritiker im Lande die Frage gestellt, ob das Öl unter der Nordsee nicht in Wahrheit ein Fluch sei. Die Erdölpolitik müsse überdacht werden, die Opfer seien zu hoch.
Das Massensterben in der Nordsee könnte in Oslo den letzten Anstoß geben, die extensive Ölförderung zu bremsen. Als die Wohnplattform "Alexander L. Kielland" am 27. März unterging, starben 123 Menschen. Damit sind inzwischen mehr als 200 Mann auf Plattformen oder mit Zubringer-Hubschraubern tödlich verunglückt.
"Wir, die noch da sind", tönt Kare Willoch, Parteiführer der Konservativen, "müssen die Arbeit fortsetzen." Aber auch Willoch fordert, die bisher offenbar vernachlässigten Sicherheitsvorkehrungen zu verbessern.
Wie sehr das vonnöten ist, zeigen die Kommentare von Experten, Gewerkschaftern und einzelnen Ölarbeitern S.175 nach dem Kentern der "Kielland". Offenbar haben Privatunternehmen und Regierungsbehörden jahrelang gemeinsam die bestehenden Sicherheitsvorschriften umgangen.
So muß etwa, laut Vorschrift, die Belegschaft je nach Arbeitsbereich an einem oder mehreren Sicherheitslehrgängen teilnehmen. Der Anfängerkurs eines Hilfsarbeiters zum Beispiel ist auf drei Wochen bemessen.
Tatsächlich jedoch haben von den auf etwa 40 beweglichen Plattformen werkenden rund 4000 Mann nur eintausend einen Kurs absolviert. Für die Mehrheit war Befreiung beantragt und vom Staatlichen Seefahrtsdirektorat genehmigt worden.
Der schlichte Grund: Das Direktorat hat zuwenig Geld, um alle auszubilden. Ivar Sandvig, Chef des Direktorats, nennt seine Lösung des Problems -nämlich nur ein Viertel der Arbeiter zu schulen -- einfach "Realitätssinn".
Derartige Einsichten zeigen auch die Mitarbeiter des Staatlichen Öldirektorats, dem die Kontrolle des Förderbetriebs obliegt. Jeder siebente Beamte hat -- wegen lausiger Bezahlung -- in den vergangenen Jahren einen gut dotierten Job in der privaten Ölindustrie angenommen.
Aber offensichtlich fehlt es in Norwegen nicht nur an Geld. Im Falle "Kielland" haben sich die Staatsdirektorate und der Pächter, die amerikanische Phillips Petroleum, auf die renommierte norwegische Inspektions- und Klassifizierungsgesellschaft für Seeschiffe -- Det norske Veritas -- verlassen. Und die hatte wohl nicht gründlich genug gearbeitet.
Veritas hatte der schwimmenden Herberge (Flotel) Stehvermögen in Stürmen mit 30 Meter hohen Wellen bescheinigt. Die Wellen jedoch, in denen sie unterging, waren nur ein Drittel so hoch.
Nun mußte Veritas sogar dem gerade erst fertiggestellten Flotel gleichen Typs, der "Henrik Ibsen" (625 Betten), den Einsatz untersagen. Die "Ibsen" bekam am Ostersonntag bei einer Absenkübung nahe der Küste 20 Grad Schlagseite und kenterte womöglich nur deswegen nicht, weil sie ein Pontonbein auf den Grund setzte.
Durch derartige Erfahrungen aufgeschreckt, will Veritas nun alle Ölplattformen und Flotels an Land schleppen und sie jeweils vier Wochen lang gründlich abklopfen. Das verursacht je Plattform einen Produktionsausfall von 7,5 Millionen Kronen (2,8 Millionen Mark), plus Inspektionskosten.
Der Boß der Ölarbeitergewerkschaft, Lars Myhre, will noch mehr. Er fordert regelmäßige Katastrophenübungen, für jeden Mann einen Überlebensanzug, der ihn auch in kalter See warmhält, sowie Wohn-Plattformen von höchstens S.178 200 bis 300 Betten -- damit im Ernstfall weniger Leute draufgehen.
Auch Myhre weiß, daß dies viel Geld kostet. Aber sein Standpunkt ist klar: "Es geht um die übliche Aufrechnung von Menschenleben und Unkosten. Jetzt soll der Mensch Vorrang haben."
Die Regierung in Oslo scheint inzwischen bereit, ihre Ölprogramme zu ändern und das Tempo der Förderung zu bremsen. Der sozialdemokratische Regierungschef Odvar Nordli läßt das Seefahrtsdirektorat, das Öldirektorat und die Veritas bis zum 1. Mai prüfen, ob dieser Kurswechsel erforderlich ist.
Schon wird auch erwogen, den für Mitte Mai geplanten Bohrbeginn in nordnorwegischen Gewässern, wo das Wetter noch gräßlicher als in bisherigen Fördergebieten ist, erneut aufzuschieben. Die Bohrungen werden bereits seit zehn Jahren immer wieder vertagt.
Für Oslo wird die Lage zunehmend gefährlicher -- weil ein neues Loch in der Staatskasse droht. Die Norweger sind -- wie die Briten, die ebenfalls in der Nordsee fördern -- auf den Öl- und Gasexport angewiesen. Verstärkte Sicherheitsbedingungen würden zudem Millionen kosten.
Und viel Spielraum hat die Regierung Nordli nicht mehr. Norwegen ist im Ausland mit gut 100 Milliarden Kronen (37 Milliarden Mark) verschuldet. Gingen die Einnahmen aus der Ölförderung zurück, bliebe nur ein Mittel, die Löcher zu stopfen -- neue Schulden im Ausland.

DER SPIEGEL 17/1980
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