17.11.1980

„Die Sauhund' hau'n wir wieder 'naus“

Die Geheimakten der US-Militärregierung in Bayern 1945 bis 1949 (l) Von der NS-Kapitulation bis zur Konstitution der Bundesrepublik regierten die Amerikaner ihr Stück Nachkriegsdeutschland direkt. Alle Gewalt ging vom „Office of Military Government of the United States“ (Omgus) aus. Dessen jahrzehntelang geheime Akten eröffnen nun einen neuen Blick auf die Vorgeschichte der Bundesrepublik.
Die Reise des George W. Cunningham aus USA war angenehm -ein aufhaltsamer Mai-Ausflug von "Deutschland nach Bayern": In Wolfenbüttel kamen dem Amerikaner Ideen zur "Verschönerung der Stadt", in Bielefeld traf er alte Kameraden, auf der Weiterfahrt nach Erlangen notierte er "herrliche Landschaft" und "ausgezeichnetes Wetter". Und ausgeruht erreichte er am 14. Mai Vilshofen in Niederbayern.
In "allererster Minute" empfand George W. Cunningham "Sympathie" für die Kleinstadt an der Donau und ihre 4500 Einwohner. Bereits auf der Durchfahrt taxierte er den Landkreis, seine "reichen Bauern", sein "fruchtbares Ackerland".
Hier sollte und wollte Oberleutnant Cunningham bleiben -- als örtlicher Verwaltungsoffizier des "Office of Military Government, US-Zone" (Omgus), der amerikanischen Militärregierung in Bayern -- ein kaugummikauender Herrgott in Vilshofen.
Es war der Mai 1945, für Deutsche wie Bayern bereits die Stunde Null plus eins.
Und was immer Cunningham und seine Kollegen vom "Military Government Detachment I 3 E 8" in den nächsten Wochen, Monaten und Jahren an niederbayrischer Politik improvisierten -- im "Kriegstagebuch" (War Diary) ihrer Einheit hielten sie es für die Nachwelt akribisch fest.
Den Besiegten freilich standen derlei Niederschriften über den Beginn des großen bedingungslosen Friedens bislang ebensowenig als zeitgeschichtliche Quelle zur Verfügung wie unzählige andere Akten über Besatzers Freud und Leid. Obwohl dreieinhalb Jahrzehnte deutsch-amerikanischer Beziehungen, vollgepackt mit kaltem Krieg, heißen Bündnisschwüren und nordatlantischem Großfamilien-Zoff inzwischen vieles von der damaligen Sieger-Befindlichkeit zur historischen Fußnote haben schrumpfen lassen, blieben die amerikanischen Beitaten zur Vor- wie Frühgeschichte des westdeutschen Staates lange weggesperrt.
Die Lucky-Strike-Zeit, wie die Sieger aus Texas und Tennessee sie erlebten, wurde bis auf wenige Ausnahmen nicht zur Besichtigung freigegeben. Und den älteren Deutschen, die dabeiwaren, als die Demokratie im Takt von "In the mood" das Laufen lernen sollte und dabei oft genug nur wieder Kriechen herauskam, blieb mindestens die quälende Frage: Wo eigentlich waren jene Millionen Entnazifizierungs-Fragebögen geblieben, mit denen die Clays und S.103 die Cunninghams dem Hitler-Fieber wie mit kalten Umschlägen beizukommen hofften?
Sie liegen, sofern ihnen nicht ein gnädiger US-Archivar wegen historischer Wertlosigkeit mittels eines Streichholzes längst den Garaus gemacht hat, zusammen mit Clays Befehlen und Cunninghams Rapporten wohlverwahrt im amerikanischen "Federal Records Center" in Suitland, Bundesstaat Maryland -- fünfzehn Kilometer von der US-Hauptstadt Washington entfernt. Einheimische Historiker nennen das weitläufige unterirdische Aktenlager, eine Außenstelle des Washingtoner Nationalarchivs, ehrfurchtsvoll "The Tomb", die Gruft.
Gleich hinter den indianischen Urkunden auf brüchigem Pergament lagern in diesen Verliesen unmittelbar vor Washingtons Stadtgrenze Tausende von Kisten mit Abermillionen von angegilbten Schriftstücken -- Nachrichten aus jenem Omgus-Land zwischen Nazi-Reich und Bonner Republik.
Was immer an Papier anfiel in jenen vier Jahren, haben die Schreibtisch-Soldaten des Military Government sorgsam zwischen Aktendeckel gepreßt und aufbewahrt. Der Bericht eines Spezialtrupps der 6. Armeegruppe über die erste Durchsuchung der NSDAP-Gauleitung von Franken, Nürnberg, Schlageterplatz 1--5, mit der bedauernden Feststellung, daß die Nazis leider alle Dokumente gleich samt Schreibtischen verbrannt hätten, liegt gleich neben einer minutiösen Aufstellung des Bargeld-Bestandes mehrerer Reichsbank-Filialen. In Lüneburg waren Mitte Mai 1945 sechs, in Würzburg sogar 60 Millionen Reichsmark "zur Hand", aber kein unbelastetes Personal, um die Schalter wieder öffnen zu können.
Der abschlägig beschiedene Antrag des Münchner Feinmechanik-Unternehmens Uher, seine Präzisionsgeräte wenigstens beim Eisenbahn-Bau profitlich einsetzen zu dürfen, wanderte ebenso in die Ablage wie das Bewerbungsschreiben eines 15jährigen Jungen aus Pößneck/Thüringen, der mit einem "Grüß Gott, werter Herr" darum bat, bald "in die US-Armee aufgenommen zu werden", und dafür versprach -- "zwar auch nur ein Deutscher" --, mit den neuen Herren "durch dick und dünn" zu gehen.
Private Briefschaften des Münchner Omgus-Residenten Paul E. Möller, etwa an seinen (deutschen) Tierarzt mit der Forderung, sich besser um Möllers Dobermann zu kümmern, kamen neben ausgespähte Korrespondenzen und mitgeschnittene Telephonate der besetzten Deutschen zu liegen. So schrieb die Mali Pfitzner (Zensoren-Vermerk: "Wife of composer Pfitzner") aus München unterm 25. April 1946 an einen Dr. Emil Selb in Baden-Baden, daß ihr Schwiegersohn in seinem Krankenhaus jetzt häufig Schwarzmarkt-Fleisch untersuchen müsse und dabei auch schon auf Kinderfleisch ("flesh from a child") gestoßen sei.
Was Wilhelm Hoegner (SPD) vom Dienstanschluß 316 05 des bayrischen Ministerpräsidenten am 2. Januar 1947 um 16.40 Uhr mit Anton Pfeiffer (CSU), dem Chef der Staatskanzlei, verabredete, um einem Ministerialbeamten glimpflich über die Klippen der Entnazifizierung zu helfen -- die argwöhnischen Amerikaner hatten es bereits sechs Tage später blau auf weiß in englischer Übersetzung auf dem Tisch: Die mehrere tausend Mitarbeiter starke US-Zensurbehörde ("Civil Censorship Germany") hatte das drei Minuten lange Gespräch mitgeschnitten, gleich unzähligen anderen auf Matrize ausgeschrieben, vervielfältigt, in fünf Exemplaren (darunter an zwei Nachrichtendienste) verteilt -- und so der Nachwelt erhalten.
So kam ein historischer Aktenberg von fast 70 Tonnen Gewicht zustande. Und als die US-Zone und damit Omgus 1949 zu bestehen aufgehört hatte, wurde er wie ein heiliges Gut über Bremerhaven in die USA transportiert.
Zuvor allerdings hatte -- bis 1952 -ein Spezialisten-Team unter Leitung des Hauptmanns Philip E. Robinson damit zugebracht, Grobbeschreibungen des Inhalts jeder der insgesamt 3250 Ein-Meter-Kisten vorzunehmen. Erst danach wurde der komplette Omgus-Bestand, aufgeteilt in siebzehn Schiffsladungen, an das Armee-Archiv in Kansas City abgeliefert.
Während der anschließenden siebenjährigen Zwischenlager-Zeit im Staat Missouri schrumpfte das von der Besatzungsbürokratie aufgehäufte Material um fast einen Regal-Kilometer: Was immer den Militär-Archivaren entbehrlich schien, wurde in jener Zeit verbrannt -- beispielsweise unzählige Entnazifizierungs-Unterlagen, darunter Tausende von Fragebögen alter wie neuer deutscher Amtswalter.
Vergleichsweise Individuelles dagegen blieb erhalten. So die traurige Geschichte S.106 des befreiten polnischen Zwangsarbeiters Tadeusz Kordowiak, damals 27, den eine Odyssee durch zerbombte Städte und überfüllte Flüchtlingslager in den oberbayrischen Pfaffenwinkel zwischen Lech und Isar verschlagen hatte. Am 30. März 1948 wurde er dort auf offener Straße von einem Landpolizeihauptposten festgenommen: Er hatte entgegen der Vorschrift keine Ausweispapiere bei sich.
Mit Hilfe seiner Braut Josefa Mondra wollte der Verhaftete in einem kleinen Metalldöschen mit Sprungdeckel und Innenspiegel noch rasch seinen wichtigsten Besitz aus dem Kerker schmuggeln -- ein paar Lebensmittelmarken für Brot und Fett.
Doch der wachsame Polizist vereitelte auch diesen Unterschleif und setzte seine "Anzeige Nr. 134" auf: "Die in der Anlage erwähnten Lebensmittelkarten und die erwähnte Dose wurden sichergestellt."
Das beschlagnahmte Döschen samt "Zulagekarte Sst 112 für Schwerstarbeiter" ruht noch heute, über dreißig Jahre später, sorgfältig in Sütterlin beschriftet mit anderen Unterlagen zum Fall Kordowiak in den Archiven von Suitland -- eine versilberte Nichtigkeit, die alle Verlagerungen unversehrt überstanden hat.
Denn 1959 wurde der in Kansas City leicht verschlankte Aktenberg erneut bewegt und zwar nach Alexandria im US-Staat Virginia -- in eine ausgediente Torpedo-Fabrik am Potomac, vis-avis der amerikanischen Hauptstadt Washington D.C. Dieser Umzug war "allem Anschein nach beschlossen worden", so urteilt der amerikanische Historiker und Omgus-Spezialist Brewster S. Chamberlin, "um die Akten für alle möglichen Regierungsdienststellen schneller verfügbar zu haben". Mindestens bis zu diesem Zeitpunkt war selbst für amerikanische Zeitgeschichtler an eine wissenschaftliche Auswertung des riesigen Materialfundus kaum zu denken.
Ende der sechziger Jahre schließlich fanden die Omgus-Akten ihre End-Lagerstätte in Suitland. Aber bis weit in die siebziger Jahre hinein blieben die Bestände nahezu unerschlossen und jene zwischen 1949 und 1952 in Frankfurt erstellten "shippinglists" die einzigen, wenn auch vagen archivarischen Findmittel.
Erst 1974 einigten sich die National Archives der Vereinigten Staaten, das Münchner Institut für Zeitgeschichte (IfZ) und das Koblenzer Bundesarchiv auf ein gemeinsames Verfilmungs- und Auswertungsprojekt. Daran nehmen neben dem Zentralinstitut für sozialwissenschaftliche Forschung (ZI 6) der Freien Universität Berlin auch die Landes- und Staatsarchive jener Bundesländer teil, die aus der ehemaligen US-Zone hervorgingen.
Die drängenden Partner in diesem Kooperationsunternehmen waren zweifellos die Münchner Zeitgeschichtler, deren Arbeitsschwerpunkt sich allmählich und zwangsläufig von der Erforschung des Nationalsozialismus auf die Folgezeit zu verlagern beginnt. Da von London bislang nur die Akten des Außenministeriums, nicht aber die der Militärregierung für die ehemalige britische Zone Deutschlands freigegeben sind, Paris sich noch zögerlicher verhält und Moskau, wenn überhaupt, allenfalls Partei-Historiker an solche Archivalien heranläßt, war die einzige realistische Hoffnung für eine Aufarbeitung der unmittelbaren Nachkriegszeit ohnehin immer nur Washington mit seinem vergleichsweise liberalen Archivrecht.
Blieb also, als erstes Explorationsfeld für Deutschland nach 1945, die US-Zone, blieb der einzigartige Aktenbestand mit dem Sammelnamen Omgus, der seinen nur selten systematisch geordneten Dokumenten und durch seine amerikanische Optik ein bizarres Abbild des chaotischen Nachkriegsalltags zwischen Bremen und Berchtesgaden bietet.
Die Entnazifizierungsdaten des Hanseaten und heutigen Bundespräsidenten Karl Carstens ("entlastet") finden sich in den Kisten ebenso wieder wie die von den US-Besatzern festgehaltene "allgemeine Diskriminierung" aller Nichtbayern ("even non-Landkreisians") am schönen Königsee.
Vom eigenwilligen Stamm der Bayern, der den Weltkrieg einigermaßen heil überstanden und der dort einmarschierenden US-Armee kaum Kampfhandlungen beschert hatte, zeigten sich die Bürokraten der US-Militärregierung weitaus mehr irritiert und fasziniert als von den disziplinierteren Bewohnern der restlichen amerikanischen Besatzungszone (Bremen, Berlin, Hessen, Württemberg-Baden). Die buntesten und dichtesten Berichte in den Omgus-Akten S.108 jedenfalls stammen fast durchweg aus dem weiß-blauen Isarstaat.
Asservate wie die bescheidenen Habseligkeiten des Polen Kordowiak sind allerdings auch in den bayrischen Akten eine Rarität. Doch die oft peinlich ins Detail gehende Akribie mit Namen, Daten, Vernehmungen, Briefwechseln, Zusatzrecherchen ist typisch für den ganzen Omgus-Bestand.
Erhellender als viele langatmige Akten mit längst verschollenen Namen sind dabei jene Niederschriften, die sich unschwer mit Sachverhalten und Personen des späteren Freistaats Bayern oder gar mit der bajuwarischen Gegenwart verbinden lassen.
Im Januar 1947 etwa beantragte der fränkische Generalstaatsanwalt Dr. Thomas Dehler die Gründung der Freimaurerloge "Zur Verbrüderung an der Regnitz" und kam so der Konkurrenzloge "Deutschwacht im Süden", einer Tochtergruppe der "Großen National-Mutterloge zu den drei Weltkugeln", zuvor -- der Logenbruder von der Regnitz wurde später freidemokratischer Bundestagsvizepräsident am Rhein.
Dem CSU-Jungpolitiker Ludwig Huber, damals 19, wurde von der Militärregierung einerseits seine Jugend bescheinigt ("still wet behind the ears"), andererseits aber auch eine "bedeutende politische Zukunft" prophezeit -der jugendliche Held von damals wurde Kultus- und Finanzminister in Bayern und ist heute Präsident der Bayerischen Landesbank.
Zur Biographie des Stahlhändlers Otto Wolff von Amerongen wußte der Bremer US-Generalkonsul Maurice W. Altaffer beizutragen, der "junge Mann mit geringer Erfahrung und primitivem Geschmack" sei der "illegitime Sohn von Otto Wolff, dem Gründer des Stahl-Trusts, und dessen Sekretärin". Immerhin finde Otto junior allmählich Anerkennung wegen seines "geschäftlichen Scharfsinns".
Die US-Beamtin Josephine Groves von der Jugendwohlfahrt bescheinigte damals auch einem anderen jungen Mann außer einigen Schönheitsfehlern ("faults and weaknesses") hervorragende politische Eigenschaften ("leadership quality"). Jedenfalls sei er ihre "erste Wahl" für einen von den Amis ausgelobten Fünf-Monats-Trip durch die USA -- doch der Betreffende, damals Landrat von Schongau und später Kanzlerkandidat der Union, Franz Josef Strauß, brachte es schon seinerzeit nur bis zum Anwärter.
Eine andere, ebenfalls für die Reise zuständige Omgus-Abteilung ("Reorientation Branch") hatte derweil herausgefunden, daß der reiselustige Landrat aus Schongau sich ohne erkennbaren Widerspruch in amtlichen Papieren als "Dr. Strauß", "Dr. Franz Strauß", "Dr. Franz Josef Strauß" und zuweilen sogar als "Dr. Franz Josef von Strauß" titulieren ließ. Der Titel sei aber nicht ordentlich erworben, sondern lediglich eine Höflichkeitsfloskel ("a courtesy thing rather than the result of educational achievements"). Auch "Landesjugenddirektor" beim bayrischen Kultusministerium sei er wohl eher rein nominell ("in name rather than practically").
Derlei Anreicherungen der Titulaturen waren für den in die Landeshauptstadt aufstrebenden Jungpolitiker vielleicht S.110 schon deshalb notwendig, um sich von den zahlreichen Namensvettern gehörig abzuheben. Schon unter den Bediensteten des Landratsamtes Schongau gab es damals noch einen Josef Strauß. In der Münchner Kommunalverwaltung saß seit Jahrzehnten als städtischer Direktor ein Adam Strauß, und zum Verwechseln ähnlich war schließlich der im Mai 1946 frisch gekürte CSU-Stadtrat Franz Strauß, ein Reichsbahninspektor aus München-Pasing.
Für Strauß himself wurde nichts aus der begehrten Reise in die Neue Welt. Mitfahren durften Dutzende heute namenloser bayrischer Beamter, selbst eine Frau wie Hildegard Brücher (jetzt Staatsministerin in Bonn), ja sogar ein Preuße wie der heutige AA-Staatsminister Klaus von Dohnanyi (US-Urteil: "pleasant young man"). Und das Scheitern des Strauß-Antrages hatte jedenfalls nichts damit zu tun, daß der Petent nach den Erkundungen der Amerikaner "in Wirklichkeit gar kein Doktor" war.
Denn noch im Januar 1949 setzte sich sogar der Landesdirektor der Militärregierung in Bayern, der gelernte Brückenbauingenieur und frühere Gouverneur von Michigan, Murray D. Wagoner, in einem Brief an den bayrischen Ministerpräsidenten Hans Ehard für den Kandidaten ein: "Ich hoffe sehr ... daß Sie eine Beurlaubung von Dr. Strauß ermöglichen können."
Die Ehard-Reaktion findet sich, ohne erkennbare Logik, bei einem ganz anderen Vorgang in einer anderen Archiv-Kiste. Mit einem kühlen kurzen Schreiben (Aktenzeichen: 2302-Ko 958/Vol) machte der CSU-Ministerpräsident einen Strich durch die Reisepläne des Parteifreundes: "Dr. Franz Strauß, Landrat in Schongau", sei "leider nicht ... auf fünf Monate in Bayern zu entbehren".
Der aus Franken stammende Jurist Hans Ehard, der nicht nur ideologisch ein Nachbar des aufrechten, frommen, beinahe bigotten CSU-Mitbegründers Alois Hundhammer mit dem langen Bart war, hatte nicht viel übrig für den Draufgänger aus Schongau. Das freilich wußten die Geheimdienstoffiziere der Militärregierung längst -- von der ersten Frau Annelore des Freistaats-Chefs, die amerikanische Agenten reichlich und regelmäßig mit "vertraulichen Mitteilungen" versorgte.
Beizeiten -- so findet sich in einer Omgus-Kiste mit allerlei Spitzelberichten -- hatte die Frau Ehard die Besatzungsmacht wissen lassen, daß ihr Mann den Leuten um den liberalen CSU-Flügelmann Josef ("Ochsensepp") Müller, zu denen auch Franz Josef Strauß aus Schongau zählte, "nicht traut". Denn in diesem Kreis "hat man eben Hitler-Allüren". Annelore Ehard im Januar 1947 unverblümt gegenüber einem Agenten der "Information Control Division" (ICD): "Wenn die, mit Müller als Ministerpräsident und ohne Koalition, zur Regierung gekommen wären, so hätten sie eine Diktatur in Bayern aufgezogen."
Für derlei altbayrische Drastik und Direktheit mag jener einsame Münchner Haupt- und Staatsarchivar eine besondere Antenne haben, der seit Monaten versucht, das chaotische Archivmaterial bayrischer Provenienz zu ordnen und zu bändigen. Und schon vor ihm haben sich immer wieder deutsche Historiker, Sozialwissenschaftler und Archivare aus den an der Omgus-Auswertung beteiligten Institutionen der Fron einer detaillierten Dokumenten-Beschreibung auf Erfassungsbögen (sogenannten "date sheets") unterzogen. Parallel dazu bereiteten sie für die Forschung relevante Aktenstücke für die laufende Verfilmung vor.
Diese filmische Sicherung des gesamten Komplexes mit dann ungefähr acht Millionen Einzelaufnahmen soll, so hofft John Mendelsohn, Omgus-Koordinator des Nationalarchivs, Anfang nächsten Jahres abgeschlossen werden. Danach wird die Entstehungsgeschichte der Bundesländer, soweit die Akten der US-Militärregierung sie widerspiegeln, in den einzelnen Landesarchiven, das zentrale Omgus-Material dagegen sowohl im Münchner IfZ als auch im Bundesarchiv komplett verfügbar sein.
Mäzen des aufwendigen Unternehmens war und ist die Volkswagenstiftung, aus deren Töpfen auch die ersten größeren Untersuchungen auf der Grundlage des Omgus-Materials finanziert werden sollen: So will das Münchner IfZ bis 1985 eine historiographische Dokumentation über "Politik und Gesellschaft in der US-Zone 1945 bis 1949" vorlegen, die unter anderem die Rekonstruktion des Alltagslebens ausgewählter Kommunen und Regionen anstrebt.
Ein anderes Omgus-Projekt entsteht am Berliner ZI 6 -- zur "Entwicklung der Arbeiterbewegung in ausgewählten Regionen der US-Zone". Auch für diesen Versuch, aus der verstaubten Hinterlassenschaft der US-Militärregierung regional- wie sozialgeschichtliche Erkenntnisse über die Vor- und Frühgeschichte der Bundesrepublik herauszufiltern, sind inzwischen VW-Mittel beantragt.
Allerdings fehlen der deutschen Zeitgeschichtsforschung nicht nur jene in Kansas City vernichteten Unterlagen. Bei der jeder wissenschaftlichen Auswertung vorgeschalteten Deklassifizierung -- die Mehrzahl der Dokumente galt einst als "vertraulich", "geheim" S.112 oder "streng geheim" -- wurden all jene aussortiert, deren Inhalt tatsächlich oder vermeintlich Sicherheitsfragen der USA, ihrer Nachrichtendienste, Agenten oder Verbündeten berührte.
Wenn auch längst nicht so konsequent, wurden außerdem solche Papiere herausgesäubert und durch nichtssagende gelbe Rückzugskarten ("withdrawn") ersetzt, wenn dort die Intimsphäre einzelner Personen tangiert worden war -- etwa in medizinischen Unterlagen, in Gerichtsakten und in zensierten Privatbriefen sowie geheimen Telephonprotokollen.
Doch der bürokratische Übereifer des Omgus-Regimes, von jedem noch so peripheren Vorgang ungezählte Kopien anzufertigen und an alle möglichen Dienststellen zu verschicken, läßt die Hoffnung berechtigt erscheinen, daß sich bei intensiver Suche und entsprechendem Zeitaufwand der Originalbestand der Gesamtakten eines Tages wieder einigermaßen rekonstruieren läßt.
Doch schon in ungeordnetem Zustand bietet das Material auch bei nur stichprobenartiger Durchsicht aufschlußreiche und zuweilen überraschende Aspekte der Nachkriegszeit. Denn kaum hatten die beiden US-Armeen ihre "actions" in Bayern beendet, die freilich einer romantischen Fahrt durch idyllische, weiß-beflaggte Dörfer und Städtchen mehr glichen als dem dröhnenden Einmarsch einer feindlichen Macht, da stülpte eine jahrelang auf Besatzungsaufgaben trainierte Verwaltungscrew dem Land ein penibles, fremdartiges Reglement über, das die hochgradig eigenbrötlerischen Bajuwaren stärker als andere deutsche Stämme verstören mußte.
Da wurden Häuser und Autos beschlagnahmt, der Verkehr gedrosselt (Höchstgeschwindigkeit auf der Autobahn: 64 Stundenkilometer), der Strom rationiert, das Wasser verchlort und -auch noch -- Nazis verhaftet.
Vor allem auf der örtlichen Ebene werden die zwei großen E (Entnazifizierung, Entwaffnung) und die drei großen D (Dezentralisierung, Dekartellisierung, Demokratisierung) der Sieger ins alltägliche Kleingeld umgewechselt. Hitler ist tot, die nationalsozialistische Staatsmaschine verfällt über Nacht zu Schrott, aber in Niederporing, Kreis Vilshofen, ist der NSDAP-Ortsgruppenleiter noch immer der Bürgermeister und wartet darauf, von Oberleutnant Cunninghams Truppe abgelöst zu werden.
Ein Georg Heil dagegen versucht am 21. Mai 1945 mit 12 000 gestohlenen Reichsmark zu flüchten; Helden-Photos in seiner Brieftasche entlarven auch ihn als kleinen, aber strammen Nazi. 518 Tonnen Wehrmachts-Weizen werden in einem Vilshofener Lager entdeckt; wer ihn in wie kleinen Portionen aufessen darf, bestimmen die Amerikaner.
Der soldatische Eifer, das Nachkriegschaos zu entwirren und gleichzeitig die Deutschen zu demokratisieren, kennt keine Grenzen. Die omnipotenten Vertreter von Omgus sind häufig Polizist, Ankläger und Richter in einer Person. Geschaßte wie neu eingesetzte "burgermeisters" zählen sie nach Dutzenden. Ihre Umerziehungs-Sprengel begraben sie unter einer Flut von Fragebogen, jeder einzelne 20 Zentimeter breit und fast zwei Meter lang. Sie vergeben und verweigern Jobs und, weit wichtiger, sie sind die unumschränkten Herren über Essen, Trinken und Rauchen.
Doch was immer sie befehlen oder verbieten -- stets schauen sie sich dabei mit unverkennbarem Wohlwollen selbst über die Schulter. Die täglichen, wöchentlichen, monatlichen, vierteljährlichen und jährlichen Reports der Militärregenten vor Ort füllen im Aktenlager von Suitland Hunderte von Archiv-Kartons. Und wenn, wie 1945 in Garmisch-Partenkirchen, mal das eigene Papier ausgeht, beschreiben die emsigen US-Bürokraten die nachgelassenen Briefbögen der NSDAP-Kreisleitung eben auf der Rückseite.
Da sich der in der Feindpropaganda hüben und drüben hochgejubelte Werwolf als bloßes Gespenst und Hitlers Alpenfestung als eine Art Luftschloß erweist, wandelte sich auch der Kampf gegen die Nazis jäh zu einem gigantischen Papierkrieg.
Dabei zwingt die Distanz von nunmehr 35 Jahren Grauen und Groteske der unmittelbaren Nachkriegszeit im besiegten Deutschland nicht selten in eine merkwürdige Dialektik, die so weder Betroffenen noch Berichterstattern damals verfügbar war.
Zum Beispiel in Vilshofen: Am 31. Mai 1945 stößt eine US-Streife auf zwei brave Männer in Begleitung von S.115 2100 Karakulschafen. Die Herde stammt aus der Gegend von Prag und hat auf wundersame Weise den Krieg überlebt. Besorgt registriert Cunningham im Kriegstagebuch seiner Einheit, daß die "wertvollen" tschechischen Schafe "an Huf- und Fell-Krankheiten leiden.
Tags zuvor waren, ebenso akribisch gezählt, 397 russische Zwangsarbeiter im Landkreis zusammengesammelt und "nach Hause geschickt" worden. Doch über ihr kollektives Schicksal, über ihren Gesundheitszustand ist kein Wort überliefert.
Mit um so größerem Eifer machen Armee und Militärregierung Jagd auf verkappte und versteckte Bonzen des Dritten Reiches. Jeder Erfolg ist Anlaß für ein wortreiches Halali. Bei dickeren Rängen setzen sie sogar Telegramme ab, mit buchstabierter Ranghöhe, etwa: "Waffen Sugar Sugar Hauptscharführer".
So konnte die 3. Armee die Festnahme von Friedrich Flick ("important steel industrialist") oder von Hitlers gefährlichem Leibarzt Dr. Theodor Morell ("a definite security threat") melden. In einem kleinen bayrischen Dorf bei Taufkirchen konnte das XX. Corps gar ein bedrohliches Widerstandsnest aus 14 Ingenieuren ausheben. Unter Anführung eines Ernest Twardana wollte die Gruppe, wie US-Experten herausfanden, mit Radar und Television "feindliche Flugzeuge durch Navigationsstörungen vom Kurs abbringen".
In Oberbayern wurde auch Reichsjugendführer Baldur von Schirach aufgestöbert, der bei einer weniger wachsamen US-Einheit gerade als Dolmetscher untergekommen war. Und des früheren Reichsinnenministers Dr. Wilhelm Frick, der sich in seinem Haus in Kempfenhausen am Starnberger See aufhielt, nahm sich der örtliche "Captain Pasley himself" an.
Kleinere Kaliber wie der erst am 4. September 1946 verhaftete SS-Obergruppenführer Richard Hildebrandt erregten die US-Behörden durch zuweilen besonders trickreiche Tarnmanöver. Der SS-Mann hatte sich unter dem Falschnamen Hermann Roth eine "Fahrradkarte Nr. 4343" mit pompösen amtlichen Stempeln gefälscht und gab sich damit selbstherrlich die "Erlaubnis, das Fahrrad im Land- und Stadtkreis Ingolstadt zu benutzen". Die Karte war selbstverständlich, Ordnung muß sein, "nicht übertragbar".
Angestachelt wurde der Fahndungseifer der US-Behörden stets durch Gerüchte und Witze, die in den überregionalen und längerfristigen Berichten sorgfältig gesammelt und in der internen Zeitschrift "Trend" (Auflage: 81 Stück) unter der Rubrik "Spionageabwehr" abgedruckt wurden.
Noch Anfang 1948 galt den US-Geheimdienstlern folgender "anti-occupation-joke" als besonders kennzeichnend für ungebrochene "ajuwarische Arroganz: Ein Amerikaner zu einem Bayern: Essen, " " Essen, Essen; das ist das einzige, worüber die Bayern reden. " " Der Bayer: Über was red''n dann die Amerikaner, wann s'' unter " " sich sand? Der Ami: Nun, wir reden über Musik, Kultur, " " Literatur und Kunst. Der Bayer: No ja, jeder red''t halt über " " das, was ihm am meisten abgeht. "
Noch ernster genommen wurde es, wenn sich, wie im Januar 1947, auf Flugblättern ein "Freikorps Adolf Hitler" mit einer "Warnung an alle Verräter und Liebediener des Feindes" meldete: "Wir kommen wieder, und zwar sehr bald -- auf Verrat steht der Tod." Oder wenn in der ehemaligen Stadt der Reichsparteitage, Nürnberg, von unbekannter Hand aufs Straßenpflaster gemalt wurde: "Deutsche, werdet keine Knechte, wählt Abzug der Besatzungsmächte."
Und als geradezu bedrohlich wurde in ausführlichen Berichten der Militärregierung geschildert, wie Buam aus dem Alpenland auf handgeschriebenen Flugzetteln ankündigten, ihren Dirndln die Haare abzuschneiden, "if they continue to go with US-Soldiers".
Wenn einer der Bösewichter dingfest gemacht werden konnte, dann hatte er mit inquisitorischen Vernehmungen zu rechnen -- wie etwa der Polizist Franz Reitmeier aus dem Bergarbeiterstädtchen Peiting, der angesichts einer dröhnenden Panzerkolonne vor sich hin gemurmelt hatte: "Die Sauhund'', die hau''n wir scho wieder ''naus."
Zuweilen versuchten die Schreiber der Militärregierung auch, ihre im Alltag gewonnenen und verstärkten Vorurteile soziologisch anzureichern und geradezu ins Märchenhafte zu steigern. Ein umfänglicher Bericht, den Praktikern vor Ort als Verständnishilfe zugedacht, präparierte beispielweise aus dem deutschen Weihnachtsmann und seinem Dilemma zwischen Sack und Rute die autoritären Strukturen der deutschen Familie heraus. Zitat: "Die ausgeprägte Angstkomponente im Verhalten der Kinder zeigt, daß das Bestrafungsmoment beim bayerischen Nikolaus, der wiederum eine Projektion patriarchalischer Machtstrukturen ist, seine potentielle Wohltäterschaft immer überschattet."
Die alltägliche politische Seelenlage der Deutschen wurde von den Amerikanern durch voluminöse Fragebogen und durch eine eigens geschaffene Gerichtsbarkeit -- sogenannte Spruchkammern -- ausgelotet. Vor ihnen mußte praktisch jeder Rede und Antwort stehen -- "Auslassungen sowie falsche oder unvollständige Angaben" wurden dementsprechend geahndet ("will result in prosecution and punishment").
Ein Raster aus weißen, grauen und schwarzen Listen erleichterte es den S.117 Militärbehörden, alle Personen nach dem Grad ihrer politischen Zuverlässigkeit zu katalogisieren. Die Feinabstufung reichte von der Klassifikation A (geeignet für leitende Positionen) bis E (Gefahr für die Sicherheit). Auf der weißen Liste, Kategorie B (probeweise einsetzbar) fand sich etwa der Buchverleger Kurt Desch. Zu den Grauen (untauglich für politische Ämter) wurde anfangs der Regensburger Rechtsanwalt Dr. Philipp Held gezählt, der später bayrischer Justizminister wurde.
Auf der schwarzen Liste, Kategorie D (keine Anstellung), figurierten damals der Schriftsteller Ernst Jünger, der Schauspieler Otto Falckenberg und der Dirigent Eugen Jochum. Die Pianistin Elly Ney dagegen, die im Dritten Reich manchmal Hitler hatte vorspielen dürfen, galt wie Julius Streicher, der Herausgeber des antisemitischen Nazi-Hetzblattes "Stürmer", als "Gefahr für die Sicherheit".
Um möglichst keinen der kleinen und großen Pg entkommen zu lassen, wurden praktisch allen Deutschen Fingerabdrücke abgenommen. Damit die deutschen Behörden und Polizeidienststellen diese Identifikationsmethode vom Sieger noch einmal richtig lernten, wurden Lehrtrupps übers Land geschickt und ein "Fingerprinting-Training-Program" entwickelt.
In einer dicken Broschüre mit dem Titel "How to take fingerprints" wurden auch allerlei Spezialprobleme erläutert. Zum Beispiel: "Hat der Betroffene mehr als 10 Finger, so sind der Daumen und die nächsten vier Finger abzudrucken."
Die von Entnazifizierung Betroffenen versuchten sich allemal ins günstige Licht zu rücken: Michel Freiherr von Godin, der einst gegen den putschenden Hitler-Haufen vor der Münchner Feldherrnhalle den Schießbefehl gegeben hatte, konnte deshalb in seinem Fragebogen nicht nur auf Schutzhaft im Jahre 1934 und Schweizer Exil ab 1938 pochen, sondern auch auf seine "freie Zusammenarbeit" mit dem während des Krieges in Bern agierenden US-Geheimdienstler Allan W. Dulles.
Baron Godin heftete dem Fragebogen sogar ein Dankschreiben des "Office of Strategic Services" (OSS) bei, unterzeichnet von dem deutschen Dulles-Mitarbeiter Gero v. S. Gaevernitz. Der Brief dankte "für den loyalen Dienst an der alliierten Sache" und trug wohl mit dazu bei, daß der Edelmann auf Lebenszeit zum Präsidenten der Landpolizei von Bayern ernannt wurde.
Der Jounalist Otto Schedl, nach dem Krieg zunächst Landrat von Neumarkt und später Wirtschaftsminister in Bayern, hatte den Krieg als Schriftleiter bei dem nazifreundlichen "Karawanken-Boten" überdauert.
Bei der Überprüfung seiner politischen Vergangenheit durch die mißtrauische Militärregierung, die inzwischen Anhaltspunkte für Schedls NSDAP-Mitgliedschaft gefunden hatte, tat sich der Neu-Demokrat denn auch schwer, seine angebliche Widerstandstätigkeit überzeugend darzulegen: "Ich hatte leider nur Kontakt mit kleinen Unterground-Gruppen", schrieb er in bemühtem Englisch am Ende seines Fragebogens, "zu wirklich bekannten dagegen bekam ich keinen Zugang."
Im Vergleich dazu konnte Schedls Landratskollege Winkler aus Cham im Bayerischen Wald seinen mutigen Antifaschismus wenigstens konk ret benennen. Gegen die drohende Absetzung durch die Amerikaner trumpfte er mit S.119 dem Argument auf, daß er -- weil er einmal während des Dritten Reichs nicht zur Wahl gegangen war -- auf Geheiß der Nazis sogar aus dem örtlichen Schachklub ausgeschlossen worden sei.
Nur selten erreichte die Büros der Militärregierung mal Lobendes über deutsche Volksgenossen.
Immerhin meldete sich aus dem fernen indischen Madras der frühere Münchner US-Konsul Boy S. B. Bower, um Bayern zu benennen, die der Besatzungsmacht "hilfreich sein könnten". Allerdings wußte er in seinem langen Schreiben schließlich nicht mehr als zwei -- seine frühere Sekretärin Clementine und einen gewissen Dr. Bauer, der nach seiner "Weltanschauung" ("to use the absurd German word") freilich "weit eher ein französischer Typ denn ein Bayer" wäre.
Ob das Empfehlungsschreiben etwas fruchtete, ist unbekannt. Daß US-Offiziere jedoch auf denunziatorische Mitteilungen oft prompt und harsch reagierten, belegen die zahllosen Amtsenthebungen von Behördenleitern, die ihre politische Biographie für die neuen Herren ein bißchen geschönt hatten.
Der "commissionary Landrat" von Bad Aibling, Seller, von den Amerikanern eingesetzt und somit unmittelbarer Kollege und Nachbar des sogenannten Doktor Franz Josef Strauß in Schongau, wurde nicht nur unerbittlich aus seiner Pfründe gejagt, sondern auch noch zu sechs Jahren Haft verurteilt, weil er in seinem Fragebogen ein wichtiges NS-Amt unterschlagen hatte.
Der Präsident der Landpolizei von Ober- und Mittelfranken, Hugo Freiherr von Imhoff, wurde ohne langes Fackeln in den Ruhestand versetzt, weil er ein den Amerikanern wichtiges Koaxialkabel angeblich nicht streng genug hatte bewachen lassen.
Und beim Bürgermeister von Rottach am Tegernsee, Josef Schultes, genügte es den Uniformierten vom Omgus schon zur Dienstenthebung, daß der halt ein vorlauter Typ ("loudmouthed individual") war.
Dieser unbekümmerte Umgang mit der Macht erleichterte es bald auch deutschen Bürokraten, unter den neuen Verhältnissen ihre alten Verhaltensweisen zu restaurieren -- ganz oben in den Ministerien wie unten in den Kommunen.
Im Juli 1946 notierte die Militärregierung in einem vertraulichen Bericht "belastende Zustände" im bayrischen Wirtschaftsministerium. Dort fungierte "in sehr gehobener Stellung" ein ehemaliger Führer des Nationalsozialistischen Kraftfahrerkorps (NSKK), der ohne die sonst notwendigen Bezugsscheine "zur Zeit von einer Möbelfabrik eine Hausbar in Schleiflack gefertigt bekommen".
Und der von den Amerikanern erst ein- und dann wieder abgesetzte Bürgermeister Andreas Fischbacher aus Unterföhring bei München hatte nach den US-amtlichen Geheimberichten seine Amtsmacht und womöglich noch mehr allzu selbstherrlich heraushängen lassen. Er hatte S.122 die unbehauste Flüchtlingsfrau Paula Theen, damals 51, in seinem Rathaus anzumachen versucht: "Ja, eine schöne Wohnung möchtest du, aber messen läßt du mich nicht."
Wenn sich allerdings die Besatzer an bayrischem Brauchtum ganz anderer Art vergehen wollten, wurden selbst die Behörden rebellisch: Als die Münchner Militärregierung Anstalten machte, die zur Landestracht und Lederhose gehörenden Hirschfänger verbieten zu lassen, legte der Polizeipräsident der Landeshauptstadt sein entschiedenes Veto ein: Das "allgemeine Verbot feststehender Messer wäre ein empfindlicher Eingriff in die Lebensgewohnheiten des Volkes".
Wegen des bei den Omgus-Präzeptoren besonders verpönten "versteckten Tragens" dieser Stichwaffen meldete sich sogar das Fiskalreferat der Stadt "sehr dringend" bei der Militärregierung: Die Messer würden in Bayern "nicht versteckt", sondern nur "nicht sichtbar" getragen.
Den Streit um des Messers Schneide -- mit schließlich von den Amerikanern zugestandenen fünfzehn Zentimetern, feststehend -- gewinnen die Einheimischen. Dafür gewannen die Sieger angesichts solchen bajuwarischen Beharrens auf Althergebrachtem, rasch und gratis die Einsicht, daß ihre Umerziehungsbemühungen südlich der Mainlinie kaum oder nur karge Frucht bringen würden.
So wissen, wie eine Omgus-Studie feststellt, im November 1945 erst knapp die Hälfte der Bayern, wie in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern geschunden und gemordet worden war -- obwohl die Amerikaner die Befreiung des KZ Dachau am 29. April 1945 schon bald danach massenhaft in Bild, Schrift und Ton unter die Bevölkerung brachten. Doch die Quote derer, die von KZ-Greueln ums Verrecken keine Notiz nehmen wollen, bleibt -- von Omgus-Meinungsforschern immer wieder nachgemessen -über die nächsten Jahre konstant.
Dafür bricht im Oktober 1946 ein Sturm der Entrüstung über Bayern los: Ehemalige KZ-Häftlinge hatten, unterstützt von Soldaten einer Polizei-Einheit der US-Armee, in der Nähe der oberpfälzischen Kreisstadt Neunburg vorm Wald in den letzten Kriegstagen verscharrte Leichen von Insassen des nahen Lagers Flossenbürg gefunden.
"Diesen Anlaß", so empört sich die Regensburger Regional-Regierung in einem "Schnellbrief" nach München, "benützten Juden, KZler und Polen und leider auch Constabularies zu Ausschreitungen gegen die Bevölkerung von Neunburg, die an dem Tode der KZ-Insassen völlig unschuldig ist. Die Bevölkerung wurde insbesondere unter Schlägen und sonstigen Mißhandlungen gezwungen, die oberflächlich freigelegten, halbverwesten Leichen mit bloßen Händen aus der Erde zu graben und von dem anhaftenden Schmutz zu reinigen."
Und als ein Jahr später in München das Jüdische Zentralkomitee gegen die Veröffentlichung eines antisemitischen Leserbriefes unter dem Falschnamen S.124 "Adolf Bleibtreu" in der "Süddeutschen Zeitung" zu einer Protestdemonstration aufruft, bei der auch Steine fliegen, ist sogar der amtliche Endlösungsjargon wieder zur Stelle. Polizeivizepräsident Ludwig Weitmann verlangt in einem vertraulichen Schreiben an die Militärregierung "freieren Schußwaffengebrauch" bei jüdischer "Bestialität" und eine "endgültige Säuberung des Aufruhrortes" in der Münchner Möhlstraße.
Da verwundert es kaum, daß eine Omgus-Analyse schon Mitte 1946 zu dem fast resignativen Fazit gelangt: "Bayern ist ein konservatives Land, in das neue Ideen nur sehr langsam hineinsickern und in dem alte Ideen hartnäckig konserviert werden."
Zusammenbruch, Kahlschlag, Umwertung aller Werte -- diese bei Kriegsende gängigen Begriffe trafen im flachen wie im bergigen Land der Bayern keineswegs die allgemeine Gemütslage. Das Dach überm Kopf war den meisten geblieben. Die zweieinhalb Millionen Flüchtlinge aus Schlesien und dem Sudetenland wurden, ungeliebt zwar, leichter weggesteckt als irgendwo sonst im Rest-Deutschland. Und selbst gegen den Hunger gab es immer noch irgend etwas schwarz zu schlachten.
Selbst die peniblen Polizeiberichte der Besatzungsmacht atmeten mancherorts Idylle und eine ziemlich heil gebliebene Welt. So ist beispielsweise im US-Nationalarchiv für alle Zeiten aufbewahrt, daß im November 1946 "bei dem verheirateten Bauern Josef Zellermeier in Dürnbach vier Enten gestohlen" wurden. Und säuberlich abgeheftet ist, gleich nebenan, auch die besorgte Anfrage eines Studenten der Tiermedizin, ob "der Bürgermeister der Gemeinde von Allershausen, Landkreis Freising, seitens der Militärregierung berechtigt ist, die tödliche Wirkung seiner Armeepistole an einem Schwein auszuprobieren".
Dennoch war, aufs Ganze gesehen, die Zeit nicht eben friedfertig. Die Zahl der Kriminalfälle in Oberbayern etwa verdoppelte sich im Jahre 1946 von 19 088 auf 35 917 -- mit der Folge, daß viele, auch schwere Delikte den Omgus-Registratoren in ihren Berichten kaum noch eine Zeile wert schienen: "Landpolizist am Ufer des Starnberger Sees erstochen aufgefunden", "4 Deutsche von Displaced Persons (DP) S.126 in Alpglashütten angegriffen und einer getötet", "Deutsches Mädchen im Starnberger See durch Motorboot-Propeller von zwei Amerikanern getötet".
Als zuweilen hilfreich, immer jedoch als schlagkräftig erwies sich die polizeiliche Sondereinheit der Constabulary, die mit Law-and-order-Aufgaben im besetzten Deutschland betraut worden war. Für Oberbayern beispielsweise nahm diese Funktion das traditionsreiche "2nd Armoured Cavallry Regiment" wahr, das sich bereits gegen Mexikaner (1846), Indianer (1870) und nun wieder an der Siegfriedlinie hervorgetan hatte.
Die "Trooper" mit dem weißen Rundumstreifen und einem vergoldeten C am Helm wurden in den Polizeiberichten stets ehrfürchtig erwähnt, wenn sie wieder einmal erfolgreich geschossen ("shot and killed") und den inneren Frieden gerettet hatten.
Die Constabulary, unter anderem in der bayrischen Domstadt Freising mit einem Hauptquartier vertreten, operierten weitgehend unabhängig von der Militärregierung. Deren örtlichen Büros, aber auch der deutschen Polizei waren sie allemal gern zu Diensten -"auf schriftlichen Antrag oder in dringenden Fällen auch mündlich" (so ein Constabulary-Rundschreiben vom 22. November 1946).
Zuweilen kamen die Elite-Troupiers, die sich gegenüber anderen US-Einheiten gern mit ihrer niedrigen Geschlechtskrankheiten-Quote brüsteten, auch unaufgefordert. Konsterniert notierte etwa am 21. Juli 1946 ein Landpolizist aus Mittenwald, daß "auf dem hiesigen Landpolizeiposten durch den amerikanischen Leutnant William H. Lockard von der 2nd Constabulary, Squadron Wallgau, eine weibliche Leiche abgegeben" wurde. Sie sei dem Sergeanten Paulk beim Kilometerstein 125 zwischen Mittenwald und Scharnitz "aus dem Wagen gefallen".
Name und Herkunft der Frau waren dem GI unbekannt -- sie waren ja erst seit 14 Tagen befreundet. Trotz massiver Zweifel begnügten sich die deutschen Polizisten mit der Identifizierung der Mädchenleiche: Es war die ledige Lehrerin Grete Artez, geboren am 12. Dezember 1924 in Essen.
Aber auch Razzien am Schwarzen Markt bescherten den Sheriffs mit dem goldenen C manch frohe Stunde, wobei sie sich mit besonders aufregender Beute auch schon mal photographieren ließen und die Bilder später ihren Vierteljahres-Berichten beiklebten.
Schon bald nach Kriegsende ließ die Militärregierung den "black market" observieren und notierte regelmäßig die Preise. Von alltäglicheren Dingen wie Zigaretten (20 Mark), Seidenstrümpfen (120) und Schnaps (250) reichte das Repertoire bis zu Chanel Nr. 5 (250), Penicillin (3000 Einheiten: 1500 Mark) und Kokain (ein hundertstel Gramm: 2000 Mark) -- so die Kurse vom November 1945. Die Spitzenposition hielt freilich unangefochten und über lange Zeit das 25-Dollar-Goldstück -- mit 60 000 Reichsmark.
Gold behielt seinen Glanz auch nach der Währungsreform vom 20. Juni 1948, als jede Mark plötzlich nur noch einen Groschen wert war, die Bewirtschaftung der meisten Güter aufgehoben wurde und es einen kurzen Moment weitgehender ökonomischer Gleichheit gab -- mit 40 Mark Kopfgeld in neuen Scheinen. Doch manche alte Schandtat ragte noch in die beginnende Wirtschaftswunderzeit hinein: So untersuchte das Präsidium der bayrischen Landpolizei noch im Oktober 1949 unter dem Aktenzeichen II/St. B. Az 28 (S) eine dunkle Goldschieberaffäre im bayrischen Oberland.
Da hatten der Bankier Hans Leonhard und der Fabrikant Fritz Tretter auf dem schwarzen Markt Goldbarren für 400 000 DM kaufen wollen. Sie fanden auch bald Kontakt zu drei Männern aus Augsburg, Uffing und Oberaudorf, die das begehrte Metall zu beschaffen versprachen. Auf einem abgelegenen Forstweg verabredeten sie sich mit einer Sekretärin des Bankiers zu dem illegalen Handel. Doch die Frau kam danach nicht weit. Komplizen der Verkäufer nahmen ihr das Gold und dazu auch noch das Auto weg.
Doch schon wenig später, am 25. Oktober 1949, wurde einer der Goldverkäufer wegen Verdachts des Devisenvergehens, des Betrugs, der räuberischen Erpressung und weiterer Delikte verhaftet -- Edmund Stoiber aus Oberaudorf, kaufmännischer Angestellter und ehedem Bediensteter der Organisation Todt, die einst für Hitler Panzerstraßen, Konzentrationslager und den Westwall gebaut hatte.
Edmund Stoiber jun., damals acht Jahre alt und heute CSU-Generalsekretär, erlebte zum erstenmal hautnah staatliche Macht.
Im nächsten Heft
Krieg und Frieden in Schongau -- Die politischen Lehrjahre des Mr. Strauß --Fraternisierungsverbot und Geschlechtskrankheiten -- Das Problem der befreiten Zwangsarbeiter -- Polenaufstand in Altenstadt
S.115
Ein Amerikaner zu einem Bayern: Essen, Essen, Essen; das ist das
einzige, worüber die Bayern reden. Der Bayer: Über was red''n dann
die Amerikaner, wann s'' unter sich sand? Der Ami: Nun, wir reden
über Musik, Kultur, Literatur und Kunst. Der Bayer: No ja, jeder
red''t halt über das, was ihm am meisten abgeht.
*
S.103 Links: Mitteilungen der Ordnungstruppe "2nd Constabulary Regiment"; * rechts: Federal Records Center in Suitland/Maryland. * S.108 Mit Erika Giller (l.), der späteren Frau des Lockheed-Repräsentanten Ernest F. Hauser, und deren Cousine Mitzi Schimetka, nach dem Krieg Strauß-Sekretärin. * S.112 Links: beim Besuch im Gefängnis Stadelheim; rechts: US-Entnazifizierungsformular. * S.122 KZ Flossenbürg. *

DER SPIEGEL 47/1980
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