20.04.1981

ANTIQUITÄTENWie ein Donnerhall

Mit alten Modelleisenbahnen scheffeln Spieler, Sammler und Spekulanten satte Gewinne. Der Markt wird manipuliert.
Als Klaus Graeber nach seiner 15. Versteigerung am vorletzten Samstag in der Wuppertaler Stadthalle abends gegen sieben Kassensturz machte, konnte er sein Glück kaum fassen: "Ich war wie geschockt." Der Auktionator zählte Bargeld und Schecks über knapp 400 000 Mark.
Das letzte Gebot hatte einen Rekord gebracht. Bis auf 72 000 Mark plus 15 Prozent Aufgeld, insgesamt also 82 800 Mark, steigerte Peter Simon, ein Steuerberater aus Wiesbaden. Dabei war das, so Simon, "die erste Auktion, die ich mitgemacht habe".
Niemals zuvor wurde hierzulande so hoch gepokert -- jedenfalls nicht um ein eher simples Stück Kinderspielzeug.
Die 82 800 Mark zahlte Simon für eine veraltete rotbraune Lokomotive vom Typ E 800 mit der Spurweite Null-Null (00), gefertigt 1938 bei der Firma Märklin in Göppingen. Auf dem Tender prangt frisch glänzend in güldenen S.87 Lettern das Kürzel LMS für "London Midland and Scottish Railway".
Versteigerer Graeber hält die Lok für "die Blaue Mauritius der Modelleisenbahnen", Ersteigerer Simon "für die Krönung einer jeden Sammlung". Schließlich gäbe es das Prunkstück, so betonen beide, insgesamt nur viermal auf der Welt.
Experten des Gewerbes bezweifeln das: Die E 800 LMS sei keineswegs rar, vielleicht auch nicht ganz echt. Auf jeden Fall sei der Preis für die Lok weit überzogen. Eine riesige Kiste, vollgestopft mit 50 unversehrten Exemplaren der Lok, gäbe es noch, sagt der Profi-Händler Rolf Richter aus Weinheim. Richter: "Ich kann jederzeit auch solche Maschinen anbieten."
So rollen Gerüchte "wie Donnerhall" (Richter) durch die seltsame Zunft der Zug-Fans, die ungestillte Spielgier und unbeherrschte Sammlerwut zugleich antreibt. Mit Gleisen, Weichen und Wagen hantieren mehr oder weniger betuchte Fanatiker, zuweilen auch recht prominente Zeitgenossen: der in Düsseldorf abgestellte CDU-Politiker Kurt Biedenkopf ebenso wie der werberührige Jägermeister-Chef Günter Mast, der Alleinunterhalter Hans-Joachim Kulenkampff wie der Schlagerbarde Peter Alexander.
Aus dem harmlosen Kinderspielzeug ist für die Sammler ein bierernstes Erwachsenenspiel geworden. In Scharen jagen die Fans zu Auktionen nach London und Zürich, Krefeld und Nürnberg. Sie treffen sich in Hundertschaften auf Tauschmärkten im Frankfurter "Sheraton Hotel", in der Kölner Kneipe "Treuer Husar" oder im Gelsenkirchner "Kolping-Haus".
Kaum ein Wochenende vergeht ohne einen Sammlertreff. Auf der Landstraße zur Wachenburg im Odenwald und auf dem Parkplatz am Killesberg in Stuttgart funzeln Frühaufsteher schon mit Taschenlampen über mitgebrachten Waren, immer auf der Hatz nach einem sehr seltenen Stück. Sie tauschen, und sie feilschen, sie spekulieren -- und sie manipulieren.
Für geschickte Bastler ist es ein Kinderspiel, aus alten, scheinbar wertlosen Teilen, kombiniert mit frischem Blech, eine wertvolle Rarität zu zaubern. Bei seltenen Zügen ist das Geschäft für Plagiatoren besonders verlockend, etwa bei der "Rheinuferbahn" (letzter Auktionspreis: 29 000 Mark) oder bei alten Ausgaben der Berg-Güterlok "Krokodil" (41 000 Mark).
Bisweilen lassen sich Wertzuwächse auch mit wenigen Lacktupfern pinseln. Die Zugmaschine E 94 von Märklin wird mit dem Signum DB (Deutsche Bundesbahn) für rund 180 Mark gehandelt, mit dem Schriftzug ÖBB (Österreichische Bundesbahnen) ist diese Lokomotive indes schon rund 1100 Mark wert. "Da ist es nur die Aufschrift", weiß Markt-Beobachter und Katalogherausgeber Joachim Koll, "die den Preis macht."
So hat auch die Rekord-Lok E 800 LMS von der Wuppertaler Versteigerung einige merkwürdige Wandlungen durchgemacht. Ein Göppinger Gemüsehändler stöberte die Maschine vor sechs Jahren auf dem Bauernhof einer Hippie-Kommune auf. Für die arg ramponierte, leere Karosserie zahlte der Krämer den Kommunarden 300 Mark, als Zubrot gab es noch eine Kiste Bananen.
Sechsmal wechselte der mickrige Findling den Besitzer, wurde von Uhingen über Göppingen nach Stuttgart verschleppt, von dort nach Karlsruhe, zurück nach Stuttgart, dann über Wuppertal schließlich bis nach Wiesbaden.
Auf jeder Station wurde die Lok um einiges teurer -- und sie wurde immer schöner. Erst schwanden die Beulen, dann erhielt sie ein Fahrwerk, um zu rollen. Schließlich wurde ihr ein passender Tender für die Kohlen verpaßt, den ein handwerklich versierter Experte aus dem Ruhrgebiet beisteuerte. Entsprechend schwoll der Preis von 300 Mark (plus Bananen) über 1500, 3600, 11 000 und 40 000 bis auf zuletzt 82 800 Mark.
Den Lok-Käufer und Zug-Sammler Simon stört all das nur wenig: "Was soll ich denn sonst mit dem Geld machen?" Letztlich habe er "nur einen Traum verwirklicht" aus jener Kindheit, "als wir uns 1950 die Nasen plattgedrückt haben an den Schaufenstern der Spielzeugläden". Teurer Traum.

DER SPIEGEL 17/1981
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