23.02.1981

Die Hermanns-Schlacht

Im Eilverfahren halbierten die Fußball-Oberen die zweite Bundesliga. Abermals gerät ein Klub dabei ins Gerede: der 1. FC Saarbrücken des Präsidenten Hermann Neuberger.

Zwischen zwei Höhepunkten erledigte der Deutsche Fußball-Bund (DFB) das heikelste Thema. Drei Tage nach dem deutschen Pokalendspiel und vier Tage vor der Europameisterschaft in Italien verkleinerte er letzten Sommer seine 2. Bundesliga.

DFB-Präsident Hermann Neuberger besänftigte protestierende Sportkameraden, die zur Abstimmung herbeigeeilt waren, "ohne zu wissen, wofür und wogegen sie stimmen sollten", vorsorglich: "Ich weiß auch, daß das keine Patentlösung ist, aber es ist der gesunde Mittelweg." Ein kompliziertes Anrechnungssystem der drei letzten Spielzeiten seit 1978 gilt als Bemessungsgrundlage.

"Das ist Diktatur in Reinkultur", schimpfte Heinz Hiltl, Vorsitzender des VfR Bürstadt, der durch die Abstimmung in die Amateurklasse zurückfällt. Doch den Zorn übertönte der Jubel über den Sieg der Deutschen bei der Europameisterschaft.

Zwar scharte Hiltl jetzt 26 ähnlich "hinterlistig balbierte" Präsidenten anderer Klubs für eine Klage um sich, aber der DFB hatte vorgesorgt.

Seine Satzung verbietet Klubs wie Mitgliedern den Weg zu einem ordentlichen Gericht, es sei denn, der DFB erteilt die Genehmigung. Zuständig für die 56seitige Klage von Hiltl und Mitstreitern ist das DFB-Schiedsgericht, in dem Juristen vom DFB und ihm nahestehende Rechtspfleger sitzen.

Schiedsgericht-Vorsitzender Dr. Fritz Pardon ist ein Fußballfreund aus Münster. Die Klage gegen "Neubergers Phantomgebilde", so Hiltl, wurde vorerst erwartungsgemäß abgewiesen. Folge: Für die Meister von 1981 in den sieben Amateur-Oberligen fällt der Aufstieg aus. 22 der 42 Zweitligaklubs werden drittklassig. Rund 400 Spieler verlieren den Arbeitsplatz Fußball.

Inzwischen laut gewordene Absichten der "Geprellten" (Hiltl), nun doch ordentliche Gerichte anzurufen, auch ohne Genehmigung des DFB, disqualifizierte Neuberger: "Dafür habe ich überhaupt kein Verständnis."

Neuberger ("Weckt niemals schlafende Hunde") kennt seine Rechte und nutzt seine Vorrechte. Schon 1962 hatte er mit geschickter Taktik und Tricks die Einführung der Bundesliga erreicht. Auf dem DFB-Bundestag redete er die Mehrheit noch skeptischer Sportkameraden regelrecht müde. "Als sie abstimmten", so der Oberhausener Fußballfunktionär Peter Maaßen, "wußten sie nicht mehr, über was abgestimmt wird." Es war die Bundesliga.

Als Neuberger anschließend auch gleich eine zweite Bundesliga als nächsttiefere Spielklasse zu Profibedingungen einrichten wollte, durchkreuzte der damalige DFB-Präsident Dr. Hermann Gösmann ungewollt den Doppelschlag, indem er "an die knurrenden Mägen" erinnerte und die Mittagspause einläutete. Mit der Bundesliga überrumpelt, stimmten die DFB-Bundestagsabgeordneten nach Tisch alles nieder, was Neuberger vorschlug.

Vollends erbost waren sie, als sie merkten, daß sich unter den ersten neun sofort benannten von insgesamt 16 Bundesligaklubs auch Neubergers 1. FC Saarbrücken befand, während die in der Tabelle günstiger gestellten Klubs, der 1. FC Kaiserslautern, Borussia Neunkirchen und der FK Pirmasens, sich erst qualifizieren mußten.

Kaiserslautern schaffte es als Meister, doch Vizemeister Neunkirchen und der Dritte Pirmasens mußten hinter dem Tabellenfünften Saarbrücken zurückstehen. Neuberger: "In Saarbrücken ist das Stadion größer, und die wirtschaftlichen Bedingungen sind erheblich besser." Doch seine geliebten "Molschder", genannt nach dem heimischen Stadtteil Malstatt, enttäuschten: Sie stiegen nach der ersten Saison ab.

Denn Vorstandsmitglied Neuberger hatte auch gleich eine Bundesliga-Unsitte eingeführt: Er setzte die Entlassung des norddeutschen Trainers Helmut Johannsen durch. Dafür engagierte der 1. FC Saarbrücken Helmut Schneider, der mit Borussia Dortmund zweimal Deutscher Meister geworden war, zum dreifach höheren (12 000 Mark monatlich) Gehalt.

Doch Schneider stieg mit Saarbrücken ab; Eintracht Braunschweig, das den entlassenen Johannsen telegraphisch verpflichtet hatte, blieb in der Bundesliga und errang vier Jahre später sensationell die Deutsche Meisterschaft.

Neuberger behauptete sich, anders als sein 1. FC Saarbrücken, immer oben. Als Direktor des Saarland-Totos half er entscheidend mit, in den meisterschaftsfreien Sommerwochen die "Intertoto-Runde" zu veranstalten. Den von ihm vertriebenen Johannsen versöhnte er damit, daß er seiner Braunschweiger Mannschaft Gruppen ohne unattraktive Ostblockgegner zuwies.

Aber auch die 2. Bundesliga und seinen 1. FC Saarbrücken vergaß er nie. Die Regionalfunktionäre mißtrauten Neuberger inzwischen, der im DFB S.205 schon zum Vizepräsidenten aufgerückt war. Mehrmals durchkreuzten sie seinen Plan, die dringend erforderliche zweite Profiklasse unter der Bundesliga einzuführen. Als Profis verdienten fast alle Spieler mindestens 100 000 Mark -- ein Viertel legal, drei Viertel illegal --, in den fünf Regionalligen gab es kaum Gehälter von mehr als 500 Mark.

Erst der Bundesligaskandal von 1971 bot Neuberger eine Chance. Aus Furcht vor dem Abstieg aus der Pruncklasse ins "Armenhaus des deutschen Fußballs" (Neuberger) hatten abstiegsgefährdete Klubs Spiele und Pluspunkte von Vereinen gekauft, die zwar nicht mehr Meister werden konnten, aber auch nicht absteigen mußten.

Für 1974 schlug Neuberger nochmals die 2. Bundesliga unter Profibedingungen vor. Eine Mehrheit schien höchst ungewiß, weil die meisten Regionalfunktionäre um ihre Posten bangten. Statt der fünf Regionalligen sollte es nur noch zwei Profiklassen unter der Oberhoheit des DFB in Frankfurt geben.

Aber "Fuchs Neuberger", so der damalige Präsident Hermann Gösmann, spürte die Gefahr. Binnen einer Stunde modelte er seinen Plan um. Beide Gruppen sollten unter der Leitung der regionalen Fußballverbände und ihrer Postenjäger bleiben. Statt Zweite Bundesliga sollte die neue Klasse zweigeteilte Regionalliga heißen. Nun bekam Neuberger die Mehrheit.

Nur noch sein 1. FC Saarbrücken bereitete ihm Kummer und löste die nächste Hermanns-Schlacht aus. Der Dorfklub SV Alsenborn aus der Pfalz hatte dreimal hintereinander die Südwest-Meisterschaft gewonnen; hingegen kämpften die Saarbrücker in der Regionalliga einmal sogar gegen den Abstieg. Am Ende der letzten Regionalliga-Saison besaß Alsenborn in der Berechnungsskala für die 2. Liga acht Punkte mehr als der 1. FC Saarbrücken. Schon griffen die Alsenborner zu Spitzhacke und Schaufel und forderten Planierraupen an, um ihr Stadion zu vergrößern -- zu voreilig.

"Saarbrückens wirtschaftlich solidere Grundlage ist entscheidend", erklärte Neuberger. "In Alsenborn fehlt alles, Stadion, Flutlicht und Publikum, in Saarbrücken ist alles da." Saarbrücken schlüpfte rein, Alsenborn blieb draußen.

Neuberger aber organisierte 1974 die erste Weltmeisterschaft auf deutschem Boden so vortrefflich, daß jedes WM-Turnier nach deutschem Muster stattfindet. 1975 wurde er DFB-Präsident.

So auf der Höhe, achtete Neuberger auf strikte Neutralität. Beim 1. FC Saarbrücken blieb er nur noch bescheidenes Ehrenmitglied. Bei allem, was dort passierte, bat er: "Macht nichts, was so aussehen könnte, als hätte ich das getan."

Als bei der WM 1974 in der Bundesrepublik jeder Spieler und Zuschauer versichert wurde, erklärte Neuberger: "Davon bekomme ich keine Mark Provision." Als das offizielle WM-Buch herauskam und Gewinn erzielte, unterstrich Neuberger: "Nichts für mich, alles für den DFB." Und als besonders findige Rechercheure glaubten, seine Frau kassiere die Prämien, drohte er mit dem Rechtsanwalt: "Weder ich noch meine Frau noch sonst jemand aus meiner Familie bereichert sich."

Längst hatte Neuberger größere Ziele: Er wollte Präsident des Weltverbandes FIFA werden. Doch zunächst zogen die Delegierten, vor allem aus Asien und Afrika, den Brasilianer Joao Havelange vor. Aber dessen Schachzug, die Fußball-Weltmeisterschaft 1982 in Spanien erstmals mit 24 Mannschaften statt wie bisher 16 auszutragen, erwies sich als Mißgriff. Neuberger: "Es wird zu viele Spiele geben, die den Zuschauer nicht reizen."

Jüngst in Montevideo bei der Mini-WM sorgte Oberleiter Neuberger mit nur sechs Mannschaften für "das spannendste Fußballturnier" der letzten zehn Jahre, so Brasiliens "O Globo". Neuberger: "Auch bei Weltmeisterschaften sollten künftig nie mehr als zwölf Mannschaften antreten."

Als die deutschen Fernsehanstalten aus Uruguay nicht senden wollten, weil private Kaufleute die Übertragungsrechte aufgekauft hatten, traf Neuberger vor Ort mit dem ZDF ein Übereinkommen. Der Mainzer Kanal sendete.

Doch immer wieder rissen heimische Querelen Neuberger aus seinen Weltproblemen. Die 42 Klubs der zweigeteilten 2. Liga gerieten immer tiefer in rote Zahlen. Neuburger plante die 2. Liga nun eingleisig, "wirtschaftlicher".

Dabei mußte er sich schon wieder um seinen 1. FC Saarbrücken sorgen. Längst war der Klub wieder aus der Bundesliga abgerutscht, die Schuldenlast auf mehr als zwei Millionen Mark angestiegen. Die Mannschaft schlingerte am Tabellenende der 2. Liga Süd herum. Sie besaß kaum Chancen, Neubergers eingleisige 2. Bundesliga zu erreichen. Es drohte wegen der Schulden Lizenzentzug für die Profiklasse.

Da setzte Neuberger hilfreiche Freunde ein. Der Wolfenbütteler Schnapsfabrikant Günter Mast ("Jägermeister"), der für Trikotwerbung alljährlich eine halbe Million beim 1. FC Saarbrücken eingezahlt hatte, brachte zusätzlich 710 000 Mark persönlich nach Saarbrücken. Andere Gläubiger strichen Forderungen von 900 000 Mark. Nun fehlten nur noch Punkte.

Vier gab das Schiedsgericht zurück. In der Saison 1979/80 hatte Saarbrücken die Punkte mit nicht spielberechtigten Kickern gewonnen. Jetzt fanden die Richter heraus, daß nur eine Geldstrafe angebracht gewesen wäre.

Statt auf dem siebten Tabellenplatz beendete der 1. FC Saarbrücken die Saison 1979/80 rückwirkend als Fünfter. Das bringt dem Klub aus den letzten Jahren zusätzliche Bewertungspunkte; sie zählen im Gerangel um die Plätze der eingleisigen 2. Bundesliga entscheidend mit.

Was auch passiert, die Saarbrücker werden in der neuen, halbierten 2. Bundesliga dabeisein.

S.202 Gegen den FC Homburg (helles Trikot); das Spiel endete mit einer 2:3-Niederlage. *

DER SPIEGEL 9/1981
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