25.02.1980

FILMBis die Schrauben kommen

Der Kinofilm „Monarch“ porträtiert einen pfiffigen Münzspiel-Virtuosen.
Wenn er "Spiel" sagt oder auch: "fiedeln gehen", dann meint er seinen Job, harte Arbeit, und "Gurken" nennt er seine Erwerbsmittel: Münzspieler der Marke "Mint", genauer: "Spielautomaten mit Gewinnmöglichkeit". Sie hängen in Hunderten von Kneipen, Pinten und Spielhallen, in gutbürgerlichen Lokalen, Frittenbuden, schummrigen Fusel-Löchern.
Keine "Mint" ist wie die andere. Es gibt "Kämpfer", an denen steht er drei oder vier Stunden, bevor er sie "ausräumt"; lohnt sich nicht. Es gibt das gute Durchschnitts-Gerät, bei dem kann er 100, 200 Mark "ausmisten". Und es gibt die "Spritzen", Automaten mit einem präzisen Innenleben und wohlgenährt; wenn er die "fegt", kleckern bis zu 300 Mark heraus -- immer steuerfrei, versteht sich.
Diethard Wendlandt, 40, war kaufmännischer Angestellter bei Karstadt und lernte die Buchring-Vertreter bei Bertelsmann an. "Monarch" nennt er sich, weil die erste Maschine, die er überlisten konnte, so hieß. Irgendwann hat er gemerkt, daß diese Münzautomaten "einen Rhythmus haben".
Am Fallgeräusch seiner Einsatz-Münze erkennt er, ob eine "Gurke" voll ist, und mit präzisem Einfühlungsvermögen bringt er die drei surrenden Bildwalzen immer wieder auf "Serie": Stehen drei gleiche Bilder oder Zahlen nebeneinander, dann rasseln so viele Ein-, Zwei- und Fünfmarkstücke heraus, daß er wegen der Berge von Silbergeld in seinen Taschen "schief nach Hause" geht -- zum Ärger der Wirte, deren klotzigen Gratisgewinn er wegschleppt.
Der Monarch ist ein "Schreck", ein Spitzen-Profi. Fünf von dieser Klasse S.206 gibt es in der Bundesrepublik. Aber nur er, der Monarch, hat das System zur seriösen Arbeit perfektioniert. Im Mercedes schwärmt er von Köln aus in seine Kampfgebiete (in denen die anderen "Schrecks" nichts zu suchen haben). Von ihm angeheuerte "Geier" am Ort haben schon ausgekundschaftet, wo die "Mints" hängen und wo ihrer Meinung nach etwas zu holen ist.
Ein Anpassungskünstler: Er weiß, wo er mittags auch mal im "Blaumann" erscheinen kann und wo er besser den gedeckten Maßanzug wählt, mit weißem Hemd und Krawatte, wie ein mittlerer Angestellter oder Handlungsreisender, zurückhaltend, freundlich, unauffällig.
Und er weiß, ein begnadeter Schauspieler, wie er die Atmosphäre in einer Kneipe im Griff behält. Im Spiegel der "Gurke" behält er den einzigen potentiellen Gegner, den Wirt, im Visier. Souverän lockert er Spannungen oder Aggressionen, kumpelt und blödelt geduldig mit Betrunkenen, witzelt über seinen zufälligen Erfolg am "Mint", besänftigt mögliche Neider schnell mit einer Gratisrunde.
Auch vor der Kamera im kleinen Kreis spielt er mit spürbarer Lust weiter, erläutert mit viel rheinischem Mutterwitz und Selbstironie seine Arbeits- und Lebensphilosophie. Zwei Berliner Dokumentarfilmer, Johannes Flütsch, 34, und Manfred Stelzer, 34, sind ihm wochenlang gefolgt, haben ihn in billigen Hotels, unterwegs im Wagen, zu Haus und, mit unbemerkter Kamera, beim "Fiedeln" an den "Mints" beobachtet und befragt; der Film läuft jetzt an.
Ganz entrüstet ist der Monarch, wenn manche Wirte die Maschinen präparieren ("reiner Betrug"), und erst recht, wenn sie ihn, weil sie ihn schon kennen, einfach rausschmeißen. Der Monarch zu einem protestierenden Wirt, erbost und unerschütterlich: "Ich spiele, bis die Schrauben kommen]"
Manche Wirte ziehen die Stecker raus, sowie er auftaucht. Auch das empört ihn: Eine ganze Industrie lebe von solchen Automaten, es seien reine Geschicklichkeitsgeräte, also verhalte er sich völlig legitim und nehme seine Serie in Empfang wie andere die Lohntüte.
Seine Sucht-Indizien sind eher harmlos. Die "Mints", bekennt er, sind wie die Frauen: Wenn sie ihn "anlächeln", muß er einfach ran, muß sie "ausräumen". Aber geht er wirklich mal mit einer Frau fein essen (er hat sich ihr als "Münzkaufmann" vorgestellt), dann bleibt er, im Film jedenfalls, keusch und solide und flunkert ungeniert in die Kamera: "Ich bin abends einfach geschlaucht, wenn ich fünf oder acht Gurken gefegt habe."
Schon eher glaubt man ihm die durch sein Arbeitsmilieu bedingten Strapazen. Den Dokumentaristen gelingt, gleichsam nebenbei, ein erschöpfender Einblick in Kneipen-Tristesse und Verzweiflungs-Suff, in die Lustigkeit derer, die nichts zu lachen haben. Der Monarch klagt über den Gestank, das schale Bier und das miserable Essen, das er zwangsläufig konsumieren muß, über das aufdringliche Gesabbel der Wirte und der Gäste.
Kein Wunder, daß in dieser Atmosphäre seine "Geier" auch mal als Ansporner, Bewunderer und, zur Not, als Bodyguard einspringen müssen. Die "Mint-Zeit", trotz täglicher Gewinne von etwa tausend Mark, hat auch ihre Schattenseiten.
Bei aller Klarheit über ihre Motive, Suchtstadien und trostlosen Zukunftsaspekte sind Spieler doch immer Opfer einer Obsession, kommen nicht weg vom Tisch und vom Gerät, rutschen immer wieder ab in die alte Faszination.
Ganz anders der Monarch. Schon im Kinderheim hat er gelernt, lieber zu gewinnen, und sei es mit Tricks, als zu verlieren. So frönt er seiner Leidenschaft nüchtern wie ein Bankbeamter, mit genau kalkuliertem Einsatz: ein Spieler ohne Romantik und Risiko, ohne das Odium des Verruchten, der Besessenheit, pathologischer Selbstzerstörung.
Die Glücksversprechungen und Illusionen, denen der Berufsspieler Monarch nacheifert, gleichen eher dem Tugendkatalog eines braven Kleinunternehmers. Er schimpft über seine faulen Angestellten, die "Geier", über immer höhere Investitionen und kaum mehr kostendeckende Touren, über seinen "Taschenverschleiß" und immer längere Arbeitszeiten für einen sinkenden Gewinn. Ein Geschicklichkeitsspieler als Herr Biedermann im Kapitalismus.
Im Mai läuft die "Mint"-Generation aus, kommen neue Modelle auf den Markt. Der Monarch kennt sie bereits, beherrscht ihre Seele, will weiter spielen. Aber er fragt sich auch, was das fanatische Anschaffen soll: "Konto, Konto, Ende", das kann nicht alles sein.
Der Pfiffikus hat vorgebaut. Bis zum März dieses Jahres lag der Film unter Verschluß und durfte kein Photo veröffentlicht werden, damit nicht die Wirte und das Stammpublikum in seinem Revier unnötig aufmerksam würden und er in Ruhe sein Limit einspielen konnte; wie hoch das liegt, verrät er nicht.
Wenn das "Fiedeln" zu schwierig wird, hört er vielleicht auf und geht, wer weiß, zum Film. Ein Rollenangebot hat er schon: als Heiratsschwindler.

DER SPIEGEL 9/1980
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Bis die Schrauben kommen

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