17.11.1980

„Karajan und Böhm sind maßlos überbewertet“

Interview mit dem Musiktheoretiker Heinz-Klaus Metzger über den modernen Konzertbetrieb
SPIEGEL: Herr Metzger, in diesen Wochen kommt der klassische Musikbetrieb allenthalben wieder auf Hochtouren. Nach Ihrer Meinung rennt da eine total verdorbene bürgerliche Gesellschaft zu schwachsinnigen Veranstaltungen, bei denen Scharlatane die Musik auf den Hund bringen. Ist das so?
METZGER: Ich wehre mich schon gegen den Begriff "klassische Musik", wenn er historisch ungenau verwendet wird. Immerhin hat sich der Betrieb, den Sie meinen, auch der Romantik bemächtigt und wird ihr ebensowenig gerecht, von der Moderne zu schweigen.
SPIEGEL: Ist Ihnen der Begriff E-Musik für ernste Musik sympathischer?
METZGER: Ich mag ihn auch nicht. Aber wenn man von der Abscheulichkeit einer solchen Abkürzung einmal absieht, die ein Musterbeispiel herrschenden Kulturamtsschimmeldeutschs darstellt, hat er natürlich sein gutes Recht als Kennzeichnung des Gegensatzes zu den geistlosen Produkten, mit denen die Unterhaltungsindustrie die Menschen heute manipuliert, vor allem die Jugend, die ja nicht biologisch so angelegt ist, daß sie auf dieses dumme Zeug hereinfällt, sondern planmäßig dafür zugerichtet wird.
SPIEGEL: Auf welchen Terminus einigen wir uns denn nun?
METZGER: Sagen wir also: ernste Musik, wobei ich darunter die ernste Musik aller Zeiten, einschließlich unserer eigenen, verstehe.
SPIEGEL: Sonst aber fühlen Sie sich richtig interpretiert: verdorbene Gesellschaft, schwachsinnige Veranstaltungen, Musik auf dem Hund?
METZGER: Ein wirkliches Musikleben gibt es heute gar nicht mehr, weil die Übermacht der elektronischen S.225 Verteilerapparate alles beherrscht. Es ist kein Musikleben mehr. Die Reste, die noch existieren, kranken an Einfalt: ein paar berühmte Komponisten, ein paar berühmte Werke, ein paar berühmte Interpreten, basta.
SPIEGEL: Ihr Vorwurf ist weder neu noch originell.
METZGER: Aber deswegen noch nicht falsch. Dazu kommt die Art der Darbietung, die allgemein die Analyse der Komposition unterschlägt und dadurch deren Sinn kraß verfehlt.
SPIEGEL: Etwas genauer, bitte]
METZGER: Die heutigen Interpreten arbeiten ja bloß noch intuitiv, wie das so verlogen heißt, und stehen dabei in einer sogenannten Tradition, das heißt: Sie machen alles anderen nach.
SPIEGEL: Wie denn auch sonst? Karajan dirigiert Beethovens "Eroica" schließlich nach denselben Noten wie Toscanini vor 50 und Beethoven vor 170 Jahren.
METZGER: Die heutigen Dirigenten dirigieren größtenteils auswendig, um sich den Anblick der Partitur zu ersparen, weil das, was sie treiben, mit den gedruckten Noten überhaupt nicht zu vereinbaren ist. Sie analysieren nicht mehr die Partitur, sie "deuten" und "gestalten".
SPIEGEL: Was konkret treiben die Herren Kapellmeister denn nun so Fatales?
METZGER: Ihre Tempi sind falsch, der Klang ist geschleckt, die Dynamik durchweg verfälscht. Beethoven hat beispielsweise kein Mezzoforte ...
SPIEGEL: ... kein halblaut oder mittelstark ... S.228
METZGER: ... geschrieben. Bei ihm ist die Dynamik in die Extreme polarisiert. Aber in den meisten Aufführungen, die ich besuche, baden die Dirigenten in heillosen Mezzoforti.
SPIEGEL: Und die falschen Tempi?
METZGER: Beethoven war der erste Komponist in der europäischen Musik, der eigene Tempi außerhalb der Konvention und entsprechend genaue Tempoangaben erfunden hat. Er hat den berühmten Wiener Mechanicus Mälzel zur Entwicklung eines Gerätes angeregt, das eine genaue Zeitmessung ermöglicht: das Metronom. Einen Teil seiner Werke hat Beethoven selbst metronomisiert, bei anderen sind die Metronomangaben nachträglich durch wissenschaftlichen Vergleich und Rückschluß ermittelt worden.
SPIEGEL: Von wem?
METZGER: Vor allem von dem Schönberg-Schüler Kolisch, dem bedeutenden Geiger und Theoretiker, in den 40er Jahren. Ich halte die Arbeiten Kolischs für absolut unwiderleglich. Alle Einwände dagegen kommen einfach aus dem unreflektierten Schmerz, den jede aggressive Verletzung der Konvention spontan verursacht. Urheber der Verletzung aber ist in diesem Fall Beethoven, nicht Kolisch, der sie ja nur nachgewiesen und in ihr Recht gesetzt hat. Beethovens Musik geht wirklich ganz anders, als es sich die lieben Musikfreunde heute vorstellen.
SPIEGEL: Hält man sich genau an die Metronomangaben, wird Beethoven heute durchweg erheblich zu langsam gespielt. Aber ein Andante, das Karajan auf seiner Kriechspur zum Adagio verschleppt, kann doch wohl nicht im Ernst ihr einziger Vorwurf gegen den heutigen Konzertbetrieb sein?
METZGER: Natürlich nicht, aber vom Tempo hängt der Charakter einer Musik, also eigentlich das Ganze, schon sehr ab. Auch in der Betonung und im Mißbrauch von Ritardandi wird viel und unter Beifall gesündigt.
SPIEGEL: Und wie klingt der Beethoven von Metzgers Gnaden?
METZGER: Er wird wieder revolutionär. Er bekommt wieder etwas Schroffes, Undomestiziertes, einen Stachel, der seinen Werken immanent ist. Außerdem kann man bei den schnellen Tempi auch wieder die Konstruktion einer symphonischen Großform wahrnehmen, verfolgen und verstehen.
SPIEGEL: Wer dirigiert denn nach Ihrer Meinung heute richtigen Beethoven?
METZGER: Unter den Lebenden eigentlich nur Michael Gielen ...
SPIEGEL: ... der musikalische Chef der Frankfurter Oper ...
METZGER: ... ja, auch der Amerikaner James Levine wäre da zu nennen, der freilich durch seinen allzu plötzlichen Erfolg jetzt schon verbraucht zu werden droht; aus der Vergangenheit vor allem Carl Schuricht, Hermann Scherchen, William Steinberg, Paul Kletzki, Rene Leibowitz, wohl auch Hans Rosbaud.
SPIEGEL: Zur Creme der Branche gehören die meisten dieser Namen merkwürdigerweise nicht.
METZGER: Das ist doch kein Wunder, im Gegenteil: Die richtige Darbietung durch diese Dirigenten macht dem Publikum Schwierigkeiten, stellt erhöhte Ansprüche an Aufmerksamkeit und Konzentration, letztlich ans Denken. Die Wiedergabe ist plötzlich nicht mehr musikalische Schlemmerstunde, sondern Forderung und Anforderung, und da fühlt sich das Publikum überfordert.
SPIEGEL: Die bürgerliche Gesellschaft, meinen Sie, kann den Querkopf Beethoven nicht mehr verstehen?
METZGER: Ja, sie ist längst nicht mehr revolutionär und rutscht weltgeschichtlich eine schiefe Ebene hinunter, und zwar mit beängstigend zunehmendem Intelligenzverlust. Es gibt heute kein wirklich adäquates Publikum mehr für ernste Musik.
SPIEGEL: Aber die Leute stehen doch an den Kassen Schlange, zahlen viel Geld, machen sich fein und verzichten aufs Fernsehen.
METZGER: Ja, freilich. Aber die Reste des Bildungsbürgertums sind heute nicht mehr substantiell. Sie gehen in die Konzerte, um gesehen zu werden. Eine gewisse Schicht nimmt die kulturelle Repräsentation immer noch sehr wichtig.
SPIEGEL: Mag sein, aber eine gewisse Schicht auch nicht. Nicht überall ist Salzburg.
METZGER: Ich habe oft den Eindruck, daß sich die Leute in den Konzerten langweilen und absolut unbeteiligt an die Decke stieren.
SPIEGEL: Und was tun sie, wenn ihnen Michael Gielen Ihren richtigen Beethoven vorsetzt?
METZGER: Dann ärgern sie sich.
SPIEGEL: Und Ärger wäre die Beethcven angemessene Reaktion?
METZGER: In der Tat, denn der richtige Beethoven ist eine einzige Provokation.
SPIEGEL: Nur weil sie provozieren, sind die Gielen und Scherchen keine Publikumslieblinge geworden? S.231
METZGER: Nicht nur deswegen. Es liegt auch daran, daß diese Dirigenten auf dem Podium Besseres und Wichtigeres zu tun haben als Mätzchen zu zeigen und so ein Theater zu spielen wie beispielsweise Sergiu Celibidache ...
SPIEGEL: ... der jetzt unter anderem Chef der Münchner Philharmoniker ist.
METZGER: Was das Publikum an diesem Typus Dirigenten fasziniert, ist ja vor allen Dingen der Anblick, die Mache, die Show. Celibidache beispielsweise hält den Taktstock erst in der einen, plötzlich in der anderen Hand, und die Hörer haben nicht mitgekriegt, wie der Stabwechsel vonstatten ging. Daneben hat Celibidache eine so tolle Knietechnik, hüpft und biegt sich und federt so prachtvoll, daß ich mich bei seinem Anblick oft frage: "Was machst du mit dem Knie, lieber Hans?" Aber im Ernst: Bei solchen Veranstaltungen werden Beethovens Werke zur Begleitmusik für die Manege degradiert.
SPIEGEL: Der Dirigent als Dompteur?
METZGER: Kein Wunder, daß dieser Herr Celibidache es auch ohne irgendwelche Skrupel, ja vermutlich in genialischer Selbstgefälligkeit, fertigbringt, Beethovens "Pastoral"-Symphonie auf eine geschlagene Stunde auszudehnen, also um mehr als 20 Minuten über die Norm zu verlängern. Grotesk, schauerlich. Dazu die von Anfang an verstimmten Bläser. Hat denn dieser Mann, dem man ein phänomenales Gehör nachsagt, in Wirklichkeit nicht einmal schlichte Ohren?
SPIEGEL: Da sind wir überfragt. Jedenfalls beklatschen die Zuhörer Herrn Celibidache frenetisch.
METZGER: Natürlich, weil genau diese Mätzchen auf jenes Publikum großen Eindruck machen, das heute die Abonnementskonzerte bevölkert.
SPIEGEL: Das Phänomen dürfte aber doch gar nicht so leicht zu erklären sein. Offenbar gehen von dem Gehabe eines solchen Dirigenten unwiderstehliche Reize aus. Interessanter, als sie mit Hohn abzutun, wäre es, sie zu untersuchen.
METZGER: In der Tat appellieren diese fatzkenhaften Grimassen ja ans Tiefste der anthropologischen Struktur, der Beschaffenheit des Menschen. Höchste Aktivität nicht nur der mimischen Muskulatur des Gesichts, sondern auch der gesamten Skelettmuskeln, des ganzen Bewegungsapparates wird ihm vorgeführt. Der Mensch erkennt darin eine Symbolik, deren spontanes Verständnis ihm wahrscheinlich angeboren ist. Sie dürfte zum genetischen Erbe der Art gehören. Auch Affen verstehen sie ohne weiteres.
SPIEGEL: Und was besagt sie?
METZGER: Unbewußt erweckt sie sexuelle Assoziationen, im Falle von Dirigentenfiguren sicherlich auch mit einer ganz spezifischen sado-masochistischen Nuance. Die ist bei der Autorität einer solchen Figur unvermeidlich. Gewiß würden sich manche Dirigiervirtuosen statt im Frack insgeheim am liebsten nackt zeigen, wenn sie nicht befürchten müßten, daß ihr reifes Alter die Schönheit des Anblickes empfindlich beeinträchtigte.
SPIEGEL: Eine neue Perspektive: symphonische Soireen als Peep-Shows.
METZGER: Ich bin ein Gegner jeder Unterdrückung sexueller Bedürfnisse, welchen Schlages sie auch sein mögen. Ich meine, daß auch sado-masochistische Schaulust sich befriedigen darf und soll. Sie steht aber entschieden außerhalb des Geistes absoluter Musik. Das ist mein einziger Einwand gegen Celibidache. Und mein Rat an diejenigen, die in seine Konzerte strömen: Jeder sollte wissen, welche Art menschlicher Freuden er zu einer gegebenen Abendstunde sucht, und das entsprechende Lokal wählen.
SPIEGEL: Celibidache geht in die Knie, Bernstein macht seine Hopser, Karajan schließt die Augen. Konsequenterweise müßten Sie vor all diesen Star- und Showabenden warnen.
METZGER: So konsequent möchte ich auch sein. Dazu noch ein anderes, was die Dirigenten, die Stars speziell in Deutschland, angeht: Diese Herren sind hochgekommen im Dritten Reich, was nicht besagen muß, daß sie Nazis waren, sondern sie konnten hochkommen, weil die jüdischen Dirigenten und auch diejenigen Gojim, die politisch und ästhetisch wirklich Antifaschisten waren -- ich nenne nur Bruno Walter, Otto Klemperer, Erich Kleiber, William Steinberg, George Szell, Jascha Horenstein, Fritz Busch --, gehen mußten.
SPIEGEL: Würden Sie bitte die hochgekommenen Herren auch beim Namen nennen?
METZGER: Die jüdischen und antifaschistischen Dirigenten mußten gehen und machten dabei Platz für solche Talente wie Karajan und Böhm, der direkter Nachfolger des emigrierten Fritz Busch an der Dresdner Oper wurde.
SPIEGEL: Das Wort "Talente" klingt bei Ihnen abwertend.
METZGER: Wie Sie wollen. Wenn die Geschichte anders gelaufen wäre, dann hätten eben Leute wie Karajan und Böhm es nicht weiter gebracht als bis zur ehrbaren Stellung eines Generalmusikdirektors in Wiesbaden oder Münster.
SPIEGEL: Eine nicht reizlose Hypothese.
METZGER: Hypothetischen Charakter haben solche Spekulationen schließlich immer. Aber die Geschichte ist ja nun einmal anders, und zwar sehr blutig, verlaufen ...
SPIEGEL: ... und Karajan wie Böhm gelten als Autoritäten.
METZGER: Und als solche sind sie maßlos überbewertet.
SPIEGEL: Nun ist das Dritte Reich seit 35 Jahren passe, der deutsche Musikbetrieb wieder international, die Autorität der Genannten unangefochten.
METZGER: Vor noch 20 Jahren war das deutsche Musikleben viel reger und vielseitiger, kurz -- besser als heute. Damals konnten Scherchen und S.232 Rosbaud noch mitbestimmen, Bruno Maderna lebte noch.
SPIEGEL: Fehlen also unserem Konzertbetrieb die Anti-Stars?
METZGER: Es fehlen einfach die wichtigen Korrektive. Damit hängt ja auch die mangelnde Pflege der Musik des frühen 20. Jahrhunderts und der unmittelbaren Gegenwart zusammen.
SPIEGEL: Aber noch einmal: Wer hat Böhm und Karajan denn dahin gebracht, wo sie heute stehen? Doch nicht allein das Dritte Reich?
METZGER: Zum Teil spielt da auch einfach der Zufall mit. Wenn die Schallplatten-Industrie einmal auf ganz bestimmte Pferde gesetzt hat, dann macht sie eben so lange -- wie man sagt -- Promotion, bis das kommerzielle Rennen gelaufen ist. Gegen diese Vergiftung des Qualitätsbewußtseins ist kein Kraut gewachsen.
SPIEGEL: Glauben Sie nicht, daß beispielsweise Beethoven die Ihnen so suspekten Medien zur Musikverbreitung -- Schallplatte und Radio -- zur Demokratisierung eines sonst elitären Genusses gutgeheißen hätte?
METZGER: Das weiß ich nicht, das kann schlechterdings niemand wissen. Jedenfalls genügt es nicht, die sogenannten Kulturgüter den Massen zum Fraß vorzuwerfen. Demokratisierung ohne allgemeine Bildung ist ein Ding der Unmöglichkeit, und zwar unabhängig vom jeweils benützten Medium. Demokratie beruht auf Einsicht, auf der Einsicht aller. Von ihr ist der gegenwärtige Zustand auch politisch weit entfernt. Musikalisch haben wir noch nicht einmal den allgemeinen Analphabetismus überwunden. Die Kenntnis des Lesens und Schreibens von Musik ist im Volk immer noch sehr wenig verbreitet.
SPIEGEL: Was genau haben Sie nun gegen Schallplatten als Musikkonserven?
METZGER: Daß die Schallplatte nur Abbildcharakter hat und nicht Musik selbst ist, vielmehr eine synthetische, weil aus Bandstücken zusammengesetzte Wiedergabe, die zuerst vom Toningenieur und dann vom Hörer manipuliert wird.
SPIEGEL: Ein typischer Schallplatten-Star wie Karajan ist Ihnen nicht geheuer. Schätzen Sie denn wenigstens die von ihm hochgedrillte Spielkultur etwa der Berliner Philharmoniker?
METZGER: Gegen die moderne hochvirtuose Orchesterkultur, bei der aber in Wirklichkeit auch nur mit Wasser gekocht wird, habe ich überhaupt nichts, denn sie ist ja die Minimalvoraussetzung halbwegs sinnvoller Aufführungen. Karajan dagegen halte ich für eine höchst verhängnisvolle Erscheinung. Neulich hörte ich allerdings einige Kostproben aus seiner Neuaufnahme von Puccinis "Tosca" und muß sagen: ganz hervorragend, wie er aus dem symphonischen Puccini-Orchester S.234 das Durchführungsartige plastisch herausgeholt hat, diese ungeheuren dramatischen Vorgänge in den Schichten der Instrumentation selber, die von den meisten Dirigenten unter lauter Wohllaut und Oberflächenpolitur zugeschmiert werden.
SPIEGEL: Sieh mal an, Sie entpuppen sich als Fan einer "verhängnisvollen Erscheinung"]
METZGER: Moment mal. Daß Karajan seine Sternstunden hat -- ich hörte vor Jahren von ihm ein phantastisches "Lied von der Erde" --, daß es Musik gibt, die er wirklich versteht, ist gar nicht zu leugnen. Mit pauschaler Abkanzelung ist nichts geleistet. Aber sein Beethoven, sein Brahms, auch sein Schönberg -- das ist alles ohne jedes Verständnis der strukturellen Zusammenhänge und damit Falschmünzerei.
SPIEGEL: Nun schlagen Sie sich in Wort und Schrift auffallend für Beethoven. Glauben Sie im Ernst, daß Mozart und Haydn heute mehr Gerechtigkeit widerfährt?
METZGER: Beileibe nicht, womit wir denn auch schon wieder bei Herrn Böhm angelangt wären ...
SPIEGEL: ... der international als Mozart-Autorität angesehen ist ...
METZGER: ... was seinen Einfluß nur noch verschlimmert. Was Böhm allein an Kürzungen und Umstellungen in Mozarts "Entführung aus dem Serail" und in "Cosi fan tutte" sich herausnimmt, ist einfach barbarisch. Der Sinn von Handlung und Musik wird dabei gleichermaßen zerstört. Offenbar bildet sich Herr Böhm ähnlich wie Herr Everding, der ja leider Gottes so gern und so oft glaubt, Opern inszenieren zu müssen, ein, von Mozarts Musikdramatik mehr zu verstehen als Mozart selbst. Aber genau das ist der große Irrtum.
SPIEGEL: Solche Kürzungen sind aber keine spezielle Unart von Böhm.
METZGER: Und auch nicht seine einzige. Ich habe mal erlebt, wie Böhm erklärte, man müsse das Quintett im zweiten "Zauberflöte"-Akt, wo die drei Damen, Papageno und Tamino auftreten, relativ langsam nehmen, weil man sonst kein Wort verstehen könnte. Aber genau diese Stelle, dieses Gezischel, soll und darf man nicht Wort für Wort verstehen; darin liegt sein dramaturgischer Sinn, das hat Mozart gewollt. Aber Herr Böhm, die Autorität, hat das einfach nicht verstanden. Zudem erklärte er das richtige Tempo schlicht für technisch unausführbar, obwohl ich es verschiedentlich, auch in der Provinz, schon perfekt gehört habe. Böhm sollte ab und zu in kleinere Stadttheater gehen, um zu lernen.
SPIEGEL: Herr Metzger, Sie reiben sich nicht nur an den zeitgenössischen Interpreten, sondern auch an vielen Komponisten der Gegenwart. Warum?
METZGER: Weil viele Komponisten mit fatalen Zugeständnissen an Geschmack und Einfalt sich beim Publikum einzuschmeicheln versuchen, weil sie vom geraden oder auch verschlungenen, dialektisch gebrochenen, widerspruchsvollen, durch Anfechtungen in Frage gestellten, aber auf den Ernst heutiger und künftiger ästhetischer Wahrheit gerichteten Weg aufs Halbseidene ausgeglitten sind.
SPIEGEL: Haben die Komponisten das selbst gemerkt, und wie rechtfertigen sie sich?
METZGER: Das wird manchmal mit human klingenden Ausreden verbrämt. Man sagt, man wolle nicht mehr "elitär" sein, kein ungerechtes Privileg behaupten, mehr Menschen erreichen. Ökonomisch steckt dahinter der Wunsch, den Umsatz zu steigern. Da der Gewinn in der Regel von ihm abhängt, ist der Wunsch verständlich. Auch die Musikverlage und Plattenfirmen sehen die Tendenz gern. Ich möchte den Herren Komponisten aber zu bedenken geben, daß sie in anderen Branchen leicht mehr Geld machen könnten. Es kann verdienstvoll sein, das Gebiet der Musik zu verschonen.
SPIEGEL: Würden Sie diesen Rat beispielsweise Krzysztof Penderecki geben, der gelegentlich schon als Puccini zweiter Wahl verketzert wird?
METZGER: Nicht nur ihm. Aber Penderecki, kein Zweifel, ist völlig verkommen. Seine ersten Arbeiten hingegen waren wirklich bedeutend.
SPIEGEL: Und Hans Werner Henze?
METZGER: Kaum der Rede wert.
SPIEGEL: Und Pierre Boulez?
METZGER: Er hat mal Wichtiges geschrieben, als Komponist und auch als Theoretiker. Heute ist er völlig ausgetrocknet.
SPIEGEL: Karlheinz Stockhausen?
METZGER: Der schwebt nur noch in fernsten Regionen, empfängt die Musik ja aus dem All, und darüber ist sie denn auch kindlich und kindisch geworden. Stockhausens spiritistische Botschaften sind nun wirklich das Letzte, was wir brauchen. Vor 25 Jahren war er vielleicht der bedeutendste Komponist überhaupt.
SPIEGEL: Und welcher der lebenden Tonsetzer ist sich nach Ihrer Meinung bis heute treu geblieben?
METZGER: Vor allem der Amerikaner John Cage, der Graeco-Franzose Jannis Xenakis, der Italiener Luigi Nono, der Exil-Spanier Jose Luis Delas, schließlich die Deutschen Dieter Schnebel und Helmut Lachenmann.
SPIEGEL: Schnebel wirft man aber auch schon vor, in konventionelle Fahrwasser zurückgekehrt zu sein.
METZGER: Diese angeblich restaurative Kehrtwendung ist einfach nicht wahr, sie ist Schnebel angedichtet worden von irgendwelchen Ignoranten. Die Kollegen, die Schnebels Kompositionen aus den letzten Jahren am liebsten für ihre eigene restaurative Welle in Anspruch nähmen, werden durch sein neues Werk "Körpersprache" desavouiert. Da ist fast nichts mehr zu hören: Negation des Klanges schlechthin.
SPIEGEL: Sie haben sich zu Beginn unseres Gesprächs ganz entschieden zu dem Begriff "ernste Musik" bekannt. Aber ist die Trennung -- hier die heilige Kunst, dort der tönende Unrat -nicht ein Grundübel der zentraleuropäischen S.236 Musikphilosophie und damit auch Ihrer Argumentation? Mozart hat bekanntlich nichts dabei gefunden, Tanzmusik zu schreiben.
METZGER: Der krasse Bruch zwischen seriöser Musik und Musik für irgendwelche Bedürfnisse und Funktionen existierte damals tatsächlich noch nicht so. In seiner heutigen Form, bei der es um Leben und Tod der Intelligenz einer ganzen Gesellschaft geht, um Wiederherstellung oder endgültigen Verlust ihrer intellektuellen Zurechnungsfähigkeit, datiert der Bruch eigentlich vom Entstehen der Neuen Musik.
SPIEGEL: Die Neue Musik als Spaltpilz?
METZGER: Ja, die atonale Revolution hat alle Hörer vor Probleme gestellt, aber viele Hörer haben sich ihrerseits nicht den Problemen gestellt, und darüber haben sie nicht nur den Verstand verloren, sondern auch die Fähigkeit zu wirklicher Emotion. Die heutige Unterhaltungsmusik drückt diesen doppelten Verlust aus.
SPIEGEL: Elitäre Worte vom hohen Roß. Millionen Menschen haben aber ein legitimes Bedürfnis nach Musik. Laut Metzger dürfen sie das weder bei Böhms Mozart noch bei Karajans Beethoven, nicht bei Stockhausen und nicht in der Discothek befriedigen. Wo und wie denn?
METZGER: Das Bedürfnis nach Schwachsinn ist immer illegitim, das nach Unsinn zumindest schwer zu legitimieren.
SPIEGEL: Mag sein. Aber Sie weichen aus: Wir möchten ganz konkret wissen, was Sie jemandem raten, der sein nach unserer Meinung legitimes Bedürfnis nach der "Eroica" oder einer Sternstunde Stockhausens befriedigen möchte.
METZGER: Einem solchen Anspruch kann man nur gerecht werden, indem man die wirklich ernsten Werke auch wirklich ernst nimmt und also nicht verfälscht. Ich darf Hegel zitieren: "Denn in der Kunst haben wir es mit keinem bloß angenehmen oder nützlichen Spielwerk, sondern mit einer Entfaltung der Wahrheit zu tun." Wer diesen Satz auch für die Musik unterschreibt, der soll in die Konzerte des LaSalle-Quartetts und in die Orgelabende Gerd Zachers gehen.
SPIEGEL: Und was wird er dort erfahren?
METZGER: Dort wird er erfahren, was in bedeutenden Kompositionen der Vergangenheit und der Gegenwart steckt, wenn es herausgeholt wird. Wer aber ein Musikbedürfnis nur vortäuscht und in Wahrheit einzig das Handgemenge und die Kniegymnastik eines Herrn Celibidache bewundern will, der sollte nicht einmal in eine richtige Live-Show gehen, sondern lieber gleich in den Zirkus.
S.224 An der Bayerischen Staatsoper; Dirigent: Karl Böhm; Inszenierung: August Everding. * S.234 Mit SPIEGEL-Redakteur Klaus Umbach. *

DER SPIEGEL 47/1980
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