11.05.1981

Deutsche und Juden: Kniefall wiederholen?

Nach den Ausfällen Menachem Begins gegen Helmut Schmidt droht das deutsch-israelische Verhältnis in die Brüche zu gehen, 36 Jahre nach Kriegsende ist Aussöhnung wieder fern. Noch erfreut sich der Kanzler breiter Solidarität. Doch schon erheben sich Vorwürfe, er trage Mitschuld am Unfrieden zwischen Bonn und Jerusalem.
So etwas hatte der Kanzler schon lange nicht mehr erlebt. Wo er sich letzte Woche blicken ließ, schlug ihm Beifall entgegen. Seine eigenen Leute scharten sich um ihn, die Gegner von der Opposition boten ihm Hilfe an. Und, ein Ereignis besonderer Art: Welche Zeitung er auch aufschlug, überall gab es nur Sympathiebeweise.
Das alles hat einer vollbracht, der den Kanzler der Bundesrepublik schlug, in Wahrheit aber die Deutschen meinte: der Israeli Menachem Begin.
Die maßlosen Angriffe des Ministerpräsidenten aus Jerusalem gegen den Bonner Regierungschef, seine gehässigen Beschimpfungen eines ehemaligen Oberleutnants der großdeutschen Wehrmacht namens Helmut Schmidt haben in Bonn für einen Augenblick wenigstens wieder jene Gemeinsamkeit der Demokraten erzeugt, deren Verlust Regierung wie Opposition sonst so heftig beklagen -- eine Solidaritätsbekundung nicht nur für die Person Schmidt, sondern auch Nachweis für den Wunsch der Politiker, daß mit der Aufrechnung von Schuld und Sühne einmal Schluß sein müsse. 36 Jahre nach Kriegsende wollen sich die Deutschen nicht als einig Volk von Nazis fühlen.
Kaum war Helmut Schmidt am vorletzten Donnerstag aus Saudi-Arabien zurückgekehrt, kaum hatte er eine erste Bilanz gezogen, da gingen Schmähungen auf ihn nieder, die zwischen Staatsmännern einmalig sind.
Unüblich im diplomatischen Geschäft sind Ton und Wortwahl: der Vorwurf der "Arroganz", der "Frechheit" an den Regierungschef eines Landes, der Angriff zudem, seine Politik sei von "Habsucht" geprägt, weil er nichts im Sinn habe, als "Waffen teuer zu verkaufen" und "Erdöl billig einzukaufen" (siehe Seite 29).
Allgemeine Empörung erntete Begin auch für seine Verdächtigungen und Verdrehungen, die Schmidt in die Nähe von Nazis und Judenmördern rücken sollten.
Zwar behauptete der Israeli erst gar nicht, er habe Belege. Aber er unterstellte, Helmut Schmidt habe zugesehen, als Generale des Widerstands "mit Klaviersaiten aufgehängt wurden", er habe "an der Ostfront gekämpft", wo die Juden "hauptsächlich vernichtet" wurden (siehe Seite 23).
Als den Kanzler in Bonn Freund und Feind gegen die Attacken in Schutz nahmen, bedankte sich Schmidt in seiner Fraktion gerührt für die ungewohnte Solidarität. Dankbar war er, als sich der Christdemokrat Rainer Barzel im Auswärtigen Ausschuß entschieden von Begin distanzierte. Erfreut bemerkte er, daß auch Oppositionschef Helmut Kohl ausdrücklich keine Entschuldigung S.25 für den israelischen Ministerpräsidenten gelten lassen wollte.
SPD-Fraktionschef Herbert Wehner bemühte das zweite Buch Mose: "Du sollst kein falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten."
Kanzler-Vertraute fühlten sich, makaber genug, an die Tiraden Hitlers erinnert, der im Zweiten Weltkrieg den englischen Premier Winston Churchill als "wahnsinnigen Paralytiker und Säufer" beschimpft hatte. "Noch nie", entsetzte sich ein Schmidt-Berater, "hat es so was gegeben -- außer im Krieg." Erschreckt kabelte der Israel-Botschafter Yohanan Meroz nach Jerusalem, doch das Feuer endlich einzustellen. Begin blieb ungerührt: "Laß sie nur zetern" -- und setzte mit immer neuen Attacken nach.
Dreieinhalb Jahrzehnte nach der Kapitulation des Hitler-Regimes ist offenbar geworden, daß die jüdischen Überlebenden des Völkermords die Vergangenheit nicht vergessen wollen. Aus den Verbrechen der Nazis leitet Begin, ohne Wenn und Aber, die Pflicht der Deutschen zur bedingungslosen Unterstützung israelischer Politik ab.
In den Angriffen auf Schmidt steckt der Vorwurf, jeder "gute Kämpfer" (Begin) an der Ostfront sei sicher auch in die Judenverfolgungen verwickelt gewesen. Die deutschen Soldaten geraten so in einen Generalverdacht. Der Oberleutnant Schmidt wird als prominentes Beispiel für diese These vorgeführt.
Begin formuliert damit, mitten im Wahlkampf, eine gängige Meinung in Israel. Dabei kann er sich auch auf Historiker berufen, die eine Beteiligung der Wehrmacht am Vernichtungsfeldzug gegen die Juden immer genauer nachweisen können.
Obendrein fordert der israelische Ministerpräsident von allen Deutschen, alten und jungen, Schuldgefühle gegenüber den Opfern des Nazi-Terrors. Mit unnachsichtigem Haß verfolgt er das Volk, dessen verbrecherisches Regime seine Familie und Millionen Juden hinmorden ließ. "Ich habe dem deutschen Volk als Ganzem nie vergeben", so Begin. "Ich werde ihm nie vergeben, denn sie tragen gemeinsame Schuld." Und: "Solange Hitler Siege brachte, bejubelten sie ihn. Später, als der Niedergang begann, haben sie sich ein wenig abgewendet."
Begin erneuert die These von der Kollektivschuld, die in den ersten Jahren der Bundesrepublik diskutiert wurde, von der die Nachkriegsdeutschen aber schon bald aufatmend wieder Abstand nahmen. Der erste deutsche Bundespräsident, Theodor Heuss, sprach vielmehr 1949, unter allgemeinem Beifall, von "Kollektivscham".
Bei allem Zorn über die Beschimpfungen aus Jerusalem war der Kanzler von Anfang an entschlossen, nicht mit gleicher Münze heimzuzahlen. Schon am vorletzten Wochenende, nach den ersten Attacken von Außenminister Jizchak Schamir, hatte Schmidt seinen Regierungssprecher Kurt Becker angewiesen, kühl und zurückhaltend zu antworten.
Schamir war noch vor seinem Chef Begin grob geworden. Schmidts Erklärung nach seiner Riad-Reise, es gebe auch eine moralische Verpflichtung gegenüber den Palästinensern, kommentierte der israelische Außenminister: "Plötzlich gibt es eine neue Verpflichtung des Kanzlers gegenüber denen, die versuchen, das Werk, das die Nazis nicht vollenden konnten, fortzusetzen."
Als dann Begin nachtrat, wies Becker die Vorwürfe nur knapp zurück: S.26 "Solche Entgleisungen stehen wohl im Zusammenhang mit dem israelischen Wahlkampf. Aber auch ein Wahlkampf entschuldigt nicht abwegige und beleidigende Behauptungen." Schmidt vor den Koalitionsfraktionen: "Ich habe dem nichts hinzuzufügen."
Der Bundesaußenminister hatte anfangs zu noch mehr Vorsicht geraten. Während der Nato-Konferenz in Rom zensierte Hans-Dietrich Genscher den Becker-Spruch mit "nicht gut". Doch die Empfehlungen des ängstlichen Taktikers waren überflüssig. Schmidt wußte nur zu gut, daß er sich mit seinem israelischen Widersacher nicht auf einen öffentlichen Streit einlassen durfte. Ein Kabinettsmitglied: "Ein deutscher Regierungschef, der sich auf diesen Schlagabtausch einläßt, kann nur verlieren."
Die Bonner glauben zu wissen, daß Begin seine Ausbrüche genau kalkuliert hat. Denn zu Kritik an europäischer Nahost-Politik hätte er schon Gelegenheit gehabt, als Englands Premierministerin Margaret Thatcher eine Woche vor Schmidts Besuch den Saudis Kriegsgerät anbot. Aber erst den Deutschen, der die Waffenwünsche der Ölpotentaten derzeit nicht erfüllen kann, traf Begins alttestamentarischer Zorn.
Mehrfach ließ er sich vernehmen, er werde einem deutschen Kriegsteilnehmer nicht die Hand geben -- und meinte Schmidt, denn dem ehemaligen Oberleutnant Franz Josef Strauß, der auch an der Ostfront gedient hatte, ging Begin vor Jahresfrist mit ausgestreckter Hand entgegen.
Mit seiner Polemik liegt er im israelischen Wahlkampf genau richtig (siehe Seite 118). Selbst Oppositionsführer Schimon Peres mochte nur an der Form der Schelte mäkeln, auf die Kritik an Schmidts Arabien-Tour stieg auch er voll ein. Den Freunden von der SPD in Bonn bedeutete Peres allerdings, er halte die Ausbrüche des Premiers für unverantwortlich, sei aber außerstande, sich vor der Wahl deutlicher zu äußern.
Die Bonner versuchen auch deswegen zu bremsen, um Begin nicht weitere Vorwände für neue Schmähungen zu liefern. Der Israeli könnte damit die antideutsche Stimmung in seinem Land weiter aufputschen und es auch noch zu seinen Gunsten ausnutzen, wenn in der Bundesrepublik die Antisemiten Front gegen ihn machen.
Schon jetzt erhält die SPD-Zentrale, mehr als sonst, judenfeindliche Briefe. Hildegard Hamm-Brücher, Staatsministerin im AA, sorgt sich, "daß all die aus ihren Löchern kommen, die schon immer was gegen Israel hatten".
Die Bundesregierung will sich nicht vorwerfen lassen, sie habe durch harsche Reaktionen auf Begin solche Regungen aus dem rechten Untergrund noch gefördert. Erst wenn nach der Israel-Wahl "die Scherben eingesammelt werden", so ein Kanzler-Berater, werden wir deutlich machen, daß sie so nicht mit uns verfahren können".
Auch Kanzler Schmidt aber hat dazu beigetragen, daß die Beziehungen zwischen Bonn und Jerusalem in die Brüche gegangen sind. Nie verhehlte er, daß seine Gefühle für Israel nicht der Politik Menachem Begins gelten. "Der Kanzler", so ein Mitarbeiter Schmidts, "hat in den letzten zwei Jahren regelmäßig die Schraube ein wenig weiter gedreht, wenn er sich über Begin geärgert hat."
Anlässe dazu fanden sich genug. So belehrte Begin die Deutschen, gerade sie sollten sich mit Kritik an seiner Siedlungspolitik in den besetzten Gebieten gefälligst zurückhalten. "Sich mit jüdischem Blut arabisches Öl zu erkaufen", kanzelte der Israel-Premier im Juli 1979 Berlins damaligen Regierenden Bürgermeister Dietrich Stobbe ab, sei "absolut widerlich".
Und nach Willy Brandts Treffen mit PLO-Chef Jassir Arafat in Wien schimpfte Begin im israelischen Parlament: "Bei einem Sieg der PLO über Israel hätte Brandt seinen Kniefall wiederholen müssen, um die Juden um Vergebung zu bitten." 1970 war der Kanzler Brandt am Ehrenmal im ehemaligen Warschauer Getto niedergekniet, eine Geste, die damals die Welt beeindruckte.
Bonns Regierungschef, der den "Konflikt um Palästina" (Schmidt) für den gefährlichsten aller Krisenherde hält, redet seinerseits Klartext, wenn er vor Vertrauten auf Begins Politik zu sprechen kommt: Was der israelische Ministerpräsident inszeniere, so der Kanzler vergangenes Jahr, sei gefährlich. Es drehe sich einem das Herz um, daß ein Mann eine Nation ruinieren könne, die zum erstenmal in ihrer neuen Geschichte über ein eigenes Staatsgebiet verfüge. Schmidts Fazit über den Friedensnobelpreisträger aus Jerusalem: "Dieser Mann ist eine Gefahr für den Frieden."
Seit sechs Jahren zögert der Kanzler einen Besuch Israels hinaus, zu dem ihn auch Begin mehrmals eingeladen hatte. Zunächst schoben die Bonner Terminschwierigkeiten vor, was in Israel als Beleidigung empfunden wurde. Dann knüpfte Schmidt eine Reise an Bedingungen: Er werde erst fahren, wenn seine Visite nützlich für den Fortschritt bei den Friedensbemühungen sei. Solche Erfolge allerdings hält der Kanzler für unmöglich, solange Begin regiert.
Zu einer härteren Gangart gegen Israel sieht sich Schmidt auch deshalb ermutigt, weil er befürchtet, Begin blockiere mit seiner sturen Siedlungspolitik im Westjordanland jede Friedensregelung im Nahen Osten. "Einfach Gebiete besetzen und nicht wieder rausgehen", tadelt ein Regierungsmitglied, "das geht nicht."
Die Israelis reagieren auf Kritik aus Europa und auf die Forderung der EG, der PLO Mitsprache bei Friedensverhandlungen einzuräumen, stets beleidigt. "Sie mäkeln am Erreichten und makeln, wo sie nichts erreichen können", beschwerte sich Ex-Staatssekretär Gideon Rafael vorletzte Woche in Bonn über die Europäer.
Die Deutschen, so das Argument aus Jerusalem, seien auf dem Irrweg, wenn sie glaubten, daß politische Konzessionen an Arafat die Ölzufuhr S.27 sicherten. Rafael: "Die PLO hat genausoviel Einfluß auf die arabische Ölversorgung wie die Rote Armee Fraktion auf die deutsche Kohleförderung."
Der immer wieder vorgetragene Verdacht, die Europäer wollten für arabisches Öl die Freundschaft mit Israel aufkündigen, gilt vor allem den Deutschen. Sie haben aus israelischer Sicht schon seit 1974 die Position Israels geschwächt, weil sie als erste unter den Westeuropäern ein Selbstbestimmungsrecht für die Palästinenser reklamierten. Begin hat es nie interessiert, daß die Bonner andererseits, etwa beim EG-Treffen voriges Jahr in Venedig, darauf drängten, das Selbstbestimmungsrecht für Palästinenser an das Existenzrecht Israels zu knüpfen.
Als Kanzler Schmidt, aus Saudi-Arabien zurück, über die Beschlüsse von Venedig hinausging und den Palästinensern ein moralisches Recht auf staatliche Selbstorganisation zusprach, sah Begin all seine Vorurteile bestätigt.
In der Erregung über die Begin-Ausfälle gerät allerdings nur zu leicht in Vergessenheit, daß die deutsch-israelischen Beziehungen seit jeher geprägt sind von Krisen und Krächen, Pannen und Peinlichkeiten.
Die Ursache der Spannungen blieb dabei stets die gleiche. Trotz Hitler und Holocaust weigerte sich Bonn beharrlich, auf die Forderung der Israelis einzugehen, gemeinsam mit ihnen gegen die Araber Front zu machen.
Jerusalem zeigte dafür kein Verständnis. Der stete Vorwurf: Bonn verhalte sich aus Furcht um seine Handelskontakte zu den arabischen Staaten opportunistisch, statt die historische Schuld gegenüber Juden abzuzahlen.
In den fünfziger und sechziger Jahren trieb freilich nicht die Sorge um das Öl, sondern die Hallstein-Doktrin die Bundesregierung zu Eiertänzen: Bonn wollte mit keinem Staat Beziehungen haben, der auch die DDR anerkannte.
Aus Furcht, die arabischen Staaten könnten Bonns Alleinvertretungsanspruch durchbrechen, versuchten die regierenden Christdemokraten deshalb, nicht zu eng mit den Israelis zu paktieren. So erklärte sich Bundeskanzler Konrad Adenauer 1952 zwar bereit, den Juden mehr als 3,5 Milliarden Mark in einem Zeitraum bis zu 14 Jahren als Wiedergutmachung zu zahlen. Er vermied aber, Israel die Aufnahme diplomatischer Kontakte anzubieten.
Erst drei Jahre später wagte sich das Auswärtige Amt mit der Offerte vor, eine deutsche "Sichtvermerkstelle" in Israel zu eröffnen. Doch kurze Zeit darauf zuckten die Bonner wieder zurück: Auf einer Konferenz in Istanbul im Mai 1956 warnten die westdeutschen Nahost-Botschafter, bei weiterer Annäherung an die Israelis würden die Araber Ost-Berlin anerkennen.
Auch bei einem Geheimtreffen mit dem damaligen israelischen Ministerpräsidenten David Ben-Gurion 1960 in New York, der ersten Begegnung eines deutschen Regierungschefs mit seinem israelischen Kollegen, gab Adenauer nicht nach. Aber er versprach den Israelis günstige Kredite, die er unter strenger Geheimhaltung überweisen ließ.
Adenauer erklärte sich zudem zu einem Geschäft bereit, das 1964 zu einem Fiasko der Bonner Nahost-Politik führte: Er sagte zu, Waffenlieferungen an Israel zu genehmigen.
Die Deutschen, die 1957 schon einmal heimlich Uzi-Maschinenpistolen, Granatwerfer, Munition und Unterhosen für die Bundeswehr in Israel eingekauft hatten, lieferten Flugzeuge, Lastwagen, Geschütze, Schnell- und Unterseeboote im Wert von über 300 Millionen Mark. Den mißtrauisch gewordenen Arabern versicherten sie dagegen, Tel Aviv erhalte keine einzige Patrone.
Arabische Geheimdienste fanden schließlich die Wahrheit heraus. Erzürnt über den deutsch-israelischen Handel, bat der damalige ägyptische Staatschef Gamal Abd el-Nasser 1964 den DDR-Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht zur Visite nach Kairo.
Um Nasser zu bewegen, Bonns Todfeind wieder auszuladen, stoppte die Regierung des Adenauer-Nachfolgers Ludwig Erhard die Waffengeschäfte -vertragswidrig, denn Gerät im Wert von 80 Millionen Mark war noch nicht geliefert.
Die Israelis bestanden auf Kontrakterfüllung. Ministerpräsident Levi Eschkol: Deutschland sei moralisch verpflichtet, Israel für seine Verteidigung auszurüsten, denn zwischen beiden Ländern bestehe ein "einmaliges und unvergleichliches historisches Gefüge".
Erhard blieb hart. Als Ausgleich bot er nun endlich diplomatische Beziehungen an. Ergebnis: Zehn arabische Staaten, voran Ägypten, brachen mit Bonn.
Trotz des Austauschs von Botschaftern taten sich die Regierungen schwer miteinander. Als Ex-Kanzler Adenauer 90jährig im Mai 1966 zum erstenmal Israel besuchte, kam über Eschkols Lippen kein Wort der Versöhnung. Die Deutschen müßten, so nach wie vor die Forderung aus Jerusalem, ihren Gesinnungswandel und ihre neue Vertrauenswürdigkeit täglich beweisen.
Erst die Sozialliberalen vermochten sich dem israelischen Druck etwas zu entziehen. Die Haftung für die "Blutschuld der Vergangenheit" dürfe die außenpolitische Handlungsfreiheit der Bundesrepublik nicht mehr beschränken -- so der damalige Außenminister Walter Scheel. Er verlangte 1973, Israel solle endlich die "territoriale Besetzung" beenden und die "legitimen Rechte der Palästinenser berücksichtigen".
In dem Maße, in dem die Bundesregierung die Ölstaaten am Golf hofierte, steigerte sich das Mißtrauen der Israelis. Offene Empörung mußte laut werden, als nun auch noch die Pläne Helmut Schmidts öffentlich wurden, die Saudis mit Panzern aufzurüsten.
Grund zur Klage haben indes die Araber -- über die deutsch-israelische Zusammenarbeit auf militärischem Gebiet. Israelis, die in der Rüstungsindustrie ihres Landes arbeiten, nennen die Deutschen unbefangen ihre "wichtigsten Verbündeten nach den USA".
Zwar taucht Israel in den vertraulichen deutschen Exportstatistiken für fertige Flugzeuge, Panzer, Schiffe, Raketen und Geschütze nicht auf. Es bezog, S.28 unter der Rubrik "sonstige Kriegswaffen", nach einer Aufstellung des Wirtschaftsministeriums, lediglich 1977 Gerät für 6,087 Millionen Mark.
Israel aber ist Großabnehmer für technische Dokumente, Maschinen zur Waffenherstellung und Teile von Kriegswaffen.
Die Bielefelder Firma Gildemeister zum Beispiel führte nach ihrer Computerübersicht vom 23. Januar 1980 Maschinen, Maschinenteile, Geschoßspitzen, Geschoßkörper, Zünderteile und Flugstabilisatoren nach Israel aus. Empfänger war die israelische Firma Soltam, die zum Gewerkschaftskonzern Koor gehört und sich auf Mörser und Kanonen spezialisiert hat.
Auch der Austausch von technischem Know-how funktioniert.
Als die Franzosen 1967 die Lieferung ihrer "Mirage-V"-Jagdbomber und die Engländer zwei Jahre später die Lieferung ihrer "Chieftain"-Panzer stoppten, mußten die Israelis eigenes Kriegsgerät entwickeln: den "Kfir"-Jäger und den "Merkava"-Panzer.
Wann immer sie Fragen hatten: Die Deutschen halfen mit Blaupausen und Maschinen aus -- egal ob es um Stahlverarbeitung, Panzerplattenlegierung oder Triebwerks- und Zellenteile ging. Nicht nur "handelsübliche Ware" wurde geliefert, wie die Israelis behaupten, sondern auch Papiere und Teile, die als "geheim" eingestuft sind.
Wenn es um Israel geht, sind die Bonner sogar noch pingeliger als sonst.
Seit Helmut Schmidt (1969 bis 1972) Verteidigungsminister war, gilt für die deutschen Rüstungsproduzenten die -niemals schriftlich fixierte -- Anweisung, daß es vor den Israelis keine Geheimnisse gibt. Und das, obwohl die Israelis inzwischen selbst unbekümmert in alle Welt Rüstungsgüter exportieren -- von Südafrika bis Südkorea. "Die Israelis", so ein deutscher Waffenhändler, "erfahren von uns mehr als die Nato-Verbündeten."
Die Israelis kennen nicht nur den "Leo 2"-Panzer und seine gefürchtete Kanone in allen Einzelheiten, sondern auch den "Tornado"-Jagdbomber mit seiner komplizierten Elektronik. Ihre Kenntnisse fließen in die Entwicklung des Kfir-Nachfolgers "Lavie" und des "Merkava" II und III ein. "Ähnlichkeiten", spöttelte ein israelischer Panzeringenieur, "sind rein zufällig."
Als der SPD-Abgeordnete Karl-Heinz Hansen kürzlich wissen wollte, welche Länder Ausbildungs- und Ausrüstungshilfe von der Bundeswehr erhalten, blieb Hildegard Hamm-Brücher, Staatsministerin im Auswärtigen Amt, zugeknöpft, weil sie nur schriftlich antworten wollte.
In ihrer Liste der Empfänger von Ausbildungshilfe stand, alphabetisch zwischen Indonesien und Japan eingeordnet, Israel. Die Dienstleistung der Deutschen definierte die Ministerin so: "Dabei werden militärische Fach- und Führungskenntnisse (zum Beispiel Ausbildung zum Bataillonskommandeur oder Generalstabsoffizier) wie auch technische Kenntnisse (zum Beispiel Ausbildung zum Kfz-Mechaniker oder Flugsicherungsoffizier) vermittelt."
"Wir sind", faßte ein Vertrauter Helmut Schmidts zusammen, "in der militärischen Zusammenarbeit bis an die Grenzen des Erlaubten gegangen."
Daß Schmidt nun auch mit den Saudis eine militärische Zusammenarbeit sucht, verbittert nicht nur Politiker in Israel, sondern irritiert auch manche Sozialliberalen in Bonn. Sie akzeptieren zwar die besondere Verpflichtung der Bundesrepublik gegenüber Jerusalem, doch Waffenexporte als generelles Schmiermittel westdeutscher Außenpolitik sind ihnen grundsätzlich zuwider.
SPD-Chef Willy Brandt lastet dem Kanzler an, Schmidt trage durch ungeschicktes Taktieren in dieser heiklen Frage Mitschuld, daß in der Partei der Glaubenskrieg ausgebrochen sei. Er, Brandt, habe seinen Nachfolger rechtzeitig gewarnt: "Ich hoffe, du weißt, in welches Minenfeld du dich begibst."
Der Kanzler habe es versäumt, die Israelis und die Nato-Partner beizeiten über die geheimen Saudi-Wünsche zu unterrichten. Jetzt sei keine klare politische Linie mehr zu erkennen.
Suspekt erscheint vielen Sozialliberalen, wie plump der Kanzler den Saudis seine Avancen macht. Überschwenglich lobte er letzte Woche vor den beiden Fraktionen die Saudis zum zweitwichtigsten Bonner Partner nach den USA hoch. "Mich stört diese Unterwürfigkeitspose", mokiert sich ein Kabinettsmitglied, "das ist doch letztlich würdelos."
Die Schmidt-Kritiker werfen dem Kanzler überdies vor, er habe die PLO eigenmächtig aufgewertet, als er den Palästinensern in Riad das Recht auf "staatliche Selbstorganisation" bescheinigte. Sie teilen die Befürchtung in Jerusalem, ein PLO-Staat bedrohe die Existenz Israels.
"Ich sehe nicht", so Annemarie Renger, Vizepräsidentin des Bundestags, "wie das zu verwirklichen ist." Und der FDP-Abgeordnete Burkhard Hirsch fragt, wieso eine "Organisation, die den Terror gegen Kinder und Frauen als legitimes Mittel zur Durchsetzung ihrer Interessen betrachtet", überhaupt als Verhandlungspartner akzeptiert werde.
Auf solche Einwände reagiert der Kanzler empfindlich. Niemand könne behaupten, so Schmidt vor der FDP-Fraktion, er habe die Moral für sich gepachtet. Und im kleinen Kreis klagte er, die anderen redeten über Moral, "ich aber muß die Kastanien aus dem Feuer holen".
Die Moral des Kanzlers hat sich freilich gewandelt. Bei einem Besuch im Lager Birkenau hatte Schmidt 1977 bekannt: "Wir heutigen Deutschen sind als Personen nicht schuldig, aber wir haben die politische Erbschaft der Schuldigen zu tragen, hierin liegt unsere Verantwortung."
Auf dem Rückflug aus dem Nahen Osten am Donnerstag vorletzter Woche klang es ganz anders: Die deutsche Außenpolitik der neunziger Jahre, mahnte der Kanzler, dürfte "nicht von Auschwitz überschattet" werden.
S.22 Oben: am 29. April in Riad; * unten: am 3. Mai vor seiner Fraktion im israelischen Parlament. * S.26 1973 in der Gedenkstätte Jad Waschem mit dem ehemaligen Generalstaatsanwalt Gideon Hausner (l.). *

DER SPIEGEL 20/1981
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