11.05.1981

Falsches mit Falschem vermischt

Begins Vorwürfe gegen den Weltkrieg-Leutnant Helmut Schmidt
Der Ministerpräsident wühlte in der Vergangenheit eines Gegners -- mit eindeutigem Ziel: ihn in die Nähe der Mörder seines Volkes zu rücken.
Er wisse zwar nicht, so Menachem Begin über Kanzler Helmut Schmidt, was der Deutsche während des Zweiten Weltkriegs "in bezug auf die Juden" an der Ostfront getan habe. Aber dort seien "hauptsächlich die Juden vernichtet worden". Schmidt habe jedenfalls in der Wehrmacht des Generalfeldmarschalls Wilhelm Keitel gedient, die den Einsatz der SS gegen die Juden militärisch unterstützt habe.
Wahr ist: Für die Teilnahme an Juden-Pogromen, aktiv oder aus der Ferne, gibt es nicht die geringsten Hinweise. Denn wenn der junge Mann aus Hamburg auch ein schneidiger Soldat war, der es zum Chef einer Flak-Batterie brachte, ein Nazi war er nicht.
So flog der 17jährige 1936 wegen zu flotter Sprüche aus der Marine-Hitler-Jugend, in die er zwei Jahre zuvor mit seinem Schülerruderverein eingegliedert worden war.
Nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wurde Schmidt mit einer Flak-Einheit nach Bremen kommandiert. Im Sommer 1941 schließlich rollte Schmidt durch die Sowjet-Union -- als Leutnant in der motorisierten leichten Flakabteilung 83, die zunächst vor Leningrad, dann vor Moskau operierte.
Zum Oberleutnant befördert, kam Schmidt 1942 als Ausbilder auf den Schießplatz Kühlungsborn in Mecklenburg, bis ihn seine Vorgesetzten zum Referenten für Ausbildung und Vorschriften "leichte und mittlere Flak" im Reichsluftfahrtministerium in Berlin machten.
Ende 1944 mußte Schmidt an die Westfront und wurde, dekoriert mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse, von den Engländern nach der gescheiterten Ardennen-Offensive gefangen.
Noch in Berlin hatte sich die Episode ereignet, durch die sich Ministerpräsident Begin nun veranlaßt sah, den Eindruck zu verbreiten, der Deutsche, der nicht Mitglied der NSDAP war, sei ein Nazi gewesen.
Ohne seinen Namen zu nennen, warf der Israeli Schmidt vor, er sei in einem bestimmten Saal in Anwesenheit Hitlers Zeuge gewesen, "als Generale, die 1944 den Teufel ausmerzen wollten, mit Klaviersaiten aufgehängt wurden". Der Führer und seine Gesinnungsgenossen hätten applaudiert, "während die Generale langsam starben".
Begin vermischte dabei Falsches mit Falschem.
Offensichtlich verwechselte er die Vorführung eines im Zuchthaus Berlin-Plötzensee gedrehten Films über die Hinrichtungen von Widerständlern des 20. Juli im Führerbunker der Wolfschanze mit den Prozessen vor dem Volksgerichtshof, wo die Hitler-Gegner abgeurteilt wurden und an denen Schmidt an einem Tag als Beobachter des Reichsluftfahrtministeriums teilnahm.
Gezeigt wurde der Streifen lediglich im Kinoraum der Wolfschanze -- in der im übrigen der Offizier Schmidt nie war.
Grotesk: Nicht allein Nazi-Hasser Begin nutzte die Anwesenheit Schmidts im Volksgerichtshof für seine Zwecke, sondern auch das extrem rechte "Deutschland-Magazin". Die Postille behauptete im vergangenen Jahr, für einen solchen Prozeß sei nur ein Mann abkommandiert worden, "dessen Linientreue über allen Zweifel erhaben war".
Bereits 1978 hatte CSU-Sprecher Godel Rosenberg geeifert, es hätten nur Soldaten teilgenommen, "die als zuverlässige und überzeugte Nationalsozialisten galten".
Schmidt freilich erleichterte den Rechten das Geschäft -- mit seinen Gedächtnislücken. Der Kanzler, der seine Anwesenheit im Volksgericht nie abgestritten hatte, berichtete etwa, er habe einen General gesehen, der, ohne Hosenträger, ständig seine Beinkleider festhalten mußte. An das genaue Datum könne er sich nicht erinnern.
Bei diesem Angeklagten handelte es sich um Generalfeldmarschall Erwin von Witzleben, der am 8. August 1944 abgeurteilt wurde. Schmidt aber war am 7. September Zeuge, als zivilen Verschwörern der Prozeß gemacht wurde. Unter ihnen: der ehemalige Leipziger Bürgermeister Carl Goerdeler, der Ex-Botschafter Ulrich von Hassell, der Rechtsanwalt Josef Wirmer. Alle wurden zum Tode verurteilt.
Schmidt, der in einer der letzten Reihen saß, kann sich allerdings noch entsinnen, daß er vor Betreten des Sitzungssaals seine Waffe abgeben mußte. Die Verhandlung selbst empfand Schmidt als so bedrückend, daß er seinen Vorgesetzten bat, ihn nicht mehr abzukommandieren.
Warum gerade Schmidt ausgewählt worden war, ist noch immer ungeklärt.
Möglich, daß seine Chefs ihn wegen forschen Auftretens als geeignet genug empfanden, das Ministerium gut zu repräsentieren; denkbar aber auch, daß sie ihn, wie Schmidt selbst behauptet, abschrecken wollten, weil er mit kessen Kasino-Sprüchen gegen die Herrenmenschen aufgefallen war.
Dritte, glaubhaftere Variante: Die Schmidt-Oberen befahlen ihn zum Tribunal, um zu demonstrieren, daß sie ihren Referenten für politisch zuverlässig hielten, und mögliche Weiterungen gegen den Mann mit der "frechen Klappe" (Kanzler Schmidt über Oberleutnant Schmidt) von vornherein zu verhindern.
Einige Wochen später brachten ihn abfällige Bemerkungen über den Reichsmarschall Hermann Göring, die ein Denunziant weitergab, in Schwierigkeiten. Doch Kollegen gaben vor, sich nicht zu erinnern --Schmidt entging damit einem Kriegsgerichtsverfahren.
Begin hätte allerdings wohl gerne mehr Opposition bei ihm gesehen. Der Israeli vergangene Woche: Der Deutsche habe "nie seinen Fahneneid gebrochen".
Hätte er es, wie auch immer, getan, wäre Schmidt, so ist zu vermuten, heute nicht Kanzler der Bundesrepublik.
S.23 Am 27. Juni 1942 in Hamburg bei seiner Hochzeit mit Hannelore ("Loki") Glaser. *

DER SPIEGEL 20/1981
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