28.04.1980

BANKENEtwas luftiger

Mit immer höheren Verwaltungsgebäuden suchen die Frankfurter Großbanken sich gegenseitig zu übertrumpfen.
Wenn Vorstandssprecher Friedrich Wilhelm Christians über die Erfolge seiner Deutschen Bank spricht, dann hebt unverkennbar Stolz die Stimme. Das ist "unser großes Haus".
Kein Zweifel, die Deutsche Bank ist die größte im Land. Mit einer Bilanzsumme von 158 Milliarden Mark liegt sie weit vor der Dresdner Bank, die 121 Milliarden Mark in der Endabrechnung ausweist.
Wenn Deutsch-Bankier Christians indes vom 22. Geschoß der Frankfurter Zentrale rundum sieht, dann dünkt ihn sein großes Haus plötzlich klein: Beton blockiert den Blick.
Es sind vor allem die Häuser der Konkurrenz, die das Bild stören. So fällt etwa die Dresdner Bank mit ihren 32 Etagen auf; hoch oben in der 31. Etage tummeln sich die Angestellten im Swimming-pool.
Die Schlußfolgerung war für die Deutschbankiers klar: Sie brauchen ein neues Haus, ein größeres und schöneres als alle anderen.
Es ist bereits im Bau: Rund 500 Meter von der alten Zentrale entfernt, an der Taunusanlage, ragen Gerüste und Betonteile wie der Rohbau einer Kathedrale schon 40 Meter hoch.
Die Deutsche Bank will mit ihrem Neubau, zwei fast identischen Türmen von 38 und 40 Stockwerken, hoch hinaus -- auf jeden Fall höher als anfangs geplant. Zunächst hatten es nur 139 Meter werden sollen; dann aber wären einige der Konkurrenten immer noch höher, etwa die Dresdner oder die Bank für Gemeinwirtschaft (BfG).
Und das darf wohl nicht sein. Bislang hat noch jede Großbank, die in Frankfurt baute, ihren Ehrgeiz darangesetzt, den höchsten Büroturm von allen zu errichten.
So haben die Banker in nur einer Dekade Aussehen und Ansehen einer einst eher betulichen Provinz-Metropole radikal verändert. Die Wolkenkratzer der Banken, die das Stadtbild überragen und dominieren, haben Frankfurt Spottnamen wie "Profitopolis" und "Mainhattan" eingetragen.
Die Nummer eins unter den Großbanken war die erste, die auch die höchste sein wollte. Der erste Verwaltungsturm der Deutschen Bank wurde 92 Meter hoch, quadratisch der Grundriß, gräulich das Gemäuer, auf der Spitze eine gewaltige, nächtens leuchtende Krone. Das war 1971, die Nummer eins überragte alle.
Zwei Jahre später bezog die Commerzbank, nach der Bilanz die dritte in der Reihe der Großbanken, ihr neues Haus gleich nebenan. Der Bau, im Format zweier senkrecht stehender Zigarrenkisten, ging bis auf 106 Meter.
Damit war zugleich der Höhenrekord eines halben Jahrtausends gebrochen: Der Dom der Stadt, einst Ort der Krönung deutscher Kaiser, ist nur 95 Meter hoch.
Nun packte auch andere Banken der Höhenrausch. 1977 trumpfte Hessens Landesbank Helaba, auf dem Höhepunkt ihrer Skandale um Verluste in Milliarden-Höhe, mit einem Neubau von 126 Metern auf. Damit überragte sie die Deutsche Bank um 34 Meter.
Im gleichen Jahr erstand die Deutsche Genossenschaftsbank den fast vollendeten Wolkenkratzer des persischen Spekulanten Ali Selmi (143 Meter). Im Herbst schließlich weihte die gewerkschaftseigene Bank für Gemeinwirtschaft (149 Meter) ihre Zentrale ein.
Gratulant Carlo Schmid glaubte damals in der schwindelnden Höhe der BfG "die Stadtkrone" zu erblicken. Er irrte. Mit rund 166 Metern (einschließlich des überragenden Fahrstuhlschachtes) setzte ein Jahr darauf die Dresdner Bank überraschend einen neuen vorläufigen Rekord -- 74 Meter über der Deutschen Bank.
Der Drang nach Höherem kostete die Kreditinstitute bislang jeweils 200 bis 300 Millionen Mark. Die Deutsche Bank wird für ihr neues Gebäude rund 400 Millionen Mark zahlen müssen.
Hinzu kamen oft noch beträchtliche Summen, mit denen sich die Banken S.99 von lästigen Auflagen befreiten. So wollte die BfG nicht, daß neben ihrer Verwaltung eine Eislaufbahn gebaut wurde. Eine Spende von fünf Millionen Mark für den Bau einer Eissporthalle -- an anderer Stelle -- überzeugte die Stadtväter.
Die Dresdner Bank ließ es sich Millionen kosten, im Bahnhofsviertel einen öffentlichen Platz neu zu gestalten, um die Stadt für ihr Bauvorhaben einzustimmen. So durfte das Institut dann statt 130 doch 166 Meter hoch bauen, obwohl ein entsprechender Plan zunächst auf Widerstand gestoßen war.
Auch die Deutsche Bank mußte schließlich beim städtischen Monopoli mitspielen. Denn der Bauplatz an der Taunusanlage, das ehemalige Löwensteinsche Palais, hatte seine Tücken.
Mehrfach wechselte das Grundstück in den vergangenen Jahren die Besitzer. Anfang 1979 schließlich erstanden die Deutschbankiers die 10 000 Quadratmeter vom Münchner Unternehmer Josef Schörghuber zum Preis von rund 100 Millionen Mark.
Mit dem Grundstück handelten sich die Banker aber auch die von der Stadt bereits genehmigte Bauplanung ein. Die wichtigsten Auflagen: Läden, Passagen und Wohnungen sollten gebaut werden, die Dachkanten waren auf 139 Meter Höhe festgelegt.
All das paßte so gar nicht in das Wunschbild der Bank. Also wurden der Stadt entsprechende Anträge zur Änderung der Bebauung präsentiert. Vor allem die 40 Etagen der beiden Türme sollten "etwas luftiger" im Raummaß sein, wie Stadtrat Hans Küppers schon bald zu hören bekam.
Oberbürgermeister Walter Wallmann, CDU, bestreitet, daß die Bank mit ihren Wünschen die Stadt in irgendeiner Form beeinflußt habe. Tatsache ist, daß Anfang des Jahres sich plötzlich für die bauwilligen Banker alles zum besten wendete.
In einer Blitzaktion kaufte die Stadt von den Vorbesitzern des Löwensteinschen Palais -- der Gruppe Buchmann, Preisler, Herskovits und Isralewicz -mehrere verkommene Westend-Grundstücke für 18,9 Millionen Mark und verkaufte sie am gleichen Tag zum gleichen Preis an die Deutsche Bank. Die baut nun und saniert dort in Kürze Wohnungen, die in Frankfurt dringend gesucht sind.
Wenn die Stadtväter im Mai über die Bauwünsche der Bank entscheiden, werden sie solche Großzügigkeit zu würdigen wissen. Eine Zustimmung gilt schon jetzt als sicher.
In den beiden Banktürmen, die 1983 fertig sein sollen, würde es dann keine Wohnungen geben, auch die Ladenpassage wird entfallen. Dafür laden ein Cafe und eine Galerie im Foyer die Besucher zum Verweilen.
Und hoch genug wird das Doppel-Gebäude auch. Sollte die Stadt wider Erwarten die angepeilte Höhe von S.100 154,97 Meter für das eigentliche Gebäude doch noch kappen, dann will die Bank, wie einer ihrer Manager verrät, "eben den Kasten rund um den Schornstein etwas höher bauen".
Denn ihre Konkurrenten will Deutschlands Größte auf jeden Fall überragen. Und das wohl um jeden Preis: Einschließlich Dachaufbauten wird die neue Deutsche Bank 166 Meter und 97 Zentimeter hoch -- sie überragt damit die Dresdner um 67 Zentimeter.

DER SPIEGEL 18/1980
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