15.09.1980

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Vom Feilschen müde

Reemtsma-Erbe Jan Philipp machte das Geschäft seines Lebens - war es ein gutes?

Als am Donnerstagabend der vergangenen Woche Aufsichtsratspräsidium und Kapitaleigner der Reemtsma Cigarettenfabriken GmbH gegen acht Uhr auseinandergingen, gab es einen Sieger und zwei Verlierer.

Alles gewonnen hatte die Equipe der Kaffee-Firma Tchibo, die zum Sonderpreis von rund 370 Millionen Mark 53 Prozent des Reemtsma-Kapitals übernimmt. Verloren hatten die Deutsche Bank, durch ihren Chef Wilfried Guth im Reemtsma-Rat vertreten, und der Verkäufer, Jan Philipp F. Reemtsma.

Besonders schmerzlich scheint die Niederlage für die Geldmanager: Die Bankiers hatten, als das Spiel begann, gute Karten in der Hand.

Die Deutsche Bank diente dem Reemtsma-Erben Jan Philipp, 29, seit 1959 als Treuhänder, weil Vater Reemtsma im Testament bestimmt hatte, daß der Sohn erst an seinem 27. Geburtstag die Verfügungsgewalt über das Erbe bekommen sollte. Als dem Erben kurz nach dem Stichtag die Reemtsma-Bürde zu schwer wurde, war der vorgegebene Gesprächspartner die Deutsche Bank.

Erbe Reemtsma und Bankier Guth faßten eine Lösung ins Auge, die dem Reemtsma-Sproß zu Applaus in der Öffentlichkeit und der Deutschen Bank zu Ehre und Gewinn hätte verhelfen können: Sie wollten Reemtsma in eine Aktiengesellschaft umwandeln und die Aktien des Filius an der Börse plazieren.

Es gab nur einen Punkt, über den noch zu reden war: Jan Philipp dachte an rund 500 Millionen Mark als Kaufpreis, die Bank wollte aber nur 300 Millionen zahlen.

Darüber wurde noch verhandelt, als Jan Philipp sein Reemtsma-Kapital gleichzeitig auch weltweit in der Zigarettenbranche feilbieten ließ -- für 500 Millionen. Einer wollte für diesen Kurs zugreifen: der zweitgrößte Zigarettenkonzern der Welt, die Firma Philip Morris.

Der Interessent aus den USA kam nicht zum Zug. Quer durch das Haus Reemtsma vom Vorstand bis zum Betriebsrat bildete sich eine Fraktion, die den Ausverkauf an einen Konkurrenten erbittert bekämpfte.

Jan Philipp beugte sich der Opposition und sagte den Amerikanern wieder ab. Doch auch mit der Deutschen Bank war der Junior inzwischen über Kreuz. Er hatte den Bankiers vorgeworfen, sie hätten zugelassen, daß Hunderte von Millionen Mark glücklos im Biergeschäft investiert wurden.

Die Deutsche Bank hatte als Treuhänder des Erben den Einstieg der Reemtsma-Gruppe in das Biergeschäft gutgeheißen. Reemtsma kaufte Bieraktien, dummerweise zu einem Zeitpunkt, als diese recht teuer waren; inzwischen jedenfalls sind sie deutlich billiger.

Da tauchte ein Interessent wieder auf, der Jan Philipp vorher nicht genehm war: die Tchibo AG und deren Eigentümer, die Familie Herz.

Insider wollen wissen, daß über Vermittlung des Otto-Versand-Managers Günter Nawrath, der bei Reemtsma Sitz und Stimme im Aufsichtsratspräsidium hat, Tchibo schon als einer der ersten Interessenten bei Jan Philipp angeklopft hatte.

Inzwischen wollten die Kaffeeröster aber nicht mehr über einen Kaufpreis von 500 Millionen, sondern nur noch in der Größenordnung verhandeln, die durch das 300-Millionen-Gebot der Deutschen Bank vorgezeichnet war.

Jan Philipp, vom vielen Feilschen wohl etwas erschöpft, gab nach und akzeptierte einen Basispreis von 400 Millionen Mark. Davon abgezogen wird allerdings noch der Gewinnanteil, der für das Jahr 1980 an den Alteigentümer geht -- etwa 30 bis 40 Millionen Mark.

Der Reemtsma-Erbe wird das Minus kaum tragisch nehmen. Ein Pfennigfuchser scheint er ohnehin nicht zu sein: Statt in der Schweiz, wie in seiner Vermögensklasse sonst üblich, zahlt Reemtsma junior seine Steuern in der Bundesrepublik.

Das wird in seiner Einkommensteuererklärung für 1980 einen Unterschied von etlichen Millionen Mark machen -- zu seinen Lasten.


DER SPIEGEL 38/1980
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