11.05.1981

„Der Markt muß bereinigt werden“

Interview mit Privatbankier Graf Galen zur Bankenkrise Ferdinand Graf Galen, 45, ist Teilhaber und Sprecher des Bankhauses Schröder, Münchmeyer, Hengst & Co. in Frankfurt. Die SMH-Bank gehört mit einer Bilanzsumme von 2,2 Milliarden Mark zu den wenigen unabhängigen mittelständischen Privatbanken in Deutschland.
SPIEGEL: Graf Galen, fast alle großen Banken melden Gewinneinbrüche und kürzen die Dividenden. Haben die Kreditinstitute mit den ihnen anvertrauten Geldern va banque gespielt?
GALEN: Mit Sicherheit nicht; die großen Banken haben bisher nur ihre Reserven eingesetzt, um Einbußen auszugleichen.
SPIEGEL: Die Ertragsmisere scheint viel größer als bisher angenommen. Was sind die Hauptgründe für die größte Bankenkrise der deutschen Nachkriegszeit?
GALEN: Ich empfinde die Probleme nicht als Bankenkrise ...
SPIEGEL: ... Sie meinen, es stecken nur einzelne Banken in der Krise?
GALEN: In der Tat. Warum ist das so? Ich bin der Auffassung, daß der Wettbewerb in der Bundesrepublik Formen angenommen hat, wie wir sie kaum in einem anderen Land finden. Und das heißt eben, daß sich der Druck auf die Ertragskraft einer Bank in Deutschland sehr viel stärker auswirken kann, als das in anderen Ländern der Fall ist.
SPIEGEL: Woher rührt dieser Konkurrenzdruck?
GALEN: Wir haben ganz sicher zu viele Banken in Deutschland. Der deutsche Markt ist quasi mit Banken überbesetzt. Es gibt hier drei große Banksysteme: das Giro-Sparkassen-System, das genossenschaftliche Bankensystem und das private Bankgewerbe. Wir haben erheblich mehr Bankzweigstellen pro Kopf der Bevölkerung als irgendeine andere Volkswirtschaft, zum Beispiel doppelt soviel wie England. Und das führt eben zu einem enormen Konkurrenzdruck.
SPIEGEL: Die Konkurrenz gab es früher auch schon; da wurde dennoch gut verdient.
GALEN: Einmal hat sich die Konkurrenzsituation verschärft. Und zum anderen sind neue Risiken hinzugekommen, vor allem auch dadurch, daß die Banken sehr viel stärker ins Auslandsgeschäft gingen.
SPIEGEL: Plädieren Sie denn dafür, durch genehmigte Absprachen zwischen den Banken den Wettbewerb zu beschränken? Das ginge dann doch zu Lasten der Kundschaft.
GALEN: Zunächst hat der Kunde in Deutschland den Vorteil dieses Wettbewerbs. Man kann aber sehr wohl auch die Frage stellen, ob zu harter Wettbewerb nicht langfristig negativ sei. In anderen Ländern, in den USA zum Beispiel, gibt es da durchaus Beschränkungen. In der Bundesrepublik ist seit 1967, seit die Zinsen freigegeben sind, der Markt völlig frei. Da entstehen größere Margen-Risiken.
SPIEGEL: Nun hat ja nicht nur der harte Wettbewerb die Banken in Schwierigkeiten gebracht. Ganz sicher haben sich doch viele Bankmanager bei der Beurteilung der Zinsentwicklung und bei der Einschätzung des Marckurses vertan. Die Geldexperten haben weder den steilen Anstieg der Zinsen noch den Verfall der Mark rechtzeitig erkannt.
GALEN: Da stehen die Banken nicht allein. Angefangen mit der Gewerkschaft, endend mit der Bundesregierung -- die Strukturveränderungen, die seit etwa achtzehn Monaten ganz deutlich werden, haben nur wenige vorausgesehen.
SPIEGEL: Ein Teil der Schwierigkeiten, mit denen die Geldinstitute zu kämpfen haben, sind auf die Nöte von Großkunden zurückzuführen. Wenn Ende dieses Jahres ein zweiter Sanierungsversuch für die AEG fällig würde, sollten die Banken dann auf einen Teil ihrer an diese Firmen vergebenen Kredite verzichten?
GALEN: Die AEG betrifft uns nicht.
SPIEGEL: Um so freier können Sie darüber sprechen.
GALEN: Wenn der Gläubiger -- ob es nun Polen oder ein Industrieunternehmen wie die AEG ist -- volkswirtschaftlich sinnvoll am Leben erhalten werden kann, sollte man auch die von Ihnen genannte Möglichkeit prüfen. Ich habe es in meiner eigenen Praxis schon öfter mit Erfolg gemacht.
SPIEGEL: Da ging es wohl nicht um so große Summen.
GALEN: Sicher nicht. Wenn aber vier oder fünf Milliarden an Krediten zur Debatte stehen, sind die Banken nur noch zu Zugeständnissen gezwungen. Die Sanierung einer Großfirma ist S.63 vielleicht schmerzlich, aber stellt für das deutsche Bankensystem kein grundsätzliches Problem dar. Wir haben ja solche Fälle nicht nur in den letzten Jahren gehabt.
SPIEGEL: Ein entscheidender Grund für das Ertragstief liegt doch wohl auch darin, daß viele Banken mit Volldampf und ziemlich riskant auf Expansion gesetzt haben, um näher an den Branchenführer Deutsche Bank heranzukommen.
GALEN: Das ist sicher denkbar. Jeder Branchenführer strahlt einen gewissen Magnetismus aus, der die Nummer zwei, drei, vier beflügelt.
SPIEGEL: Und die Rivalen machen in ihrem Eifer zwangsläufig Fehler?
GALEN: Zwangsläufig ist das nicht. Aber es kann schon sein, daß, wenn man ein Vorbild vor Augen hat, die Versuchung, sich stärker zu engagieren, groß ist.
SPIEGEL: Was haben die Kollegen von der Deutschen Bank anders gemacht?
GALEN: Wenn ich mir das Zahlenwerk der Großbanken anschaue, komme ich zu dem Schluß, daß bei der Deutschen Bank die Steuerungsmechanismen schneller gewirkt haben als anderswo. Vielleicht wurde die Erkenntnis, daß sich in der Zinslandschaft etwas ändert, schneller in Geschäftsentscheidungen umgesetzt. Ich kann mir nicht vorstellen, daß die anderen Banken die veränderte Lage viel später erkannten. Also muß es etwas mit der Durchsetzbarkeit in einem großen Apparat zu tun haben.
SPIEGEL: Die Deutsche Bank ist nun unbestrittener Primus. Könnte dies den Wettbewerb beeinträchtigen?
GALEN: Das glaube ich nicht. Dafür ist die Konkurrenz eben viel zu groß.
SPIEGEL: Die erfolgreichen Herren der Deutschen Bank sitzen auf 140 Aufsichtsratssesseln in Industrie, Handel und Hochfinanz, ihnen gehört eine Unzahl von Aktienpaketen. Was können da die klassischen Privatbankiers wie Sie überhaupt noch ausrichten?
GALEN: Ich glaube nicht, daß die Beteiligungen an Industriegesellschaften oder die Vertretungen in industriellen Aufsichtsräten ausschlaggebend sind für eine Bank.
SPIEGEL: Das schafft doch ungeheure Informationsvorsprünge und geschäftsträchtige Kontakte.
GALEN: Die Kontakte kann ich mir als Privatbankier auch schaffen. Die Institutionalisierung von Kontakten über Gremien ist nicht das entscheidende. Eine kleine Bank wie wir muß sich ihre besondere Nische im Markt suchen.
SPIEGEL: Worauf kommt es denn da an?
GALEN: Für unser Überleben beispielsweise war es bedeutsam, daß wir uns frühzeitig entschieden haben, das Mengengeschäft nicht zu betreiben.
SPIEGEL: Also nicht an jeder Straßenecke eine Filiale aufmachen.
GALEN: Keine Filialen aufzumachen -- und das heißt: keine Kleinkredite zu gewähren, kein Geschäft mit dem Kleinsparer zu machen. Dies alles ist personalintensiv und damit teuer. Auch wenn man Automaten aufstellt, statt Menschen zu bezahlen, kostet das viel Geld.
SPIEGEL: Hätten die Großbanken, die jetzt Probleme haben, sich Ihres Erachtens auch mehr spezialisieren und beschränken müssen?
GALEN: Es wäre von mir vermessen, dazu etwas sagen zu wollen. Ich betreibe deren Geschäft nicht, ich sehe es nur als Außenstehender, und ich glaube, daß die großen Unternehmen im Verlauf der sechziger und siebziger Jahre unter Zugzwänge gekommen sind, die immer schwerer zu beeinflussen sind.
SPIEGEL: Das hört sich aber trostlos an. Denn aus diesen Zugzwängen kommen die großen Institute wohl vorerst nicht mehr heraus.
GALEN: Die werden sich wohl die Kostenseite sehr viel genauer ansehen müssen. Und das wird einige Jahre dauern.
SPIEGEL: Konkret: Es muß sehr viel Personal entlassen werden.
GALEN: Nicht unbedingt. Aber das wohl sicher zu dichte Filial-Netz wird überdacht werden müssen.
SPIEGEL: Und wann ist das Ende dieser Ertragskrise in Sicht? Ist das überhaupt absehbar?
GALEN: Sicherlich muß der Markt in Deutschland erst bereinigt werden.
SPIEGEL: Es müssen also einige Banken vom Markt verschwinden?
GALEN: Das glaube ich sicher. Einige Institute werden auf Dauer nicht rentabel arbeiten. Das gilt auch für die Deutschland-Filialen vieler ausländischer Banken. Die goldenen Jahre der Auslandsfilialen in Deutschland sind längst vorbei. Auch hier können wir von einem Strukturwandel sprechen.
SPIEGEL: Trifft die Krise nur die größeren Institute? Gibt es ein Comeback der Privatbankiers?
GALEN: Wer als Privatbankier seine Marktnische gefunden hat -- wie neben einigen anderen auch wir --, kann mit einem wachsenden Marktanteil rechnen.
SPIEGEL: Also goldene Zeiten für die Privatbankiers?
GALEN: Ich bin überzeugt, daß in Zeiten, in denen die großen Institute zur Größe verdammt sind, den kleinen und mittleren Instituten interessante Sonderaufgaben zuwachsen. Die letzten zehn Jahre meiner Firma und anderer Privatbankiers belegen das.

DER SPIEGEL 20/1981
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