20.07.1981

Ich denke, daß daraus etwas werden könnte

Von Glass, Henry

SPIEGEL-Redakteur Henry Glass über die Hochzeit von Prinz Charles mit Lady Diana Spencer

Er hat hängende Schultern, ein fliehendes Kinn, rote Wurstfinger, eine unförmige Nase und abstehende Ohren. Seine Brust ist schmächtig, die Hüften sind etwas breit, die Beine zu kurz. Und wenn er geht, wirkt er immer ein wenig linkisch.

Trotzdem war er, seitdem er die letzten Pubertätspickel verloren hatte, der begehrteste Junggeselle der Welt.

Er stammt aus ordentlichem Hause, gehört einem Dutzend exklusiver Ritterorden an und ist zugleich Oberstleutnant der Luftwaffe und Fregattenkapitän. Zu seinem Besitz zählen einträgliche Ländereien, zahlreiche Bürohochhäuser in bester Stadtlage, ein Schloß und das berüchtigte Gefängnis von Dartmoor. Er kann fliegen, tauchen, Fallschirm springen, reiten, skifahren und niemals arbeitslos werden.

Nur das, was den meisten Menschen mühelos gelingt (oder unversehens zustößt), blieb ihm lange versagt: Er fand keine Frau.

Nun, nach zwölf Jahren emsigen Suchens, hat er es endlich geschafft: Am 29. Juli will Charles Mountbatten-Windsor, 32, Prince of Wales und Erbe des britischen Throns, den 20jährigen Backfisch Lady Diana Spencer heiraten.

Es wird die glanzvollste und größte Hochzeit dieses Jahrhunderts -ein gewaltiges Theaterstück, in dem sich die britische Monarchie selbst darstellt. Und es wird auch die teuerste: Rund zweieinhalb Millionen Mark kostet das Spektakel, das inszeniert ist wie eine Co-Produktion des Monumentalfilmers Cecil B. DeMille und der Royal Shakespeare Company -- eine eigenartige Mischung von anachronistischem Pomp und landesüblicher Steifheit.

Rund 650 Millionen Fernsehzuschauer in 58 Ländern -- mehr noch als bei der Mondlandung oder bei Muhammad Ali -- sind live mit dabei, wenn sich das Paar in der ehrwürdigen St. Paul''s Cathedral die Ringe überstreift.

Hunderttausende werden fähnchenschwingend die Straßen säumen, Tausende entlang der Hochzeitsroute auf bis zu 2000 Mark teuren Tribünen- oder Fensterplätzen stehen, um die Kutschenprozession vorüberziehen zu sehen: Prinz Charles zusammen mit seinen jüngeren Brüdern Andrew und Edward in einem postillionbewehrten Landauer; Lady Diana dahinter in der käseglockenartig verglasten Hochzeitskutsche, in der 1947 schon ihre zukünftige Schwiegermutter Queen Elizabeth II. zum Traualtar rollte.

In der Kirche harren derweil, auf harte Chrom-Klappstühle gezwängt, die 2500 zur Trauzeremonie geladenen Gäste des königlichen Brautpaares --Europas Hochadel, Regierungschefs und Staatspräsidenten. "Wenn der Bau plötzlich zusammenbräche", schauerte es den konservativen Unterhausabgeordneten Paul Marland, "wäre die Elite der Welt ausgelöscht." Vorbei jedenfalls wäre es dann etwa mit Frankreichs Francois Mitterrand und Bundespräsident Carstens, mit Nancy Reagan und dem Fürsten Kraft zu Hohenlohe-Langenburg.

Kaum ein Ereignis beschäftigte die Briten und ihre Presse in den letzten fünf Monaten -- seit Bekanntgabe der Verlobung -- so sehr wie die Heirat zwischen dem Kronprinzen und der Kindergärtnerin: Selbst vandalierende Horden in den von bürgerkriegsähnlichem Treiben gebeutelten Städen oder grassierende Arbeitslosigkeit (knapp drei Millionen) und hohe Inflation (12 Prozent) schienen zur Nebensache geschrumpft angesichts der Frage, ob Lady Diana Nägel kaut (nein), ob sie ihre Wimpern färbt (ja) und ob sie noch virgo intacta ist (wahrscheinlich).

Auch der Rest der Welt nahm reichlich Anteil: Die US-Nachrichtenmagazine "Time" und "Newsweek" widmeten dem Brautpaar Titelgeschichten, die Illustrierten "Paris Match" und "Life" füllten ihre Hefte mit Berichten und Visionen über den "großen Tag".

Schon vor Wochen rückten kompaniestarke Teams der amerikanischen Fernsehgesellschaften in London ein, S.103 auch das deutsche Fernsehen rüstete sich zur Übertragung der königlichen Seifenoper: Viereinhalb Stunden lang will es, zeitweise sogar auf beiden Kanälen, die Bundesbürger mit bunten Bildern und (wie bittere Erfahrung zu fürchten gelehrt hat) drögen Stotterkommentaren von der Hochzeit versorgen -- eine der längsten Live-Sendungen der deutschen TV-Geschichte.

Wenn Charles am Mittwoch nächster Woche die reich verzierte Heiratsurkunde mit den roten Fraktur-Buchstaben unterschreibt, hat er den ersten Teil seines Lebenszwecks erfüllt -- die Erhaltung des Hauses Windsor. Die pflichtgemäße Erfüllung von Teil zwei erwarten die königliche Familie und die Nation in frühestens neun Monaten.

Mit Spannung hatten die monarchiebesessenen Briten, von den Boulevard-Blättern stets mit Gerüchten und Spekulationen versorgt, Charles'' hindernisreichen Weg zum Traualtar verfolgt -eine Aufgabe, die er selbst anfangs offenbar nicht allzu ernst nahm: "Ich verliebe mich immer wieder", bekannte er, "und ich habe vor, es weiterhin zu tun."

Seine zahlreichen Freundinnen fuhr er mal in seinem roten Aston Martin Cabriolet aus, mal bat er sie zum Pferderennen nach Ascot oder zum Weekend mit der Queen auf eines der königlichen Schlösser. Zu solchen Einladungen mußten die Mädchen stets mit prallen Koffern anreisen -- Reitdreß für den morgendlichen Ausritt, Kostüm zum Mittagessen, Rock und Bluse für den Fünf-Uhr-Tee und langes Abendkleid zum Dinner.

Mit seiner Gunst bedachte er vornehmlich die Fräuleins vom Adel: Da gab es die unscheinbare Lady Amanda Knatchbull und die hübsche Lady Henrietta Fitzroy, da waren die pummelige Lady Alexandra Hay, die elegante Lady Camilla Fane und noch viele mehr. "Er hatte einen hohen Umsatz", konstatierte sein halboffizieller Biograph Anthony Holden.

Solche Flausen freilich trieb ihm die königliche Mama schnell aus. Er habe sich, so befahl sie, gefälligst nach einer passablen Braut umzusehen. In den folgenden Jahren stellte Charles der Königin eine ganze Reihe von Kandidatinnen vor, doch das allerhöchste Gefallen fand keine:

* Die schöne Lady Fiona Watson wurde fallengelassen, nachdem ein Journalist enthüllte, sie habe sich auf elf Seiten des Sex-Magazins "Penthouse" entblättert.

* Die biedere Prinzessin Marie-Astrid von Luxemburg, mit der Charles verbändelt werden sollte, war katholisch -- und da legte sich die anglikanische Staatskirche quer.

* Der flotten Davina Sheffield hing an, was bei Hofe als "bewegte Vergangenheit" gilt -- sie hatte früher mal, wie die "verdammten Geier von der Presse" (Prinz Philip) herausfanden, mit einem Mann zusammengelebt.

* Jane Ward, die muntere Sekretärin des Windsor Poloclubs, der Charles nach einem in ihre Richtung geschlagenen Ball auch sonst näherkam, war zu vorlaut: "Er hat mich geküßt", steckte sie der Presse und verlor ihren Job.

Freilich, es waren nicht immer die Damen, die durchfielen. Der blitzgescheiten S.104 Lady Jane Wellesley war der Prinz "intellektuell zu wenig anregend"; Anna Wallace, Tochter eines britischen Großgrundbesitzers, äußerte sich während einer Party auf Schloß Windsor vor Ohrenzeugen weniger schonend: "Mach dich dünne." Und auch Lady Sarah Spencer, die ältere Schwester der jetzigen Braut und jahrelang Charles-Favoritin, erklärte nach einem gemeinsamen Skiurlaub im schweizerischen Klosters ihren Abgang: "Ich würde ihn niemals heiraten."

Als sich der Prinz seinem 30. Geburtstag ehelos näherte, wurde das Volk langsam ungeduldig. "Es wäre das richtige Alter zum Heiraten", mahnte höflich die "Times", die Anschlagsäule der Nation.

Damals empfahl die selbstbewußte Lady Sarah dem Thronfolger ihr kleines Schwesterchen, an das der Prinz vor 15 Jahren schon mal Hand angelegt hatte: Auf dem Landsitz der Spencers, nahe dem königlichen Schloß von Sandringham (Grafschaft Norfolk) gelegen, brachte er der damals Vierjährigen das Schwimmen bei. "Als ich sie wiedersah", so Charles, "dachte ich, daß daraus etwas werden könnte."

Noch vor wenigen Jahren freilich wäre daraus allenfalls ein handfester Skandal geworden; denn die Familie derer von Spencer paßt überhaupt nicht in das von der britischen Königsfamilie gepflegte Ideal von harmonischer Häuslichkeit und intakter Ehe.

Zwar war Dianas Vater Earl Spencer in den fünfziger Jahren Stallmeister bei Hofe, ihre Großmutter Ruth (Lady Fermoy) ist eine intime Freundin der Königinmutter. Doch in den sechziger Jahren benahmen sich Dianas Eltern gehörig daneben: Die Mutter unterhielt ein Verhältnis mit dem Tapetenmillionär Peter Shand Kydd, der zu allem Überfluß -- how shocking -- auch noch bürgerlich war; der Vater schnappte daraufhin seinem Schulfreund Lord Dartmouth die Frau weg -- eine Tochter der Schnulzen-Schriftstellerin Barbara Cartland.

1969 ließen sich die Spencers, nach öffentlich ausgetragenem Streit um das Sorgerecht für die vier Kinder, scheiden und heirateten ihre jeweiligen Seitensprünge.

Nachdem jedoch auch Prinzessin Margaret (die jüngere Schwester der Queen) von dem Hof-Photographen Lord Antony Snowdon geschieden ist und sich mit halbseidenen Playboys wie dem Londoner Rodney ("Roddy") Llewellyn vergnügte, ist der britische Hof in Sachen Anstand und Moral nicht mehr so pingelig.

Im Herbst letzten Jahres bekamen die Journalisten Wind von der "Diana-Affäre des Prinzen" (so das Massenblatt "Sun"). Gnadenlos wie keine ihrer Vorgängerinnen verfolgten Reporter und Photographen von da an die 19jährige.

Sie verkleideten sich als Postboten, um in Dianas Londoner Wohnung (in der vornehmen Old Brompton Road) zu gelangen; sie kletterten durch das Toilettenfenster des Young England Kindergarten, wo Diana die Sprößlinge von Adligen und Millionären betreute; sie belagerten ihren knallroten Mini Metro (ein Geschenk von Charles), um ihr ein paar unbedachte Sätze zu entlocken.

Doch der Teenager, eigentlich scheu und ein wenig unsicher, schlug sich wie ein Profi -- immer höflich, immer diplomatisch, nie ein Wort zuviel. "Ich bin Kindergärtnerin und habe gelernt, Geduld zu haben", verriet sie später ihr S.105 Rezept. "Ich habe die Reporter einfach behandelt, als wären sie Kinder."

Derart aufdringlich benahm sich die Meute von der Fleet Street, daß selbst der stets beherrschten Queen der Kragen platzte. Entnervt griff Ihre Majestät zur stärksten Sprache, derer sie mächtig ist: "Ich wünschte, Sie würden sich entfernen", rief sie dem Reporter-Heer zu, das an Weihnachten Schloß Sandringham mit voller photographischer Feuerkraft belagerte.

Am Abend des 6. Februar 1981 schließlich machte der Prinz, während eines Abendessens in seinem Zwei-Zimmer-Quartier im dritten Stock des Buckingham Palace, seiner Lady den Antrag. Doch erst als der königliche Gynäkologe festgestellt hatte, daß die Herrscherin im Wartestand keine Soraya sei und ohne medizinische Probleme Mutter werden könne, gab der Palast die Verlobung offiziell bekannt.

Kaum war die Nachricht über die Fernschreiber getickert, stiegen an Londons Börse die Aktienkurse. Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett bat untertänigst um Erlaubnis, die Braut zwecks naturgetreuer Nachbildung vermessen zu dürfen. Und der Poet Laureate

( Der Ehrentitel wird seit dem 17. ) ( Jahrhundert von britischen Monarchen ) ( jeweils einem Dichter verliehen. )

drohte an, er werde auf das junge Glück ein Gedicht verfassen.

Quicke Andenken-Hersteller überschwemmten das Land mit Souvenirs zur Prinzenhochzeit -- vom kitschigen Verlobungsteller aus Plastik für drei Mark bis hin zum Silberbecher mit dem kronprinzlichen Wappen für 1500 Mark. Kaum ein Gegenstand, der sich mit den hohen Häuptern bedrucken, besticken oder bekleben läßt, wurde verschont. Insgesamt dreieinhalb Milliarden Mark gaben die Briten bislang für den königlichen Krimskrams aus.

Die Brautleute ließen bei den königlichen Hoflieferanten eine Geschenkliste auslegen, nach der Hochzeitsgäste ihre Präsente aussuchen können: Für den Salon etwa zwei Kaminblasebälge (je 150 Mark), für das Ankleidezimmer eine Mahagoni-Garnitur (1100 Mark), für den Garten acht Stühle und zwei Sonnenliegen (insgesamt 8400 Mark), und für das Speisezimmer einen Satz Royal-Worcester-Geschirr (7500 Mark) oder -- teuerster Wunsch -- einen silbernen Tafelaufsatz vom Hofjuwelier Garrard (über 40 000 Mark). "Ein junges Paar kann ja so viel brauchen", konstatierte Konteradmiral Sir Hugh Janlon, Leiter des Geschenke-Büros.

Treuherzig sandten einige hundert Briten dem Brautpaar Geschenke in den Buckingham Palace. Eine Oma aus Brighton etwa häkelte einer königlichen Hoheit ein Paar Pulswärmer, ein Lehrling schenkte dem HiFi-Fan Charles zwei Direktschnitt-Schallplatten; und ein Londoner Rentner schickte eine Zehn-Pfund-Note -- "für Lady Diana, damit sie sich etwas Schönes kauft".

Solche Sympathiebeweise aus dem Volk seien ein Indiz dafür, so die "New York Times", daß "die englische Monarchie heute in England populärer ist als jemals zuvor in diesem Jahrhundert".

Der Respekt der Briten ist verständlich, denn in den letzten 100 Jahren war der Hof allzu oft Schauplatz amouröser Abenteuer und Skandale: Besonders Edward VII., ältester Sohn der sittenstrengen Königin Victoria, hatte die königlichen Gemächer zeitweilig in ein Edel-Bordell verwandelt.

Der "korpulente Wüstling", wie Empire-Dichter Rudyard Kipling den Kronprinzen nannte, ließ sich im Pariser Cafe Anglais die schöne Demimondäne Cora Pearl auf einer riesigen Silberschüssel servieren -- nackt. In den Wäldern von Marienbad, das er zu Entfettungskuren aufsuchte, trieb er mit Damen der deutschen Gesellschaft manch launiges Spiel.

Die Casanova-Rolle, die Edward auch während seiner Thronzeit (1901 bis 1910) nicht aufgab, setzte zwischen den Kriegen sein Enkel Edward VIII. fort. Als er sich 1936 sogar in eine Laune seines Lotterlebens -- die geschiedene Amerikanerin Wallis Simpson -- vertrotzte, mußte er Thron und Land verlassen. Der Lebenswandel des Königs habe, rief ihm der Erzbischof von Canterbury nach, den "besten Instinkten und Überlieferungen des britischen Volkes widersprochen".

Als 1953 Edwards Nichte Elizabeth II. den Thron bestieg, hatten viele Briten den Respekt vor der Monarchie verloren. Zwar jubelten Tausende dem Krönungszug zu, doch die "Times" registrierte tiefes Unbehagen: Volk und Krone seien in "Gefahr, sich auseinanderzuleben."

Daß mittlerweile das Renommee der Krone wieder intakt, die Briten mehr als nur Achtung für das Königshaus empfinden, ist vor allem das Verdienst von Prinz Philip.

Der flotte Marineoffizier, den die verstaubten Hofsitten und die vergreisten Hofschranzen schon immer genervt hatten, begriff als erster, daß sich die Öffentlichkeitsarbeit des Hofes im Zeitalter von Atom und Sputnik nicht auf Hochnäsigkeit beschränken konnte. "Für ihr Geld", sinnierte er, "wollen die Leute auch ein bißchen Show."

Seitdem erhalten sich die Windsors die Sympathie der Briten nach Philips Rezept: Auf der einen Seite geben sie S.106 sich (ihrem Naturell entsprechend) geheimnisvoll entrückt, um im Volk Neugier und Bewunderung wachzuhalten; auf der anderen Seite zwingen sie sich (so schwer es ihnen auch fallen mag) zu einem Mindestmaß an Volksnähe, um das Interesse an dem Circus Royale nicht erlahmen zu lassen -- ein geschickter Balanceakt zwischen arroganter Distanz und huldvoller Herablassung.

Einer, der vom Fach etwas verstand, zeigte sich beeindruckt von dieser Taktik: "Im Jahr 2000 wird es nur noch fünf Könige geben -- die vier im Kartenspiel und den von England", prophezeite der ägyptische König Faruk nach seinem Sturz.

Zumindest sinken die Monarchen in Skandinavien und Holland, die den Hof-Pomp einschränkten und sich eher volkstümlich geben, in der Gunst des Publikums -- am schlimmsten Hollands Beatrix, die sich bei ihrer Krönung im letzten Jahre von Demonstranten mit Steinen bewerfen lassen mußte. "Wenn sich Monarchen benehmen wie Piefkes von nebenan", analysierte der britische Sozialkritiker Anthony Sampson, "verliert das Königtum seinen Reiz."

Die britische Königsfamilie und die sie umgebende Adelskaste hingegen spielen sich und dem Volk fortwährend die guten alten Zeiten vor -- gleichsam ein Disneyland auf Staatskosten: 19. Jahrhundert beim Pferderennen in Ascot, wo die Herren im Cut und mit Zylinder gehen; 17. Jahrhundert vor dem Buckingham Palace, wo die bärenfellbemützten Welsh Guards sinnentleert Wache stehen; und Mittelalter in den Ritterorden wie dem Most Noble Order of the Garter (Hosenbandorden), dessen Mitglieder sich mit Federhüten und blausamtenen Umhängen kostümieren.

Das anachronistische Hof-Theater erfüllt seinen Zweck. In keinem anderen Land ist das Staatsoberhaupt so beliebt und unumstritten wie derzeit in Großbritannien -- und das, paradox genug, obwohl die Briten allen Grund haben, an ihrem Staat und seinen Institutionen zu verzweifeln:

Auf den Straßen liefern brandschatzende und steinewerfende Jugendliche der Polizei nächtelange Schlachten, in den Vororten der Städte werden die ehemaligen Untertanen aus Asien und Afrika aufsässig; und in den Schulen vermöbeln die Zöglinge häufig ihre Lehrer.

Nicht genug damit: Die Detektive des traditionsreichen Scotland Yard sind, so mußten die Engländer kürzlich zur Kenntnis nehmen, bisweilen bestechlich, die einst so erfolgreiche Fußball-Nationalmannschaft ist zur Zweitklassigkeit verkommen; über englische Autos (Rolls-Royce ausgenommen) lacht die ganze Welt, und selbst die Uhr des Big Ben leidet an Altersschwäche. Diese verrottende Insel -- als solche jedenfalls erscheint sie den meisten Briten -- führt Premierministerin Margaret Thatcher mit der Engstirnigkeit und Sturheit einer viktorianischen Gouvernante auch noch in den wirtschaftlichen Ruin.

Um so mehr wärmen sich die gebeutelten Briten an jener Institution, die einzig noch unbeschädigt und funktionsfähig ist und überdies so wohlig an die gute alte Zeit des Empire erinnert -- dem Königshaus: 90 Prozent der Briten, so zeigte jüngst eine Umfrage, mögen ihre Queen.

Kaum mehr als die Hälfte der Westdeutschen hingegen findet den Professor Carstens, als Bundespräsident das verfassungsrechtliche Pendant zur Queen, sympathisch. Und weder Politiker noch Journalisten in Großbritannien würden es wagen, der Königin so zuzusetzen wie ihre deutschen Kollegen etwa den Bundespräsidenten Lübke und Carstens.

Daran und an dem jubelnden Pathos, das die britische Presse nahezu einstimmig zur Prinzenhochzeit verströmt, erweist sich wieder einmal eine Wahrheit, die der britische Nationalökonom und Verfassungsrechtler Walter Bagehot vor über 100 Jahren so formuliert hatte: "Solange das menschliche Herz stark und der menschliche Geist schwach ist, werden (konstitutionelle) Monarchien stark und Republiken schwach sein, weil die sich nur an den Verstand wenden."

In der Tat rühmen moderne Massenpsychologen eine intakte Monarchie geradezu als Therapie gegen Staatsverdrossenheit oder Totalitarismus. Gleichsam teelöffelweise in mäßigen konstitutionellen Dosen verabreicht, absorbiere das Königtum auf politisch ungefährliche Weise jenen Trieb der Völker, den alle Theoretiker der Demokratie seit Jean-Jacques Rousseaus Zeiten übersehen haben: das irrationale Verlangen des Menschen, zu verehren und zu bewundern.

Besonders Elizabeth II. weiß, was das Publikum beeindruckt. Als etwa kürzlich der Wirrkopf Marcus Sarjeant während einer Truppenparade zum Königin-Geburtstag (wie sich später S.107 herausstellte mit Platzpatronen) auf die Queen schoß, brachte die 55jährige ihr Pferd unter Kontrolle und ritt ungerührt weiter. "Das hat das alte Mädchen gut gemacht", kommentierte selbst der notorische Anti-Royalist und Labour-Unterhausabgeordnete William Hamilton gerührt.

Republikanische Staatsmänner hingegen flüchten sich in solchen Fällen in ihre gepanzerten Limousinen und brausen verschreckt davon -- was sehr vernünftig ist, aber kaum jemanden beeindruckt.

So groß ist inzwischen das Ansehen der Queen, daß weder die Eskapaden von Prinzessin Margaret mit all ihren Tonys, Roddys und Whiskys noch das arrogante Mundwerk der Queen-Tochter Prinzessin Anne die Beliebtheit der königlichen Familie schmälern können.

Nach dem Geschmack der Briten überschreiten die beiden "Sorgenkinder der Queen" (Holden) zu oft die Grenzen jener "decency", die oberstes Gesetz englischen Gesellschaftslebens ist -- Anstand und Wohlerzogenheit, Sinn für das Angemessene, Mäßigung in Ausdruck, Wort und Gebärde bis hin zur Farblosigkeit. Außer der Königin hat keiner der Windsors diese lauwarme Lebensart derart verinnerlicht wie Prinz Charles.

Von Natur aus eher zurückhaltend und unsicher, erzogen ihn seine Eltern planmäßig "zu jenem Thronfolger, der die Monarchie ins 21. Jahrhundert führen muß" (Prinz Philip): Er war --Verdienst des aufgeschlossenen Vaters -- der erste britische Kronprinz, der öffentliche Schulen (freilich der exklusiven Art) besuchte, studierte und einen akademischen Grad (Bakkalaureat in Geschichte) erlangte. "Er ist wohl auch der erste in der Familie", so sein Lieblings-Onkel Earl Mountbatten, "der den dazu nötigen Verstand hatte."

Nach der Schule ging Charles zur Navy, 1976 musterte er als Fregattenkapitän wieder ab -- ein rascher Aufstieg, aber Königlichen Hoheiten ist nichts unmöglich: Der Papa ist sogar Admiral und Feldmarschall. Zu seiner Hochzeit plant der Prinz, stolz auf seine unbestrittenen seemännischen Fähigkeiten, in der schmucken Marineuniform anzutreten.

Anders als sein Vater Philip indes, der die Windsors schon mal als "Firma von Gottes Gnaden" veräppelt, pflegt Charles den Standesdünkel der britischen Aristokratie: "Er erwartet Ehrerbietung, nimmt den Pomp seines Amtes sehr ernst und genießt die archaischen Rituale des Hofes", so sein Biograph Holden. Selbst seine Freundinnen, so beschwerte sich Sarah Spencer, mußten ihn mit "Sir" anreden.

Wer sich ihm etwa nicht mit gebührender Demut nähert, den kanzelt er rüde ab -- wie etwa den US-Präsidenten Johnson, der ihn 1967 während eines gemeinsamen Australienaufenthaltes (zur Beerdigung des australischen Ministerpräsidenten Harold Holt) mit amerikanischer Lässigkeit begrüßte: "Schön, daß Sie gekommen sind." Die indignierte Antwort Seiner Königlichen Hoheit, damals ganze 19 Jahre alt: "Dies ist mein Land, Mr. President; und ich begrüße Sie hier".

( Königin Elizabeth II. ist nominell auch ) ( Staatsoberhaupt der ehemaligen ) ( britischen Kolonie Australien. )

Auf der anderen Seite wiederum verströmt er britischen Humor von der besten Sorte -- kurz, treffend, selbstironisch. "Man kann so viel mit ihm lachen", schwärmte Lady Diana, während sie mit ihrem Zukünftigen auf dem Rasen des Buckingham Palace für die Verlobungsphotos posierte.

Gleich danach bezog sie Quartier im Clarence House, wo die Mutter der Queen residiert. Die alte Dame soll der Unerfahrenen bis zur Hochzeit den rechten Benimm einbimsen: Die Braut S.108 muß reden lernen, ohne fortwährend nervös zu kichern, das komplizierte Hof-Protokoll einüben und sich jene gemessen-steife Haltung angewöhnen, die bei Englands Adel als Würde gilt.

Schon jetzt hat der Hof, deutlich sichtbar, das junge Mädchen nach seinem verstaubten Bild geformt: War Lady Diana auch anfangs noch (bei einem Benefiz-Konzert) im trägerlosen Abendkleid erschienen, das ihren "Körbchen-3-Busen" ("Süddeutsche Zeitung") nur notdürftig verhüllte, so geht sie jetzt hochgeschlossen und sittsam. Bei offiziellen Anlässen trägt die 20jährige nun, wie fast alle weiblichen Mitglieder der Königsfamilie, Hüte von eigenwilligster Machart -- untertassenähnliche Konstruktionen des königlichen Putzmachers Freddie Fox, der schon seit Jahren den Kopf der Queen berufsmäßig verunstaltet.

Und auch die hochhackigen Schuhe haben ihr die Protokollbeamten schnell abgewöhnt: Lady Diana, nur zwei Zentimeter kleiner als ihr Verlobter (1,77 Meter), darf Seine Königliche Hoheit niemals überragen. "Jetzt sieht sie aus wie Charlies Tante", höhnte das Londoner Boulevard-Blatt "Sun".

Kein Zweifel, daß es dem in solchen Dingen unerbittlichen Hof gelingen wird, "Lady Di" (wie Englands Presse sie taufte) auch noch jenen naiv-kindlichen Charme abzuerziehen, mit dem sie sich schlagartig die Sympathien der sonst so zurückhaltenden Briten erwarb: "Gott schütze unsere zukünftige Königin", jubelte sogar das nüchterne Wirtschaftsmagazin "Economist".

Bis ihr Mann den Thron besteigt, darauf freilich wird Lady Diana wahrscheinlich noch lange warten müssen:

Wenn die Queen das Alter ihrer weiblichen Vorfahren (Durchschnitt: 80 Jahre) erreicht, und der Herrgott allzeit die Bitte in der dritten Zeile der Nationalhymne erhört ("God save the Queen"), wird Charles frühestens als Großvater König. "Ich weiß", so der Kronprinz kürzlich, "daß ich noch eine 30jährige Lehrzeit vor mir habe."

Denn nach dem rigiden Traditionsverständnis der Windsors ist das Königtum kein Job, von dem man sich im Alter von 65 Jahren pensionieren lassen könnte wie ein Fabrikarbeiter oder ein Manager. "Ein neuer König wird gekrönt, wenn der alte gestorben ist", so Charles kategorisch; "und das ist in meinem Fall hoffentlich noch lange hin."

Mit unverhülltem Mißfallen blickt die britische Königsfamilie etwa auf Hollands Ex-Monarchin Juliana (englischer Hofspott: "Pensionärskönigin"), die 1980 den Thron für ihre Tochter Beatrix räumte. "Solch weltliches Verhalten", kritisierte ein britischer Höfling, "trifft den Nerv des Königtums."

Bis zum Tode seiner Mutter also wird Charles als Prince of Wales ein Amt bekleiden, das weder in der (ungeschriebenen) englischen Verfassung noch sonstwo definiert ist. In einer hellen Minute faßte er das Wesen seiner offiziellen Existenz einmal so zusammen: "Warnen, beraten, die Leute amüsieren und überall freundliches Interesse zeigen" -- nicht gerade befriedigend für einen gesunden jungen Mann, aber dafür ist der Job auch gut bezahlt.

Allein aus dem Herzogtum Cornwall (zu dem auch das Dartmoor-Gefängnis gehört), das der Prinz an seinem 21. Geburtstag erbte, bezog Charles 1980 umgerechnet rund 1,5 Millionen Mark: die Hälfte des (steuerfreien) Betrages freilich führte er bislang freiwillig an S.109 die Staatskasse ab -- was sich nach der Heirat ändern dürfte.

Wenn es bei den jungen Windsors trotzdem einmal knapp hergehen sollte, kann sich Charles immer noch auf Muttern verlassen -- sie ist eine der reichsten Frauen der Welt. Und auch der zukünftige Schwiegervater ist kein armer Mann: In Althorp, dem Stammsitz der Spencers, hängt eine der größten und berühmtesten Gemäldesammlungen Großbritanniens -- Van Dycks, Gainsboroughs, einige Rubens, alles nur vom Besten.

In dem 100-Zimmer-Schloß freilich wird der alte Earl, einer der sympathischeren Vertreter des britischen Adels, seine Tochter fürderhin kaum noch sehen. Wenn sie nicht gerade Kinder bekommt, muß sie einen Teil jener offiziellen Aufgaben mitübernehmen, die Charles -- fleißig und pflichtbewußt wie außer der Queen keiner in der Familie -- bislang allein erfüllt: Dinge für eröffnet und Dinge für geschlossen erklären, Bäumchen pflanzen, Grundsteine legen, Small Talk mit nervös stammelnden Untertanen pflegen und auf Goodwill-Tour durch die Welt hetzen.

"Tu''s nicht", warnte, in einem seltenen Anflug von Sympathie für den Klassenfeind, der kommunistische "Morning Star" die hochwohlgeborene Lady vor der Heirat: "Es ist so langweilig."

Zu spät. Schon seit Wochen übt Diana im Ballsaal des Buckingham Palace den Gang zum Traualtar -- mit um den Körper drapierten Stoffbahnen, um sich trotz der hinderlichen Schleppe des Brautkleides würdevolles Schreiten anzugewöhnen; jeder Halt, jede Drehung wurde geprobt, damit die Hauptdarstellerin der Heirats-Show ihre Rolle perfekt spielt. "Es gibt", stöhnte sie, "noch so viel zu tun bis zur Hochzeit."

Für jenen Tag haben die Organisatoren einen generalstabsmäßigen Plan ausgearbeitet, um die hektische Aktivität der Hundertschaften von Helfern und Hoflieferanten zu koordinieren -gleichsam das Drehbuch des königlichen Spektakulums:

Gegen halb fünf Uhr in der Früh etwa baden Roßknechte des Marstalles die Pferde, die den königlichen Kutschentroß mit Familie und den Brauteltern zur Kirche ziehen.

Drei Stunden später lassen Offiziere der königlichen Leibregimenter ("Life Guards" und "Royal Horse Guards") ihre Männer zum letzten Appell antreten, um die pittoresken Uniformen --Silberhelme, Schwerter, Brustharnisch -- auf korrekten Sitz und spiegelartigen Hochglanz zu überprüfen.

Zur gleichen Zeit beziehen Tausende von Polizisten und Kriminalbeamten ihre Posten entlang der Hochzeitsroute; körpernahe Bodyguard-Bewachung, von Scotland Yard dringend anempfohlen, lehnten die Windsors entrüstet ab. Begründung: "Hat es noch nie gegeben."

Der Obermaat David Avery von der Kochschule der Royal Navy bringt die 1,80 Meter hohe und rund zwei Zentner schwere Hochzeitstorte (englischer Fruchtkuchen mit Marzipanüberzug) in den Buckingham Palace, wohin nach der Trauung 150 handverlesene Gäste zu Frühstücksbuffet und Champagner (Bollinger Jahrgang 1973) geladen sind.

Gegen acht Uhr helfen David und Elizabeth Emanuel, die Schneider des Brautkleides, Lady Diana in das angeblich 40 000 Mark teure Hochzeitsgewand aus englischer Seide, dessen Design in den letzten Monaten gehütet wurde wie ein Staatsgeheimnis. Anschließend legt Figaro Kevin Shanley, der Lady Diana einst den typischen Pilzkopf verpaßte, letzte Hand an die Frisur; das Make-up-Fräulein Barbara Daly umpinselt die blaugrauen Augen der Braut noch mal mit tränenfester Farbe -- und dann geht es ab in die Kirche.

Dort wird Diana, ein Novum bei britischen Königshochzeiten, ihrem Gatten nicht Gehorsam schwören, wie eigentlich in der alten Fassung des Eheeides vorgesehen. "Das will ich nicht", verkündete die Braut selbstbewußt.

Sie will nur geloben, ihn "zu lieben, zu trösten und zu ehren", ihren Charles Mountbatten-Windsor, Prince of Wales and Earl of Chester, Duke of Cornwall and Rothesay, Earl of Carrick and Baron Renfrew, Lord of the Isles and Great Steward of Scotland.

S.102 Nach Bekanntgabe der Verlobung im Buckingham Palace. * S.105 Der Ehrentitel wird seit dem 17. Jahrhundert von britischen Monarchen jeweils einem Dichter verliehen. * Auf dem Weg zu einem Benefiz-Konzert im März 1981. * S.106 Als Kronprinz mit seiner amerikanischen Freundin Miss Cunard (in Homburg). * S.107 Königin Elizabeth II. ist nominell auch Staatsoberhaupt der ehemaligen britischen Kolonie Australien. * Links: mit Prinz Philip 1957; rechts: mit Königin Elizabeth II. bei der Krönung zum Prince of Wales im Caernarvon Castle 1969. *

DER SPIEGEL 30/1981
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 30/1981
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Bei Spodats erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Ich denke, daß daraus etwas werden könnte