27.04.1981

JAPANGewisse Gleichgültigkeit

Weil Atomwerk-Arbeiter ein Ventil zu schließen vergaßen, flossen 40 Tonnen radioaktives Wasser ins Meer. Die Betriebsleitung vertuschte das Unglück.
Erst schöpften sie zu zweit, dann zu acht, bevor noch einmal 48 Mann zur Verstärkung herangeholt wurden. "Sie hantierten mit Plastikeimern und Wischlappen, in normaler Arbeitskleidung und mit einem gewöhnlichen Gaze-Mundschutz, als gelte es, Jauche zu beseitigen", spottete der Umweltschutz-Lobbyist Jun Ui in Tokio.
Doch von Arbeit auf dem Lande war keine Rede: Im Kernkraftwerk Tsuruga am Japanischen Meer war radioaktives Abwasser ausgelaufen, schätzungsweise 40 Tonnen. Das Personal hatte ein Ventil zu schließen vergessen. Auf noch nicht restlos geklärte Weise gelangte der Giftstoff in die nur einen Steinwurf entfernte Meeresbucht.
Über einen Monat lang vertuschten die Tsuruga-Manager den "schwersten Unfall in der Geschichte der japanischen Kernkraftgewinnung", wie die Zeitung "Yomiuri Shimbun" schrieb.
In den Logbüchern des 342 Megawatt starken Reaktors fand sich kein Hinweis auf die Panne. Statt dessen wimmelte es dort, wie die eilends aus Tokio eingeflogene Untersuchungskommission staunte, von unverständlichen Formeln und englischem Kauderwelsch, einem Geheimkode ähnlich.
Daß das offene Ventil nicht Verschlußsache blieb, verdankt das Kraftwerk offenbar einem Tip aus der eigenen Belegschaft. Und so wurde zu Ostern nicht nur die Abwasserpanne vom 8. März ruchbar; im Januar schon hatte das seit seiner Inbetriebnahme 1970 von 31 Unfällen geplagte Kraftwerk in aller Stille zwei Kühlwasserlecks geflickt -- und die Anlage weiterlaufen lassen, ohne die Behörden nach Vorschrift zu verständigen.
Die Unfälle ereigneten sich überdies unter den Augen der in allen japanischen Atomkraftwerken ständig postierten Kontrollbeamten des Tokioter Amtes für Wissenschaft und Technologie.
"Was in Tsuruga passiert ist", schimpfte die "Japan Times", "ist kein bloßes Unglück, das ist ein Verbrechen."
Betreten kündigte Handels- und Industrieminister Rokusuke Tanaka vorige Woche zwar eine "gründliche Untersuchung aller Atomkraftwerke im Lande" an. Doch schon im Fall Tsuruga hatten sich Behörden wie Energiebürokraten, Kraftwerksleitung wie deren Vorgesetzte von der Japanischen Atomkraftgesellschaft in einen heillosen Wirrwarr von Widersprüchen verstrickt. Wenig hilfreich war dabei, daß Tanaka eine strafrechtliche Verfolgung der Verantwortlichen ankündigte -einige von ihnen haben ihre Posten bereits niedergelegt.
"Ihr seid doch Fachleute", fuhr im Parlament der sozialistische Abgeordnete Yagi verstörte Regierungsbeamte an, "ihr müßt dazu doch was sagen können." S.155
Die Tageszeitung "Asahi" diagnostizierte "ein schlampiges Überwachungssystem und eine gewisse Gleichgültigkeit im Umgang mit gefährlicher Radioaktivität".
Unklar ist noch, welchen Umweltschaden die Tsuruga-Abwässer an der Küste angerichtet haben. Hastig erklärte die Regierung die in der Standort-Bucht gemessenen Mengen an Kobalt 60 und Mangan 54, vom Tokioter Amt für Bodenschätze und Energie anfänglich als "kritisch hoch" eingestuft, für ungefährlich.
Die Präfekturverwaltung Fukui bat die Fischgroßmärkte 22 anderer Präfekturen schriftlich, auch weiterhin mit Meeresprodukten aus Fukui zu handeln. Doch die zentralen Märkte in den Millionenstädten Osaka, Nagoja und Kobe distanzierten sich fürs erste vom Tsuruga-Atomfisch.
Trotzdem ist Minoru Hate, Chef der Tsuruga-Fischereigenossenschaft, "zuversichtlich, daß die Regierung Fisch wie Muscheln aufkauft".
Die Gelassenheit der Fischer kommt nicht von ungefähr: Schon einmal, als es darum ging, die Zustimmung der Bevölkerung von Tsuruga zum Bau des Kraftwerks zu erlangen, hatte sich die Regierung spendabel gezeigt und den Einheimischen zu pompösen Wohnhäusern verholfen.
Wenn auch besonders schwerwiegend, so ist das Unglück von Tsuruga gleichwohl kein Einzelfall. Reaktorpannen, Schlamperei und Vertuschungen sind in Japans Atomgeschäft nichts Neues, eher Beweise einer haarsträubenden Kette von Ignoranz und Nachlässigkeit:
Erst vergangenen Oktober hatte es an einem Reaktor des Kraftwerks Takahama in Fukui, wo gleich acht Atommeiler stehen, ein Kühlwasserleck gegeben. Ebenfalls in Fukui starb ein 40jähriger Angestellter des Kraftwerks Mihama plötzlich an Leukämie. Nur drei Jahre lang hatte der Mann Werk und Umgebung auf Radioaktivität zu prüfen gehabt.
Im Jahr des Reaktorunglücks auf Three Mile Island in den USA liefen im südwestjapanischen Atommeiler Genkai 300 Liter verseuchtes Kühlwasser aus. Auch da wurde zu vertuschen versucht, ähnlich bei einem Plutoniumleck der ersten japanischen Wiederaufbereitungsanlage im Dorf Tokai, nördlich von Tokio.
Daß sechs Hörsäle im Physikalischen Institut der renommierten Kioto-Universität ständig mit Strontium 90 und anderen radioaktiven Substanzen verseucht waren, fanden die Verantwortlichen trotz wiederholter Checks erst, vorigen Sommer, nach 15 Jahren heraus.
Im Wirtschaftsmagazin "Keizai Hyoron" stellte der Kritiker Yoshiro Hoshino unter der Überschrift "Korruption der Kernenergieadministration" die Sicherheitsmaßnahmen der Behörden als "glatte Farce" bloß. Über Sicherheit hätten "Fachleute zweifelhafter Qualifikation" zu urteilen, die überdies S.156 selten an koordinierenden Sitzungen teilnähmen.
Hoshino: "Solche sogenannten Fachausschüsse attestieren einem Kraftwerk dann Sicherheit -- und das Ministerpräsidentenamt unterschreibt das blind."
Und die Arbeitsbedingungen in Japans Atomanlagen beschrieb der Reporter Kunio Horie in seinem Bestseller "Gempatsu Gypsy" (Nuklear-Zigeuner), für den er sich bei drei Kraftwerken einstellen ließ, darunter auch in Tsuruga.
Da hatten Angestellte schutzlos in Gefahrenzonen zu werken; Warnanlagen für gefährlich hohe Radioaktivität fielen oft aus; Arbeiter schleppten verseuchtes Werkzeug unbehelligt durchs Werktor.
Die gefährlichste Arbeit aber bleibt -- laut Horie -- Tagelöhnern überlassen. 48 von denen waren prompt auch in Tsugura beim Abwasserschöpfen eingesetzt, angeblich ohne Geigerzähler oder irgendeinen Schutz. Daten darüber, welchen Mengen Radioaktivität die Männer in Tsuruga ausgesetzt waren, kamen den Prüfern in Tokio vorige Woche gefälscht vor. Das Büro für Arbeitsnormen in Fukui erbat sich das Originalmaterial zur Überprüfung.
Möglich, daß die Behörden zur Prüfung aller 22 Atommeiler im Land deren Schließung anordnen. Damit aber gerät die Regierung energiepolitisch nun unter erhöhten Druck.
Denn die Japaner, die sich nach Professor Ikutaro Shimizu, einem Energieexperten, "in Selbstmitleid gefallen, weil sie als einzige bisher die Atombombe zu spüren bekommen haben", befürworten zwar nach neuesten Umfragen mit knapper Mehrheit den Bau neuer Atommeiler -- freilich "nicht in der Nachbarschaft".
Aber auch der Widerstand gegen Kernkraft wächst, Tsuruga wird ihm weiteren Auftrieb geben. Immer häufiger weigern sich Gemeinden, Atommeiler bei sich zu dulden. Kürzlich erst jagten die Stimmberechtigten der 18 000-Seelen-Gemeinde Kubokawa auf Schikoku, wenn auch nur für kurze Zeit, ihren für Atomstrom plädierenden Bürgermeister aus dem Amt.
Diese Entwicklung ist peinlich für Tokio. Denn Japan kann -- so Hiromi Arisawa, Präsident des Japanischen Atomindustrieforums -- eine "dritte und vierte Ölkrise nur dann überleben, wenn bis dahin genügend Standorte für nukleare Energiespender gesichert werden können".
Um vom teuren Öl herunterzukommen, wollen die Regierungsplaner bis 1990 rund 53 Millionen Kilowatt Atomstrom jährlich erzeugen. Dafür wären 55 bis 60 Reaktoren nötig. Derzeit sind aber nur rund ein Dutzend neue Anlagen im Bau oder geplant.
Voriges Jahr konnte Japan kein einziges neues Kernkraftwerk in Betrieb nehmen.

DER SPIEGEL 18/1981
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