24.11.1980

US-WIRTSCHAFTRadikale Ratschläge

Der Wirtschaftsprofessor Milton Friedman gilt als ökonomisch-ideologischer Übervater der neuen US-Regierung. Bislang war er mit seinen erzliberalen Rezepten wenig erfolgreich.
Auf dem Bildschirm erscheint der Professor vor stets wechselnder Kulisse. Mal steht er in einer der kleinen New Yorker Textilfabriken, in denen illegale Einwanderer ausgebeutet werden, mal schlendert und plaudert er an den Kais von Hongkong.
Im schottischen Glasgow läßt er sich in dem Lehrsaal filmen, in dem vor knapp 200 Jahren der Urvater moderner Nationalökonomie, Adam Smith, dozierte. Und auch an den Spieltischen von Las Vegas hat er etwas zu sagen. Milton Friedman, 68 Jahre alt, gerade 1,55 Meter groß, kahlköpfig und bebrillt, ist nie um Worte verlegen, wenn es um die heilende, reinigende, die alles vermögende Kraft des Marktes geht.
In zehn jeweils eine Stunde dauernden Fernseh-Vorlesungen machte der Ökonomie-Nobelpreisträger des Jahres 1976 die amerikanischen Wähler des Jahres 1980 mit seinen Ideen vertraut.
Die New Yorker Hemdenfabriken -- Friedmans Mutter arbeitete einst in einer dieser Ausbeuterklitschen -- und Hongkong, Adam Smith und Las Vegas, all diese für rund fünf Millionen Mark gefilmten TV-Szenen sollen Friedmans Haupt- und Lebensthese belegen, daß Einflüsse des Staates verderblich und lähmend, die freie Konkurrenz S.201 dagegen fruchtbar und springlebendig sei.
Die Amerikaner mögen die Lektionen offenbar. Ein Friedman-Vortrag mit anschließender Diskussion ist kaum unter 15 000 Mark zu haben. Nur der geschäftige Henry Kissinger kann noch etwas mehr herausholen. Auch als Buchautor ist Friedman in derselben Liga wie Kissinger. Seit mehr als 40 Wochen steht das zur TV-Serie passende Werk "Free to Choose", das er gemeinsam mit seiner Ehefrau und Fachkollegin Rose schrieb, auf der US-Bestsellerliste.
( Milton und Rose Friedman: "Chancen, die ) ( ich meine". Ullstein Verlag, Berlin; ) ( 224 Seiten; 30 Mark. )
Ebenso eindrucksvoll wie Friedmans Erfolg beim breiten Publikum sind Namen und Stellung seiner prominenten Freunde und Bewunderer. Einer überragt sie alle: Ronald Reagan, 69, 1,80 Meter groß und designierter Präsident der Vereinigten Staaten.
"Ein großartiges Buch", schrieb Reagan in den Klappentext von "Free to Choose", "das die Probleme Amerikas beredt analysiert und einfallsreiche Änderungsvorschläge macht. Eine Pflichtlektüre für alle -- vom Präsidenten bis zum Bürger --, die sich um die Zukunft Amerikas Sorgen machen."
Nach Reagans Wahlsieg gilt das Wort von der Pflichtlektüre erst recht: Spätestens am 4. November ist Milton Friedman zu einem der einflußreichsten Männer Amerikas aufgestiegen.
Zwar wird der emeritierte Professor kaum sein Haus in den Hügeln von Vermont gegen ein Washingtoner Domizil eintauschen, zwar wird er seine lukrativen Vortragsreisen kaum zugunsten eines Regierungsamtes aufgeben: Auch als Ratgeber des erzkonservativen Präsidentschaftskandidaten von 1964, Barry Goldwater, und des späteren Watergate-Präsidenten Richard Nixon hatte Friedman stets auf seine persönliche Unabhängigkeit geachtet.
Doch als ökonomisch-ideologischer Übervater der neuen Administration ist der Professor unumstritten: Keiner der Wirtschaftsberater Reagans leugnet, von Friedman tief beeindruckt zu sein.
Fast alle Wahlversprechen, die Reagan die Wahl gewinnen halfen, könnten von Friedman formuliert sein. Seit mehr als 20 Jahren predigt der Ökonom, daß die Aktivitäten des Staates vermindert werden müßten:
* Gesetzliche Vorschriften selbst für so wichtige Bereiche wie den Umweltschutz sollten zugunsten marktwirtschaftlicher Spielregeln aufgegeben werden.
* Die Einkommensteuer-Progression sollte gestrichen, der höchste Steuersatz von derzeit 70 auf 25 Prozent gesenkt werden.
* Die Regierung sollte sich jeder Konjunktursteuerung enthalten und die Wirtschaft dem freien Spiel des Marktes überlassen.
* Der Staat sei gehalten, seinen Haushalt auszugleichen und die Geldmenge jährlich um nur vier Prozent wachsen zu lassen.
Würden diese Regeln befolgt, dann wäre, schrieb Friedman kurz vor der Wahl Reagans, "der Weg zu einer Wiedergeburt von Freiheit und Wohlstand" freigeschlagen.
Große Worte: Doch viele Nationalökonomen lehnen Friedmans Thesen kategorisch ab. Professor James Tobin von der Yale-Universität und Harvard-Professor John K. Galbraith werfen dem Kollegen vor, er übersehe, daß in vielen wichtigen Märkten Monopole oder andere Konkurrenz-Verhinderer längst den Wettbewerb entwertet hätten (siehe Kasten Seite 203).
Die Umweltverschmutzung, so Tobin, könnte durch die von Friedman empfohlenen freiwilligen Absprachen nicht wirksam bekämpft werden. Vor allem aber sei Friedmans Formel nicht durch eine "überzeugende theoretische Begründung" belegt.
Gewichtiger als diese akademischen Einwände sind wohl die bitteren Erfahrungen, die Briten und Chilenen mit den Lehren des amerikanischen Wunderökonomen machten und machen. Beide Länder haben ihre Wirtschaftspolitik auf Friedmans Dogmen gegründet. Und in beiden Ländern zeigt sich, daß Friedmans Weg nicht zwangsläufig zu Freiheit und Wohlstand führt.
"Es ist Zeit, das Experiment zu beenden", forderte Ende Oktober der britische "Guardian": "Die Inflationsrate ist zwar gefallen. Aber um welch schrecklichen Preis von Arbeitslosigkeit und Produktionsausfall."
Auch in Chile forderte Friedmans Kur beträchtliche Opfer. Zwar ist im Land des Diktators Augusto Pinochet die Inflationsrate gesunken. Doch auch in Südamerika hat die Austerity-Politik der Friedman-Anhänger dafür gesorgt, daß jahrelang die Arbeitslosenquote über 13 Prozent lag.
Aber was schert das schon Ronald Reagans ökonomischen Ziehvater? Als Milton Friedman von einer Reise durch China zurückkam, berichtete er freudestrahlend, auch die Kommunisten würden sich allmählich für seine Lehren und Leitsätze interessieren. Der von ihm vertretene "Monetarismus" -die Lehre, wonach die Notenbanken das Geldangebot nur im Wachstumsrhythmus der Wirtschaft ausweiten sollten -- finde sogar in der Volksrepublik China immer mehr Anhänger.
Ausführlich zitierte der Professor den Pekinger Zentralbank-Präsidenten Li Baohua: "Ein Überfluß von Papiergeld", so habe Li gesagt, "bringt eine Entwicklung in die Preise, die den Interessen des Volkes entgegengesetzt ist." Zufrieden meinte der Professor: "Besser hätte ich selbst das nicht sagen können."
Ein wenig unheimlich scheint der wortgewaltige Professor inzwischen allerdings selbst überzeugten Marktwirtschaftlern zu werden. "Will Reagan be thatcherized?" (Wird Reagan thatcherisiert?), fragte vorletzten Dienstag das "Wall Street Journal". "Die Antwort ist, glücklicherweise, daß die Aussichten dafür ziemlich gering sind", fuhr das Blatt fort. Reagan und seine einflußreichsten Wirtschaftsberater George Shultz, William Simon und Alan Greenspan ließen sich zwar von dem "theoretischen Licht Friedmans leiten". Doch am Ende seien sie zu erfahrene Politiker, um die radikalen Ratschläge des Professors zu befolgen.
S.201 Milton und Rose Friedman: "Chancen, die ich meine". Ullstein Verlag, Berlin; 224 Seiten; 30 Mark. *

DER SPIEGEL 48/1980
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 48/1980
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

US-WIRTSCHAFT:
Radikale Ratschläge

Video 01:07

Interstellares Objekt Neue Erkenntnisse über Asteroid "Oumuamua"

  • Video "Schadenfreude bei Sprengung: 3,2,1 und - plötzlich kommt ein Bus ins Bild" Video 01:07
    Schadenfreude bei Sprengung: 3,2,1 und - plötzlich kommt ein Bus ins Bild
  • Video "Dashcam-Video: Bruchlandung auf US-Highway" Video 00:57
    Dashcam-Video: Bruchlandung auf US-Highway
  • Video "Überfall: Vier Frauen verjagen muskelbepackten Räuber" Video 00:58
    Überfall: Vier Frauen verjagen muskelbepackten Räuber
  • Video "Die Akteure im Jamaika-Drama: Spalter, Verweigerer, Gescheiterte" Video 02:25
    Die Akteure im Jamaika-Drama: Spalter, Verweigerer, Gescheiterte
  • Video "Die Nacht der Entscheidung: Das war eine absurde Situation" Video 03:32
    Die Nacht der Entscheidung: "Das war eine absurde Situation"
  • Video "Zerstörung in 15 Sekunden: Legendäres US-Sportstation gesprengt" Video 00:47
    Zerstörung in 15 Sekunden: Legendäres US-Sportstation gesprengt
  • Video "Größtes Luftschiff der Welt: Airlander 10 in England abgestürzt" Video 00:59
    Größtes Luftschiff der Welt: "Airlander 10" in England abgestürzt
  • Video "Geplatzte Jamaika-Sondierungen: Ich bin ziemlich schockiert" Video 01:58
    Geplatzte Jamaika-Sondierungen: "Ich bin ziemlich schockiert"
  • Video "Keine Road to Jamaika: Lindner wollte offensichtlich nicht regieren" Video 02:53
    Keine Road to "Jamaika": "Lindner wollte offensichtlich nicht regieren"
  • Video "Gescheiterte Jamaika-Verhandlungen: Christian Lindner nennt Grund" Video 00:47
    Gescheiterte Jamaika-Verhandlungen: Christian Lindner nennt Grund
  • Video "Argentinien: Suche nach verschollenem U-Boot ausgeweitet" Video 01:15
    Argentinien: Suche nach verschollenem U-Boot ausgeweitet
  • Video "Merkel zu Jamaika: Tag mindestens des tiefen Nachdenkens" Video 01:28
    Merkel zu Jamaika: "Tag mindestens des tiefen Nachdenkens"
  • Video "Sondierung gescheitert: Liberale brechen Jamaika-Verhandlungen ab" Video 01:36
    Sondierung gescheitert: Liberale brechen Jamaika-Verhandlungen ab
  • Video "Aus für Jamaika: Parteichefs geben sich gegenseitig die Schuld" Video 03:58
    Aus für Jamaika: Parteichefs geben sich gegenseitig die Schuld
  • Video "Interstellares Objekt: Neue Erkenntnisse über Asteroid Oumuamua" Video 01:07
    Interstellares Objekt: Neue Erkenntnisse über Asteroid "Oumuamua"