24.11.1980

Wie Polen verraten wurde

Die kurzlebige Selbständigkeit des polnischen Staates von 1918 bis 1946
Am 27. Januar 1934 schrieb die Londoner "Daily Mail": "Was Hitler und Pilsudski getan haben, scheint beinahe ein Wunder zu sein." Was hatten sie getan? Das Reich und Polen hatten auf zehn Jahre einen Nichtangriffspakt geschlossen, Hitler hatte seinen ersten spektakulären Erfolg seit Ergreifung der Macht errungen.
Nur unverbesserliche Skeptiker, meinte der "Pester Lloyd" in Ungarn, könnten nun noch den Friedenswillen des deutschen Kanzlers anzweifeln.
"Hitlers Zehn-Jahres-Pakt", schrieb der "Daily Express", sei "von allererster Bedeutung"; der "Daily Telegraph" sah hier "den wichtigsten Beitrag des nationalsozialistischen Deutschland zur Sicherung des Friedens in Europa".
Fünfeinhalb Jahre später, am 3. September 1939, erklärte England dem Reich, weil es den Vertrag zerrissen und Polen einseitig überfallen hatte, den Krieg.
Seitdem stehen in Polen ausländische Panzer, von der Bevölkerung nicht durchweg als Schutz empfunden. Dort, wo der Zweite Weltkrieg begann, in Polen, durchlebt das kommunistische Großreich derzeit seine kritischste Phase seit jenen Kriegstagen, als Lenin und sein Kriegskommissar Trotzki über wenig mehr Land geboten als ehedem die Fürsten von Nowgorod und die Herren des Großfürstentums Moskau. Oder seit Hitler vor Moskau?
Hitlers Überfall auf Polen 1939 richtete sich gegen einen Staat, der seine Selbständigkeit unter der Zarin Katharina II. im 18. Jahrhundert eingebüßt und erst im Jahre 1918 wiedererrungen hatte.
Krieg aus anderen Gründen hätte es in dieser Gegend aufgrund unstabiler Verhältnisse auch ohne Hitler geben können. Krieg gab es aber, weil Polen Hitlers wahnsinnigen Ostlandträumen schlicht im Wege war.
In und um Polen, dessen Unversehrtheit England und Frankreich garantiert hatten, verloren die siegreichen Westmächte ihre Vormachtstellung an den überlegenen Stalin: wegen eines Staatsgebildes, das ähnlich fanatisch ersehnt und ähnlich konfus gegründet wurde wie der aus dem polnischen Judentum hervorgegangene Staat Israel. Auch die Zionisten, wie die Nationalisten der polnischen Nation, hatten jahrhundertelang von romantischer Größe und Einheit geträumt, mit einer religiösen Inbrunst, mit einem zu scharfen und einem zu schwachsichtigen Auge für Krieg und Gefahr heute.
Die Geschichte des ehemaligen polnischen Großreichs hatte ihr Goldenes Zeitalter unter den beiden letzten Jagiellonen (1506 bis 1572), als es in Personalunion mit Litauen bis Kiew reichte, von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer (siehe Graphiken). Des alten Polens letzte Großtat war die Verteidigung S.208 Wiens unter dem König Johann Sobieski gegen die Türken 1683.
Warum sich Polen, im Gegensatz zu den es umgebenden Machtgebilden, während des 18. Jahrhunderts nicht behaupten konnte, bleibt Feld historischen, wenn nicht gar mentalen Rätselratens. Entstanden die Umstände aus der sprichwörtlichen "polnischen Wirtschaft", oder schufen die unglückseligen Umstände die "polnische Wirtschaft"?
Es scheint an einer Zentralmacht gefehlt, der Adel scheint seine Rechte zu seinem eigenen Nachteil und fremder Leute Vorteil mißbraucht zu haben, soviel läßt sich von ferne wohl ausmachen. Aber woher, wieso, warum?
Als Reformen reichlich spät ins Werk gesetzt wurden, wurde das Land seinen Nachbarn nicht nur als Beute verlockend, sondern wegen der Ansteckungsgefahr geradezu gefährlich. In drei Phasen ("Teilungen") haben sie es 1772, 1793, 1795 zerstückelt, bis kein Fitzelchen mehr übrigblieb, und über sein Schicksal das Los geworfen. Es fiel an Preußen, Rußland und Österreich.
Warschau, beispielsweise, gehörte zwischen 1795 und 1807 zu Preußen. 1797 erfanden polnische Legionäre in Oberitalien die spätere Nationalhymne "Noch ist Polen nicht verloren", das trotzigste und resignativste Staatenlied überhaupt. Als der Nationalismus überall in Europa sich ankündigte, war und wurde die polnische Nation staatlich zerlegt, ohne Überbleibsel.
Die Teilungsmächte fügten ihm manchmal sogar ohne viel guten Willen Gutes zu, namentlich Preußen. Die Provinzen bekamen ein Verwaltungssystem, das den Polen halbwegs nationale Autonomie ließ.
Ab 1863 aber, seit dem letzten der polnischen Aufstände, herrschte in Russisch-Polen (fünf Millionen Einwohner) die Knute des Zaren, und ab 1886 wurde auch im Bismarck-Reich aktiv "germanisiert".
Damit war Polen immer noch nicht verloren. Aber die drei Teilungsdynastien, die Romanows in St. Petersburg, die Habsburger in Wien und die Hohenzollern in Berlin, überlebten ihren Ersten Weltkrieg nicht. Ein neu zu schaffendes Polen figurierte als Ziffer 13 unter Wilsons 14 Punkten, mit einem eigenen Zugang zum Meer. Vom Deutschen Reich ergatterte Polen 1918 die happigsten Bissen.
Es hielt sich mit Wilsons "Selbstbestimmungsrecht der Völker" nicht ernsthaft auf. Es raffte von seinen Nachbarn zusammen, was es nur kriegen konnte. Das amputierte Deutsche Reich namentlich empfand von allen ihm angetanen territorialen und ethnischen Schändlichkeiten die Gebietsabtretungen an Polen als die schlimmsten.
Mit keinem anderen Wirbel konnte der Trommler Hitler die Reichsdeutschen so hinreißen wie mit der Schmach des polnischen Korridors zum Meer, mitten durch preußisch-deutsches Gebiet, und dem "Raub" des ostoberschlesischen Industriegebiets mit 225 000 Deutschen und den wertvollsten Bodenschätzen.
Ein Raub war es, denn der Führer der polnischen Minderheit, Korfanty, vordem Abgeordneter des Deutschen Reichstags, setzte sich über die Bestimmungen des Versailler Vertrages gewaltsam hinweg und wurde beim Sturm auf den Annaberg von deutschen Freikorpskämpfern erfolgreich gestoppt. Nirgends in Europa wies die Landkarte solche Ungereimtheiten auf wie bei der deutschen Stadt Danzig, die zu Deutschland nur deshalb nicht mehr gehörte, weil Polen einen Hafen brauchte.
Der Propagandist Hitler nannte Versailles "dieses Instrument einer maßlosen Erpressung und schmachvollsten Erniedrigung". Er fragte, warum es nicht längst zum Mittel geworden sei, "die nationalen Leidenschaften bis zur Siedehitze aufzupeitschen". Er tobte: "... bis endlich in sechzig Millionen Köpfen, bei Männern und Weibern, die gemeinsam empfundene Scham ... zu jenem einzigen feurigen Flammenmeer geworden wäre, aus dessen Gluten dann stahlhart ein Wille emporsteigt und ein Schrei sich herauspreßt: Wir wollen wieder Waffen]" Als Reichskanzler, etwas gemäßigter, verlangte er noch am 6. Februar, Polen müsse den Korridor zurückgeben.
Daß Polen als Staat vernichtet werden müsse, gehörte zur eisernen Ration S.210 aller Reichswehrgrößen, ganz in der Spur des Großen Friedrich und Bismarcks. Der Chef der Heeresleitung, General Hans von Seeckt, am 11. September 1922 handschriftlich: "Polens Existenz ist unerträglich, unvereinbar mit den Lebensbedingungen Deutschlands. Es muß verschwinden und wird verschwinden." Wie? "Durch Rußland -- mit unserer Hilfe."
Aber auch unter den Politikern von Weimar galt als selbstverständlich, daß die Grenzen neu gezogen werden müßten, irgendwie und auf friedliche Weise, versteht sich.
Der führende Außenpolitiker Stresemann dachte so, und der republikanische Reichskanzler Josef Wirth, bekannt wegen seines Ausrufs "Der Feind steht rechts]", ging 1922 noch weiter, als er seinem Botschafter in Moskau anvertraute: "Polen muß erledigt werden. Auf dieses Ziel ist meine Politik eingestellt." Polen seinerseits hatte mit Frankreich 1921 ein Schutz- und Trutz-Bündnis geschlossen.
Ein dramatisches Unglück für Polen also, so schien es allgemein, war Hitlers Berufung zum Reichskanzler am 30. Januar 1933. Der deutsche Außenminister Konstantin Freiherr von Neurath, kein Hitler-Mann, sondern ein Deutsch-Nationaler, formulierte am 7. April 1933 im Hitler-Kabinett: "Unser Hauptziel bleibt die Revision der Ostgrenze. Nur eine totale Lösung kommt in Frage."
Und weiter: "Eine Verständigung mit Polen ist weder möglich noch erwünscht. Die Spannung mit Polen muß aufrechterhalten werden, und sei es nur, um zu verhindern, daß das Interesse der Welt an einer Revision der deutschen Grenze abstirbt" (man glaubt, eine Ähnlichkeit mit der langjährigen CDU-These zu erkennen, die Wunde der deutschen Spaltung müsse offengehalten werden).
Unter dem 25. Januar 1933, Hitler war noch nicht im Amt, meldete der deutsche Gesandte in Warschau, ein Herr von Moltke, Polen befinde sich in "hochgradiger Nervosität", in "Revisionspanik". Man rüste zum "Entscheidungskampf", den man als nahe bevorstehend ansehe.
An der Spitze Polens stand damals ein kriegserfahrener Diktator, der Wilnaer Gutsbesitzerssohn und Marschall Jozef Pilsudski, 22 Jahre älter als Hitler. Ehedem, so sagte er, sei er "Salonsozialist" gewesen, habe aber die Trambahn an der Station "Unabhängigkeit des Landes" verlassen.
Pilsudski regierte mehr aufgrund seiner Autorität als gestützt auf seine häufig wechselnden Ämter. Er regierte unumschränkt.
Sein Grunderlebnis bestand in seinem Haß gegen Rußland. Wie Josef Stalin hatte er zu Anfang des Jahrhunderts russische Geldtransporte ausgeraubt. Und nicht zuletzt der Eigenmächtigkeit des sowjetischen Politkommissars Josef Stalin hatte er es zu verdanken, daß er, der militärische Autodidakt, nicht als Abenteurer unterging, sondern Marschall wurde.
Die schwerbedrängte Sowjetmacht schlug ihm zu Anfang 1920 eine Grenze vor, die im Schnitt 100 km weiter östlich lag als die später im Friedensvertrag vereinbarte. Doch der romantisch von Polens Vergangenheit angewehte Pilsudski wollte mehr.
Ohne auf nennenswerten Widerstand zu stoßen, unterstützt von den ukrainischen Antikommunisten unter dem Hetman Petljura, fiel die polnische Armee am 26. April in die Ukraine ein. Am 8. Mai nahm General Rydz-Smigly Kiew. Budjonnys Reiter-Armee trat vom Süden zum Gegenangriff an, kam aber nur langsam vorwärts. Er und der Kommissar Stalin hielten sich nicht an den Feldzugsplan.
Der Sowjetbefehlshaber der West-Front hingegen, der 27jährige Michail Tuchatschewski, brachte in wenigen Tagen die gesamte polnische Nordfront zum Einsturz. Warschau war bedroht, Polen schien verloren.
Da stieß Pilsudski in der "Schlacht bei Warschau" (natürlich mußte es später ein "Wunder" gewesen sein, das "Wunder an der Weichsel") am 16. August in die ungeschützte Flanke Tuchatschewskis, dessen Hauptmacht geworfen wurde. Seine 4. Armee mußte binnen einer Woche auf ostpreußisches Gebiet übertreten, wo sie interniert wurde. Die Rote Armee war besiegt.
Beide, Tuchatschewski wie Pilsudski, waren Verehrer des großen Napoleon. Der Retter Polens, der zuvor nur während des Krieges als etwas glückloser Kommandant eine polnische Legionärsbrigade auf seiten der Mittelmächte geführt hatte und von den Deutschen wegen seiner Widerspenstigkeit 1917 für ein Jahr auf die Festung Magdeburg verbracht worden war, wurde Polens Heros schlechthin.
Meist regierte er charismatisch, unter formaler Aufrechterhaltung der Institutionen, nie ließ er sich in das höchste Amt wählen. Dann wieder hielt er Ämter inne, die zwar wichtig waren, aber aus sich heraus jene fast absolute Macht, die er ausübte, niemals hätten produzieren können.
Anfang September 1930, Pilsudski war für drei Monate zur Abwechslung Ministerpräsident, ließ er an die 70 politische Gegner, unter ihnen den Annaberg-Korfanty, in der Festung Brest-Litowsk einsperren, wo sie, obzwar nicht gefoltert, doch schmachvoll behandelt wurden. In dieser Terrorsphäre veranstaltete und gewann er Wahlen, gab sein Amt auf und ließ die widerrechtlich Verhafteten wieder frei.
Einem Hitler mußte diese ihn ansprechende Laufbahn Pilsudskis 1933 vertraut sein. Und so stellte er sich der Welt erstmalig als der große Verwandlungs- und Überraschungskünstler vor, der er war. In die Reichskanzlei übergewechselt, führte er friedliche Reden, um sich ein Entree zu verschaffen. S.212 Manche seiner Anhänger knurrten schon, hier kröche ein Schaf aus einem Wolfsfell hervor. Aber dann, im Oktober 1933, verließ das Reich türenschlagend den Völkerbund in Genf, Hitler war nicht mehr Mitglied.
Dies war ein gefährlicher Schritt. Pilsudski ließ bei seinem Bündnispartner in Paris wegen eines Präventivkriegs sondieren, stieß aber im Maginot-Frankreich auf wenig Gegenliebe. Neurath hingegen meinte, Polen sei auch allein gefährlich, solange das Reich, schwach gerüstet wie es war, keine einschlägige Abrede mit Sowjetrußland habe.
So kam der die Welt überraschende Überraschungscoup nicht gar so überraschend, er entsprach der Lage. Am 26. Januar 1934 schlossen Polen und das Reich ein auf zehn Jahre befristetes Nichtangriffsabkommen; gelobten sich völligen Gewaltverzicht; versprachen Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten des jeweils anderen, und das alles zwecks "Begründung eines gutnachbarschaftlichen Verhältnisses".
Man weiß, daß Hitler sich an diesen Vertrag nicht gehalten, daß er ihn ohne irgendeinen Grund fünfeinhalb Jahre später gebrochen hat. Man darf annehmen, daß er ihn nie hat halten wollen, daß er auf Zeit spielte. Auch Pilsudski, der ja mit den ihm verhaßteren Sowjets schon 1932 einen Nichtangriffspakt geschlossen hatte, spielte auf Zeit. Vermutlich wollte er Hitler auf Österreich und die Tschechoslowakei ablenken.
Daß er durch die Umstände des Vertragsabschlusses seine Freundschaft zu Frankreich nicht gerade gestärkt hatte, nahm er in Kauf. Das Bündnis blieb ja bestehen. Aber Polen mußte sich, abgesegnet von Hitler, nun nicht mehr als "Saisonstaat" fühlen, so schien es vielen Polen, nicht mehr als ein Staat zweiter Klasse von Frankreichs Gnaden.
Die Polemik in der Nazipresse hörte auf, nicht so in Polen, wo die Presse weniger gelenkt war als in Hitlers Deutschland. Auch die "Polonisierung" ging weiter, schlimmer jedenfalls als die "Germanisierung", von der Hitler im Reichstag am 17. Mai 1933 gesagt hatte: "Wir kennen daher auch nicht den Begriff des Germanisierens." Er kannte sein Ziel.
Der Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, Joseph Goebbels, traf 1934 auf einen nicht sehr gesunden Marschall, Göring durfte wenig später nur als Trauergast defilieren. Bezeichnend, Hitler kam nicht nach Warschau, Pilsudski nicht nach Berlin.
Am 12. Mai 1935 starb Pilsudski, 67 Jahre alt, als Integrationsfigur mindestens so unentbehrlich wie der Marschall Tito. Hitler, ebenso sentimental wie heuchlerisch, wenn es um das Demonstrieren soldatischer Ritterlichkeit ging, ließ in dem von ihm in den Staub getretenen Krakau einen S.213 Kranz am Denkmal des Marschalls niederlegen.
Pilsudski war tot, als Hitler 1936 das entmilitarisierte Rheinland besetzte. Pilsudskis Nachfolger boten, wie es scheint aufrichtig, den völlig konsternierten Franzosen wiederum einen Präventivkrieg an, wieder vergebens. Königsberg hätte, statt wie heute russisch, auch polnisch werden können.
Das Polen, wie es sich beim Tode des Marschalls darbot, kann nicht als ein in sich ausgewogenes, der friedlichen Entwicklung dienendes Staatswesen betrachtet werden, wenn es auch weniger Explosivstoff barg als seine beiden mächtigeren Nachbarn. Schließlich hatte der Rußland-Hasser Pilsudski das Land nicht allein gegründet.
Sein wichtigster Gegner und Kontrahent war Roman Dmowski von den bürgerlichen Nationaldemokraten. Beide Männer waren einander derart zuwider, daß nicht ein einziges persönliches Gespräch zwischen ihnen verbürgt ist.
Als Pilsudski während des russischjapanischen Krieges 1904 nach Tokio reiste, um als Pole gegen die Russen zu konspirieren, fuhr ihm der Pole Dmowski hinterher, um ihn zu konterkarieren. Auf Tokios Hauptstraße grüßten sich die beiden Männer höflichst.
Es war der russenfeindliche Dmowski, der während des Ersten Weltkrieges bei den westlichen Alliierten in London und Paris die polnischen Interessen vertrat, unterstützt von dem in den USA populären Pianisten Ignaz Paderewski, später polnischer Ministerpräsident von Januar bis Dezember 1919.
Dmowski war ein geschworener Deutschenfeind. Auch er hielt den Friedensvertrag von Versailles für ein "Diktat", für ein "kleines Angeld auf ein wirklich großes Polen". In seiner Denkschrift an Wilson vom 8. Oktober 1918 forderte er ganz Posen und Westpreußen, ganz Oberschlesien und drei Kreise Niederschlesiens, weiter die Verbindung mit Ostpreußen, sei es als einer autonomen Provinz, sei es als einem "selbständigen" Kleinstaat; keine "Korridor"-Frage mithin.
Bedenkt man den geistigen Einfluß Dmowskis auf die polnische Intelligenz, so kann man sagen, daß weder das Reich noch Polen noch die Sowjet-Union die Grenzen des Jahres 1926 für dauerhaft oder vernünftig hielten.
Großmachtphantasien von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer wirkten vielleicht in keinem verantwortlichen Kopf, vielleicht auch doch. Ganz sicher erscholl der Spruch "Von Meer zu Meer" im Wodka-Dunst.
Zu Litauen unterhielt Polen eine von Litauen nicht anerkannte Grenze. S.215 Schließlich war Wilna die Geburtsregion des Marschalls. "Eine Grenze hatte für ihn nur Wert, wenn sie erkämpft war", schreibt der Polen-Historiker Richard Breyer. Als gelehrige Schüler Hitlers verlangten Pilsudskis Nachfolger 1938 ultimativ die Aufnahme diplomatischer Beziehungen und damit die Anerkennung.
Wiederum als Hitlerschüler verfuhren Pilsudskis Nachfolger bei Hitlers Unternehmung gegen die Tschechoslowakei. Zwar waren die Beziehungen zu diesem ebenfalls mit Frankreich verbündeten Staat schon deshalb schlecht, weil er in polnischen wie in deutschen Augen als Flugzeugmutterschiff der UdSSR galt. Aber Polen, offenbar ohne Kompaß, beteiligte sich an Hitlers Sudeten-Ultimatum indirekt, indem es seinerseits ultimativ das Gebiet um Teschen jenseits der Olsa einsteckte, samt den 293 000 Einwohnern, sehr zu Hitlers Vergnügen. Schließlich mußte es in der Welt moralisch zugehen. Einen weiteren Köder für Polen hatte Hitler schon ausgelegt. Von ihm ermutigt, wünschte sich Beck die Abtretung der Slowakei und der Karpato-Ukraine an Ungarn. Den darob erbosten Rumänen, die mit Polen ein Verteidigungsbündnis hatten, verkaufte er das Projekt als einen "Damm gegen Hitler". Polen als Vormacht des in Versailles entworfenen "Cordon sanitaire" hatte sich unter Oberst Beck in Luft aufgelöst.
Pilsudski hatte durch seinen Blitzkrieg gegen Tuchatschewski jenseits der ihm von den Alliierten zugestandenen Curzon-Linie (benannt nach dem englischen Lord Curzon) 90 000 qkm russischen Landes erobert, was Polens Kalamität nur noch vergrößerte. 19 Millionen "Herrenvolk" standen gegen vier Millionen Ukrainer und Belorussen, etwas über eine Million Deutsche und zwei Millionen Juden.
Kein föderales Konzept war praktikabel, keines wurde angestrebt. Roman Dmowski wollte die Juden ausdrücklich ausgemeindet wissen. Sie sollten, lange vor Heydrich und Eichmann, nach Madagaskar. Daß dies nicht nur kranke Hirngespinste waren, läßt sich anhand einer Kommission beweisen, die Madagaskar tatsächlich besucht hat.
Polen war auch sonst fortschrittlich, es hatte schon 1934 ein Konzentrationslager in Bereza Kartuska. Die demokratische Verfassung von 1921, der des Staates von Weimar ähnlich, hatte nicht funktioniert. Pilsudski, an "Parteiengezänk" ohnehin nicht sonderlich interessiert, benahm sich wie später der schmollende Charles de Gaulle. Er zog sich 1923 ohne Pension auf einen kleinen Landsitz nahe Warschau zurück.
Dennoch, wie später bei de Gaulle, bedurfte es 1926 keiner exzessiven Anstrengungen, Pilsudski zum Staatsstreich zu überreden, 1000 Tote in Warschau, dann Ordnung und Ruhe. Von der Linken wurde er während des Putsches unterstützt. Seine Energien widmete er künftig der "Sanierung" Polens, was immer das bedeuten konnte.
Mit jenen Leuten, die in Zentral- und Ostpolen 90 Prozent des Großgrundbesitzes in der Hand hatten, legte Pilsudski sich nicht an. Geld, so vorhanden, floß in das ehrgeizige Eisenbahn-Projekt von Oberschlesien nach Gdingen und nach Gdingen selbst, das Danzig die Kehle zuschnürte. Seemacht tut not.
Der Diktator Pilsudski regierte mit seinen Obersten aus der Weltkriegs-Legion, die er allesamt seine "Kinder" nannte. Sie sollten, und auch nur sie konnten ihm nachfolgen. Zwar hatte ihnen der Vater Pilsudski kein System hinterlassen, er war wohl kein Intellektueller und auch kein Freund ziviler Institutionen. Aber nach seinem Tod stellte sich heraus, daß er selbst das System gewesen war.
Seine Haupterben, der Marschall Rydz-Smigly, zeitweiliger Eroberer von Kiew, Oberbefehlshaber des Heeres, und der "Oberst Beck", wie er auch als Außenminister noch genannt wurde (er wurde es mit 38 Jahren), erwiesen sich keineswegs als blamable Fehlbesetzungen. Was sie falsch und richtig machten, und sie haben viel falsch und manches richtig gemacht, spielte hinfort keine große Rolle mehr.
So hatte der Marschall die Lage kurz vor seinem Tod gesehen: "Da wir zwei Pakte haben, einen mit dem Hitler-Reich und einen mit der Sowjet-Union, sitzen wir auf zwei Stühlen." Und: "Das kann nicht lange gutgehen." Zu gerne hätte er noch gewußt, "von welchem wir zuerst herunterfallen".
Daß es Krieg geben würde, war für den Realisten nur eine Frage der Zeit: "Solange Deutschland auf den Korridor blickt und Rußland seine Augen auf den Westen heftet, kann es für uns keine bleibende Sicherheit geben." Doch, so hoffte er, "die Ruhepause wird uns Zeit geben, unser Leben zu gestalten -- aber danach müssen wir bereit sein, uns zu verteidigen". Goldene Worte, das Eisen nicht wert, auf das man sie hätte gravieren können. Zur Verteidigung brauchte man Technik, Ausbildung und Geld.
Im nächsten Heft
Ein Staat braucht Hilfe
S.213 Links Gesandter von Moltke, rechts Außenminister Beck. *

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