27.04.1981

Alte Kameraden

Wenn im Fußball die Lage ernst wird, greifen Trainer auf ältere, erfahrene Spieler zurück. In der bundesdeutschen Nationalmannschaft übernimmt jetzt der ehemalige Weltmeister Paul Breitner das Kommando.
In Montevideo erwartete Verteidiger Bernard Dietz, 33, seinen letzten Auftritt als Nationalspieler. Er reiste nur noch nach Uruguay mit, um dort sein 50. Länderspiel zu feiern. Reporter schrieben Abschieds-Storys über ihn. Da trotzte Dietz: "Eigentlich fühle ich mich ja noch ganz fit."
Tatsächlich gehörte der Kapitän der Nationalmannschaft noch zu den besten Spielern der Deutschen, die nach 23 Spielen ohne Niederlage gegen Argentinien 1:2 und Brasilien 1:4 verloren. Dietz: "Also ehrlich, einen Nachfolger für mich sehe ich noch nicht."
Er spielte weiter für Deutschland. Manchmal müssen Ärzte seinen Kreislauf stabilisieren und schmerzstillende Spritzen geben. Bundestrainer Derwall lobte: "Solche Kerle wie der Dietz laufen noch mit dem Kopf unterm Arm auf den Platz."
Inzwischen kehrten noch mehr alte Kämpfer in die Nationalmannschaft zurück. Mittelstürmer Klaus Fischer, 31, hatte ein Jahr wegen eines Schienbeinbruchs gefehlt. Als er zu früh mit dem Training begann, stellten sich Komplikationen ein. Vor dem ersten Bundesligaspiel im letzten Dezember übernahm keine Versicherung die Garantie für das lädierte Bein. Doch es hielt. Die Entfernung eines Stütznagels verschob Fischer bis zum Ende der Saison.
Denn kurz vor Ostern erlitt Fischers Nachfolger Horst Hrubesch, 30, eine Gehirnerschütterung. Womöglich muß Fischer schon in dieser Woche gegen Österreich stürmen. Deutsche und Österreicher kämpfen um die Qualifikation für die nächste Weltmeisterschaft 1982 in Spanien.
Österreichs Bundestrainer Karl Stotz fürchtete bereits um den guten Ausgang des Spiels für seine Mannschaft: "Fehlt nur noch, daß außer dem Fischer auch noch der Paul Breitner wieder spielt." Genau das geschieht. Nach mehr als fünf Jahren Abstinenz, in denen "ihm die ganze Richtung und einige deutsche Fußballfunktionäre nicht paßten", spielt der Weltmeister von 1974 wieder mit.
Nun greifen auch die Österreicher auf Veteranen zurück. So steht Torwart Friedl Koncilia, 33, wieder im Aufgebot, der schon 1978 beim 3:2-Sieg der Österreicher über Deutschland dabeigewesen war. Im letzten Herbst hatte er einen Gegenspieler krankenhausreif geschlagen. "Wir sollten ihn für immer aus dem Nationalteam schmeißen", schimpfte Fußballpräsident Sekanina. Doch die Wiener Sportrichter begrenzten die Strafzeit so, daß er zum Deutschland-Spiel wieder einsatzberechtigt ist.
Auch den zweifachen Torschützen gegen Deutschland, Hans Krankl, 28, holten die Österreicher wieder zurück, obgleich er verletzungsanfällig geworden ist. Krankl: "Gegen Deutschland spiele ich sogar mit einem Bein." Auf die Spielmacher Herbert ("Schneckerl") Prohaska, 32, der bei Inter Mailand kickt, und Kurt Jara, 30, vom Bundesligaklub Schalke 04 und auf den Abwehrspieler Roland Hattenberger, 32, verzichten die Österreicher ebenfalls nicht.
Vor schweren und wichtigen Spielen hatten sich Fußballtrainer schon stets lieber auf zwar langsame, aber erfahrene Spieler verlassen. 1958 zur Weltmeisterschaft in Schweden, bei der die Deutschen den Titel verteidigen mußten, nahm Bundestrainer Josef Herberger den bereits 37jährigen Fritz Walter mit, der 1954 beim Titelgewinn das Kommando gehabt hatte. Walter selbst zweifelte: "Chef, das kann ich nicht mehr." Herberger überredete ihn: "Fritz, was Sie können, kann immer noch kein anderer."
Herbergers Nachfolger Helmut Schön verhielt sich 1970 beim WM-Turnier in Mexiko ebenso. Er nahm Uwe Seeler, 33, der einen Achillessehnenriß auskuriert hatte, ebenso mit wie den Alt-Verteidiger Karl-Heinz Schnellinger, 31, und den rundlichen Stürmer Helmut Haller, 30. Seeler und Schnellinger erzielten entscheidende Tore. Nur knapp verfehlten die Deutschen den Einzug ins Endspiel.
Auch 1978 versuchte Bundestrainer Schön einen alten Weltmeister vor dem WM-Turnier in Argentinien zur Rückkehr in die Nationalmannschaft zu überreden. Der Frankfurter Jürgen Grabowski erbat sich zwei Wochen Bedenkzeit. Doch dann sagte er ab. Die führungslosen Deutschen enttäuschten. Ihre 2:3-Niederlage gegen Österreich war die erste seit 38 Jahren gegen den Nachbarn.
"Uns fehlt ein Anführer", bemängelte 1981 nach den Niederlagen in Montevideo Nationalstürmer Karl-Heinz Rummenigge das Fehlen der alten Kameraden. "Wir brauchen den Paul Breitner, ich kriege den herum, damit er wieder spielt." Der ratlose Bundestrainer Derwall traf sich mit Breitner.
Hermann Neuberger, der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, söhnte sich mit Funktionärs-Ketzer Breitner aus und riet dem Bundestrainer: "Holt den Paul, der ist noch nicht zu ersetzen." Auch Bayerns Landesvater Franz Josef Strauß forderte für den "Münchner mit Hirn" einen Platz im Fußball-Nationalmuseum.
Jüngere Nationalspieler wie die Frankfurter Ronald Borchers oder Karl-Heinz Körbel oder der Stuttgarter Bernd Förster, die schon mehrere Länderspiele bestritten haben, dürfen kaum damit rechnen, bei der Weltmeisterschaft 1982 dabeizusein. Auch gute Leistungen in den Klubmannschaften helfen ihnen wenig.
Das scheinbar einfache Rezept, aus jeder Vereinsequipe einfach den Besten S.204 zu nehmen, schlägt in der Nationalmannschaft selten an. In den Klubs genießen die Lokalstars Vorrechte und brauchen keine Abwehrarbeit zu verrichten.
Doch in der Nationalmannschaft kommen allenfalls Rummenigge und demnächst Breitner solche Vergünstigungen zu. Die übrigen Stars müssen das spielen, was in ihren Klubs die Wasserträger tun: verteidigen, mitstürmen, zuspielen und sofort wieder in die Abwehr zurückweichen.
Ein Opfer des Rollentauschs ist vor allem der Düsseldorfer Klaus Allofs, der bei Fortuna Düsseldorf als absoluter Chef gilt, Zuträgerdienste erwartet und auch erhält und dann selber Tore schießt. In mittlerweile 21 Länderspielen erzielte er zwar acht Tore, erhielt aber fast immer miserable Kritiken. Denn in der Nationalmannschaft spielt er meist Linksaußen, nicht wie im Klub Spielmacher und Torjäger.
"Wenn ich wieder in der Nationalmannschaft bin, muß sich einiges ändern", kündigte Paul Breitner an. Seine Eigenwilligkeit bekam schon der jugoslawische Startrainer Branko Zebec bei Eintracht Braunschweig zu spüren. Zebec wollte Breitner als defensiven Spieler einsetzen, denn 1974 beim Gewinn der Weltmeisterschaft hatte Breitner Verteidiger gespielt. Doch die Braunschweiger verloren mit Breitner sogar ein Heimspiel 0:6.
Zebec rügte: "Warum verteidigen Sie nicht, Sie waren mal in der Nationalmannschaft Weltklasseverteidiger?" Der bärtige Breitner antwortete: "Jetzt bin ich Spielmacher, für Abwehraufgaben haben wir andere."
Breitners Einzug in die Nationalmannschaft zog tatsächlich schon Veränderungen nach sich. Fast alle Spieler erklärten: "Der Paul bestimmt, wir machen, was er sagt." Vom Breitner-Klub Bayern München rückten bereits zwei Abwehrspieler als Neulinge ein: Wolfgang Dremmler und Klaus Augenthaler. Dabei befindet sich Augenthaler nach Ansicht des eigenen Klubtrainers nicht einmal in Bestform. Fachleute schließen schon Wetten ab, daß beide 1982 auch zum WM-Kader gehören. Dann kann Breitner ganz ungestört dirigieren.
Doch letzten Mittwoch im Europacup-Heimspiel gegen den FC Liverpool verhalf die Regie von "Old Beatle Paul", so Fußballtrainer Max Merkel, Bayern München nicht ins Finale. Denn "Alter schützt vor Torheit nicht".

DER SPIEGEL 18/1981
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