22.09.1980

„Das ist geistliche Nötigung“

Mit ihrem Hirtenbrief zur Wahl haben die katholischen Bischöfe alte Feindbilder belebt. Der Kanzler wettert gegen die CDU-Helfer in der „Soutane“, die Union erhofft sich von dem Streit um das Kanzelwort Auftrieb für ihren Wahlkampfhit von der Staatsverschuldung. Doch die meisten Katholiken scheren sich kaum um das Votum von oben.
Auf der Tagesordnung des Kabinetts stand am Mittwoch voriger Woche die Importhilfe der Europäischen Gemeinschaft für neuseeländische Butter. Jährliche Belastung für den Bundeshaushalt: 70 Millionen Mark.
Als erster meldete sich Kanzler Helmut Schmidt zu Wort: "Ich bitte um Vortrag darüber, was die Deutsche Bischofskonferenz dazu sagt. Dürfen wir die Butter kaufen oder nicht?"
Der Regierungschef war bei seinem neuen Reizthema, dem Hirtenbrief der Bischofskonferenz, in dem die katholischen Kirchenführer offen Wahlkampf für die CDU/CSU betreiben -- gegen Staatsverschuldung, gegen Bürokratisierung, gegen die Reform des Abtreibungsparagraphen 218.
Die alten Herren aus dem Episkopat haben es geschafft, den matten Wahlkampf, der in Langeweile zu ersticken schien, doch noch hochzubringen.
Für die Sozialdemokraten geht es jetzt nicht mehr nur um Frieden in der Welt, sondern auch um den Frieden mit dem Klerus. Alte Wunden aus der Ära Adenauer, als Staatsmacht und Kirche miteinander verfilzt waren, brechen bei gestandenen Sozis auf, und lautstark bejubeln sie ihren Kanzler, wenn der gegen die Politiker in der "Soutane" wettert.
Im Kabinett versuchte Bundesjustizminister Hans-Jochen Vogel, prominentester Katholik in Schmidts Mannschaft, am letzten Mittwoch, den Sarkasmus des Genossen Kanzler zu dämpfen. Statt -- wie Schmidt -draußen im Wahlkampf gegen die Oberkatholiken loszupolemisieren, riet der Minister, besonnen über die angemessene Reaktion zu diskutieren. Zunächst S.19 stellte Vogel klar, daß es sich bei dem von der "Frankfurter Rundschau" am vorletzten Freitag veröffentlichten Papier keineswegs um eine vorläufige Fassung handele. Denn lange zuvor schon hätten kirchliche Amtsblätter den Wortlaut publiziert.
Zum Beleg schwenkte Vogel das "Pastoralblatt des Bistums Eichstätt" vom 3. September, das sogar den Vermerk "Sperrfrist: 20. September 1980, 17.00 Uhr" mitgedruckt hatte.
Dann tröstete der Minister die Runde, daß es auch innerhalb der katholischen Kirche Kritik an der Wahlhilfe für Franz Josef Strauß gebe. So hätten die katholischen Jugendlichen der Diözese Rottenburg in einem sechsseitigen Papier "dieses Hirtenwort als eindeutige Wahlempfehlung für eine Partei -die CDU/CSU -- und damit gegen andere demokratische Parteien" bedauert. Vogel hoffnungsfroh: "Man muß sich mal vorstellen, wie die jungen Teilnehmer des katholischen Kirchentages in Berlin reagiert hätten, wenn dort der Hirtenbrief verlesen worden wäre: Das Stadion wäre explodiert."
Schließlich entwickelte der Justizchef die künftige Kirchen-Strategie der Sozialliberalen. Die Regierung, so warnte er, solle die massive Konfrontation vermeiden. Vogel: "Es dürfen keine neuen Gräben aufgerissen werden."
Statt den Bischöfen ihre Parteinahme vorzuhalten, sei es besser, ihnen das hinzureiben, wozu sie geschwiegen hätten: zur Nord-Süd-Problematik, zum Umweltschutz oder zur Gewissensprüfung für Wehrdienstverweigerer.
Nicht zuletzt müsse man herausstellen, "daß die Bischöfe zur gleichen Zeit durch Polen reisen, sich in ihrem Hirtenbrief aber kein Wort zur Entspannungspolitik und zur Lage in Polen findet".
Ökumenischen Beistand erhielt Katholik Vogel vom protestantischen Laienprediger Hans Apel. "Natürlich", räumte der Verteidigungsminister ein, "habe ich was dagegen, wenn die Herren im Talar nach Brokdorf marschieren." Aber man dürfe ihnen nicht das Recht bestreiten, die Tagespolitik zu kommentieren. FDP-Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff pflichtet bei.
Doch Schmidt mochte sich den Rat zur Mäßigung nicht zu eigen machen. Wie schon tags zuvor auf dem Bielefelder Marktplatz vor 12 000 Menschen oder vor 7000 Genossen in der Kasseler Eissporthalle polterte der Kanzler: "Ich messe dieser Auseinandersetzung staatspolitische Bedeutung bei. Das verlangt eine klare Antwort. Die Kirchen haben im Tagesgeschäft nichts verloren, die sollen sich gefälligst um das Grundsätzliche kümmern."
Geteilt wird diese Ansicht des Kanzlers, so ergab eine Blitz-Umfrage des SPIEGEL, auch von der Mehrheit der westdeutschen Katholiken (siehe Seite 24).
Schmidt ist überzeugt, daß seine scharfen Reaktionen der SPD im Wahlkampf nicht schaden, schon gar nicht bei den katholischen Arbeitnehmern, die nach Ansicht der Meinungsforscher zu den wahlentscheidenden Stimmbürgern zählen. Der Kanzler: "Die wählen sowieso SPD."
Die Union sieht das anders. Schmidt habe der CDU/CSU den Gefallen getan, freute sich der Vorsitzende der Sozialausschüsse, Norbert Blüm, den Hirtenbrief erst richtig publik zu machen.
Auch kirchennahe Sozialdemokraten fürchten, die Kanzler-Attacken gegen die Bischöfe könnten jene Konservativen doch noch zu den Wahlurnen treiben, die zwar Strauß nicht mögen, Angriffe gegen die Kirche aber noch weniger.
Die Christdemokraten kalkulieren noch anders: Sie setzen auch darauf, daß Schmidts Philippika gegen die Einmischung der Priester in die Finanzwirtschaft des Staates erst recht den Wahlkampf auf die Propaganda der Union gegen die "Staatsverschuldung" lenkt. Blüm: "Das Thema erreicht jetzt endlich die Leute. Wenn die Bischöfe sagen, die Verschuldung sei eine Sünde an den eigenen Kindern, das hat mit Moral zu tun, das ist gefährlich für Helmut Schmidt."
Und in "Bild" lüftete Strauß am Samstag ein Staatsgeheimnis, die SPD wolle nach der Wahl der Kirche "den Finanzhahn zudrehen".
Doch gegen den klerikalen Vorwurf der Mißwirtschaft und der Bürokratisierung haben der Kanzler und sein Finanzminister Hans Matthöfer (siehe Seite 21) gute Argumente. In seinen Wahlreden rechnet Schmidt den Bischöfen penibel vor, daß ausgerechnet die Kirchen von jenen Staatssubventionen profitieren, die nur durch Kredite zu finanzieren sind -- für kirchliche Krankenhäuser, Schulen und Kindergärten.
Und Beifall findet Helmut Schmidt auch, wenn er auf offenem Markt anprangert, wie sehr die Kirche bei ihrem Geschrei ums Gemeinwohl den eigenen Vorteil zu wahren weiß.
Seit Jahren bedienen sich evangelische Landeskirchen wie katholische Bistümer ausgerechnet bei jenen, deren Rechte sie stets lautstark vertreten: den kinderreichen Familien.
Als Bonn 1975 den Steuerfreibetrag für Kinder abschaffte und durch das Kindergeld ersetzte, wurde in das Einkommensteuergesetz eine Vorschrift eingefügt, nach der das Kindergeld von der Steuerschuld abgezogen und die Kirchensteuer erst von dem so verringerten Betrag berechnet wird. Sinn der Regelung: Die kinderreichen Familien sollten finanziell entlastet werden.
Bei jeder Erhöhung des Kindergeldes müßten die neuen Beträge eigentlich in diese Vorschrift eingesetzt werden. Das aber geschah nur 1978. Bei der Anhebung ein Jahr später setzten die Kirchen durch, daß alles beim alten blieb. Hauptargument der erfolgreichen Lobbyisten: steigender Geldbedarf fürs Personal.
Auf diese Weise holten sich die Kirchenkassierer im vergangenen wie in diesem Jahr jeweils 100 Millionen S.20 Mark, 1981 werden es nach Berechnungen des Bonner Finanzministeriums sogar 200 Millionen sein.
In seinem Zorn erwägt der Kanzler bereits, nach seiner Wiederwahl in der Regierungserklärung mit den Bischöfen abzurechnen. Zu tief sitzt der Ärger. Schmidt im Kabinett: "Ich fühle mich getäuscht."
In seinen vielen Gesprächen mit den Herren Bischöfen hätten die niemals das Thema Staatsfinanzen angeschnitten. Von einem Zettel, den sein Büroleiter Werner Bruns in die Kabinettssitzung reichte, las Schmidt vor, daß er seit 1975 insgesamt 99 Stunden mit Bischöfen zugebracht habe; die Vorbereitungszeit für solche Gespräche nicht gerechnet.
So hatte Schmidt am 20. Februar 1978 im Kanzlerbungalow eine Delegation der Bischofskonferenz mit den Kardinälen Joseph Höffner und Joseph Ratzinger empfangen. Die Herren verabredeten, im Gespräch zu bleiben.
Am 20. Februar diesen Jahres fragte Kanzleramtschef Manfred Schüler telephonisch beim Prälaten Paul Bocklet an, ob jetzt nicht die Zeit für einen neuen Dialog gekommen sei. Fünf Tage später rief der Leiter des katholischen Bischofsbüros in Bonn, das im Auftrag der Hirten die Kontakte zu Parteien und Regierung pflegt, zurück: Kardinal Höffner bedanke sich für die Einladung, aber er wolle erst nach den Wahlen kommen.
Schmidt blieb arglos. Selbst als der Oberhirte sich weigerte, beim Kölner Dom-Jubiläum im Juni mit dem SPD-Kanzler ein öffentliches Zwiegespräch zu führen, schwante ihm nichts.
Auch Fraktionschef Herbert Wehner, aktiver Protestant, fühlt sich von den Katholiken hereingelegt. Er könne, so der Altsozialist auf einer Wahlveranstaltung im fränkischen Hof, den Bischöfen weder in Latein noch in Griechisch oder Hebräisch antworten, er sei ja nur evangelisch. Aber er denke da an ein Wort, das er "in der Luther-Übersetzung gelernt" habe: "Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten."
Eifernden Unionschristen reichte die Kritik der Spitzengenossen schon aus, um die Sozialdemokraten wieder mal in die Nähe der Nationalsozialisten zu rücken. So erregte sich der katholische CDU-Hinterbänkler Willi Weiskirch: "Daß die Kirchen daran gehindert werden sollten -- und daran gehindert worden sind, ihre Meinung zu sagen, war die böse Praxis einer Zeit, die sich wohl niemand zurückwünscht."
Doch die Unionschristen reden mit doppelter Zunge. Der niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht etwa, der sich in "Bild" vehement die SPD-Schelte des katholischen Hirtenbriefs verbat, wetterte zugleich zusammen mit seinen Parteikollegen Lothar Späth aus Baden-Württemberg und Gerhard Stoltenberg aus Schleswig-Holstein gegen 13 evangelische Christen, die ihren Glaubensbrüdern öffentlich empfohlen hatten, "Kandidaten der Sozialdemokratischen Partei" zu wählen.
Der Chef des Evangelischen Arbeitskreises der CDU Westfalen-Lippe, der Landtagsabgeordnete Gerhard Rödding, klärte schriftlich alle Pfarrer und Presbyter in Westfalen auf, da seien "Außenseiter" und "utopische Schwärmer" am Werk.
Anders als die katholischen Bischöfe sprachen die Protestanten indes nur für sich -- ohne die Autorität ihrer Kirche im Kreuz. Denn die evangelische Amtskirche hat es bislang sorgsam vermieden, sich in den Wahlkampf einzumischen. "Die Entscheidung, für welche Partei er stimmt", so der Sprecher der Evangelischen Kirche in Deutschland, Dietrich Sattler, "muß jedem Christen überlassen bleiben."
Auch besonnene Prälaten bei den Katholiken hatten zunächst versucht, ihre Kirche aus dem unmittelbaren Wahlkampf herauszuhalten. Der Aachener Bischof Klaus Hemmerle fertigte einen Entwurf zum geplanten Sendschreiben an die "Brüder und Schwestern im Herrn", der sich an die Linie der Wahl-Hirtenbriefe von 1972 und 1976 hielt, die Gläubigen zur Stimmabgabe zu ermahnen, ihnen aber keine bestimmte Partei zu empfehlen.
Doch Hemmerles Fassung wurde in der Kommission VI der Bischofskonferenz (gesellschaftliche und sozial-caritative Fragen) als zu lasch verworfen. Vorsitzender des Gremiums: Kardinal Höffner.
Als neuen Autor schlug der Sekretär der Bischofskonferenz, Prälat Josef Homeyer, einen Gelehrten vor: den erzreaktionären Jesuiten Anton Rauscher, Professor für Christliche Gesellschaftslehre an der Universität Augsburg und Chef der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle in Mönchengladbach, ein Institut, das seit Jahren vornehmlich konservatives S.22 kirchliches Gedankengut über Staat und Gesellschaft unter das gläubige Volk streut.
Rauschers Vorteil: Er ist der Christlich-Sozialen Union des Franz Josef Strauß eng verbunden und dient der CSU in einer Kommission "Kirche und Staat" als tatkräftiger Berater.
Homeyer und Rauscher taktierten geschickt. Der Sekretär, zuständig für die Koordination des innerkirchlichen Apparates, hielt zunächst einen anderen Prälaten außen vor, der als Bonner Bischofslobbyist die Kontakte zwischen Kirche und Staat hält: Paul Bocklet, Leiter des Kommissariats der deutschen Bischöfe.
Rauscher verfaßte seinen Entwurf für die Wahlepistel ohne Bocklet und dessen Crew -- aus gutem Grund: Das Bonner Bischofsbüro war in den vergangenen Jahren maßgeblich an der Pflege besserer Beziehungen zwischen SPD und Kirchenfürsten beteiligt. Der Hirtenbrief, so verbreiteten Bocklet-Mitarbeiter denn auch flugs, finde keineswegs ihre Billigung.
Die Höffner-Kommission jedoch nahm den Rauscher-Entwurf mit Wohlgefallen auf und verwies das Papier mit leichten Retuschen zur Genehmigung an den Ständigen Rat der Bischofskonferenz.
Der Rat, dem je ein Mitglied des Episkopats aus den 22 westdeutschen Diözesen angehört, gab seinen Segen. Das Hirtenschreiben wurde an alle Bistümer versandt, die es in ihren Amtsblättern veröffentlichen und den Pfarrern zuleiten sollten.
Drei Tage brauchte der Kölner Kardinal, als er am Montag letzter Woche von einer Polen-Wallfahrt heimkehrte, bis er sich zu einem Hirtenwort zur Lage aufraffte -- und auch diesmal lieferte der Jesuit Rauscher ihm die Stichworte.
"Ich verwahre mich", so konterte Höffner am vergangenen Donnerstag in einer schriftlichen Erklärung die ebenso einhellige wie heftige Kritik selbst CDU-naher Blätter und TV-Kommentatoren am Hirtenbrief, "gegen die Unterstellung, die Bischöfe hätten in ihrem Schreiben die Wahlparolen einer Partei übernommen."
Und vor den Fernsehkameras der ARD wiegelte er ab: Die Bischöfe hätten mit ihrem Veto gegen die Staatsverschuldung nicht nur den Bund gemeint, sondern auch Länder und Gemeinden.
Dann aber schlug der Kardinal noch einmal nach. Die "Ausweitung der Staatstätigkeit" und die "gefährlich hohe Staatsverschuldung" verstießen gegen den Grundsatz der Subsidiarität, "der ein Eckpfeiler der katholischen Soziallehre und die Grundlage einer freiheitlichen Gesellschaftsordnung ist". Die Subsidiarität verbiete es dem Staat, sich in jenen Bereichen auszubreiten, die andere gesellschaftliche Gruppen aus eigener Kraft gestalten können.
Schon heute, so der Kardinal-Ökonom später in der "Tagesschau" fürs einfache Volk, falle "auf jeden Haushalt eine Verschuldung von 17 000 Mark. Das beunruhigt die Leute" -als ob die für die öffentlichen Schulden haften müßten; als ob, umgekehrt, die am Reichtum der Kirche teilhaben dürften.
Höffners Fazit: "Wenn wir hier unsere Bedenken anmelden, dann geht es um die Grundlagen unserer Gesellschaft." Und: "Es liegt in der Entscheidung der Parteien, ob ihre Programme diesen Grundsätzen zustimmen oder diese Grundsätze ablehnen."
Eher schon umgekehrt. Denn in Wahrheit trifft die Kritik die Gottesmänner an einem empfindlichen Punkt: Der Hirtenbrief zur 80er Wahl verstößt eindeutig gegen jene Grenzen, die sich die Bischöfe nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil selbst gesteckt haben.
In einem amtlichen Kommentar zur Konzilslehre über "Die Kirche in der Welt von heute" beteuerten die Bischöfe 1969, sie würden sich künftig nur noch dann in die Politik einmischen, "wenn die Grundlagen unserer Demokratie in Gefahr geraten, wenn unverzichtbare Rechte der Menschen geschmälert beziehungsweise preisgegeben oder wenn die Freiheit der uns von Christus übertragenen Verkündigung des Evangeliums direkt oder indirekt eingeschränkt würde." Und anders als heute lehrten sie damals: "In vielen Bereichen des heutigen Lebens muß ... nicht selten die Freiheit einzelner eingeschränkt werden, um die Freiheit vieler zu sichern. Jede undifferenzierte Zurückweisung des heutigen Sozialstaates zugunsten übertriebener individueller Freiheit übersieht den langen und schwierigen geschichtlichen Weg, den wir zur Überwindung staatlicher Passivität in Abkehr von den utopischen Harmonieerwartungen des individualistischen Liberalismus gegangen sind."
Zwei Jahre später bekräftigte die Römische Bischofssynode -- ein nach dem Konzil eingerichtetes Gremium, das in regelmäßigen Abständen tagt und dem Vertreter des Episkopats aus aller Welt angehören -- diese Grundsätze. "Wo es vom Evangelium Jesu Christi her legitimiert ist", so die Synodalen, "haben die Amtsträger der Kirche das Recht und die Pflicht, zu Vorhaben einer politischen Partei Stellung zu nehmen. Bei den vielen Fragen der praktischen Politik, für deren Lösung sich aus dem Evangelium keine eindeutige Antwort ergibt, ist jedoch Zurückhaltung der Kirche am Platz."
Der Hirtenbrief ist in der Tat ein Rückfall in die Steinzeit der Republik -- wenn auch im Tonfall noch immer weit moderater als Bischofsworte während der Adenauer-Ära.
Schon vor der Wahl zum ersten Parlament trieben die Oberhirten 1949 ihre Gläubigen mit der Ermahnung an die Urne: "Der christliche Wähler, der sich jetzt der Stimme enthält ... unterstützt letzten Endes diejenigen Kräfte, die seine christlichen Grundsätze ablehnen."
Fortan vergatterte der Episkopat alle vier Jahre seine Katholiken, nur S.23 solche Kandidaten zu wählen, "deren christliche Grundhaltung bekannt ist, und deren öffentliche Tätigkeit dieser Grundhaltung entspricht" (Hirtenbrief 1957).
Einzelnen Prälaten war selbst das nicht deutlich genug. Der Bischof von Aachen, Johannes Pohlschneider, etwa verbot seinen Diözesanen unverblümt, Parteien zu wählen, "die auf Grund falscher Anschauungen, seien sie sozialistischer oder liberalistischer Herkunft, wesentliche Forderungen des katholischen Glaubens" ablehnen.
Und sein Münsteraner Amtsbruder Michael Keller befand kurz und bündig, ein gläubiger Katholik könne es nicht vor seinem Gewissen verantworten, sozialdemokratisch zu stimmen.
Die totale Gegnerschaft der katholischen Glaubenshüter zur SPD in den Gründerjahren des westdeutschen Staates hatte eine doppelte Ursache.
Zum einen haben die Gottesmänner bis heute nicht verwunden, daß sie im 19. Jahrhundert große Teile der europäischen Arbeiterschaft an die zumeist antikirchlichen Sozialisten verloren. Die Hierarchie revanchierte sich mit einem weltweiten Verbot der Doppelmitgliedschaft. Noch 1931 bekräftigte Papst Pius XI.: "Es ist unmöglich, gleichzeitig guter Katholik und wirklicher Sozialist zu sein." Dieses Verdikt übertrugen die westdeutschen Oberhirten nach 1945 bedenkenlos auf die Sozialdemokraten.
Zur Parteinahme für die CDU/CSU fühlten sie sich, zum anderen, auch aus Tradition verpflichtet. Um sich gegen die Pressionen vor allem Bismarckscher Kirchenpolitik im protestantischen Preußen zu wehren, hatten die Katholiken 1870 eine eigene Partei, das Zentrum, gegründet, auf die Bischöfe und Prälaten stets einen direkten Zugriff besaßen. Als sich mit der CDU nach 1945 eine neue, diesmal überkonfessionelle, Christenpartei etablierte, hofften die Kirchenführer mit deren Hilfe auch die Politik des neuen Staates mitbestimmen zu können.
Vorsichtigen Wandel durch Annäherung brachte erst das Zweite Vatikanische Konzil. Unter dem Druck der weltweit schrumpfenden Zahl ihrer Getreuen und des schwindenden Einflusses auf ihre Gläubigen selbst in ehemals katholischen Stammlanden wie Italien und Spanien lockerte das Konzil 1965 die politische Disziplin der Katholiken und verkündete als neue kirchliche Lehre: "In Fragen der Ordnung irdischer Dinge" könne es unter Christen künftig "berechtigte Meinungsverschiedenheiten geben". In solchen Fällen habe niemand das Recht, die Autorität der Kirche ausschließlich für sich und seine eigene Meinung in Anspruch zu nehmen.
15 Jahre hielten sich die deutschen Hirten -- abgesehen von Ausrutschern etwa bei der Landtagswahl 1974 in Bayern -- an diesen Komment. Zur Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen 1966 verzichteten sie mit ausdrücklichem Hinweis auf das Konzil erstmals auf eine massive Wahlempfehlung für die Union.
Und in ihrem Konzilskommentar räumten die westdeutschen Kirchenoberen 1969 ein: "Auch bei uns stellt das Verhältnis der Christen und der Kirche zu den politischen Parteien ein umstrittenes Kapitel der politischen Nachkriegsentwicklung dar." Zugleich forderten die Bischöfe die Katholiken auf, "mehr als bisher die staatstragende Funktion der politischen Parteien zu sehen und in den Parteien Verantwortung zu übernehmen".
Noch im Mai 1980 begnügte sich das stark CDU-lastige "Zentralkomitee der deutschen Katholiken", offizieller Dachverband katholischer Organisationen und kirchlicher Räte, in einer Erklärung zur Bundestagswahl mit einem Sachkatalog von Forderungen an die Bonner Politik der 80er Jahre -- ohne die Union oder ihren Kandidaten als deren Vollstrecker anzupreisen.
Doch Schmidt und seine Genossen hätten eigentlich vorgewarnt sein müssen.
Es war vor allem der -- in den Augen der Kirche negative -- Verlauf der Abtreibungsdebatte, der die deutschen Bischöfe zuerst nur punktuell, dann auf immer breiterer Front in eine neue Offensive gegen die böse Welt trieb.
Als darüber auch noch die beiden einflußreichsten Vertreter einer wahrlich nur gemäßigten Öffnung zur Welt starben, der Münchner Erzbischof Julius Kardinal Döpfner (1976) und der S.25 Münsteraner Bischof Heinrich Tenhumberg (1979), war der Rechtsruck im Episkopat programmiert.
Seither begann unter Führung des Kölner Kardinals Höffner und des Döpfner-Nachfolgers auf dem Münchner Bischofsstuhl, Ratzinger, der Rücklauf zu alten Zeiten: Was sich katholisch nennt, soll auf den rechtgläubigen Standpunkt gebracht werden. Die Säuberung nach innen lief an.
In allen Diözesen wurde das Ehe- und Familienleben kirchlicher Mitarbeiter durchkämmt: Kirchenangestellte ohne kirchlichen Trauschein mußten gehen, Kindergärtnerinnen mit der falschen Konfession wurde gekündigt; Religionslehrer, die ihre Kinder nicht früh genug oder gar protestantisch taufen ließen, verloren die kirchliche Lehrbefugnis; heiratswillige, aber dem Zölibat verpflichtete Theologieprofessoren wurden von katholischen Fakultäten verwiesen, aufgeschlossene, in der Euphorie der Konzilszeit verfaßte Glaubensbücher durch rechtgläubige, von den Bischöfen autorisierte Katechismen ersetzt.
Gefahr witterten die Bischöfe wieder vornehmlich von links. Der Student Günter Rausch wurde von der Katholischen Fachhochschule Freiburg zwangsexmatrikuliert, weil er auf dem Schulgelände "rote blätter" vom Marxistischen Studentenbund Spartakus anbot. Die Regensburger Sozialarbeiterin Ute Schilde fand bei ihrer Rückkehr aus dem Urlaub einen Kündigungsbrief der Katholischen Jugendfürsorge vor.
Kündigungsgründe: Sie habe einen Aufruf "Schützt die bürgerlichen Rechte" mitunterzeichnet, sei auf kommunistischen Veranstaltungen gesehen worden und zeichne für ein Plakat verantwortlich, das den ehemaligen baden-württembergischen Ministerpräsidenten Hans Karl Filbinger und den von Filbinger 1945 zum Tode verurteilten Matrosen Gröger zeigte. Kirchen-Urteil: "Diffamierung eines christlich-demokratischen Politikers."
Der Unerbittlichkeit nach innen folgte die größere Härte nach außen. Merklich häufiger und lautstärker als in der ersten Hälfte dieses Jahrzehnts protestierten deutsche Bischöfe wieder: gegen Koop-Schulen und schulischen Sexualkundeunterricht, gegen die Reform des Ehescheidungs- und des Sorgerechts, gegen Judos, Jusos und die "radikalen Gesellschaftsveränderer in den Massenmedien".
Behutsamer eingestellte Bischöfe wie der Limburger Wilhelm Kempf oder der Trierer Bernhard Stein, der Paderborner Johannes Joachim Degenhardt oder der Aachener Hemmerle werden in der Bischofskonferenz von den konservativen Wortführern überrollt. Die meisten Oberhirten, verriet einmal der damalige Münsteraner Bischof Heinrich Tenhumberg, "sind ohne eigene Meinung oder artikulieren sie nie".
Nach innen abschotten und nach außen losschlagen -- diese neue Kirchenstrategie verkörpert wie kein anderer Joseph Kardinal Höffner, 73, seit 1969 Erzbischof von Köln und nach dem Tode Döpfners Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz.
Der Westerwälder Bauernsohn, der vor dem Zweiten Weltkrieg acht Jahre lang Theologie an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom studierte und nach dem Krieg erst Professor für christliche Soziallehre am Trierer Priesterseminar (1945 bis 1951), dann Professor für christliche Sozialwissenschaften an der Universität Münster (bis 1962) war, stand zeitlebens allem Progressiven skeptisch bis ablehnend gegenüber.
Bereits in seinen Schriften aus den 50er und 60er Jahren wimmelt es von Bannflüchen: Gegen Empfängnisverhütung und Gemeinschaftsschule, gegen den "herrschenden Zeitgeist" und die moderne Theologie, gegen Ehescheidung und die Aufhebung des Zölibats, gegen SPD, Marxismus, Kommunismus und Bolschewismus, gegen vorehelichen Verkehr und gegen den Menschen, "der an Gott rüttelt".
Kein Wunder, daß dem Kölner Kardinal der zahme, auf politischen Ausgleich bedachte Döpfner-Kurs nicht paßte. Bereits zu Lebzeiten Döpfners beklagte er, so 1974 im "Rheinischen Merkur", den kirchlichen "Rückzug aus dem staatlichen und gesellschaftlichen Raum" und stocherte: "Es ist höchste Zeit, daß die S.26 gläubigen Katholiken ''aus dem Turm heraustreten'' und nach dem Rechten sehen."
Das tat er denn auch, kaum zum Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz gewählt. Bereits im Bundestagswahlkampf 1976 machte er aus seiner Sympathie für die CDU/CSU kein Hehl. Und nach dem Wahlkampf begründete er das im Deutschlandfunk: "Die Programme, die Politik und die Personen der einzelnen Parteien sind hier entscheidend. Da ist es doch nicht verwunderlich, wenn die Kirche zu einer Partei, die den Grundüberzeugungen der Kirche nähersteht als eine andere, ein besseres Verhältnis hat."
Nicht einmal sein bayrischer Glaubensbruder Franz Josef Strauß war dem Kardinal stets rechts genug.
Als Strauß im September letzten Jahres in "Bild" die Kirche wegen ihrer starren Ablehnung der Abtreibung kritisierte ("Die Kirche nimmt einen sehr strengen Standpunkt ein. Sie wird damit den Wirklichkeiten, die im Leben auftreten, nicht immer gerecht"), gab Höffner, ebenfalls in "Bild", zurück: "Beim Schutz des ungeborenen Kindes" handle es sich nicht um eine "Sondermeinung der Kirche", sondern um Grund- und Menschenrechte, "auf die auch jeder Politiker verpflichtet ist".
Daß für den Oberhirten selbst ein so spezielles Thema wie die CDU/ CSU-Kritik an der Staatsverschuldung etwas mit den Grundüberzeugungen der Kirche zu tun hat, hängt mit der speziellen Begabung des Menschen Joseph Höffner zusammen.
Der Dr. theol., Dr. phil., Diplomvolkswirt, Dr. rer. pol., Dr. rer. pol. h. c. hat sich über Wirtschaftsfragen mancherlei Gedanken gemacht. Immerhin zählt er sich selbst zu den geistigen Vätern der Rentenreform von 1957. Er gehörte -- unter Adenauer -- jahrelang wissenschaftlichen Beiräten in den Bundesministerien für Familie, für Wohnungsbau und für Arbeit an.
Unbestritten ist, daß der "Sozialwissenschaftler von internationalem Rang" (die Katholische Nachrichten-Agentur KNA) jedenfalls in der Praxis mit Geld umgehen kann. Die Kölner Erzdiözese, über deren Jahresetat (1980: 631 Millionen Mark) er entscheidend mitbestimmt, gilt als die zweitreichste der Welt.
Da der Kardinal als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz dazu noch mit dem Etat des Verbandes der Diözesen, indirekt mit den diversen Bischöflichen Hilfswerken und, als Mitglied der Präfektur für die wirtschaftlichen Angelegenheiten des Vatikans, auch mit Vatikan-Geldern befaßt ist, hat er derzeit bei der Verwendung von jährlich rund einer Milliarde Mark ein gewichtiges Wort mitzureden.
Kompetent fühlt sich der Kirchenfürst aber vor allem in der Wirtschafts-Theorie. In seiner "Christlichen Gesellschaftslehre" beispielsweise, in sieben Sprachen übersetzt und auf deutsch in siebter Auflage erschienen, versucht er der Welt plausibel zu machen, wann Geldausgeben mit dem katholischen Glauben harmoniert.
Höffners Kernthese: Ob "Bauland-Preisbildung" oder "gleitende Arbeitswoche", "Geldentwertung" oder "Unternehmergewinn", "Tarifautonomie" oder "Konjunkturpolitik", das "Bruttosozialprodukt" oder die "Gewerkschaften" -- "alle Wirtschaft ist dem Sittengesetz unterstellt", die Auslegung des S.27 Sittengesetzes aber "dem Lehramt der Kirche, Papst und Bischöfen".
Lauter schöne Sachen ergeben sich mit diesem logischen Trick für Höffner direkt aus Gottes Gebot: "Eigentum für jedermann" etwa und so hohe Reallöhne, daß "jeder sparen kann"; die Anpassung der Renten an die volkswirtschaftliche Entwicklung oder der Familienlastenausgleich und eine "breite und baldige Vermögensstreuung im Kapitalsektor". Das "Geldwesen" muß, so der Kardinal in seinem Wirtschaftskatechismus, "durch eine am Gemeinwohl ausgerichtete Geldpolitik so geordnet werden, daß die Stabilität der Preise, der Einkommen und der Beschäftigung gewährleistet bleibt".
Staatsverschuldung als Sünde wider Gott -- für Höffner und seine Schlichtökonomie einleuchtend.
Für Höffner-Vorgänger Döpfner undenkbar. Erst kurz vor seinem Tod hatte der Münchner Kardinal in einem Vortrag vor dem Bundesverband der Deutschen Industrie die Bischöfe zur Selbstbescheidung in Wirtschaftsfragen ermahnt. "Mit Bedacht" trügen die Aussagen des obersten kirchlichen Lehramts "allgemeinere, prinzipiellere Züge". Wo sie "mehr ins Detail gehen, stoßen sie bald an ihre Grenzen und setzen sich dem kritischen Zugriff der Experten aus".
Mit ihrem Rechtsdrall stabilisierten Höffner und seine Mithirten freilich nur den durch Konzil und Bonner Machtwechsel verunsicherten harten Kern ihrer Getreuen.
Die katholische "neue bildpost", die sich selbst als "Größte christliche Wochenzeitung Europas" bezeichnet, wirft an den vier Sonntagen vor der Wahl Sonderausgaben mit jeweils 1,25 Millionen Auflage kostenlos auf ihren Markt -- vor katholischen Gotteshäusern und an Schriftenständen in den Kathedralen. Werbespruch: "Helfen Sie mit, den 5. Oktober zu gewinnen."
Textprobe: "Helmut Schmidt dürfte als ''Abtreibungskanzler'' in die Geschichte Deutschlands eingehen. In zwanzig, dreißig Jahren wird er sich einer Abstimmung stellen müssen, bei der eine einzige Stimme den Ausschlag gibt: die Stimme Gottes, des Richters."
Als sich Egon Bahr beim Sekretär der Bischofskonferenz, Josef Homeyer, darüber beschwerte, was in dem Regenbogenblatt im Namen Jesu Christi alles behauptet werde, stieß er auf kühle Distanz. Der Prälat: "Sie werden verstehen, daß wir uns hier von seiten des Sekretariats der Deutschen Bischofskonferenz nicht einmischen können und wollen." Dies falle "in den Kompetenzbereich der Diözesen und der Pfarrgemeinden".
Doch die wollen angeblich ihre "bildpost". Auf Bahrs schriftliche Beschwerde an die Generalvikare der 22 westdeutschen Diözesen, er glaube nicht, "daß es im Interesse der Kirche ... liegen kann, wenn direkte und ausdrückliche Wahlkampfaktivitäten in den Bereich des Gottesdienstes hineingetragen werden", erhielt der SPD-Manager am letzten Freitag abschlägigen Bescheid.
Die Pfarrer, so ließ ihn Günter Graf von der Zentralstelle für Medien der Bischofskonferenz im Auftrag "verschiedener Generalvikare" wissen, könnten nach geltendem Kirchenrecht selbst bestimmen, was sie an frommer Literatur in ihren Kirchen auslegen. Und zahlreiche Kleriker hätten festgestellt, daß die "bildpost" wegen ihrer umfangreichen Wahlkampfberichte von ihren Katholiken gern gelesen würde.
Das indes gilt allenfalls für eine Minderheit. Die Mehrzahl der Kirchenmitglieder treibt die rechte Offensive der Oberen eher noch weiter aus den Gotteshäusern.
Die Gruppe, an die sich die Bischöfe mit ihrem Wahltext wenden, gibt es längst nicht mehr. Die Katholiken in der Bund esrepublik haben nur noch die Buchstaben "rk" auf den staatlichen Steuerkarten gemeinsam.
Auch der höhere Klerus hat sich längst damit abgefunden, daß es zwei grundverschiedene Typen von Katholiken gibt:
* eine Minderheit, die sich mit der Kirche verbunden fühlt, fast jeden Sonntag die Messe besucht, kirchlichen Weisungen, einschließlich Hirtenbriefen, zu folgen trachtet; und
* eine Mehrheit, die auf Distanz zur Kirche gegangen ist, den Gottesdiensten häufig oder immer fernbleibt und sich auch längst nicht mehr den kirchlichen Geboten und Weisungen verpflichtet fühlt.
Beide Gruppen unterscheiden sich auch in ihrer Einstellung zu den Parteien, wie das Allensbacher Institut für Demoskopie bei den Bundestagswahlen vor vier Jahren auszählte.
82 Prozent der sonntäglichen Kirchenbesucher wählten die CDU/CSU; S.29 je seltener die Katholiken in die Kirche gehen, desto geringer wird der Anteil der Unions-Wähler. Bei denjenigen, die überhaupt keinen Gottesdienst mehr besuchen, sind es nur noch 30 Prozent.
Insbesondere seit dem "verhängnisvollen Traditionsbruch" (Höffner) Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre leidet die katholische Kirche an Schwindsucht. So sank von 1950 bis 1978 der Anteil der sonntäglichen Kirchgänger von 48,7 auf 30,2 Prozent. In einem einzigen Jahr -1978 -- ging deren Zahl um nahezu eine halbe Million (5,1 Prozent) zurück. Das, so lamentierte der Kölner Kardinal, habe es "seit Kriegsende noch nie gegeben".
Als die Bischöfe aus einer Allensbach-Untersuchung erfuhren, was die Katholiken von ihrer Kirche halten, nahmen sie die Tabellenbände sogleich unter Verschluß. Höffner offenbarte nur den Trend: "Die positiven Aussagen zur Kirche sind in allen Fragepunkten zum Teil sehr erheblich zurückgegangen."
Parallel wuchs die Sympathie der Gläubigen für die Sozialdemokraten. Die Zahl der SPD-Wähler unter den Katholiken stieg von 1953 bis 1976 langsam, aber stetig von 22 auf rund ein Drittel.
Ohne diesen Zustrom hätte es 1969 nicht zur Regierungsmehrheit für SPD und FDP gereicht. Und den Wahlsieg 1972 führte Allensbach-Chefin Elisabeth Noelle-Neumann "vor allem auf die katholischen Frauen" zurück.
Der Sozialpsychologe Gerhard Schmidtchen (Universität Zürich), hat festgestellt, "daß die politische Richtung am häufigsten gewechselt wird bei einem ambivalenten oder leicht negativen Verhältnis zur Kirche". Die Katholiken, die sich von der Kirche emanzipiert haben, verteilen ihre Sympathien auf die Parteien etwa so wie die Protestanten.
Einen Parteiwechsel fassen katholische Wähler laut Schmidtchen insbesondere dann ins Auge, wenn sie in wichtigen Fragen mit den Bischöfen nicht mehr übereinstimmen, und dann wenden sich sogar Kirchgänger von der CDU/CSU ab: "Je stärker die Wertkonflikte mit der Kirche sind, desto attraktiver wird die Sozialdemokratie für die Kirchenbesucher ebensosehr wie für die Kirchenfernen."
Ausgerechnet mit ihrem als Wahlhilfe für die CDU/CSU gedachten Hirtenbrief riskieren die Bischöfe solche Entscheidungen. Denn sie äußerten sich zum Abtreibungs-Paragraphen 218 und zur Ehescheidung und damit zu den beiden politischen Themen, die unter Katholiken laut Schmidtchen am umstrittensten sind.
Selbst unter den Führungskadern der Kirche formierte sich diesmal der Widerstand gegen das verordnete Wahl-Votum: Pfarrer und Kapläne in den Kirchenprovinzen verweigerten ihren Oberen offen und öffentlich den Gehorsam.
In zahlreichen Städten, so in Dortmund und Frankfurt, stimmten sich zahlreiche Geistliche ab, das Hirtenwort nicht zu verkünden, sondern es zur gefälligen Bedienung für die Gottesdienstbesucher lediglich an den Kirchentüren auszulegen.
Im westfälischen Marl verfaßten drei Geistliche einen kritischen Kommentar wider die Unmündigkeit der Christenmenschen, den sie gemeinsam mit dem Hirtenwort verteilten.
Acht Kapläne der Diözese Aachen forderten ihren Bischof Hemmerle in einem offenen Brief auf, die Epistel "in der vorliegenden Form zurückzuziehen und auf derartige Wahlhilfen für die Unionsparteien zu verzichten". Die Kleriker: "Ein solcher Brief ist geistige und geistliche Nötigung und Bevormundung."
Und bei einer Umfrage der "Stuttgarter Zeitung" erklärten 16 Pfarrer der Diözese Rottenburg, sie würden die Wahlempfehlung keinesfalls mündlich an ihre Gemeinden weitergeben. Andere Priester kündigten an, sie würden das Sendschreiben zwar verlesen, sich aber von der Kanzel herab von der Bischofserklärung distanzieren.
Beistand erhielten die Kleriker an der Basis von 12 namhaften Theologieprofessoren, die ihren Oberhirten Nachhilfe in der Gotteswissenschaft erteilten. "Die Theologie und das bischöfliche Lehramt", so rügten die 12 in einem "christlichen Wort zum Hirtenbrief", "haben kein besonderes Wissen darüber, ob die staatlichen Anleihen für unsere Wirtschaft notwendig, zweckmäßig oder überhöht seien."
Sogar ein Bischof stand seinen Priestern milde bei: Der Limburger Oberhirte Wilhelm Kempf wies die Pfarrer seines Bistums an, das Hirtenwort zur Wahl "in den Sonntagsgottesdiensten vom 20./21. September" zwar zu verlesen -- aber nicht anstelle der üblichen Predigt mitten im Gottesdienst, sondern lediglich am Schluß der Messe "bei den Vermeldungen", in denen die Kirchenbesucher über die Veranstaltungen der nächsten Woche informiert werden -- ein Termin, zu dem nach landesweitem katholischem Brauch ein Großteil der Gläubigen bereits ins Freie strebt.
Zwar dementierte Kempf, daß der Ukas als Distanz zum Wahl-Votum seiner Amtsbrüder zu deuten sei, doch zugleich stellte er klar, der Hirtenbrief habe "keinen Verkündigungscharakter" und gehöre daher unter die üblichen außerliturgischen Ansagen.
Bei soviel Renitenz von unten und oben verlassen sich die katholischen Rechten denn auch lieber auf außerirdischen Trost. Der Wunsch-Kandidat Franz Josef Strauß, so munterte der vor allem unter konservativen Geistlichen verbreitete Informationsdienst "Schwarzer Brief" seine Leser auf, habe trotz allem gute Chancen, die Wahl zu gewinnen -- das habe die "populäre Wahrsagerin Dagmar Hoffmann aus Rheinfelden in Baden" verläßlich aus dem Jenseits erfahren.
S.17 Bei einem Besuch des Kardinals im Bonner Kanzleramt im April 1977. * S.19 Beim Neujahrsempfang 1980 der Bayerischen Staatsregierung. * S.23 1973 bei einer Demonstration gegen die Änderung des Paragraphen 218 auf dem Bonner Münsterplatz; neben Höffner der Paderborner Erzbischof Degenhardt. * S.25 Unter dem Schirm. *

DER SPIEGEL 39/1980
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 39/1980
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Das ist geistliche Nötigung“

Video 08:14

Filmstarts der Woche Viel Action, wenig Poesie

  • Video "Filmstarts der Woche: Viel Action, wenig Poesie" Video 08:14
    Filmstarts der Woche: Viel Action, wenig Poesie
  • Video "Freestyle-Weltrekord: Vier Salti, fünf Drehungen" Video 01:21
    Freestyle-Weltrekord: Vier Salti, fünf Drehungen
  • Video "Unterwasser-Freundschaft: Eine Robbe zum Knutschen" Video 00:38
    Unterwasser-Freundschaft: Eine Robbe zum Knutschen
  • Video "Brexit-Sorgen bei den Briten: Ich stelle mein Land infrage!" Video 02:20
    Brexit-Sorgen bei den Briten: "Ich stelle mein Land infrage!"
  • Video "Die Schweinsteiger-Show: Ich kann keine Titel garantieren" Video 02:39
    Die Schweinsteiger-Show: "Ich kann keine Titel garantieren"
  • Video "Öffentlicher Auftritt von Melania Trump: First Lady ehrt mutige Frauen" Video 00:38
    Öffentlicher Auftritt von Melania Trump: First Lady ehrt mutige Frauen
  • Video "Auf der Flucht getrennt: Vierjährige findet Mutter nach fünf Monaten wieder" Video 01:02
    Auf der Flucht getrennt: Vierjährige findet Mutter nach fünf Monaten wieder
  • Video "Feuer an Bord: Peruanisches Flugzeug muss notlanden" Video 00:31
    Feuer an Bord: Peruanisches Flugzeug muss notlanden
  • Video "Wettbewerb: Die stinkendsten Sneaker der USA" Video 00:57
    Wettbewerb: Die stinkendsten Sneaker der USA
  • Video "Taekwondo-Rekord: Reine Kopfsache" Video 01:00
    Taekwondo-Rekord: Reine Kopfsache
  • Video "Kampf gegen den Wind: Trucker verzweifelt am Werkstor" Video 00:47
    Kampf gegen den Wind: Trucker verzweifelt am Werkstor
  • Video "Dramatische Hilfsaktion in Estland: Hier wird ein Eisfischer gerettet" Video 01:22
    Dramatische Hilfsaktion in Estland: Hier wird ein Eisfischer gerettet
  • Video "Highline-Festival: Und jetzt bloß nicht stolpern!" Video 01:32
    Highline-Festival: Und jetzt bloß nicht stolpern!
  • Video "Timelapse-Video: Flug durchs Polarlicht" Video 00:42
    Timelapse-Video: Flug durchs Polarlicht