Von Goetz, Rainald
Thomas Bernhard lesen und in seine abgründige Ekel-Welt gerissen sein: das ist eins, nahezu unausweichlich. Auch der vierte Teil seiner Jugenderinnerungen entwickelt diesen längst bekannten Sog. Von den ersten Sätzen an wird das Arsenal der Schreckensworte in der üblichen Bernhardschen Virtuosität zu den üblichen Bedrückungsbildern arrangiert.
Hat der Leser nicht nach wenigen Seiten, gelangweilt vom immer-gleichen Elend, das Buch weggelegt, hat er weitergelesen, ist er schon verloren. Das Unbedingte und Monomane dieser Prosa verschlingt ihn. Seit Bernhard schreibt, ist das so.
Gibt es also nichts Neues zu berichten von Thomas Bernhard? Zunächst: Die biographische Katastrophe, wir notieren es ohne Erstaunen, nimmt wie unweigerlich ihren Fortgang. "Die Kälte. Eine Isolation" schildert die Patientenkarriere des 18jährigen Bernhard in der Lungenheilstätte Grafenhof. Was diese Krankengeschichte an Ungeheuerlichkeiten bereithält, wirkt wie erfunden.
Bei seiner Einweisung in das von der Außenwelt streng isolierte Sanatorium ist der junge Mann zwar lungenkrank, leidet jedoch nicht, wie alle anderen, an Tuberkulose. Die Ansteckung ist freilich nur eine Frage der Zeit. Als der immer routinierter produzierte Auswurf vom Labor endlich als positiv klassifiziert wird, breitet sich unter den Mitpatienten und Ärzten Zufriedenheit aus: Der bislang vergleichsweise Gesunde, als Außenseiter argwöhnisch beobachtet, kann jetzt vereinnahmt werden von der Kranken- und Todesgemeinschaft.
Er durchläuft eine Zeit der Resignation. Alle Widerstände gibt er auf und will nur noch dazugehören zu dieser "scheußlichsten und entsetzlichsten Gemeinschaft". Ein Haß entwickelt sich auf alles, was gesund ist, auf die gesamte, sich immer weiter entfernende Außenwelt.
Nur noch Maß und Gesetz der Heilanstalt: Der "achtzehnjährige Anonymus" wird Opfer jener selbstverständlichen Unterscheidung von privilegierten und normalen Patienten. Er wird Opfer eines monströsen Ärzteteams, eines Direktors, der diese Heilanstalt wie eine Strafanstalt führt. Eine Therapie findet nicht statt.
Gegen die Logik der Hoffnungslosigkeit und Selbstaufgabe mobilisiert der Patient, als er das larmoyant Theatralische seiner Leidensbereitschaft erkennt, alle ihm verfügbaren Kräfte. Er bezieht wieder den kurzzeitig aufgegebenen Beobachtungsposten, wird damit erneut zum Außenseiter und lautlosen Rebellen.
Es entwickelt sich eine wichtige Freundschaft. Ein junger Kapellmeister wird zum lang entbehrten Gesprächspartner, außerdem, in seinem kompromißlosen Willen, gesund zu werden, zum Vorbild. Das ist das eine.
Daneben beginnt der junge Bernhard, in schlaflosen Nächten und untätigen Nachmittagen, seine Herkunft zu erforschen. Und obwohl diese grüblerische Recherche nichts als Grauen zutage fördert, gibt sie Kraft: Aus der Einsicht der absoluten Absurdität seiner Existenz entwickelt Bernhard (1950, wohlgemerkt) seine eigene ebenso verzweifelte wie unbeugsame Lebensbejahung.
Es scheint zu gelingen. Der Patient wird als gesund entlassen. Doch wie die Einweisungsdiagnose falsch war, so ist es auch die Entlassungsdiagnose: Bernhard hat jetzt, die Untersuchung durch den Amtsarzt zwei Tage nach der Entlassung ergibt den verrückten Befund, die offene Lungentuberkulose. Er muß augenblicklich ein Krankenhaus aufsuchen und isoliert werden.
Alles beginnt von neuem: ein Kunstfehler beim Anlegen eines Pneumothorax, gesundheitsfeindlichste Zustände im Salzburger Landeskrankenhaus, Arroganz und Brutalität der Ärzte. Schließlich kommt der inzwischen Neunzehnjährige wieder nach Grafenhof, jetzt wirklich schwer krank. Wie schon einmal, im Internat, wird die Musik zum Hoffnungsfaden, der ihn mit dem Leben verknüpft. Monatelang -- "Ich weiß nicht mehr, wie viele Monate" -- kämpft er zugleich gegen die Verzweiflungs-Gesetze der Heilanstalt und gegen die eigene Krankheit. Aus der Zeitung erfährt er den Tod der 46jährigen Mutter; in der Folge wochenlange Agonie.
Kurz nach der Entlassung erleidet Bernhard, diesmal durch eigenes Verschulden, einen erneuten Rückfall, der zur Wiedereinweisung nach Grafenhof führt. "Aber ich weigerte mich und fuhr nicht mehr hin." So der letzte Satz.
Diese tatsächlich unglaubliche Krankengeschichte ist selbstverständlich nur eine Seite des autobiographischen Buches. Daneben Bernhards Kopfwelt: Der Vater, den Bernhard nie gekannt hat, wird eingekreist; eine schauerliche Begegnung mit dem Vater des Vaters skizziert.
Und zwischendurch drängt sich, wie in den drei vorherigen Bänden, der Widerstand des Autors nach vorn, diese Jugend freizulegen, sie "o wahr, so genau wie nur möglich zu erinnern. Hätte ich eine noch" " so geringe Scham, ich könnte ja überhaupt nicht schreiben, " " nur der Schamlose schreibt, nur der Schamlose ist befähigt, " " Sätze anzupacken und auszupacken und ganz einfach " " hinzuwerfen, nur der Schamloseste ist authentisch. "
Doch gerade da Bernhard entschlossen ist zur Schamlosigkeit der "ahrheit -- wie kann er sie schreiben? Die Sprache ist unbrauchba", " wenn es darum geht, die Wahrheit zu sagen, Mitteilung zu " " machen, sie läßt dem Schreibenden nur die Annäherung, immer " " nur die verzweifelte und dadurch auch nur zweifelhafte " " Annäherung an den Gegenstand. "
Neben diesen selbstinquisitorischen Zweifeln, den maßlosen Verzweiflungs-Obsessionen, S.230 steht der ebenso maßlose Größenwahn Thomas Bernhards, die nachsichtslosesten und gerechtesten Haß-Tiraden und Beschimpfungen.
Haben wir irgend etwas anderes -ich komme auf die eingangs gestellte Frage zurück -- haben wir nicht eben dies erwartet?
Ich glaube, wir dispensieren uns von einem wuchtigen Aspekte des Bernhardschen Werks, wenn wir den Autor immer nur als düster-irrationalen Schriftsteller wahrnehmen. Als solcher hat Bernhard einen angestammten Platz in den Köpfen der Leser zeitgenössischer Literatur. Hat man den Autor auf diesen Ort abgeschoben, kann man der Zumutung seiner Literatur halbwegs unbeschadet entkommen: Die Lektüre wird zur Expedition, angeführt von einem notorischen Querulanten, in wahnsinnige Phantasie-Welten des Schreckens.
Gewiß erschüttert kehrt man von dort in den eigenen Alltag zurück, doch nur, um zutiefst erleichtert festzustellen: So schlimm ist sie gar nicht, unsere wirkliche Wirklichkeit. Und schon hat man sich um Wesentliches von Bernhard betrogen: um das unbeugsam Rebellische gegen die unzumutbaren Bedingungen unserer Realität.
Bernhards radikal skeptische und subjektivistische Schreibweise erschien der Linken fast immer verdächtig. Als Verrat an der Aufklärung wird die alle Differenzierungen vernichtende Welt-Abscheu gelesen, als perfekte Manifestation des falschen Bewußtseins, Poetisierung einer Ideologie, die seit jeher Herrschaft sichert: Man kann nichts wissen, schon gar nicht die Wahrheit; die Welt ist die Hölle, aus der man sich nur zurückziehen kann auf sich selbst.
Ich bestreite nicht, daß da ein Aspekt -- ein auch mir problematischer -- von Bernhards Literatur richtig gesehen wird. Aber es ist eben nur einer. Daneben enthalten seine Bücher, vor allem sein autobiographisches Werk, an dem Bernhard seit 1974 mit der äußersten Konzentration, Besessenheit und Wahrheitsemphase arbeitet, ein selten erreichtes Maß an Realität.
Nur die extrem gegensätzliche Schreibhaltung teilt mir so viel über die Wirklichkeit mit: die unterkühlte, von aller Emotion, allem Persönlichen gereinigte, kaleidoskopartige Prosa von Alexander Kluge etwa. Er hat seinen Realismus des Protests mit einem (Adorno?-)Satz gerechtfertigt, der ebensogut über dem Werk von Thomas Bernhard stehen könnte: "Denn wahr ist nur, was nicht in diese Welt paßt."
Tatsächlich paßt nicht, ist nahezu unerträglich, was Bernhard mitzuteilen hat. Seine Autobiographie spielt nicht in einem geschichtslosen Abstraktum, am ewig-gleichbleibenden Ort der notwendigen menschlichen Misere, deren Beschwörung nichts als reaktionäre Resignation wäre. Nein, es geht um Österreich in den Jahren 1943 bis 1950, um S.231 die Stadt Salzburg, deren Internat, deren Armenviertel, deren Krankenhaus, deren Ärzte. Gerade in den letzten beiden Büchern ist die Welt der Krankheit und der Medizin das Thema.
Die Medizin ist, gemessen an ihrem Auftrag und Selbstverständnis, die hilfloseste Wissenschaft. Ihr Kampf gegen schwere Krankheit und Tod ist ein notwendig aussichtsloser. Fast jeder Arzt weiß dies. Die Schuld der Ärzte beginnt da, wo aus diesem Wissen nicht Bescheidenheit, ja Demut resultieren, sondern die Selbstschutzmechanismen der Forschheit, der Arroganz, eines unverschämten Machtanspruchs gegenüber dem Patienten.
Der Patient Thomas Bernhard hat die Exzesse ärztlichen Fehlverhaltens am eigenen Leib erfahren müssen. Er hat mehrmals beinahe mit dem Leben dafür bezahlt. Sein Zeugnis von diesen Ereignissen ist einzigartig, unentbehrlich. Die Nachlässigkeit der Ärzte, verbunden mit ihrer Selbstanmaßung, ist eine Niedertracht, die nicht schonungslos genug dargestellt werden kann.
Auch daß Bernhard, nach eigenem Bekenntnis, "voll Haß gegen alle Ärzte" ist, nimmt seinem Bericht nichts an Glaubwürdigkeit. Haß macht ja keineswegs blind, sondern hellsichtig in höchstem Maß. Wer versucht ist, die hier geschilderten Ärzte, allen voran den Direktor der Lungenheilanstalt, nur als grotesk überspitzte Karikaturen ihres Standes zu sehen, wer der furiosen Anklage so ihre Spitze nehmen möchte -dem empfehle ich einen längeren Aufenthalt in einer Anstalt unserer Tage, in einer psychiatrischen etwa.
Ich habe an einem derartigen Ort Zustände und Situationen erlebt, ebenso ungeheuerlich wie von Bernhard beschrieben. Unvergeßlich jene Visite, bei der ein Oberarzt -- damals Privatdozent, heute Professor -- in einem wüsten Tobsuchtsanfall die selbstgemalten, teilweise obszönen Bilder eines jungen Patienten von der Wand über dessen Bett heruntergerissen hat, wobei er die gehässigsten Beschimpfungen ausgestoßen hat. Unvergeßlich dies, vieles unvergeßlich, was ich da im Kittel des Studenten, des angehenden "Kollegen" (als der man einvernehmend bezeichnet wird) miterleben mußte, gleichermaßen zur Ohnmacht verurteilt wie die Patienten. Nach wie vor werden hier Patienten als Strafgefangene gehalten, ja als Leibeigene, bar aller Rechte.
Bernhard ist Opfer solcher Verhältnisse geworden; er stellt sie rücksichtslos dar. Es ist das Privileg einer derartigen Literatur, einseitig zu sein. Es ist ihre spezifische Möglichkeit. Fernsehfähige Ausgewogenheit würde alles vernichten. Irgendwelche Rechtfertigungen sind nicht Bernhards Thema. Er beschreibt die Situation des Patienten. Kritik muß aufwühlend und destruktiv sein, sonst nichts. Ich möchte noch einmal zu der These zurückkehren, S.232 von der ich ausgegangen bin. Sollen wir Thomas Bernhard wirklich so "realistisch" lesen? Zahlreiche Passagen des Buches sprechen doch dafür, daß man diese Krankengeschichte als "Modellfall", als "universale Allegorie" (so die Rezensenten der "Süddeutschen Zeitung" und der "Frankfurter Allgemeinen") zu verstehen hat. Bei "ernhard heißt es zum Beispiel: Die Welt ist eine Strafanstalt mi" " sehr wenig Bewegungsfreiheit. Die Hoffnungen erweisen sich " " als Trugschluß. Wirst du entlassen, betrittst du in demselben " " Augenblick wieder dieselbe Strafanstalt. Du bist ein " " Strafgefangener, sonst nichts. "
Diese Sätze gehören sicher nicht zu den erhellendsten des Buches. Doch der Residenz Verlag hat ebendiese Stelle in den Klappentext aufgenommen, bezeichnenderweise: So kennen wir unseren Thomas Bernhard, und das soll so bleiben.
Dagegen, scheint mir, sprechen einige Indizien: Es genügt immer weniger, in Bernhard nur den Schriftsteller zu sehen, der das Hohelied von der Welt als Kloake so verzweifelt unvergleichlich schön singt.
Man könnte mit den Theaterstücken argumentieren, mit deren Entwicklung zum Komödiantischen, auch Politischen. Ebenso ließe sich die nichtautobiographische Prosa als Beleg anführen: Seit dem letzten großen Roman "Korrektur" (1975), in dem seine Vertiefung in Wahnsinnswelten in jeder Hinsicht zur äußersten Konsequenz getrieben ist, hat Bernhard neben der Erzählung "Ja" (1978) eine Sammlung von Kurz-Prosa unter dem Titel "Der Stimmenimitator" (1978) veröffentlicht. Skurrilste Erfindungen sind hier mit Tatsachenberichten aus dem alltäglichen Bestiarium unserer Wirklichkeit gemischt -- gerade an dieser Prosa-Sammlung wäre gut zu illustrieren, was Bernhard alles interessiert.
Doch ich will eigentlich mit einem Selbstzeugnis argumentieren; auch weil das hier untersuchte Buch ebendiesen Charakter hat. Die ORF-Redakteurin Krista Fleischmann hat im vergangenen Herbst einen außerordentlichen Film über und mit Thomas Bernhard gedreht. Der Film wurde vom ZDF vor zwei Wochen ausgestrahlt.
Durch die kluge Diskretion der Filmerin Fleischmann entstand ein Selbst-Porträt des Autors, das einen ebenso erstaunlichen wie zwingenden Kontrapunkt zum literarischen Schaffen von Bernhard setzt:
Da parliert der 50jährige so vor sich hin, während im Hintergrund die Wellen gemächlich an den Strand von Mallorca treiben; spricht in unbekümmert freier Rede über sich, seine Idiosynkrasien, Erfahrungen und Resümees. Ohne Angst vor provokanten Biertisch-Plattheiten philosophiert er ein bißchen über die Philosophie, die Kirche, den Tod, die Liebe.
Redet da nicht Herbert Achternbusch, und jetzt plötzlich Helmut Qualtinger? Bernhard lacht. Voll Heiterkeit und Ironie arbeitet er an der Abschaffung der über ihn verhängten Klischees.
Schon vor gut zehn Jahren hat er in einem Film erklärt (nachzulesen in "Der Italiener", 1971), wie unbehaglich er sich in der Rolle des ewig tragischen Dichters fühle. Jetzt hat er diese Rolle lächelnd abgestreift. Der Text des filmischen Dokuments ist vorerst nur in dem ORF-Magazin "Nachlese" (April '81) zugänglich. Seitenweise würde ich am liebsten daraus zitieren. -- Aber Schluß.
Nein, ich täusche mich nicht: Wir sollten Thomas Bernhard mit etwas weniger Ehrfurcht und tiefsinigem Schaudern lesen und ihn dadurch zugleich ernster nehmen.
S.229
Hätte ich eine noch so geringe Scham, ich könnte ja überhaupt nicht
schreiben, nur der Schamlose schreibt, nur der Schamlose ist
befähigt, Sätze anzupacken und auszupacken und ganz einfach
hinzuwerfen, nur der Schamloseste ist authentisch.
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Die Sprache ist unbrauchbar, wenn es darum geht, die Wahrheit zu
sagen, Mitteilung zu machen, sie läßt dem Schreibenden nur die
Annäherung, immer nur die verzweifelte und dadurch auch nur
zweifelhafte Annäherung an den Gegenstand.
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S.232
Die Welt ist eine Strafanstalt mit sehr wenig Bewegungsfreiheit. Die
Hoffnungen erweisen sich als Trugschluß. Wirst du entlassen,
betrittst du in demselben Augenblick wieder dieselbe Strafanstalt.
Du bist ein Strafgefangener, sonst nichts.
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DER SPIEGEL 18/1981
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