14.07.1980

„Venceremos, tschüß“

verabschiedete sich am 4. Juni gegen Mittag "Radio Freies Wendland" von seinen Hörern: Polizei aus fast allen Bundesländern -- "3500 Beamte vor Ort plus Reserve an anderer Stelle", so das niedersächsische Innenministerium -- räumte den "Bohrplatz 1004" bei Gorleben im Kreis Lüchow-Dannenberg von Atomkraftgegnern, die dort 32 Tage lang dagegen protestiert hatten, daß der Gorlebener Salzstock auf seine Eignung als Atommülldeponie geprüft werden soll.
Die "Freie Republik Wendland", die von Hunderten Besetzern proklamiert worden war, das Dorf, das sie aus Holz gezimmert hatten -- alles wurde, weil mit Gesetz und Ordnung nicht vereinbar, aufgelöst und abgerissen. Wo es der Polizei nicht schnell genug ging, flogen auch mal wieder Knüppel auf die überwiegend "harmlosen, ganz lieben Leute" (Niedersachsens Innenminister Egbert Möcklinghoff), die sich zur Gewaltlosigkeit entschlossen hatten.
Impressionen von den letzten Stunden im Bohrplatzdorf haben die Kölner Dieter Bongartz (Text) und Josef Menzen (Bild) in einer Photomappe zusammengetragen -- Titel: "Du sagst, auch du träumst manchmal von den Blumen ..." Noch einmal spiegelt sich darin die schöne Trostlosigkeit des Wendland-Unternehmens: Pfadfinder-Idylle und die vage Hoffnung, mit Witz und Phantasie am Ende an der amtlichen Energiepolitik doch etwas ändern zu können, auf der Seite der Demonstranten; starres Pflichtgefühl und überwiegend Unverständnis für solch Demonstrieren auf Seite der Polizisten; "We shall overcome" hier, Nato-Draht da -- zwei Welten in einem Land.
Für den hannoverschen Landesbischof Eduard Lohse, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland, immerhin war einsichtig, "daß solche Menschen mit ihrem Anliegen ernst genommen werden" müssen; notwendig sei, "daß ihnen nicht unterstellt wird, sie hätten Lust am Krawall oder die Bereitschaft zum Verbrechen".

DER SPIEGEL 29/1980
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