22.09.1980

KERNENERGIENoch mal neu

Rund 100 Millionen Mark sind bislang für das Kernkraftprojekt „Biblis C“ verpulvert worden - nun wurde der Bauantrag zurückgezogen. Fraglich ist, ob der für die Energieversorgung bedeutende Betrieb je arbeiten wird.
Die Stimmung war euphorisch, als vor fünf Jahren die Rheinisch-Westfälische Elektrizitätswerk AG (RWE) bei Hessens Wirtschaftsminister Heinz Herbert Karry den Bau eines dritten Reaktorblocks für das Kernkraftzentrum Biblis beantragte. Die Energiefrage schien erledigt.
"Biblis C", verhieß das Ministerium, werde "für das Schicksal der deutschen Kernkraftwerksindustrie" und "die deutsche Stromversorgung" von "höchster Bedeutung" sein. In den "nächsten fünf Jahren", versprach RWE-Direktor August Wilhelm Eitz, werde der neue Meiler zum "Standardmodell" für andere Atomanlagen.
Biblis C ist zum Modellfall geworden, nur nicht so, wie gedacht. Es wurde die längste und kostspieligste Hängepartie im westdeutschen Kraftwerksbau, ein energiepolitisch umstrittenes, von der Verwaltung verschlepptes Bauvorhaben. Und nun sieht es so aus, als werde das Wunderwerk für die deutsche Stromversorgung auf absehbare Zeit überhaupt keine Rolle mehr spielen.
Anfang September hat das RWE, das im südhessischen Ried neben den mächtigen Blöcken A und B (mit insgesamt 2500 Megawatt Leistung) noch einen dritten 1300-Megawatt-Meiler errichten will, seinen Bauantrag überraschend zurückgezogen.
Die Essener Stromerzeuger wollen zwar "umgehend", so Eitz letzte Woche, "die gesamte Anlage" mit einigen technischen Neuerungen "noch einmal neu beantragen". Doch dies bedeutet, daß das atomrechtliche Genehmigungsverfahren wiederholt werden muß. Es schleppt sich, schlimm genug, schon seit fünf Jahren dahin, und es kostet "für jeden Tag Verlängerung", wie Ministerialrat Ulrich Thurmann dem Minister Karry vorrechnete, "volkswirtschaftlich eine halbe Million", vornehmlich Kapital- und Planungskosten.
Die langwierige Prozedur bis zur Errichtungs- und Betriebsgenehmigung, bei der Freidemokrat Karry als "Sachwalter der Sicherheitsinteressen" (Thurmann) alle vom Bauherrn RWE vorgelegten Unterlagen darauf zu prüfen hat, ob der geplante Atommeiler den gesetzlichen Vorschriften entspricht, wird wieder von vorn beginnen -- das Auslegen der Pläne, das Einholen der radioökologischen, seismographischen und meteorologischen Gutachten, die öffentliche Erörterung der Einsprüche. "Vieles ist übertragbar und kann wiederverwendet werden", beteuert Eitz, "wir gehen davon aus, daß wir 1981 die erste Teilerrichtungsgenehmigung bekommen."
Ausschlaggebend für den RWE-Beschluß waren neue Konzeptionen der Reaktorbauer der Kraftwerk Union (KWU). Sie entwickeln gegenwärtig einen Standardtyp für den deutschen Kraftwerksbau, "um den Ingenieurbearbeitungsaufwand", wie KWU-Vorstandsmitglied Wolfgang Keller erläutert, "bei Hersteller und Gutachter zu reduzieren" -- allerdings "ohne sicherheitstechnische Abstriche machen zu müssen". Karrys Abteilungsleiter Hermann Frank: "Bis auf 20 Prozent Neuerungen ist das in Biblis C schon alles von uns reingepackt."
Neben einigen baulichen Veränderungen, einem größeren Reaktorgebäude etwa, erhoffen sich die Biblis-Betreiber durch "einheitliche Technik, identische Sicherheitsberichte und den Austausch von Gutachter-Paketen" (Eitz) eine glattere Abwicklung künftiger Genehmigungsverfahren und nicht, wie zuletzt in Grafenrheinfeld, 240 000 Blatt Planungsunterlagen, die durchzuackern sind.
Nach dem neuen Fertigungsprogramm, "Baulinie 80" genannt, sollen außer Biblis C auch die Kernkraftwerke Emsland, Borken, Neckarwestheim II und Isar 2, die allesamt das atomrechtliche Genehmigungsverfahren noch nicht hinter sich haben, "zeichnungsgleich im Konvoi" (Keller) gebaut werden. Die Aufnahme von Biblis C in das Konvoi-Konzept, die nach Karry in "reibungsloser Abstimmung" mit ihm geschah, war in Wahrheit zwischen Ministerium, RWE und KWU heftig umstritten.
Als die Essener Vorstandsherren, die bundesdeutsche Haushalte und Industriebetriebe von der Nordseeküste bis nach Bayern mit Strom versorgen, dem Minister im April ihre Absicht kundtaten, das Vier-Milliarden-Projekt neu zu beantragen, hatte Karry "aus psychologischen Gesichtspunkten" erhebliche Bedenken. Gegner der Kernenergie, so der Minister zu den Managern, "würden dies mit Sicherheit als Rückzug werten" und versuchen, "dies auch entsprechend politisch-publizistisch auszuschlachten".
Der Minister schlug vor, die im Atomgesetz vorgeschriebene öffentliche Erörterung auf eine vom RWE zu liefernde Liste der technischen Änderungen zu beschränken, um damit nicht alle jene 55 000 Einwender wieder am S.63 Hals zu haben, die schon 1977 gegen Block C Einsprüche erhoben hatten.
Kernenergie-Fachleute sehen hinter der Abkehr des RWE vom alten Verfahren und die Aufnahme von Biblis in das Konvoi-Programm die Sorge, daß die Atomaufseher aus dem Ministerium Karry nicht imstande sind, das brisante Verfahren personell und politisch durchzustehen. Im Hause Karry, das eingedeckt ist mit atomaren Problemen wie Entsorgung, Kompaktlagern und Wiederaufarbeitung, fehlen erfahrene Nukleartechniker, die den Genehmigungsgang zügig und sachgerecht abwickeln können.
"Das sind Kfz-Ingenieure", urteilt ein Energie-Experte über die Ministerialbeamten, "die dividieren ein Kernkraftwerk auf die Dimension eines Mopeds runter." Dem Essener Unternehmen aber liegt daran, Biblis C "gerichtsfester" zu machen.
Die Vorsorge empfiehlt sich, weil höchstrichterliche Rechtsprechung inzwischen Regierungen und Reaktorbetreiber zur "bestmöglichen Gefahrenabwehr und Risikovorsorge" verpflichtet hat, nach dem "jeweiligen Stand von Wissenschaft und Technik".
Wenn überhaupt noch in diesem oder im nächsten Jahrzehnt, kann Biblis C schon der Prozedur wegen frühestens 1989 das RWE-Verbundnetz mit Strom speisen. Wirtschaftsminister Karry schleppt damit ein weiteres gigantisches Bauprojekt hinter sich her, mit dem er zwar ständig in die Schlagzeilen der Zeitungen, aber keinen Schritt vorankommt. Alles, was der industriefreundliche Liberale als oberster Bauherr des Landes in den letzten zehn Jahren in Angriff nahm, blieb in der Planung stecken -- eine Umgehungsstraße im Rheingau-Städtchen Eltville ebenso wie die Stadtautobahn in Frankfurt oder die Startbahn West auf dem Flughafen Rhein-Main.
"Ihr eigenes Ministerium", schrieb ihm ein hessisches Kernenergie-Unternehmen verärgert, "haben Sie nicht im Griff." Wenigstens sollte es "möglich sein", empfahl der Beschwerdeführer, die Beamten des Ministeriums "dazu zu bringen, die kerntechnische Industrie in Hessen nicht länger zu behindern". Alexander Warrikoff, Geschäftsführer der Hanauer Reaktor-Brennelement Union, warf den gemeinsam regierenden Sozial- und Freidemokraten vor, mit Parteitagsbeschlüssen das Genehmigungsverfahren für Biblis C "verschleppt zu haben".
Die endgültige Entscheidung über Biblis C, so die neueste Schätzung aus dem Ministerium, soll nun im vierten Quartal 1981 fallen. Wenn überhaupt: "Das ist unsere letzte Chance, die Genehmigung zu bekommen", sagt ahnungsvoll RWE-Direktor Eitz, "1982 kriegen wir sie sowieso nicht, da ist in Hessen wieder Landtagswahl."

DER SPIEGEL 39/1980
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