18.05.1981

DDR-WIRTSCHAFTKleiner Baum

Mit beachtlichen Aufträgen reist DDR-Regierungschef Erich Honecker nach Tokio: Beide Seiten zeigen Interesse an verstärkten Wirtschaftsbeziehungen.
Schon Ende dieser Woche können Ost-Berliner einen neuen Konsumartikel bestaunen: Da werden die ersten japanischen Autos im Autohaus Unter den Linden stehen.
Die DDR-Importeure haben es eilig: Denn ihr Partei- und Regierungschef Erich Honecker fliegt am Dienstag nächster Woche nach Japan -- da sollen ein paar Wagen vom Typ Mazda 323 den DDR-Bürgern sinnfällig vor Augen führen, wie bedeutsam die Reise auch für das konsumfreudige Volk ist.
Wunschgemäß schickte der Toyo Kogyo-Konzern schnell ein Vorauskontingent der 10 000 bestellten Mazda-Wagen nach Ost-Berlin; der Rest kommt erst im September. Und auch sonst zeigen sich die Japaner willig und beflissen, etwa wenn es darum geht, rechtzeitig zum Honecker-Besuch einige Verträge unterschriftsreif zu machen.
Seit vergangener Woche verhandelt eine 60köpfige Vorausdelegation aus Ost-Berlin mit Großunternehmen, Handelshäusern und Banken in Tokio. Wenn Honecker kommt, soll zumindest ein Großprojekt abgemacht sein: der Kauf zweier Öl-Raffinerien zu 40 und 60 Milliarden Yen -- zusammen rund eine Milliarde Mark (West).
Die Japaner scheinen an dem neuen Geschäftspartner Gefallen zu finden. Im Frühjahr hatten die Ostdeutschen bereits bei Toshiba und Nippon Electric Glass Produktionsanlagen für Farbbildröhren geordert -- Auftragswert 850 Millionen Mark.
Und auch die DDR zeigt Interesse. Im März dieses Jahres verkündete Honecker, die DDR wolle den Handelsumsatz mit Japan "in den nächsten zwei bis drei Jahren mindestens verdoppeln".
Erst Ende der siebziger Jahre waren die Geschäfte in Schwung gekommen. Noch 1976 wurden im Japan-DDR-Handel erst 162 Millionen Mark umgesetzt, 1978 bereits 389 Millionen, und ein Jahr später war das Volumen auf 1,3 Milliarden hochgeschnellt.
In diesem Jahr, so meldete die Tokioter Wirtschaftszeitung "Nihon Keizai Shimbun", soll es um Geschäfte im Wert von rund sechs Milliarden Mark gehen: Außer Raffinerien und den Mazda-Autos (für rund 90 Millionen Mark) möchte die DDR auch eine komplette Ersatzteilfabrik für DDR-Autos, eine Produktionsanlage für die Chemie-Industrie, für 400 Millionen Mark eine Gießerei und noch einiges an Elektronik einkaufen; ferner sollen die Japaner für 50 Millionen Mark ein Luxushotel in Dresden bauen.
Doch mit sechs Milliarden haben die Japaner wohl zu hoch gegriffen -- dafür dürften die DDR-Devisen nicht reichen: Westdeutsche Ost-Experten rechnen mit Aufträgen für etwa zwei Milliarden Mark.
Was die DDR nach Japan exportiert -- in erster Linie chemische Produkte und Werkzeugmaschinen --, ist bei weitem nicht genug, um die japanischen Lieferungen zu bezahlen. Weiter auf Kredit zu kaufen aber, kann sich Honecker nur noch in bescheidenem Ausmaß leisten.
Denn die DDR hat im Westen bereits einen Schuldenberg von über 20 Milliarden Mark abzutragen. Und Kompensationsgeschäfte -- Ware gegen Ware -- sind wie eh und je bei westlichen Handelspartnern unbeliebt und wenig einträglich.
So mußten Honeckers Wirtschaftsfunktionäre schon oft zu unkonventionellen Finanzierungsmethoden greifen, wenn sie die harten Devisen für interessante Geschäfte nicht aufbringen konnten. Eines der jüngsten Beispiele: der Bau des Luxushotels "Merkur" in Leipzig. Den Zuschlag erhielt der Baukonzern S.48 Kajima. Er errichtete ein rund 100 Meter hohes Hotel mit zehn Restaurants, mit japanischem Garten und Wasserspielen.
Bezahlt werden die Japaner mit den Einnahmen aus dem Hotelbetrieb -ein sicheres Geschäft. Denn in Leipzig sind, vor allem während der Messe, Betten knapp; und wer im "Merkur" absteigt, zahlt nicht in DDR-Mark, sondern in westlicher Währung. Und die Japaner haben sich, wie die Thyssen-Manager feststellte, nunmehr auch "optisch einen Stützpunkt" zugelegt.
Zu übersehen sind die Japaner ohnehin nicht mehr. Ihre Ausstellungsfläche in Leipzig war in diesem Jahr doppelt so groß wie 1980. Sie lieferten auch die dicht umlagerte Attraktion der Messe -- eine mächtige Farb-TV-Anlage von Mitsubishi, die, unter anderem, Honeckers Auftritt live auf einer Bildfläche von 46 Quadratmetern zeigte.
Zweifellos haben die Japaner einen neuen Exportmarkt aufgetan; die DDR wiederum sieht eine Chance, mit Hilfe aus Fernost ihren technologischen Rückstand -- vor allem auf dem Gebiet der Mikro-Elektronik -- aufzuholen.
Da sind die Erzkapitalisten aus Fernost höchst willkommene Helfer. Die beinharten Geschäftsleute sind etwa für die DDR-Zeitschrift "Deutsche Außenpolitik" vor allem "Wirtschaftskreise, die auf eine Weiterentwicklung friedlicher Koexistenzbeziehungen mit den Staaten des Sozialismus Wert legen".
Daß es selbst in solchen Kreisen schwer ist, auch noch ein Stück Politik zu verkaufen, müssen die DDR-Unterhändler gerade jetzt wieder in Tokio feststellen. Die DDR möchte nämlich die Japaner dazu bringen, in dem Handels- und Schiffahrtsvertrag, den Honecker nächste Woche in Tokio unterschreiben will, eine DDR-Staatsbürgerschaft anzuerkennen.
Höflich, aber bestimmt lehnten die Japaner ab. Sie möchten ihre ungleich potenteren Handelspartner in der Bundesrepublik nicht verärgern. "Wegen ein paar Autos", formulierte ein japanischer Manager, "stellen wir uns nicht unter einen kleineren Baum."
S.45 Mit dem japanischen DDR-Botschafter Junji Yamada (r.) im März 1981. *

DER SPIEGEL 21/1981
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