22.09.1980

PARTEIENDunkle Kräfte

Mit sonderbaren Wahlkampfbeiträgen belustigt und verwirrt die „Europäische Arbeiter Partei“ samt ihrer Vorsitzenden Zepp-LaRouche das TV-Publikum. Im Hintergrund: ein rechtsradikaler Unternehmer aus den USA.
Letztes Jahr fühlte sich, wie mancher andere auch, ein US-Bürger namens Lyndon Hermyle LaRouche berufen, für das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten zu kandidieren.
Der Nation präsentierte LaRouche, 58, ein Programm mit dem bescheidenen Titel: "Wie ich die USA in 30 Tagen wieder in Ordnung bringen werde." Einem Mann wie ihm die Zustimmung zu verweigern, erklärte der Außenseiter, "wäre ein Fehler, den man nur noch Wahnsinn nennen könnte".
Das Volk aber in seiner Verblendung gab LaRouche, dem Retter, und seiner "US Labor Party" (USLP) keine Chance; Amerika scheint lieber Männern wie Carter und Reagan folgen zu wollen. Dem abgeschlagenen Bewerber blieb immerhin ein Trost: Er weiß seine junge Ehefrau sowie das alte Europa fest an seiner Seite. Helga Zepp-LaRouche, 31, eine ehemalige Philosophiestudentin aus Wiesbaden, begleitete ihren Lyndon im Winter auf seiner Wahltournee und berichtete dem Publikum, etwa in Manchester im Staate New Hampshire, "daß man in Europa meinen Mann als einzige Hoffnung für die Vereinigten Staaten ansieht".
Nunmehr, nach dem Scheitern in den USA, geben die LaRouches der Welt noch einmal eine Chance: Als Spitzenkandidatin der "Europäischen Arbeiter Partei" (EAP), eines USLP-Ablegers, tritt Ehefrau Helga bei der Bundestagswahl gegen Helmut Schmidt und Franz Josef Strauß an.
Zur besten Sendezeit darf daher Frau Zepp-LaRouche -- mit vier Beiträgen von je zwei Minuten -- im Fernsehen für ihr Ziel werben, in Bonn die "großen Aufgaben der Menschheit" zu lösen. Die Voraussetzungen dafür habe sie: "Ich kenne die USA besser als Helmut Schmidt", sprach sie im ZDF, "und erst recht als Herr Strauß."
Daß die EAP bei der Bundestagswahl 1976 gerade auf 0,0180077 Prozent der Stimmen kam, scheint den Eifer der Spitzenkandidatin kaum zu beeinträchtigen. Solche Resultate stärken ihren Argwohn, daß weltweit "Wahlbetrug" im Spiel sei -- begangen von "dunklen Kräften", von denen sich die LaRouches verfolgt fühlen.
Hauptgegnerin der langmähnigen Kandidatin ist Englands Queen "Elizabeth, die Hexe von Windsor", die eine globale Front aus Geheimdiensten, Grünen, Terroristen, Drogenhändlern und Rockstars fernlenkt. Agenten der Krone, so sucht die EAP in ihren "Studien" nachzuweisen, hätten Kennedy ermordet und LaRouche auf der Abschußliste; obendrein habe England den Kreml-KGB sowie die "amerikanische Marionettenregierung" im Griff.
Klar, daß da die CIA, gleichfalls im Dienste Ihrer Majestät, wiederum Westdeutschlands Atomgegner steuert sowie Otto von Habsburg und die Jusos, die Baader-Meinhof-Bande und selbst die Pekingnesen, kurzum, das "ganze Rockefeller-Strauß-Maoisten-Ungeziefer" -- so die EAP in einer ihrer vielen "Presseerklärungen", die nirgendwo abgedruckt werden, was wiederum beweist, daß Elizabeths Agenten auch die Medien manipulieren.
So irr, so wirr diese Theorien wirken -- Bonner Politiker, aber auch außerparlamentarische Gruppen von den "Grünen" bis zur DKP sehen seit einiger Zeit Anlaß, die spinnert anmutende Partei als Störfaktor zu betrachten.
Sozialdemokraten beklagen, daß EAP-Redner mit langatmigen Beiträgen schon Hunderte von Wahldiskussionen umfunktioniert hätten. EAP-Anhänger, die sich teils als Reporter eines (parteieigenen) "International Press Service" vorstellen, haben zudem in vielen tausend Gesprächen mit Parteiprominenten, aber auch mit Juso-Unterbezirksvorsitzenden versucht, die Genossen über ihre politischen Ansichten auszuhorchen. Auf diese Weise hätten LaRouches Anhänger, sinniert ein SPD-Funktionär, im Laufe der Jahre "die vielleicht umfassendste Personendaten-Sammlung über pro- und antiamerikanische Tendenzen in Westdeutschland" anlegen können.
Die SPD-Jusos haben ihre Mitglieder inzwischen vor dem Umgang mit den neugierigen Vertretern der "sektiererischen Gruppierung" gewarnt. Als zwei EAP-Propagandisten die linke SPD-Basis mit der Mitteilung zu verwirren suchten, Willy Brandt sei ein "CIA-Agent", erstattete der Parteichef Anzeige. Das Landgericht Wiesbaden erkannte auf zweimal 12 000 Mark Geldstrafe.
Verärgert reagieren auch Atomgegner auf die properen, kurzhaarigen Schlipsträger von der EAP, die sich zwar gelegentlich linken Vokabulars bedienen, aber zugleich für "mehr Kernkraftwerke" und einen "dynamischen Kapitalismus" plädieren -- andernfalls drohe "Massenmord", "3. Weltkrieg", "Weltuntergang".
Während Kernkraft-Kritiker seit langem vermuten, die EAP sei eine Tarnfirma der Atom-Lobby, erinnert die Splitterpartei manchen Gewerkschafter an die Spitzeltrupps, die in den USA der Gründerjahre dafür besoldet wurden, daß sie sich mit wilden Sprüchen das Vertrauen der Arbeiter erschlichen, um deren Anführer auszumachen und kaltzustellen. Von der DKP wiederum werden die LaRouche-Leute, wie das Bundesamt für Verfassungsschutz in seinem Jahresbericht 1976 notierte, "als 'CIA-Agenten' gemieden", Maoisten sähen in der EAP eine "KGB-Residentur".
An Versuchen, das Rätsel EAP zu lösen, hat es nicht gefehlt. Doch die Kundschafter scheiterten an der Schweigsamkeit oder Aggressivität der LaRouche-Leute und an dem martialisch anmutenden Sicherheitskordon, S.132 mit dem die Mini-Partei ihre Zentrale in dem Wiesbadener Eckhaus Schiersteiner Straße 6 umgibt. In einer 1977 verfaßten "nti-EAP-Dokumentation schrieben anonyme Atomgegner: In dem mit " " zwei abgeschlossenen Türen abgesicherten Treppenhaus ist eine " " Videokamera montiert, die jeden Besucher überwacht. Auf dem " " obersten Balkon des vierstöckigen Hauses steht rund um die " " Uhr ein Wachtposten. Auf dem Dach (sind) eine weitere Kamera " " und ein Scheinwerfer und im Hof noch drei Scheinwerfer " " montiert, die die ganze Nacht den Hinterhof und die " " gegenüberliegenden Häuser bestreichen. "
Was hinter den verschlossenen Türen vorgeht, deutet darauf hin, daß der deutsche EAP-Zweig mit seinen rund 250 Mitgliedern über stattliche finanzielle Hilfsmittel verfügt. Mit modernem Lichtsatzgerät wird ein Wochenblatt "Neue Solidarität" produziert, an dem Korrespondenten in 26 lateinamerikanischen und europäischen, darunter zehn westdeutschen Zweigbüros mitarbeiten und das weltweit in neun Sprachen erscheint. Eine Telex-Standleitung verbindet Helga Zepps Zentrale mit dem New Yorker Hauptquartier; gelegentlich kommt Gatte Lyndon herübergejettet.
Jenseits des Atlantiks liegt, so scheint es, der Schlüssel zum Verständnis der EAP-Aktionen. Vor Monaten schon ist es -- von vielen deutschen EAP-Gegnern kaum bemerkt -- zwei amerikanischen Journalisten gelungen, durch Einsichtnahme in Prozeßakten und Gespräche mit USLP-Abtrünnigen das düstere Reich des Lyndon LaRouche ein wenig auszuleuchten.
Recherchen der "New York Times"-Reporter Howard Blum und Paul L. Montgomery ergaben Überraschendes: LaRouche, der jahrelang gegen "die Rockefeller-Kräfte" wetterte, kontrolliert in Manhattan ein Firmenimperium, das Druck-, EDV- und Lichtsatz-Unternehmen wie die "Computron Technologies Corporation" und die "World Composition Services" umfaßt. Jährliche Einnahmen: fünf Millionen Dollar.
Zu den Kunden dieser Unternehmen zählen ebenjene Wirtschaftsgiganten, als deren Gegner LaRouche sich ausgab, darunter die mit der Rockefeller-Familie verbundene Mobil Oil und die Citibank, die American Telephone and Telegraph sowie die Ford Foundation.
Seit 1976 beliefert LaRouche, nach eigener Darstellung Chef eines "privaten internationalen politischen Nachrichtendienstes", das FBI, örtliche Polizeistellen sowie diverse Unternehmensleitungen mit Dossiers über linke Gruppierungen. Seit 1977 wird die Weitergabe von Informationen, die seine internationale Anhängerschaft sammelt, laut "New York Times" kommerziell betrieben.
So gingen USLP-Erkenntnisse über Apartheid-Gegner an den südafrikanischen Geheimdienst "Boss". Während der Schah-Ära wurde die mörderische iranische "Savak" mit Meldungen über linke Opponenten versorgt. Energieunternehmen bezogen von LaRouche -- der auch eine profitable, steuerbegünstigte "Fusion Energy Foundation" zwecks Propagierung der Kernkraft gründen ließ -- Angaben über die internationale Anti-Atom-Bewegung.
"Nahezu täglich" tauschten, laut "New York Times", USLP-Offizielle Informationen auch mit einem gewissen Roy Frankhouser aus, der sich als "Großdrachen" des Ku-Klux-Klan bezeichnet, zu den Aktivisten der amerikanischen Nazi-Partei zählte, gern in schwarzer Uniform auftritt und vorbestraft ist wegen Handels mit einer halben Tonne gestohlenem Dynamit.
Von den beiden obersten Stockwerken eines Hochhauses in Manhattan aus, wo sich sorgfältig gekleidete junge Männer über Fernschreiber, Landkarten und Computer-Bogen beugen, steuert LaRouche seine rund tausendköpfige Kerntruppe, die -- wie in religiösen Jugendsekten -- von ihrem Polit-Guru psychisch abhängig scheint.
Angebliche Gehirnwäsche-Versuche ihrer Gegner (LaRouche: "Operation Paranoia") dienten als Vorwand, mögliche Abweichler mit "tiefenanalytischer Therapie" und mit endlosen Verhören bei Entzug von Schlaf und Nahrung auf Vordermann zu bringen, zu "deprogammieren" (LaRouche).
Ständig aufgefrischte Gerüchte über internationale Mordverschwörungen gegen den USLP-Führer tun ein übriges, die Massenpsychose am Leben zu erhalten. US-Blätter sehen in LaRouche S.133 denn auch einen "politischen Jim Jones", ebenbürtig jenem Prediger, der 1978 in Guayana mehr als 900 Sektierer in den Selbstmord führte.
Ein Teil der USLP-Mitglieder ist laut "New York Times" im Kampf mit Pistole, Messer und Gewehr gedrillt. Ihr Lehrer war der Anti-Guerilla-Experte und Waffenhändler Mitchell L. WerBell, der auch lateinamerikanischen Diktatoren wie Fulgencio Batista und Anastasio Somoza als Berater gedient hat.
LaRouches politische Laufbahn begann in den sechziger Jahren, als er sich Lyn Marcus nannte und sich als Unternehmensberater und Trotzkist ausgab. Nachdem die von der CIA unterwanderten "Students for a Democratic Society" (SDS) ihn mangels politischer Zuverlässigkeit ausgeschlossen hatten, sammelte er Anhänger in "Labor Committees", die 1972 erstmals auch in Deutschland auftraten; als Schatzmeisterin der "European Labor Committees" amtierte damals eine Helga Ljustina, LaRouches heutige Ehefrau (SPIEGEL 18/1974).
In der ersten Hälfte der siebziger Jahre dirigierte LaRouche in den USA eine blutige Säuberungsaktion ("Operation Mop-Up"): Angeblich um seinen Anspruch auf "die führende Rolle der Labor Committees in der amerikanischen Linken" durchzusetzen, ließ Marcus/LaRouche kommunistische Versammlungen von Schlägertrupps überfallen und aktive Gewerkschafter als "CIA-Agenten" diffamieren.
Die alte LaRouche-Strategie -linksradikale Ideologie, antikommunistische Praxis -- wurde 1976 durch ein neues Konzept abgelöst. Seither gibt sich die Labor Party auch verbal als rechtsextreme Kampfgruppe zu erkennen, die antisemitische Hetze gegen "zionistische Rauschgiftschmuggler" verbreitet, gegen "liberales Gift" und "Schwule" agitiert und Atom-Kritiker als "Hochverräter" oder "Terroristen" behandelt wissen will.
In letzter Zeit allerdings, nachdem in der westdeutschen Polit-Szene das Mißtrauen gegen die EAP-Apostel gewachsen ist, bedienen sie sich eines zweiten, unverdächtigen Firmenschildes. Letztes Jahr gründeten LaRouche-Anhänger in Wiesbaden eine "Anti-Drogen-Koalition" (ADK), die vorgibt, "Krieg dem Rauschgift" (Aufkleber-Text) zu führen, in Wahrheit aber das Drogen-Problem zum Anlaß nimmt, um ihre abenteuerlichen Theorien zu propagieren: Schuld am Rauschgift-Boom seien, so die ADK-Ideologen, der Buckingham-Palast und die Mafia als "Nebenprodukt britischer Subversion, des Vatikans und führender Unternehmerkreise".
Seriöse Suchtberater geben die Empfehlung aus, mit der ADK nicht zu kooperieren. Hohen Ministerial- und Polizeibeamten ist der eigenartige Charakter der "Anti-Drogen-Koalition" offenbar noch nicht aufgegangen -- vielleicht, weil die EAP seit ihrer offenen Rechtswendung für Westdeutschlands Staatsschützer "kein Beobachtungsobjekt" mehr ist.
Bei der Polizei erfreuen sich die "sehr netten, intelligenten und ordentlichen jungen Leute" (ein hessischer Innenministerialer) offenbar gar gewisser Sympathien. Zur Gründungsversammlung der Anti-Drogen-Koalition konnten EAP-Funktionäre auf dem Podium einen Vertreter des Mainzer Landeskriminalamtes willkommen heißen. Bonns Innenminister Baum, verlautbarte die ADK, habe ein Grußschreiben schicken lassen.
Da nimmt es nicht wunder, daß der ADK-Aufkleber "Krieg dem Rauschgift", den LaRouches Fußvolk derzeit überall im Bundesgebiet verteilt, auch auf Streifenwagen der Hamburger Polizei klebt.
S.132
In dem mit zwei abgeschlossenen Türen abgesicherten Treppenhaus ist
eine Videokamera montiert, die jeden Besucher überwacht. Auf dem
obersten Balkon des vierstöckigen Hauses steht rund um die Uhr ein
Wachtposten. Auf dem Dach (sind) eine weitere Kamera und ein
Scheinwerfer und im Hof noch drei Scheinwerfer montiert, die die
ganze Nacht den Hinterhof und die gegenüberliegenden Häuser
bestreichen.
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DER SPIEGEL 39/1980
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