01.12.1980

Jedes Jahr 10 000 Tote durch Asbest?

Der Umgang mit Asbest, scheinbar unentbehrlich in Haushalt und Industrie, fördert Lungenkrankheiten und Krebs - doch offizielle Statistiken verschleiern die Gefahr. In einer bislang unveröffentlichten Untersuchung des Umweltbundesamtes werden Verwendungsbeschränkungen für den Stoff gefordert, die Industrie verharmlost.
Der Stoff", schwärmt Paul Bornemann, Direktor bei der Eternit AG in Berlin, "ist durch nichts zu übertreffen."
Ohne ihn keine Blumenschale "Palma", die "für das grüne Leben im Zimmer" sorgt, keine Platten für "repräsentative Dächer in klassischer Deckungsart", kein rechter Schallschutz, keine ordentliche Wärmedämmung. Er ist unübertrefflich und auch "unersetzbar", wie der Diplom-Ingenieur findet.
Der Stoff isoliert die Stahlskelette der Hochhäuser, steckt in Autoreifen wie Fußböden oder Haarfönen. Er läßt, im Talkum, Babypuder sanft über die Haut gleiten, und "termitenbeständig", beteuert die Reklame, ist er auch noch.
Das "Material der tausend Möglichkeiten" brennt nicht und wehrt Nässe ab, läßt sich mit Zement mischen (Eternit) und zur Textilie verspinnen (Isoliermatten). Es trotzt Säuren, es ist einfach unauslöschlich, unvergänglich, und das besagt auch sein griechischer Name: Asbestos.
Ohne Asbest wäre die Industriegesellschaft nicht das, was sie ist. Allein die Bauwirtschaft verarbeitet jährlich über 100 000 Tonnen dieses Stoffs in Produkte aus Asbestzement. Und gäbe es Asbest nicht, käme es womöglich, wie der "Wirtschaftsverband Asbest e. V." propagiert, zu folgenschwerer Umweltvergiftung. Ohne diese Substanz, so besagt eine "Dokumentation zur Problematik von Verwendungsbeschränkungen", stehen gar "Gesundheitsrisiken für die gesamte Bevölkerung" an.
Allerdings: mit Asbest erst recht.
Bei der Mülheimer Isolierfirma Tapp KG (rund 100 Beschäftigte) starben seit 1964 wenigstens 15 Beschäftigte an Asbestkrankheiten, weiteren 44 Arbeitnehmern bestätigte die zuständige "Maschinenbau und Kleineisenindustrie Berufsgenossenschaft" eine "Minderung der Erwerbsfähigkeit" und zahlte ihnen vorzeitig Rente.
Die Kranken hatten feuerfeste Matten aus Blauasbest für die Isolierung von Dampflokomotiven genäht oder Turbinen mit dem hitzebeständigen Material isoliert -ein Arbeitsgang, bei dem Asbest aufgespritzt wird. Die mikroskopisch feinen Fäden des versprühten Minerals wurden von den Arbeitern eingeatmet und setzten sich in den Lungen fest.
Bei der Isolierfirma Schuh + Co. in Essen und Hamburg starben, so die Unterlagen der Berufsgenossenschaft, innerhalb von neun Jahren 20 Arbeiter durch Asbest -- an Krebs oder an Lungenversteifung; der jüngste war 26 Jahre alt. Über 70 Meldungen wegen einschlägiger Berufskrankheiten reichten Mitarbeiter dieser Firma (700 Beschäftigte) bei der Berufsgenossenschaft ein.
Zwar wurde das risikoreiche Asbest-Spritzverfahren vergangenes Jahr in S.85 der Bundesrepublik verboten, doch werden wohl "viele sterben müssen, bevor es uns richtig bewußt wird, was wir uns mit dem Stoff eingehandelt haben", fürchtet der ehemalige Mülheimer SPD-Abgeordnete Willi Müller, der sich jahrelang im Europa-Parlament gegen Asbest stark gemacht hatte.
Die Erkenntnis, daß Asbest und Tod miteinander verknüpft sind, ist so alt wie die industrielle Verarbeitung der faserigen Silikatminerale, die sich durch wechselnden Gehalt an Magnesium und Eisen voneinander unterscheiden. Chrysotil, wie die meist weiße oder gelbliche Asbestart heißt, macht etwa 90 Prozent der Weltproduktion aus, Blauasbest, Krokydolit etwa vier Prozent. Der Stoff wird vornehmlich aus Kanada, der Sowjet-Union oder Südafrika importiert; ergiebige Lager in der Bundesrepublik gibt es nicht.
Bereits um 1900 erkannte der Engländer Montague Murray als erster den tödlichen Zusammenhang zwischen Asbestverarbeitung und Krankheit. Vor einer Entschädigungskammer für Berufskrankheiten wies der Mediziner nach, daß ein 35jähriger Arbeiter an nichts anderem als Asbeststaub gestorben sein konnte -- seine Lunge war vollgepfropft mit "spicules of asbestos", wie die Obduktion ergeben hatte.
Im Raum Hamburg-Bergedorf, in dem bis vor kurzem zwei Asbestbetriebe Hunderte von Arbeitern beschäftigten, kursierten schon nach dem Ersten Weltkrieg Sprüche wie: "Mädchen aus Asbestfabriken sind keine gute Partie, in ihren Lungen wächst der Asbest weiter."
Familienschicksale wie das der Konrads,
( Name von der Redaktion geändert. )
die in den Bergedorfer Fabriken seit der Jahrhundertwende ihr Geld verdienten, waren keine Seltenheit. Elise Konrad starb 1971. Die Obduktion ergab Asbestose; schon der Großvater war "lungenkrank", vermerken die Fürsorgeakten, der Bruder starb 1930 an Lungentuberkulose, und Schwester Adele, die 1934 für nur ein Jahr in der Spinnerei mit den Fasern zu schaffen hatte, erhielt 1967 eine "Minderung der Erwerbsfähigkeit von 40 Prozent" zuerkannt -wegen Asbestose, einer Lungenversteifung infolge andauernder Asbestablagerung.
Ein prominentes Opfer des Stoffs wurde offenbar auch, wie das US-Magazin "Newsweek" vermutet, der unlängst an Krebs gestorbene amerikanische Schauspieler Steve McQueen. Asbestkrankheit und Krebs von McQueen sind womöglich die Folgen seiner früheren Rennfahrerzeit, während der er übermäßig mit Asbest in Berührung kam.
Wie bei allen Gefährdungen, die von industriell erzeugten Umweltbelastungen herrühren, erschließt sich den Bürgern das Risiko nur mühsam. Forschungsergebnisse werden mal so, mal so gedeutet, Umweltschützer beschwören die Gefahr, die Industrie verharmlost, und die Behörden tun sich schwer.
Nur mählich werden die westdeutschen Bestimmungen verschärft, die den Umgang mit Asbest regeln -- Nachbarländer schätzen die Gefahr ganz anders ein: Schweden, Dänemark und die Niederlande haben die Verwendung von Asbest generell verboten. In den USA wird Asbest zu den zehn gefährlichsten Industriegiften gerechnet, die Krebs erzeugen.
Die technisch vorteilhaften Eigenschaften der Minerale haben die Asbest-Weltproduktion von 500 Tonnen im Jahr 1880 auf rund 5,2 Millionen Tonnen heute hochschnellen lassen, und bei unvermindert hohem Gebrauch von Asbest ist denn auch eine hohe Opferquote zu befürchten.
So rechnen das amerikanische Nationalinstitut für Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz, das Nationale Krebsinstitut und das Nationalinstitut für umweltbezogene Gesundheitswissenschaften übereinstimmend für die nächsten 35 Jahre in den USA mit über zwei Millionen Toten "infolge von Krebserkrankungen im Zusammenhang mit Asbest" -- mithin zwischen "58 000 bis 75 000 jährlich".
Für die Bundesrepublik sehen die Schätzungen nicht besser aus. Reinhold Konstanty, Leiter der Abteilung Arbeitsschutz beim DGB in Düsseldorf, hält "10 000 Asbesttote jährlich" für eine "vorsichtige und zurückhaltende Schätzung -- mit steigender Tendenz".
Solch dramatische Prognosen freilich hält die deutsche Asbestindustrie für unzulässig. Die Branche verweist vor allem auf Angaben der Berufsgenossenschaften, wonach in den vergangenen Jahrzehnten gerade 112 Krebsfälle im Asbestbereich als Berufskrankheit anerkannt wurden -- eine Zahl allerdings, die wenig wiegt, denn Fehlerquellen sind offensichtlich.
Die "Zentrale Erfassungsstelle asbeststaubgefährdeter Arbeitnehmer" bei der Textilberufsgenossenschaft in Augsburg hatte Mitte des Jahres lediglich 32 014 der rund 50 000 exponierten Arbeitnehmer registriert, die nach Angaben der Berufsgenossenschaften in diesem Bereich arbeiten. Und vier Berufsgenossenschaften der Gruppe Bau etwa hatten 1979 überhaupt keine Arbeitnehmer mit Asbestberührung gemeldet, S.87 obwohl gerade in der Bauwirtschaft Asbestzement-Produkte täglich verarbeitet werden.
Schon gar nicht tauchen in den Statistiken Dachdecker oder Kraftfahrzeugmechaniker auf, die gelegentlich beim Zuschneiden von Eternitplatten oder beim Ausblasen von Auto-Bremstrommeln dem Asbest ausgesetzt sind.
Der DGB sieht "über eine Million Arbeitnehmer durch ihre Arbeit der Einwirkung von Asbeststaub ausgesetzt" und kritisierte im April bei Bundesminister Ehrenberg brieflich die offizielle Berufskrankheitenstatistik.
Ebenso melden Wissenschaftler Zweifel an. Der Dortmunder Pathologe Professor Herbert Otto stellte in den Jahren 1976 und 1977 bei 63 000 Autopsien in rund 200 Fällen Zusammenhänge zwischen den Mineralen und tödlichen Bauch- oder Rippenfelltumoren fest. Die "Zentrale Erfassungsstelle" hingegen entschädigte 1978 nur 32 Fälle. Rechne man sein Ergebnis hoch, meint Otto, "kommen wir zwangsläufig auf eine bedeutend höhere Zahl an Krebstoten".
Die Diskrepanz zwischen verlautbarter Statistik und der tatsächlichen Zahl an Opfern erklärt ein Sachbearbeiter bei einer Berufsgenossenschaft auch mit dem dort üblichen Zählverfahren: "Wenn ein Arbeiter wegen Asbestose schon auf Rente gegangen ist und zwei Jahre später an Lungenkrebs stirbt, taucht er in unserer Todesstatistik nicht mehr auf -- der ist ja offiziell an Asbestose ausgeschieden."
Paul Versen, Direktor beim Hauptverband der gewerblichen Berufsgenossenschaften, gestand denn auch auf einer Fachtagung "Asbest" in Bad Godesberg in diesem Jahr ein, "daß sicher ein Teil der berufsbedingten Asbesterkrankungen nicht erfaßt worden ist".
Untersuchungen in den USA stützten diese These. Dort prüfte 1978 ein Wissenschaftler-Team insgesamt 1946 Todesscheine verstorbener Asbestarbeiter. Ergebnis: In vielen Fällen hatten die Doktoren als Todesursache nicht die nachweisbare Berufskrankheit, sondern andere Ursachen auf dem amtlichen Schein vermerkt.
Auch in Deutschland war es, wenn Asbestarbeiter zum Arzt kamen, lange Zeit die Regel, daß die Beschwerden "dem Arzt und seinen Kranken als ''Asthma, Bronchitis oder Herzinsuffizienz'' imponierten", wie eine Mediziner-Promotion an der Universität Hamburg den Diagnosestandard vergangener Jahre beschreibt, "in Wirklichkeit" dürfte das aber "Asbestose oder Asbestkrebs" gewesen sein.
Asbestose, eine Erkrankung, bei der -- wie es Kohlenstaub bei der "Bergmannslunge" bewirkt -- Asbeststaub die Lungenflügel so versteift, daß sie keinen Sauerstoff mehr aufnehmen können, ist schon seit 1936 als Berufskrankheit anerkannt. Und bereits 1938 fanden deutsche Ärzte heraus, daß Lungenkrebs bei Patienten, die schon eine Asbestose hatten, von dieser ersten Schädigung herrührte -- fünf Jahre später wurde Lungenkrebs gleichfalls als Berufskrankheit akzeptiert. Seit 1977 sind die Berufsgenossenschaften bereit, Rippen- oder Bauchfellkrebs, an dem Asbestarbeiter erkranken, gleichfalls als durch Asbest verursacht anzusehen.
Auslöser für die Lungenvernarbung und die Tumore sind die Asbestfasern mit einer Dicke von weniger als drei Tausendstel Millimeter und mehr als fünf Tausendstel Millimeter Länge, die beim Umgang mit Asbest staubfein in die Atemluft geraten. "Was die Gefährlichkeit dieser Faser angeht", sagt der Gießener Arbeitsmediziner und Asbestexperte Hans-Joachim Woitowitz, so "hat international ein Meinungswandel stattgefunden".
In einer noch unveröffentlichten Analyse für das Umweltbundesamt in Berlin kommt Woitowitz zu einem Resümee, das vor ihm auch schon amerikanische Wissenschaftler gezogen haben: "Bei den zum Teil extremen Staubverhältnissen der Vergangenheit sind Todesfälle durch Asbestose so zahlreich aufgetreten, daß viele der Beschäftigten nicht lange genug lebten, um zusätzlich noch an einem erst nach langer Latenzzeit auftretenden Tumor zu erkranken."
Langjährige Untersuchungen, die eindeutig die krebserzeugende Wirkung von Asbest nachweisen, veranlaßten in den USA das Nationalinstitut für Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz schon vor Jahren, die Minerale unter die zehn gefährlichsten Stoffe einer Gruppe von 86 einzuordnen, die in der Industrie gebräuchlich sind und zweifelsfrei Krebs verursachen. In der Bundesrepublik dagegen habe man da, "was die Erkenntnislage angeht, noch einen gewaltigen Nachholbedarf".
Was Gesundheitsvorsorge sein soll, orientiert sich hier allzuoft noch an der brachialen Devise, daß eben Späne fallen, wo gehobelt wird. Als sich beispielsweise der Betriebsratsvorsitzende der Mülheimer Tapp KG Kurt Ledwand wegen der Todesfälle in dem Isolierbetrieb vor zwei Jahren an den Asbestexperten Heinz Bohlig, Chefarzt der Strahlenabteilung des Kreiskrankenhauses Lüdenscheid, wandte, belehrte ihn der brieflich:
"So schlimm für jeden Betroffenen eine Erkrankung, also auch eine Berufskrankheit ist ... müssen wir uns vor Augen halten, daß bereits die ersten Menschen mit der Herstellung allererster Werkzeuge sich durch diese selbst gefährdet haben. Segen und Fluch jeder Neuerung liegen nahe beieinander. Die Menschheit arbeitet bereits seit der Steinzeit mit Asbest und ist bisher nicht ausgestorben, im Gegenteil, sie vermehrt sich rasch."
Was schon logisch allerdings mitnichten ausschließt, daß immer mehr Menschen an selbstgemachter Umweltvergiftung sterben. Und gewiß wächst fürs erste noch die Asbestgefahr. Denn ähnlich wie einst das giftige Pflanzenschutzmittel DDT weltweit S.90 den Erdboden verseuchte, droht nun durch Asbeststaub eine fortschreitende Verseuchung der Luft.
In der Bundesrepublik, so viel ist sicher, sind die Todesfasern überall einzuatmen. An der Ruhr-Universität in Bochum hat der Mediziner Hans Joachim Richter 127 Lungen seziert und dabei in 84 Fällen, beim einjährigen Kind ebenso wie beim 82jährigen Greis, Asbestfasern gefunden.
Richters Fazit, schon 1971 formuliert: Der "hohe Prozentsatz Asbestkörperchen in den Lungen der Durchschnittsbevölkerung" stütze die Vermutung hinsichtlich einer "ubiquitären Verbreitung von Asbestfasern in den Großstädten der Industrieländer". Aus der weltweit noch steigenden Asbestproduktion ergebe sich "begründeter Verdacht" auch auf steigende Gesundheitsgefährdung "für große Bevölkerungskreise".
Das internationale Krebsforschungsinstitut der Weltgesundheitsorganisation in Lyon konstatiert, daß sich gegenwärtig überhaupt kein Schwellenwert der Asbeststaub-Konzentration angeben lasse, der ein Krebsrisiko ausschließt. Auch der Internationale Metallgewerkschaftsbund (angeschlossen sind 165 Metallgewerkschaften mit 13,5 Millionen Mitgliedern) in Genf sieht deshalb nur den Ausweg, über kurz oder lang auf Asbest zu verzichten: Es gebe "nur einen Schwellengrenzwert für Asbest, der Schutz gegen Krankheiten bietet: null".
Davon aber ist die Bundesrepublik weit entfernt. Messungen in der Düsseldorfer Innenstadt bestätigen den hohen Asbestanteil in der Luft -- bis 31 400 Asbestfasern pro Kubikmeter sammelten sich in den Filtern der Meßgeräte. Das Frankfurter Forschungsinstitut Battelle ermittelte in einem Krankenhaus der Mainmetropole gar bis zu 75 000 Fasern.
Woher stammt das gefährliche Zeug? 25 Millionen Autos garantieren in der Bundesrepublik jährlich 13 000 Kilo Asbeststaub, der beim Bremsen frei wird; die Beläge sind asbesthaltig. Straßendecken auf extrem beanspruchten Strecken, etwa Kriechspuren der Autobahnen oder Kreuzungen, sind mit dem widerstandsfähigen Mineral versetzt und sondern weitere 200 000 Kilo Staub ab.
Seit der Österreicher Ludwig Hatschek um die Jahrhundertwende die Eigenschaften von Asbest für die Bauindustrie in Form von Asbestzement nutzbar machte, ist auch durch Eternit für steten Nachschub gesorgt. Ob es nun Abzugsrohre für Klimaanlagen oder Industrieabgase sind, Decken- und Wandverkleidungen, Welldächer oder Schindeln -- Kontrollen auf Baustellen ergaben "so hohe Emissionen", daß die Anzahl der Fasern gar "nicht auszuwerten war" (Umweltbundesamt).
Die Hobbybastler, die mit ihrer Black und Decker mal schnell Wärmeplatten zurechtschleifen oder beschichtete Eternit-Platten im Bad aufbohren, um einen Handtuchhalter zu montieren, haben, so Diplomingenieur Wolfgang Lohrer aus dem Umweltbundesamt, "keine Ahnung, worauf sie sich da einlassen" -- kein warnender Hinweis, wie etwa in England Brauch, macht sie auf die Gefahr aufmerksam.
Ständig Asbeststaub produzieren die Hausfassaden und Welldächer aus Eternit, die vor allem in den fünfziger und sechziger Jahren entstanden sind. Tests ergaben, daß Sonne, Frost und Regen nach rund einem Jahrzehnt die Zementschicht abgedeckt und das Faservlies des Asbests freigelegt haben. Für das Umweltamt ist es dann "nur eine Frage der Zeit, wann der Asbest in feinster Faserform" abgetragen wird.
So kommt auch das Battelle-Institut zu dem Schluß, daß "die derzeit geschätzte produktspezifische Emission die industrielle Emission bereits um ein Mehrfaches übersteigt". Und für die Zukunft rechnen die Forscher -"auch bei stagnierendem Verbrauch" -- noch mit einer Zunahme des "atmosphärischen Staubpegels".
Doch: "Ohne Wachstum und technischen Fortschritt wäre das Restrisiko, dem wir auf vielen Gebieten unseres Lebens begegnen, vielleicht etwas kleiner, aber die Gefahr für Wohlstand und Arbeitsplätze größer", rechtfertigt sich die deutsche Asbestindustrie, obschon bereits 1976 auch die EG-Kommission erstmals Asbestalarm schlug.
Die Brüsseler Eurokraten schreckten durch Untersuchungen auf, nach denen "bei über 80 Prozent der Autopsien von Einwohnern der Städte London und New York" eine große Anzahl von Asbestfasern in den Lungen gefunden wurden. Damit könnte, formulierte der EG-Ausschuß für Umwelt und Gesundheit noch etwas zaghaft, "die schwerwiegendste Schlußfolgerung ... lauten, daß Asbest als endemischer Faktor Lungenverseuchung der Städtebewohner zu betrachten ist".
Eine Untersuchungskommission des Europa-Parlaments war zu eindeutigen Ergebnissen gekommen. Der britische Abgeordnete John Evans legte den Bericht Ende 1977 vor. Der Ausschuß
* sah es als erwiesen an, daß Asbest für Arbeiter in der Asbestindustrie und für Menschen, die sonst mit Asbest in Berührung kommen, "eine Gefahr darstellt" und daß es "Zeit ist, daraus Konsequenzen zu ziehen",
* stellte fest, "daß Asbest ein krebserregender Stoff ist" und mithin die "Festsetzung zulässiger Höchstgrenzen" sowohl "undurchführbar als auch wirkungslos wäre", und
* befürwortete deshalb ein Verbot von Asbest -- "kurzfristig sind Maßnahmen für den Ersatz aller Asbesterzeugnisse zu treffen", vor allem, sofern "bereits unschädliche und brauchbare Ersatzstoffe vorhanden" seien.
Diesen EG-Forderungen schließt sich inzwischen auch das Umweltbundesamt in Berlin an. In einer rund 400 Seiten starken Dokumentation, die Ende des Jahres veröffentlicht werden soll, fordern die amtlichen Umweltschützer "Verwendungsbeschränkungen asbesthaltiger Produkte" und die "Herstellung und Verwendung asbestfreier Substitute".
Statt Wärme-, Brandschutz- oder Schalldämmplatten aus Asbestzement S.92 sollen in Zukunft Gesteinswolle, Blech oder Blähbeton verwendet werden; Metallbeläge, Naturfasern wie Baumwolle oder Glasfasergewebe sollen asbesthaltige Bremsbeläge, Flüssigkeitsfilter oder Asbesttextilien wie Feuerschutzkleidung ersetzen. Alles Ersatzstoffe, die das Umweltbundesamt für "anwendungsreif und im Handel verfügbar" hält.
Noch wehrt sich die Industrie gegen diesen Trend. Kaum hatte das Europa-Parlament gegen die Asbestverarbeitung Stellung bezogen, trat die Lobby an. Daß "wir trotz nachhaltiger Bemühungen" die Veröffentlichung dieses Berichtes und seiner Entschließungsanträge "nicht verhindern konnten", bedauerte der Asbestverband e. V. in einem vertraulichen Rundschreiben an seine Mitglieder; jetzt werde man bei "rund 800 Persönlichkeiten des Deutschen Bundestages, der Landtage, des Europa-Parlamentes" und der "zuständigen Ministerien und Behörden" vorstellig -- um Beschränkungen abzuwehren.
So lud auch das Interessenkartell "Asbestos International Association", eine Union asbestverarbeitender europäischer Firmen, Abgeordnete des Europa-Parlaments in Straßburg ein, um, wie sich der damalige SPD-Abgeordnete Willi Müller erinnert, "uns mit dem Hinweis auf die schwierige wirtschaftliche Lage der Industrie weich zu klopfen".
Im Bonner Bundestag nahm sich der nordrhein-westfälische CDU-Parlamentarier Hugo Hammans der Industrieinteressen an, wertete die EG-Aussagen als unseriös und warnte davor, den "einseitig orientierten Bericht" ohne Rat "der Asbestindustrie" zu verwerten.
In Informationsschriften wie "Auskunft über Asbest" ließen deutsche Firmen über ihr eigenes "Asbest-Institut für Arbeits- und Umweltschutz e. V." in Neuss plötzlich Auskunft über die angebliche Harmlosigkeit der lebensgefährlichen Minerale erteilen.
Eindeutige Zusammenhänge zwischen Krebs und Staubfäden seien "schwer zu ermitteln", hieß es darin. Allenfalls bei "unsachgemäßer Bearbeitung" könne "eine Gesundheitsgefährdung" auftreten, Krebs sei mehr oder minder eine Frage "individueller Veranlagung und Abwehrbereitschaft".
Gleichzeitig versuchten die Lobbyisten in ihrer konzertierten Aktion mit düsteren Konjunkturprognosen angst zu machen: Volkswirtschaftliche Schäden müßten entstehen, falls "es unseren vereinten Bemühungen nicht gelingen" sollte, Verwendungsbeschränkungen "völlig zu vermeiden", schreibt der Wirtschaftsverband Asbest vertraulich an seine Mitgliedsfirmen.
30 000 Arbeitsplätze seien in Gefahr, warnte die Industrie-"Dokumentation zur Problematik von Verwendungsbeschränkungen", rund 2,5 Milliarden Mark Umsatz stünden auf dem Spiel. Schlicht, die "volkswirtschaftlichen Schäden" seien unübersehbar.
Nicht honoriert sahen die Asbestverwerter auch ihre "Bemühungen zur Vermeidung von Gesundheitsgefahren", für die sie von 1967 bis 1976 rund 40 Millionen Mark nach eigenen Angaben investiert haben.
Wohl hat sich, wie das Umweltbundesamt attestiert, der Staubanfall in den Asbestbetrieben erheblich verringert -- freilich nicht nur auf freiwilliger Basis. Die Industrie habe unter Druck "erwarteter gesetzlicher Regelung", so das Amt, Asbestkonzentrationen am Arbeitsplatz verringert.
Tatsächlich verordnete das Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung neue Grenzwerte. Die neue Arbeitsstoffverordnung erlaubt bis Juni 1982 nur noch zwei Fasern pro Kubikzentimeter Luft am Arbeitsplatz, von Juli 1982 an nur noch eine -- doch macht das immer noch eine Million pro Kubikmeter.
Das ist eine Menge, die für das amerikanische Gesundheitsinstitut nicht vertretbar ist. Es sieht eine Minderung des Krebsrisikos nur, wenn diese Grenzwerte auf ein Zehntel davon abgesenkt werden -- "nicht machbar", so wiederum der Vorsitzende des Wirtschaftsverbandes Asbest für die deutsche Industrie.
Der Streit hat eigentlich nur theoretische Bedeutung. Wieviel Staub am Arbeitsplatz anfällt, wird selten amtlich kontrolliert. Zwar sind nach dem Arbeitsschutzgesetz die Gewerbeaufsichtsbeamten zur Kontrolle verpflichtet -vor Ort jedoch tauchen die Prüfer so gut wie nie auf.
"Mangelnde personelle Kapazitäten" und "ungenügend finanzielle Ausstattung", befand kürzlich ein Wissenschaftlerteam, das im Auftrag der Konferenz der Länderarbeitsminister das bundesdeutsche Arbeitsschutzsystem untersuchte, führten dazu, daß "zahlreiche Betriebe jahrelang von keinem der Aufsichtsdienste besichtigt" würden. Bei kleinen Betrieben ermittelten die Forscher im Schnitt alle "fünfzehn bis zwanzig Jahre" einen Kontrollgang.
Außerdem: Mahnen die amtlichen Prüfer einmal den einen oder anderen Arbeitsschutz an, so wird "fast durchgängig nicht systematisch geprüft, ob die gestellten Forderungen von den Betrieben auch tatsächlich realisiert werden".
Auch bei der Festlegung, welche Grenzwerte beispielsweise bei Asbest am Arbeitsplatz zumutbar sind, sieht die Untersuchungskommission die Gefahr, daß "die in den verschiedenen regelsetzenden Gremien vertretenen Interessengruppen der Wirtschaft den Inhalt der Regeln bestimmen".
So notierte sich in Sachen Asbest der Leiter des Staubforschungsinstituts des Hauptverbandes der gewerblichen Berufsgenossenschaften in Bonn bereits 1970, daß die DDR wegen Krebsgefährdung schon 1969 ein Verbot des Asbestspritzverfahrens erlassen hatte -die Berufsgenossenschaften ließen sich davon nicht aufstören.
Erst 1979 verbot das Bundesarbeitsministerium das gefährliche Verfahren, nachdem die Gewerkschaften durch S.94 die Todesfälle bei Tapp in Mülheim aufgeschreckt worden waren. Doch selbst die unmittelbar Betroffenen scheuen aus vermeintlichen Sachzwängen oft zurück, energischer auf Gesundheitsvorsorge zu dringen. "Negative Urteile über die Wirkungen von Vorschriften und Regeln", resümiert die Expertise der Arbeitsminister die Schlampereien beim Arbeitsschutz, "resultieren vor allem bei Unternehmern, in abgestufter Form aber auch bei Sicherheitsbeauftragten und Arbeitnehmern."
Arbeiter der Firma Schuh beispielsweise, die im vergangenen Jahr in Nordrhein-Westfalen Kabelschächte isolierten, spritzten das Asbestmaterial auf, obwohl das seit Wochen verboten war. "Wir sind da in einer schizophrenen Situation", gesteht Gewerkschafter Reinhold Konstanty:
"Auf der einen Seite greifen wir die Unternehmer an, weil sie aus Profitgründen mit lebensgefährlichen Arbeitsstoffen arbeiten lassen, auf der anderen Seite unterlaufen Arbeiter bestehende Arbeitsschutzbestimmungen und gefährden damit ihre Gesundheit, weil sie ansonsten glauben, ihren Arbeitsplatz zu gefährden."
Anders als in Schweden, Dänemark oder den Niederlanden gibt es ein generelles Verwendungsverbot für Asbest in der Bundesrepublik noch nicht. Zwar wurde Asbest in der neuen Arbeitsstoffverordnung, die seit Anfang Oktober gilt, in die Gruppe der "stark gefährdenden krebserzeugenden Arbeitsstoffe" eingeordnet, doch die Konsequenzen aus dieser Einstufung, die von einer Kommission der Deutschen Forschungsgemeinschaft vorgenommen wurde, sind bescheidener Natur.
Nach den Vorschriften über den Umgang mit Asbest hat die Industrie den zuständigen Behörden nun "auf Verlangen" darzulegen, warum statt Asbest nicht weniger gefährliche Stoffe verwendet werden. So können die Behörden die Verwendung von Asbest untersagen, wenn "weniger gefährliche Arbeitsstoffe vorhanden" sind und wenn zudem "keine unverhältnismäßige Härte" entsteht.
Wie das in der Praxis aussieht, zeigt sich in der Automobilindustrie: Obwohl es schon über vollwertigen Ersatz für Asbestbremsbeläge verfügt, verkauft VW in der Bundesrepublik seine Autos noch immer mit den herkömmlichen Belägen. In Exportautos allerdings, die nach Schweden oder in die USA gehen, werden asbestfreie Bremsen eingebaut.
Auch die Bundespost, größter Fahrzeughalter Europas, bekommt ihre Autos von VW mit asbestlosen Belägen -freilich erst, so ein hoher Postbeamter, "als wir angedeutet haben, daß auch Ford sehr praktische Autos baut".
S.83 Elektronenrastermikroskop-Aufnahme der fadenähnlichen Asbestpartikel in 20 000facher Vergrößerung. * S.85 Name von der Redaktion geändert. *

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