22.09.1980

MALTAHaut ab

Der wendige Premier Dom Mintoff verkrachte sich mit Libyens Gaddafi und nähert sich wieder Europa an: Er schließt ein Hilfeabkommen mit Italien.
Das sind doch Krümel, eine ernst zu nehmende Regierung kann so etwas nicht annehmen", empörte sich Dominic ("Dom") Mintoff, als die Italiener 1979 Malta einen Billigkredit von zehn Millionen Mark anboten.
Der Insel-Premier feilschte wie ein levantinischer Teppichhändler, um für seine Mini-Republik (330 000 Einwohner) mehr herauszuholen. Und er hatte anscheinend Erfolg: Ende August versprachen ihm die Römer rund 45 Millionen Mark sowie umfangreiche "technische Hilfe".
Anfang September erklärte sich Italiens Regierung sogar bereit, militärische Garantien für die Neutralität der Mittelmeer-Insel zu übernehmen -wenn Malta zuvor, etwa wie Österreich, seine Neutralität auch ganz formell erklärt. Mintoff sagte eine entsprechende Note zu.
Den Maltesern liegt viel am Pakt mit Rom, denn auf der Insel hat sich der Wind gedreht. Der eigensinnige Sozialist Mintoff hat sich mit seinem libyschen Gönner Gaddafi verkracht.
Anlaß für den Streit mit Libyen sind maltesische Ölbohrungen in einer Zone des Mittelmeeres, die auch von Tripolis beansprucht wird. Aber viele Bewohner der einstigen Johanniter-Insel mißtrauten dem islamischen Eiferer Gaddafi ohnedies schon lange und kritisierten Mintoffs Flirt mit dem libyschen Staatschef.
Dieser Flirt hatte Anfang der 70er Jahre begonnen, als Malta, laut Churchill ein "unversenkbarer Flugzeugträger", noch britischer Stützpunkt war. Einerseits wollte Malta auf die Dauer nicht mehr als Festung dienen und künftig ohne die Militärausgaben einer fremden Macht leben.
Andererseits wußte Premier Mintoff: Mit dem Abzug der letzten englischen Soldaten 1979 würde die ärmliche Insel jährliche Einnahmen von rund 140 Millionen Mark verlieren.
Deshalb sah sich der Premier beizeiten nach anderen Finanziers im Mittelmeerraum um. Italien, Frankreich und Algerien winkten damals ab --Gaddafi aber half.
Dem ehrgeizigen Araber lag viel daran, die Engländer -- und damit indirekt die Nato -- von der Mittelmeerfestung 350 Kilometer vor seiner Küste zu vertreiben. Deshalb stärkte er der neutralistischen Mintoff-Regierung gern den Rücken. Er lieferte Benzin S.187 und Öl fast gratis nach Valletta, der maltesische Staat schlug eine Verbrauchssteuer drauf, verdiente also noch daran.
Auch in der Insel-Wirtschaft mischte Gaddafi mit: Libyen investierte, seit 1971 rund 285 Millionen Mark in der "Repubblika' Malta" (so der offizielle Staatsname). Schließlich gab Libyen der Insel auch Hubschrauber und Küstenwachboote.
Am liebsten hätte Gaddafi Malta wohl zu einem Satelliten des radikalen arabischen Lagers gemacht. Jedenfalls: Libyen wurde eine Art Schutzmacht der Insel, und Mintoff lobte immer wieder seine libyschen Freunde.
Gaddafi ernannte Malta gar einseitig zum "nördlichen Vorposten der arabischen Welt" und wollte auf der Insel Hocharabisch als offizielle Sprache einführen lassen; das jetzt gesprochene Maltesisch ist eine arabische, mit viel Italienisch durchsetzte Mundart.
"Europa zeigte uns die kalte Schulter", rechtfertigte der Premier 1979 in einem SPIEGEL-Interview seine Politik, "Libyen akzeptierte unsere Vorschläge für Zusammenarbeit herzlich und spontan."
Als es aber um das Erdöl im Mittelmeer ging, war's mit der Herzlichkeit vorbei. Die beiden Regierungen zankten sich über die Grenzen zwischen den Meereszonen, in denen sie Öl bohren wollen.
Zwar vereinbarten sie schließlich, den Streit bis Ende Juni 1980 vor den Internationalen Gerichtshof in Den Haag zu bringen. Doch Gaddafi hielt sich nicht daran und verschleppte den Fall.
Daher beauftragte Mintoff vor zweieinhalb Monaten den US-Konzern Texaco, mit den Bohrungen zu beginnen. Texaco wiederum heuerte eine italienische Firma an.
Doch kaum war die Bohrinsel "Saipem 2" verankert, da erschien ein libysches Kriegsschiff, und dessen Kommandant drohte den Italienern: "Haut ab, oder wir versenken euch]" Die Bohrer mußten aufgeben.
Erbost bezeichnete Maltas Regierung Libyen als "eine Gefahr für den Frieden im Mittelmeer", wies 50 libysche Militärberater aus und schloß den von Libyen auf der Insel errichteten Sender "Stimme der Freundschaft und Solidarität".
Schon vorher hatte sich Dom Mintoff durch einen Vertrag mit Saudi-Arabien von Gaddafis Öllieferungen weitgehend unabhängig gemacht. Und seit Monaten verhandelte er -- wohl in Voraussicht der bevorstehenden Scheidung von Gaddafi -- mit Rom über einen Beistandspakt.
Mintoffs Kalkül: Da die italienischen Nachbarn an Maltas Neutralität zwischen Ost und West besonders interessiert seien, sollten sie auch dafür zahlen. Der gewiefte Poker-Politiker drohte sogar: Wenn ihm Europa nicht helfe, werde er den Grand Harbour von Valletta der Sowjet-Flotte als Basis überlassen.
Diese Aussicht schreckte den Nato-Staat Italien. Die Italiener möchten sich außerdem politisch aufwerten, endlich wieder eine größere Rolle im Mittelmeerraum spielen. Ein römischer Diplomat prahlte bereits: "Der Malta-Vertrag zeigt: Wir sind wieder wer, wir machen wieder Außenpolitik."
Dann hat Rom noch einen Hintergedanken: Wenn die Malteser wirklich Erdöl vor ihrer Küste finden, wollen die Italiener als erste an der Quelle sein -- und zu Freundschaftspreisen tanken.

DER SPIEGEL 39/1980
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