04.05.1981

Kreuzzug gegen den Qualm

Mit Protesten, mit Klagen bei Gericht und mit privaten Vergeltungsaktionen wehren sich Nichtraucher gegen den blauen Dunst. Rauchen, einst Inbegriff weltmännischer Lebensart, wird fast zum Makel: Wer raucht, gilt immer häufiger als Schwächling, unfähig, vom Laster loszukommen.

Nachdem er "wieder einmal eine krebszerfressene Raucherlunge" auf dem Operationstisch gesehen hatte, besorgte sich der Narkosefacharzt Dr. Erhard Busch Farbe und Pinsel. Dann schulterte er eine Leiter und zog durch Münchens Innenstadt.

Auf einer Plakatwand am Bavariaring gestaltete er den kantigen Kopf des Marlboro-Cowboys ("Geschmack von Freiheit und Abenteuer") zum Totenschädel um, in der Schwanthalerstraße krakelte er unter ein lebensfrohes Reval-Pärchen ("Dem Filterfreund die Filter Reval") eine Anfrage an den Gesundheitsminister: "Ab wieviel Tote pro Jahr halten Sie es für nötig, Tabakwarenreklame zu verbieten?"

Einem Stuttgarter Daimler-Benz-Angestellten, der seine Büro-Kollegen täglich mit dem Qualm von 70 Zigaretten einnebelte, kippten die genervten Mitraucher ein Schnapsglas voll Benzin in den Aschenbecher -- Stichflamme, Finger verbrannt.

In Bremen steckte eine Aktion "Anonyme Radikale Nichtraucher" (Arani) nachts Zigarettenautomaten in Brand und bemalte die Schaufenster von Tabakgeschäften mit dem Alternativ-Slogan: "Alle Zigarettenläden sollen Gemüseläden werden!"

Und das Kölner Amtsgericht sprach Anfang dieses Jahres einem Nichtraucher, der auf seinem Lufthansa-Flug von Tokio nach Hamburg inmitten qualmender Passagiere sitzen mußte, 300 Mark Schmerzensgeld zu: Ihm sei, so der Richter, Unbilliges zugemutet worden.

Solche Aktionen und Reaktionen sind die Zeichen eines Bewußtseinswandels, der nun immer offenkundiger wird: Gegen die Raucher formiert sich in der Bundesrepublik zunehmend Widerstand. "Die Zigarettenpaffer", so umschrieb der Aktionskreis "Hamburger Nichtraucher" das Kampfziel, "sind ein Übel, gegen das vorgegangen werden muß."

Immer lauter und ungenierter verfolgen die Nikotingegner ihre rauchenden Mitmenschen: Im Büro kämpfen sie -mal auf dem Gerichtsweg, häufiger per Selbstjustiz -- um rauchfreie Arbeitsplätze ("Wir haben ein Recht auf reine Atemluft"), auf der Straße stecken sie rauchenden Passanten schwarzumrandete Flugblätter mit ekligen Krebs-Lungen zu ("Das Raucherdiplom ist das Bronchialkarzinom"); und in verrauchten Versammlungslokalen skandieren sie, wie jüngst bei einer Mieteranhörung in München: "Raucher, macht die Schachtel zu, laßt uns mit eurem Rauch in Ruh''."

Unermüdlich bombardieren die Zigarettenfeinde Ministerien und Gerichte mit Anträgen, die Rauchfreiheit einzuschränken -- häufig mit Erfolg: Zahlreiche Behörden hätten, klagten die Lobbyisten vom "Verband der Cigarettenindustrie", "bereits erste Maßnahmen gegen das Rauchen ergriffen". S.101

So verboten beispielsweise die Berliner Verkehrsbetriebe vor drei Jahren das Rauchen auf U-Bahnhöfen, eine Anordnung, die der Bundesgerichtshof in Karlsruhe kürzlich für Rechtens erklärte.

Von München ("Aktive Exraucher") bis Kiel ("Club aktiver Nichtraucher") überzogen die Tabakfeinde, meist ehemalige Zigarettensüchtige und als Konvertiten besonders intolerant, die Republik mit einem dichten Netz schlagkräftiger Nichtraucher-Vereine; selbst in Provinznestern wie dem bayrischen Wallfahrtsort Altötting ("Bund der Nichtraucher") oder dem norddeutschen Neuenkirchen ("Club aktiver Nichtraucher") schlossen sich Nikotingegner zusammen, "um für eine Umwelt ohne Tabakrauchbelästigung zu kämpfen", so der "Aktionskreis Stuttgarter Nichtraucher".

Vorbei sind, so scheint es, die Zeiten, da die Zigarette als unumstrittener Ausweis lässiger Überlegenheit galt -einer Lebensart, wie sie Humphrey Bogart verkörperte. Wenn er sich etwa in "Casablanca" eine ansteckte, cool wie keiner nach ihm, geriet die Zigarette zum Zeichen gelassener Männlichkeit und unerschütterlichen Selbstbewußtseins. Und eine ganze Generation von Kinogängerinnen ahmte damals das aufsässig-erotische "Haste Feuer?" von Bogeys Film- und Ehepartnerin Lauren Bacall nach.

Filmpaare von heute hingegen beginnen, wie etwa Woody Allen und Diane Keaton im "Stadtneurotiker", ihre rauchlosen Romanzen auf dem Tennisplatz und trennen sich im Makrobioten-Restaurant -- Körnchen-Futter statt Rauch-Kondensat, ist das Genuß im Stil der Zeit?

Sicher ist, daß inzwischen viele Raucher mit schlechtem Gewissen zur Zigarette greifen: 90 Prozent der Raucher würden, so zeigte eine Umfrage, das Laster gerne aufgeben -- wenn sie nur könnten.

Denn in zunehmendem Maße wird den Rauchern bewußt, daß die tägliche Zigarettenration der Gesundheit schadet: Jedes Jahr sterben in Deutschland, so eine Schätzung des Bundesgesundheitsministeriums, "140 000 Menschen an den Folgen des Rauchens" -an Lungenkrebs wie der amerikanische Super-Sprinter Jesse Owens (bis zu 60 Zigaretten am Tag), an Herzinfarkt wie Nordrhein-Westfalens CDU-Chef Heinrich Köppler, an Kehlkopfkrebs wie Humphrey Bogart oder am Raucherbein wie Theodor Heuss. "All das kann die S.103 kleine nette, vielgeliebte Zigarette", höhnte ein Anti-Raucher-Flugblatt.

"Wir haben es schon lange satt", so Fred Krämer vom "Aktionskreis Stuttgarter Nichtraucher", "den gefährlichen Qualm der Raucher inhalieren zu müssen." Doch im Gegensatz zu früher, als sie sich höchstens durch ein schüchternes Hüsteln zu wehren wagten, schlagen Passivraucher immer häufiger massiv zurück.

Radikale Rauchrebellen schneiden Paffern, wie jüngst in einer Düsseldorfer Altstadt-Kneipe, schnippschnapp mit der Schere die Glut von den Zigaretten; andere wiederum wehren sich mit einem scharfen Strahl aus der Wasserpistole oder versprühen ein aus den USA importiertes "Anti-Smokers-Spray", mit dem sie die Erreger öffentlichen Qualms in eine streng nach Zitrone riechende Wolke hüllen. "Die Hatz auf den qualmenden Anteil der Menschheit", schrieb die "Süddeutsche Zeitung", "läuft auf vollen Touren."

Aber auch Mediziner und Gesundheitspolitiker nehmen die Raucher ins Visier: "Verantwortungslose Menschen", schimpfte der Essener Lungenspezialist Professor Werner Maaßen. "Unvernünftig und egoistisch" nannte Halfdan Mahler, Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die Raucher.

Die Kampagne, mit Aufklebern ("Ich bin kein Rauchverzehrer") und Plakaten ("Der neue Trend -- No Smoking") in viele Büros und Frabrikhallen getragen, geht vor allem gegen Zigarettenraucher. Mag sein, daß Zigarren- und Pfeifenraucher ihrer eigenen Gesundheit etwas weniger schaden. Der nichtrauchenden Umwelt sind sie mit dem beizenden Qualm von pflaumengetränktem Krüllschnitt oder den blauen Wolken einer Havanna-Fehlfarbe mindestens ebenso lästig.

Raucher sollten, so forderte im letzten Jahr der Verband der niedergelassenen Ärzte, höhere Krankenkassenbeiträge bezahlen. Und auf ihrem Weltgesundheitstag 1980 ("Rauchen oder Gesundheit -- Deine Wahl") postulierte die WHO, Nichtrauchen sei "als die einzig normale Art des Sozialverhaltens zu betrachten" -- Zeichen einer Stimmungswende, die sich in den letzten Jahren immer deutlicher abzeichnet.

Der Raucher gilt nicht mehr als Mann von Welt, sondern eher als sozialschädlicher Schwächling, auf Ersatzbefriedigung angewiesen und unfähig, davon loszukommen. In einer Epoche, in der Fitneß den gleichen sakralen Rang einnimmt wie früher nur das Seelenheil, darf sich der Nichtraucher nun allemal moralisch überlegen fühlen.

"Wer sich heute eine Zigarette ansteckt", notierte das Mode-und-Schickeria-Blatt "Madame", "muß sich schon fast wie ein vom Laster gezeichnetes, halbverkommenes Individuum vorkommen." Und der "Verband der Cigarettenindustrie" klagte: "Immer offensichtlicher wird versucht, eine gesellschaftliche Konfrontation zwischen Rauchern und Nichtrauchern herbeizuführen."

Angesichts des "schlechter werdenden Raucher-Image", so der Frankfurter Personalberater und Psychologe Dr. Maximilian Schubart, geben besonders Politiker und Manager reihenweise das Rauchen auf.

So hat der baden-württembergische Gesundheitsminister Dietmar Schlee, der früher "rauchte wie ein Schlot" (bis zu 100 Stück am Tag), seit März letzten Jahres "keine Zigarette mehr angerührt". Auch Hartmut Heinicke, Direktor der Hamburgischen Vereins- und Westbank, stoppte seinen Zigarettenkonsum abrupt -- von vier Schachteln "Muratti Privat" täglich auf Null.

Selbst Bundeskanzler Schmidt, der während eines 15-Stunden-Tages bis zu 60 Zigaretten der Menthol-Marke "Reyno" einäscherte, raucht seit Anfang des Jahres nicht mehr -- aus gesundheitlichen Gründen. Der Ex-Paffer der Nation, dessen hemmungslose Qualmerei bei Fernsehdiskussionen notorisch war, leidet nun unter den typischen Abgewöhnungsfolgen: Mißlaunigkeit, Konzentrationsschwäche, Gewichtszunahme. "Sie sind aber dick geworden!" rutschte es dem spanischen Sozialistenführer Felipe Gonzalez-Marquez während einer Visite beim Kanzler heraus.

Nur wenige Politiker stehen noch so zu ihren Rauchgewohnheiten wie Herbert Wehner, der seit 1924 Pfeife schmaucht (Tabakmarke "Revelation"); oder wie Hessens Wirtschaftsminister S.106 Heinz Herbert Karry, der jeden Tag 100 "Players Navy Cut" (mit Zigarettenspitze) aufraucht -- Rachenputzer der schlimmsten Sorte. "Ei", so Karry unbekümmert, "uff die kann isch am beste huste."

Das Spaßen wird Rauchern wie Karry schon noch vergehen; spätestens dann, wenn sie auf Schritt und Tritt von Rauchverboten umstellt sein werden -- Schreckbild einer raucherfeindlichen Republik, das durchaus Realität werden kann.

Denn schon in den vergangenen Jahren machten die Tabakfeinde Fortschritte bei ihrem Kampf, die "Raucher wieder in die Rauchsalons" zurückzutreiben:

* Die Bundesbahn reserviert inzwischen zwei Drittel ihrer Abteile für Nichtraucher -- noch vor 16 Jahren war das Verhältnis umgekehrt. In S-Bahnen wurde Rauchen völlig verboten.

* Vor neun Jahren setzten die Nichtraucher die Einrichtung rauchfreier Zonen in Flugzeugen durch; erst beanspruchten sie ein Drittel der Sitze für sich, nun gehört ihnen schon die halbe Kabine. In Zukunft wollen sie, so ihre Forderung, zumindest auf Inlandflügen überhaupt keine Raucher mehr an Bord dulden. "Die Nichtraucher sind einfach lauter", so PanAm-Direktor Julius Succi.

* In über zehn Prozent aller Taxis signalisiert das internationale Rauchverbot-Symbol (durchgestrichene Zigarette), daß Tabakgenuß im Wagen tabu ist; eingeführt wurden die Nichtraucher-Taxen 1976.

* In den Erholungsgebieten vieler Kurorte wie Bad Rappenau oder Bad Nauheim dürfen sich Rauchende nur auf bestimmten Bänken niederlassen -- erste Fälle von Einschränkungen der Raucher-Freiheit, unter freiem Himmel überall und jederzeit qualmen zu dürfen.

* Rund 500 Restaurants richteten in den letzten Jahren Nichtraucherräume oder -ecken ein, in zahlreichen Gaststätten herrscht totales Rauchverbot. Hotels wie etwa das neue "Ramada Hamburg" oder das Wiener "Intercontinental" halten besondere Zimmer für Nicht raucher bereit.

Unter dem Banner der Tabakfeindschaft entstanden die seltsamsten Koalitionen -- Gruppen und Einzelkämpfer, Linke und Rechte fechten gemeinsam gegen "die ekelhafte Qualmerei", so Professor Ferdinand Schmidt, Leiter der Forschungsstelle für präventive Onkologie in Mannheim und Vorsitzender des Ärztlichen Arbeitskreises Rauchen und Gesundheit.

Da verlangten beispielsweise die Jungsozialisten auf ihrem letztjährigen Bundeskongreß, die Aufstellung von Zigarettenautomaten zu verbieten. "Völlig richtig", befand der Nürnberger Unternehmer Ernst Schmidt; schon vor Jahren hatte der Kaufmann, weil er nicht an "Krankheit und Tod" seiner Kunden verdienen wolle, sämtliche Tabakwaren aus dem Sortiment seiner sieben Supermärkte entfernen lassen.

Den CDU-Generalsekretär Heiner Geißler, einen fanatischen Nichtraucher, und den ebenfalls nikotinabstinenten SPD-Manager Peter Glotz eint die Ansicht, dem "Rauchen in unserer Gesellschaft" müsse "Einhalt geboten werden" (Geißler). Als der CDU-Mann noch Gesundheitsminister in Rheinland-Pfalz war, verbot er in seinem Ministerium sogar die Aufstellung von Aschenbechern.

Allerorten veranstalten Aktivisten der Anti-Tabak-Bewegung Nichtraucherbälle ("Es spielt die Kapelle Krebs"), bei denen Tabakgenuß verboten ist; sie geben Nichtraucher-Zeitungen heraus (Schlagzeile: "Rauchen -- warum denn nicht gleich Selbstmord?") oder organisieren Informationsabende über die gesundheitlichen Gefahren des Rauchens.

"Wir kämpfen gegen den Unverstand der Raucher", so der Rentner Alfred Stock von den "Aktiven Kappelner Nichtrauchern". Mit seinem Diaprojektor zieht er durch die Gemeindehallen des Landkreises und verschreckt die Dörfler mit Aufnahmen von eingeschwärzten Raucherlungen und verfaulten Raucherbeinen. "Viele Raucher unter den Zuschauern kommen hinterher zu mir und sagen", so Stock, "sie würden das Rauchen sofort aufgeben."

Offenbar wird den meisten Tabaksüchtigen erst bei solch handfester Demonstration klar, welche körperlichen Folgen jahrelanges Rauchen haben kann. Denn zur Vielzahl der Substanzen, die Zigarettenraucher inhalieren, gehören gefährliche Schadstoffe wie

* das Nerven- und Gefäßgift Nikotin, das den Stoffwechsel der Nervenzellen angenehm beeinflußt (wie Raucher finden), aber Herzkranzgefäße und Arterien starr und brüchig macht;

* Kohlenmonoxid, das die Fähigkeit der roten Blutkörperchen vermindert, Sauerstoff zu transportieren, und so die Sauerstoffbilanz des Organismus verschlechtert; S.108

* Tabakteer (Kondensat), der die filterähnlich wirkenden Flimmerhärchen auf den Schleimhäuten der Atemwege lähmt und so die Selbstreinigung der Lunge außer Kraft setzt;

* Benzpyren und Nitrosamine, deren krebserregende Potenz unumstritten ist. Noch weitere 40 krebsauslösende Stoffe entdeckten die Forscher im Tabakrauch, darunter so exotisch anmutende Substanzen wie etwa radioaktives Polonium (das im Lungengewebe von Rauchern in erhöhter Konzentration gefunden wurde).

Doch nicht nur der Zug an der Zigarette, so behaupten Rauchgegner wie der Krebsforscher Schmidt, schon das passive Inhalieren herumwabernder Rauchschwaden sei "in erheblichem Maße gesundheitsschädlich".

Selbst in gutbelüfteten Räumen, so das Ergebnis einer Untersuchung der University of Cincinnati, inhalieren Barkeeper während einer Acht-Stunden-Schicht hinter dem Tresen so viel Kohlenmonoxid, als hätten sie zwölf Zigaretten geraucht. "Seien wir doch mal ehrlich", reimten Siegerländer Tabakfeinde, "der Raucher ist gemeingefährlich."

Immer unduldsamer reagieren vor allem die Nichtraucher unter den Büro-Arbeitern auf die Schwaden vom Nebentisch: "Eine ganze Reihe von Streitfällen" mußte etwa Rasmus Stelling, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender der Allianz Versicherung Hamburg, "in letzter Zeit schlichten".

Wo eine gütliche Einigung mißlingt, greifen die Anti-Raucher bisweilen zur Selbsthilfe: Dem Berliner Kaufmann Peter Lehmann -- 70 "Stuyvesant" täglich -- kippte eine Sekretärin heimlich den Inhalt seines Aschenbechers in die Aktentasche; eine kettenrauchende Sachbearbeiterin bei der Deutschen Bank in Frankfurt fand eines Morgens einen übelriechenden Kippenberg auf ihrem Schreibtisch. "So stinken Sie", stand daneben auf einem Zettel, "den ganzen Tag."

Die Raffinierten unter den Tabakhassern präparieren die Zigaretten ihrer rauchenden Feinde mit kleinen Zündplättchen -- beim Anzünden zerbirst das Tabakröllchen. "Am besten schreitet man zur Tat, wenn der Betreffende auf der Toilette ist", riet ein Nichtraucher-Flugblatt.

Eher friedliche Naturen hingegen suchen bei den Gerichten Schutz vor der "Geruchs- und Gestankeinwirkung des Tabakrauchens" -- so der holsteinische Zahnarzt Ulrich Hempel in seiner Klageschrift.

Als einer der ersten Nichtraucher war Hempel schon 1974 vor Gericht gezogen, um seinen Kollegen das Rauchen auf den obligaten Fortbildungskursen der Zahnmediziner verbieten zu lassen -- mit Erfolg: Das schleswigholsteinische Verwaltungsgericht verpflichtete die veranstaltende Zahnärztekammer, in "den Unterrichtsräumen ein Rauchverbot" zu erlassen, und bestätigte damit erstmals in der Rechtsprechung den Anspruch des Nichtrauchers auf Schutz vor Tabakqualm.

Seitdem kamen die Richter bei der Beurteilung von Nichtraucher-Klagen zu den unterschiedlichsten Entscheidungen: S.110

* Das Verwaltungsgericht Hannover bestätigte einem Nordhorner Realschullehrer, daß "während seiner dienstlich notwendigen Anwesenheit sowie angemessene Zeit vorher und nachher im Lehrerzimmer nicht geraucht werden" dürfe.

* Abgewiesen wurde hingegen das Klageverlangen eines Konstanzer Postbeamten, die Bundespost solle in seinem Arbeitsbereich ein Rauchverbot erlassen. "Die Fürsorgepflicht des Dienstherren" gehe nicht so weit, urteilten die Richter, "daß größtmögliches Wohlbefinden durch Abwehr jeglicher Belästigung zu gewährleisten" sei.

* "Das ständige Passivrauchen im Betriebsraum stellt eine vermeidbare erhebliche Belästigung dar", urteilte andererseits das Bremer Verwaltungsgericht und sprach dem Kläger, einem Fluglotsen, einen weitgehend rauchfreien Arbeitsplatz zu.

* Das Oberverwaltungsgericht Münster dagegen verurteilte einen Amtmann dazu, weiterhin den Qualm seiner Kollegen einatmen zu müssen: Es gebe keinen "Anspruch auf absolut tabakrauchfreie Atemluft am Arbeitsplatz".

* Dem Würzburger SPD-Stadtrat Hans-Otto Truchsess von und zu Wetzhausen wiederum, den das Rauchen seiner Ratskollegen während der Sitzungen des Stadtparlaments störte, verschaffte das örtliche Verwaltungsgericht die gewünschte saubere Luft -- mit der bemerkenswerten Begründung: "Es gibt kein Grundrecht, überall und ohne jede Rücksicht auf andere zu rauchen."

"Die Tendenz der Rechtsprechung geht dahin, beobachtete der Bielefelder Anwalt Adolf Wischnath, "daß Nichtraucher nicht mehr widerspruchslos hinnehmen müssen, wenn sie gegen ihren Willen eingenebelt werden." Der Homburger Rechtsexperte Dr. Siegfried Löffler kam gar zu dem Schluß: "Über den Rauchern hängt ein Damoklesschwert."

Im Zuge der Anti-Rauch-Bewegung verfügten auch zahlreiche Universitäten wie die Fachhochschule Bielefeld oder die Göttinger Universität -- häufig auf Drängen von Studenten --Rauchverbot für alle Lehrveranstaltungen. In den Seminaren, die früher "mephistophelischen Versuchsstätten" (so eine Berliner Studentin) glichen, schwebt jetzt nur noch der reine Geist der Wissenschaft.

Auf wohlmeinende Richter und Rektoren jedoch wollen sich die Nikotingegner in Zukunft nicht mehr ausschließlich verlassen müssen. Kategorisch fordert deshalb Professor Schmidts Ärztlicher Arbeitskreis, in dem mittlerweile 1500 Mediziner gegen das Rauchen ankämpfen, "ein Rauchverbot an allen Arbeitsplätzen, an denen Raucher und Nichtraucher im gleichen Raum beschäftigt sind".

Auch aus "allen öffentlichen Gebäuden" müsse die Zigarette verbannt werden; und selbst im Restaurant sollen die Raucher nur noch "außerhalb der Hauptessenszeiten" zum Tabak greifen dürfen.

Am liebsten freilich sähen es Deutschlands Rauch-Exorzisten, wenn auch in der Bundesrepublik ähnlich weitgehende Rauch-Restriktionen herrschten wie in den Vereinigten Staaten. Dort haben über 30 Bundesstaaten (etwa Minnesota oder Utah) die Rauchfreiheit ihrer Bürger "in den der Öffentlichkeit zugänglichen Bereichen" eingeschränkt oder ganz abgeschafft. In Flughäfen und Sportstadien, in Restaurants und Behörden warnen große Schilder vor dem verbotenen Tabakgenuß, sogar ganze Straßenzüge wurden mancherorts zu rauchfreien Zonen erklärt.

Durchgesetzt wurden die rigiden Verordnungen von mächtigen Anti-Rauch-Vereinigungen wie der ASH ("Action on Smoking and Health") oder der GASP ("Group Against Smoking and Pollution"), die -- wenn nötig -- einige Millionen Mitglieder auf die Barrikaden schicken können.

Nirgendwo reagieren die Tabakgegner so radikal und aggressiv wie in den USA: Als kürzlich auf dem Flughafen von Minneapolis eine Gruppe japanischer Geschäftsleute trotz mehrfacher Hinweise auf das bestehende Rauchverbot unbekümmert weiterpaffte, griff ein sensibler Nichtraucher erzürnt zum S.112 Feuerlöscher. Er habe, verteidigte er sich vor Gericht, "in Notwehr" gehandelt.

Um gar nicht erst in diese Lage zu kommen, installierte der Chicagoer Joe Bortz in seinem Eis-Salon ein Frühwarnsystem gegen Raucher: Sobald die Detektoren an der Decke Rauch wittern, heult eine Feuerwehrsirene auf; dann beginnen Warnleuchten zu blinken, gewaltige Ventilatoren setzen sich in Bewegung. "Ein außerordentlicher Beitrag im Kreuzzug gegen den Krebs", lobte die American Cancer Society, die sich ebenfalls dem Kampf gegen die Zigarette verschrieben hat.

Mit millionenschweren PR-Kampagnen ("Rauchen ist nur ein kleines Ritual") versucht die amerikanische Zigarettenindustrie, den Trend gegen den Tabak zu stoppen -- vergebens: Der Anteil der Raucher unter den US-Bürgern geht -- Umkehrung einer 90jährigen Aufwärtsentwicklung -- seit 1973 kontinuierlich zurück.

So rauchte noch 1955 über die Hälfte der amerikanischen Männer, inzwischen hängt nur noch jeder dritte an der Zigarette. Der Raucheranteil der Frauen stieg zwar bis Mitte der sechziger Jahre von 24 auf 33 Prozent, inzwischen jedoch raucht nur noch jede vierte Amerikanerin.

Auch in der Bundesrepublik haben viele Männer sich das Rauchen abgewöhnt, insgesamt aber steigt die Zahl der Raucher (1980: rund 18 Millionen) immer noch leicht an. Im letzten Jahr verpafften die Deutschen 128 Milliarden Zigaretten, vier Prozent mehr als 1978.

Dabei werden vor allem zwei Trends von den Gesundheitspolitikern als alarmierend gewertet:

* Der Anteil der Frauen unter den Rauchern stieg, ähnlich wie in den USA, seit 1960 von 23 auf 36 Prozent -- und dementsprechend erhöhte sich auch die Zahl der weiblichen Lungenkrebsopfer.

* Immer früher fangen Jugendliche an zu rauchen -- ein Viertel der Jungen und ein Fünftel der Mädchen im Alter zwischen zehn und 19 Jahren rauchen mehr oder weniger regelmäßig, wie jüngst die Mannheimer Forschungsstelle für präventive Onkologie ermittelte. "Schon mit 14 Jahren", so die Untersuchung, "werden bei Mädchen und Jungen Spitzenleistungen von 20 Zigaretten (pro Woche) erreicht."

Der erste Griff zur Zigarette, darüber sind sich die Wissenschaftler einig, wird weitgehend durch den Nachahmungstrieb junger Menschen ausgelöst. "Für Kinder ist entscheidend", so eine Studie über die "Rauchmotivationen Jugendlicher", das "Rauchverhalten ihrer Eltern und der Bekannten und größeren Freunde".

Rauchen, so fanden auch die Psychologen Karl-Heinz Stäcker und Ulrich Bartmann in einer Untersuchung über die "Psychologie des Rauchens", werde von den Jugendlichen "mit Erwachsensein, Stärke, Aktivität und wohl auch Männlichkeit assoziiert". Hierin liege offenbar auch der Anreiz, diesen Initiationsritus "trotz aller Bitternis" auf sich zu nehmen --Schwindel, Übelkeit, feuchte Hosen.

Teilweise mit Streiks und Sit-ins erstritten sich während der Jugendrevolte Ende der sechziger Jahre die Schüler das Recht, in eigens eingerichteten Rauchzimmern ihre Pausen-Lulle S.113 durchzuziehen. Nun sollen die "Paff-Buden" wieder dichtgemacht werden.

Beim Streit um die Zigaretten-Zimmer damals wurde freilich weniger für die Rauchfreiheit als gegen Lehrer und Eltern angekämpft -- eine Verknüpfung von Rauchen und Rebellion, für die es in der Historie reichlich Vorbilder gibt.

Als etwa seine Bauern aufmüpfig wurden, verbot der Zar Michael Fedorowitsch im Jahr 1634 dem Volk einfach das Rauchen; wer sich trotzdem dem Tabakgenuß hingab, wurde hart bestraft -- "nemblich mit Nasen aufschlitzen, Battoki geben und mit der Knutpeitsche auf den bloßen Rücken schlagen", wie damals ein deutscher Reisender berichtete.

Mit dem Ruf "Freiet Roochen in'' Tierjarten" zogen 200 Jahre später, während der Märzrevolution 1848, die Berliner durch die Straßen; ihnen war bis dahin das Rauchen in der Öffentlichkeit verboten. Das Rauchverlangen war anscheinend volkstümlicher als die Forderung nach politischen Rechten: Als das Verbot aufgehoben wurde, beruhigte sich das Volk.

Die ersten (selbstgedrehten) Zigaretten sahen englische und französische Soldaten im Krimkrieg (1853 bis 1856) staunend bei ihren türkischen Verbündeten und beim gemeinsamen Gegner, den Russen. Bald waren auch in Deutschland die ersten "Original-Cigaretten" aus Petersburg und Konstantinopel auf dem Markt.

1862 begann Josef Hoffmann, Inhaber der Petersburger Zigarettenfirma Laferme, in Deutschland mit der Zigarettenproduktion -- knapp fünfzig Jahre S.115 später qualmten die Deutschen schon acht Milliarden Zigaretten.

Damals, im Jahre 1910, waren beim Berliner Reichspatentamt rund 20 000 Zigarettenmarken registriert -- meist süßlich riechende Orientzigaretten, die lose aus exotisch bedruckten Hundert-Stück-Packungen verkauft wurden. Zur Namensgebung mußte alles herhalten, was morgenländisch klang: Es gab die "Mohamed" ("Aecht mit Firma auf jeder Cigarette"), die "Sphinx" oder die "Kalif von Bagdad" ("Leicht aber fein!").

Kaiser Wilhelm II. ließ sich die Zigaretten (mit goldbelegtem Hohlmundstück) schachtelweise liefern, auch Kaiserin Elisabeth ("Sissi") von Österreich rauchte zum Entsetzen des Hofes wie ein Schlot.

Dagegen herrschte im englischen Buckingham Palace, wo die sittenstrenge Tabakverächterin Victoria Regiment führte, Rauchverbot. Noch als Dreißigjähriger mußte sich ihr Sohn Edward, ein leidenschaftlicher Zigarettenraucher, wie ein Schuljunge zum Rauchen in den mannshohen Schloßkaminen oder in der Geschirrkammer des Marstalles verstecken.

Als Flöte, Spreize, Glühzulp oder Stinknudel etablierte sich die Zigarette auch beim Volk. Mit milderen Tabaken gefüllt als die früher vorherrschende Pfeife, ermöglichte sie den Massen ein völlig neues Rauchgefühl -- den Lungenzug.

"Inhalieren auch Sie?" fragte im Jahre 1932 ein Werbeplakat der amerikanischen Zigarettenmarke "Lucky Strike"; und die Rauchwerber setzten hinzu: "Was sollte dabei schon zu befürchten sein?"

Befürchtungen hegten damals nur einige Wissenschaftler. Bei ihnen keimte der Verdacht, daß mit dem Lungenzug die drastische Zunahme von Lungenkrebs zusammenhängen könnte, der bis dahin als rar gegolten hatte. Bereits 1939 warnte der Dresdner Mediziner Fritz Lickint, es könnten Tausende von Krebsfällen vermieden werden, "wenn wir zu einer allerdings wesentlichen Einschränkung des Tabakverbrauchs kommen".

Das Gegenteil war der Fall, die Rauchlust wuchs und wuchs: In den dreißiger Jahren stieg der Zigarettenkonsum der Deutschen von 30 auf 70 Milliarden Stück und erreichte 1942 die Kriegsspitze mit 80 Milliarden -sehr zum Unwillen des Rauchgegners Hitler, dem besonders rauchende Soldaten und Frauen ("Die deutsche Frau raucht nicht") zuwider waren: "Sobald Friede ist, soll mir das aufhören."

Nach dem Krieg, als US-Zigaretten zur einzig wertbeständigen Währung im zerschlagenen Reich avancierten, gingen deutsche Männer und Frauen zum Kippensammeln auf die Straße: Fünf "Hugos" langten für eine Zigarette, fünf "Ami"-Zigaretten für ein deutsches Mädchen.

"Genuß ohne Reue" versprach dann in den fünfziger Jahren Reemtsma mit seiner Filterzigarette "Gloria". Mit kessen Werbesprüchen suchte die Industrie die aufkeimende Vermutung zu zerstreuen, Zigaretten könnten gesundheitsschädlich sein. Slogan für den "Kent"-Filter: "So sicher, so rein, daß er für die Luft von Klinikräumen gut genug ist."

Die Reue kam, als Mediziner geradezu erdrückendes Beweismaterial über gesundheitliche Risiken des Zigarettenrauchens vorlegten -- so 1964 mit dem Terry-Report, der alle bis dahin in der Medizin-Literatur erschienenen Studien zusammenfaßte; und 1979 mit der in Amerika erarbeiteten Hammond-Studie, bei der eine Million Raucher und Nichtraucher (mit weitgehend übereinstimmenden Lebensgewohnheiten und -umständen) über 20 Jahre hinweg beobachtet wurden. Ergebnis: Die Raucher S.117 starben im Durchschnitt acht Jahre früher.

"Wie ein hohles Husten vom Friedhof" (so die "New York Times") klingt angesichts dieser Beweise die Behauptung der Zigarettenindustrie, zwischen Rauchen und Gesundheit gebe es allenfalls einen statistischen, nicht jedoch einen ursächlichen Zusammenhang. Versuche, Testmäuse in einem eigens gegründeten Forschungsinstitut der Zigarettenindustrie gegen den wissenschaftlichen Augenschein anrauchen zu lassen, endeten ergebnislos: Das Hamburger Labor wurde geschlossen.

Darüber jedoch, ob auch das Passivrauchen gesundheitsschädlich sei, wie die Zigarettengegner behaupten, befehden sich die Experten seit Jahren -der Streit ist einem Glaubenskampf nicht unähnlich.

Die einen "halten es für längst erwiesen", so etwa der Krebsforscher Schmidt, "daß Passivrauchen schwere gesundheitliche Folgen hat". Andere behaupten, der "wissenschaftlich eindeutige und objektive Nachweis eines Gesundheitsschadens durch Passivrauchen" sei bislang noch nicht geführt worden, so etwa Professor Gerhard Lehnert, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Arbeitsmedizin.

Zahlreiche Untersuchungen freilich lassen vermuten, daß Passivrauchen doch nicht so harmlos ist wie lange Zeit angenommen. Zwei kürzlich abgeschlossene Studien erhärten diesen Verdacht:

* Nach Lungenfunktionstests an 2100 Rauchern und Nichtrauchern stellten die US-Wissenschaftler James White und Herman Froeb fest, daß die Lungen von Nichtrauchern, die (etwa am Arbeitsplatz) über Jahre hinweg Tabakqualm einatmen mußten, die gleichen Funktionsschäden aufwiesen wie die Atmungsorgane von leichten Rauchern (bis zehn Zigaretten täglich).

* Nachdem er Rauchgewohnheiten und Krankengeschichten von 91 000 japanischen Eheleuten miteinander verglichen hatte, fand der Forscher Dr. Takeshi Hirayama: Nichtraucherinnen, die mit Rauchern verheiratet waren, starben durchschnittlich doppelt so oft an Lungenkrebs wie die Ehefrauen von Nichtrauchern.

Durch eine "raffiniert mit Sex- und Potenzsymbolen betriebene Zigarettenreklame" (so der Berliner SPD-Bundestagsabgeordnete Nils Diederich) versucht die Industrie von der Gesundheitsgefährdung abzulenken: Da vergnügen sich, wie etwa bei der "Lord Extra"-Reklame ("Genuß im Stil der Zeit") oder der "R 6"-Werbung ("Aktiv leben"), braungebrannte Männer und ranke Mädchen in durchsonnter Natur; und die Cowboys der neuen Menthol-Marlboro galoppieren stets durch sattes Grün.

Solche Bilder und Sprüche sollen die Zigarettensüchtigen ihre morgendlichen Hustenstöße und Druckgefühle in der Brust vergessen machen und die Todesursachenstatistik verdrängen helfen: 83 Prozent der männlichen (und 43 Prozent der weiblichen) Lungenkrebs-Opfer waren Raucher; und jedes Jahr produziert das Genußmittel Zigarette rund 100 000 Frührentner --Raucherbein, Bronchitis, schwaches Herz.

"Wer einmal einen Lungenkrebspatienten sich langsam zu Tode quälen sah", so die saarländische Gesundheitsministerin Rosemarie Scheurlen, "glaubt mit Sicherheit nicht mehr an die Werbeslogans der Zigarettenindustrie."

Schon seit Jahren fordern die Tabakgegner ein absolutes Reklameverbot für Zigaretten. Allenfalls in Tabakläden, so Professor Schmidt, sollten die Produzenten ihre Werbetafeln noch aufstellen dürfen. Schon in den letzten zehn Jahren, seit der Ärztliche Arbeitskreis Rauchen und Gesundheit die Diskussion um die gesundheitlichen Folgen des Rauchens aufheizt, mußten sich die Zigarettenwerber manche Einschränkung gefallen lassen.

So verzichtete die Zigarettenindustrie, unter dem Druck der Rauchgegner und um gesetzlichen Bestimmungen S.119 zuvorzukommen, 1971 auf Zigarettenwerbung im Fernsehen. Fünf Jahre später erklärte sie sich bereit, wie vom Bundesgesundheitsministerium gefordert, die Nikotin- und Kondensatwerte ihrer Zigaretten auf den Packungen anzugeben. Und ab Oktober 1981 erhalten -- wie heute schon Werbeplakate und Zeitungsanzeigen -- alle Zigarettenschachteln den Aufdruck: "Der Bundesgesundheitsminister: Rauchen gefährdet Ihre Gesundheit."

Fruchten werden die Warnungen, so fürchten Experten, ebensowenig wie die zahlreichen Anti-Rauch-Kampagnen, mit denen die Gesundheitspolitiker in den letzten Jahren versucht haben, die Zigarettenkonsumenten zur Nikotinabstinenz zu bekehren.

So haben zwar schon über 60 Prozent der Raucher einmal versucht, vom Tabak loszukommen -- die meisten jedoch ebenso vergeblich wie jahrelang der baden-württembergische Minist erpräsident Lothar Späth; "immer wieder" hatte es der Schwabe "ohne Zigaretten probiert", regelmäßig wurde er rückfällig. Seit neun Monaten raucht Späth "nun endgültig" nicht mehr, doch damit ist er noch lange nicht über dem Berg: Erst nach Jahren sind schwere Ex-Raucher gegen jede Verführung gefeit -- nur 15 Prozent der Entwöhner schaffen den Absprung ein für allemal.

Erfolgreiche Aussteiger dürfen hoffen, daß sich Lunge, Herz und Adern allmählich wieder dem Status eines Nichtrauchers annähern; auch die Chance, daß sie von Lungenkrebs verschont bleiben, wächst erheblich. Jedoch, so klagte Oft-Aufhörer Späth, "das Schlußmachen ist so saumäßig schwer".

Immerhin, einige Millionen deutscher Männer haben es geschafft: Seit 1960 fiel der Anteil der Männer unter den Rauchern von 77 auf 64 Prozent, dafür stieg die Zahl der weiblichen Zigarettenkonsumenten drastisch.

Kurioserweise kommen die männlichen Aussteiger und die weiblichen Einsteiger aus denselben Gesellschaftsschichten -- vom Mittelstand aufwärts.

Während bei den Männern, besonders bei aufstrebenden Managern und jüngeren Geschäftsleuten, neuerdings das Rauchen "als Zeichen von Schwäche und Unbeherrschtheit" (Personalberater Schubart) gilt, ist die Zigarette für karriereorientierte und emanzipationsbewußte Frauen ein (meist unbewußt eingesetztes) Symbol für den gelungenen Einbruch in ehedem männliche Domänen -- Qualm als Ausweis der Emanzipation.

Die "Rauch-Frauen" seien einer "Volks-Psychose" erlegen, kritisierten Siegerländer Nichtraucher: "Nur mit der Zigarette in der Hand fühlen sie sich richtig anerkannt."

Seit ihnen die Männer scharenweise davonlaufen, versuchen die Zigarettenhersteller zunehmend, die Frauen anzurauchen und bei den Stangen zu halten -- bisweilen mit einer Werbung, die "gegen die guten Sitten verstößt".

So begründeten die Hannoveraner Handelsrichter ein bislang einzigartiges (aus formalen Gründen inzwischen allerdings wieder aufgehobenes) Urteil, in dem sie Mitte vergangenen Jahres dem Zigaretten-Riesen Reemtsma verboten hatten, für seine Marke "Ernte 23" ein in "allen Lebenslagen Unbeschwertheit und Gesundheit" suggerierendes Anzeigenmotiv weiterzuverwenden.

Die beanstandete Anzeige war Teil einer Werbekampagne, die mit kurzen Slogans ("Rauf auf die Wiese, Ernte 23 rauchen") garnierte Momentaufnahmen strahlender Mädchen zeigte. "Eine solche Werbung mit der Lebensfreude und Lebensbejahung für eine Zigarette ist als verwerflich anzusehen", befanden die Richter.

Den Anti-Werber Erhard Busch freilich, der gegen solche Reklamemethoden satirisch angepinselt hatte, schickte die Münchner Justiz -- da er die verhängte Geldstrafe nicht zahlen mochte -- für 24 Tage ins Gefängnis.

Nun entwirft der streitbare Doktor selbst Werbeplakate für Zigaretten -allerdings für makabre Marken wie "Tot-Händle", "Mord-Extra" oder "Teer 100". Und sein Camel-Mann spricht mit schwärzlich schwärender Wunde am Fuß: "Ich geh'' meilenweit ... mit dem Raucherbein?"

S.103 unten: in "Der Stadtneurotiker". * Oben: In "Der tiefe Schlaf"; * S.108 Im inzwischen geschlossenen Hamburger Forschungsinstitut der Zigarettenindustrie. * S.113 In der Eisdiele von Joe Bortz. *

DER SPIEGEL 19/1981
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