01.12.1980

„Die Sauhund' hau'n wir wieder 'naus“

Die Geheimakten der US-Militärregierung in Bayern 1945 bis 1949 (III)
München, Bayerns Hauptstadt und zugleich die heimliche der Nazi-Bewegung, "fiel" am 30. April 1945 -in durchaus unheldischer Weise.
Als die Fahrzeuge eines Spähtrupps der 7. US-Armee auf dem menschenleeren Marienplatz vor dem Münchner Rathaus ausrollten, dauerte es keine fünf Minuten, um die erstarrte Szene ins Enthusiastische zu wenden. Für die Soldaten war es "nicht einfach, sich an die Regeln des Verbrüderungsverbots zu halten", notierten die verblüfften Abwehrleute der Spitzen-Einheit in ihrem bislang geheimgehaltenen "Special Report No. 31".
Innerhalb weniger Minuten waren "die Jeeps von überglücklichen Menschen beiderlei Geschlechts gestürmt" worden. Die "ersten Repräsentanten der siegreichen Macht wurden mit Küssen, Blumen und zahllosen Geschenken überschüttet: Die Worte ''Endlich, endlich erlöst'' schienen das vorherrschende Gefühl der Menge auszudrücken".
Die wenig später nachrückenden 52 Erlöser unter dem Befehl des Oberstleutnants Eugene Keller, der das für München bestimmte Militärregierungs-Detachment F 1 F 3 kommandierte, bewahrten kühle Zurückhaltung. Sie inspizierten die zu 80 Prozent zerstörte Stadt, insbesondere deren Gas-, Wasser- und Elektrizitätswerke, hörten den noch nicht verstummten "Gaubefehlssender" von Freimann mit seinen letzten Durchhalte-Parolen, fanden dagegen die zentrale Radiostation von Erding "in perfect working order" und die Druckerei des "Völkischen Beobachters" in der Schellingstraße passabel ausgerüstet und "kaum zerstört".
Die amerikanischen Verwaltungs-Fachleute, die von nun an die "Wiege des Faschismus" (so die München-Metapher des US-Militärhistorikers Earl F. Ziemke) schaukeln sollten, waren nicht schlecht vorbereitet. In ihrem Gepäck steckten vom OSS-Europachef Allen W. Dulles präparierte und vom anglo-amerikanischen Oberkommando (SHAEF) herausgegebene "weiße Listen" mit den Namen kooperationswilliger Anti-Nazis, von denen einige an jenem letzten Apriltag bereits vor dem Eingang des Münchner Rathauses Posten gefaßt hatten -- der neuen Posten wegen.
Einer von ihnen, Franz Stadelmayer, 1933/34 Stadtoberhaupt von Würzburg, danach von den Nazis ins Buchhändler-Gewerbe vertrieben, präsentierte sich den Amerikanern sogleich als so "intelligente und energische Persönlichkeit", daß sie ihn, wenn auch nur für wenige Tage, ohne viel Federlesens zum neuen OB von München machten. Und "Herr Stadelmayer" diktierte der fremden Obrigkeit auch gleich in den Interview-Block, wie er sich mit deren Hilfe den neuen Staat wünschte: "Demokratisch, fortschrittlich, christlich ... und S.103 ziemlich unabhängig ''from the rest of the Reich''."
Die Amerikaner nahmen derlei bajuwarische Zukunftsvisionen zunächst mit freundlichem Desinteresse zu den Akten. Denn jedenfalls vorläufig war es ihnen noch wichtiger, ein paar der kleinen Führer von gestern zu fangen. Und manche der "weißen" Deutschen lieferten der Militärbehörde ihre Kandidaten für die schwarzen Listen gleich im Dutzend.
So notierten die Münchner Besatzungsoffiziere in ihrer Tageszusammenfassung vom 9. Juni 1945 allein neunzehn Namen, die ihnen der spätere CSU-Schatzmeister Hugo Geiger auf einen Schlag "zur weiteren Veranlassung" anvertraut hatte: einen Ortsgruppenleiter aus der Schellingstraße, der ihn, so der Tipgeber, ins KZ Dachau hatte bringen lassen wollen, und auch einen SA-Sturmführer namens Bartholomäus Zahler aus dem Stadtteil Trudering, der sogar jetzt "noch an den Endsieg" glaube.
Tausende solcher Denunziationsschreiben und Protokolle vergilben, aufbewahrt für ewige Zeiten, in den Omgus-Akten des amerikanischen Nationalarchivs. Neben Angaben der überlebenden Verfolgten über Nazi-Mörder im Lager und am Schreibtisch finden sich zahlreiche Anschwärzereien von Mitläufern, die sich in geschraubtem Kanzleistil "der hochverehrten Militärregierung beehren zur Anzeige zu bringen", daß etwa "der Herr Volksschullehrer a. D. Franz Hauf" aus Gabelbach bei Augsburg seiner -- unbelasteten -- Nachfolgerin verboten habe, vor den Kindern im Unterricht womöglich "über die Nazis zu schimpfen".
Die flüchtig mit Bleistift auf den Rand dieses Berichts von Anfang 1947 notierte Nummer (107 A) und die lapidare Bemerkung "Ablage" verraten, wie leid die Militärregenten es zu diesem Zeitpunkt bereits waren, den Deutschen ihren ganz gewöhnlichen Faschismus auszutreiben, dessen Tiefenschichten durch eine formalisierte Fragebogen-Bürokratie ohnehin nicht beizukommen war. Und die Frustration war um so verständlicher, als die meisten Militärregierungsoffiziere, insbesondere jene in zivilen Verwaltungsbereichen, aus allerlei gehobenen Berufen stammten.
Es gab "Ökonomen, Rechtsanwälte, Ingenieure, Polizeiadministratoren", so notierte der 1961 verstorbene Walter L. Dorn, Professor für deutsche Geschichte in Ohio und von 1945 bis 1947 Berater der stellvertretenden US-Militärgouverneure, "und man kann ruhig hinzufügen, daß die Qualität des Militärregierungsoffiziers in der Civil Affairs Division besonders hoch war".
Bereits im Frühjahr 1944 waren über 2000 ausgesuchte US-Offiziere in Shrivenham in Südwestengland zusammengezogen worden, um deutsche Geschichte, Verwaltungsstruktur, Polizeisystem und NSDAP-Aufbau zu büffeln. Ausführliche Studien des amerikanischen Geheimdienstes dienten ihnen dabei ebenso als Unterrichtsmaterial wie das damals druckfrische Handbuch der "Political Intelligence Division" (PID) des britischen Außenministeriums.
Während Hitlers vorletzte Aufgebote an allen europäischen Fronten heim ins Reich getrieben wurden, probten die zukünftigen Militärgouverneure in ihren englischen Baracken die Umerziehung der demnächst vollständig besiegten Deutschen -- als Demokratisierung von oben in der Form militärischen Planspiels: Einmal simulierten sie eine Woche lang den ganzen Staat Hessen, Besatzer wie deutsche Beamten, um anschließend festzustellen, daß es Darmstadt so, wie sie es inszeniert hatten, gar nicht mehr gab.
Mit dem alliierten Vormarsch rückte diese amerikanische Spezialistentruppe für Nachkriegsaufgaben dann zwar dichter an ihre zukünftigen Einsatzorte heran, über Le Mans und Rochefort südwestlich von Paris bis nach Troyes in Ostfrankreich, aber der Realität, die sie dort nach der deutschen Kapitulation erwarten sollte, brachten sie die häufigen Ortswechsel kaum näher. Und wie um die Absurdität des Plänemachens zu vervollständigen, gelangten zum Schluß nur die wenigsten Militärregierungsoffiziere auch in jene deutschen Provinzen, für die sie mit zum Teil erheblichem Aufwand ausgebildet worden waren.
Daß mindestens Deutschlands Gebirgler spezieller und kundiger Betreuung bedurften, ahnten freilich selbst die Amerikaner. Und so kam immerhin das bereits 1944 in Shrivenham für den Bayern-Einsatz zusammengestellte US-Team unter Oberst Charles E. Keegan tatsächlich in die bayrische Hauptstadt -- gespickt mit zahllosen Lese- und Vorlesungsfrüchten über Vergangenheit und Gegenwart des weißblauen Freistaats.
Die neuen Herren aus Übersee hatten für die frisch okkupierten Bayern erweislich zwei Vorteile: Sie waren keine Russen, und sie zeigten sich den Bayern weit freundlicher gesonnen als S.106 den meisten anderen deutschen Stämmen. General George S. Patton aus Texas, Kommandierender der 3. US-Armee, bald für Bayern als Kriegsherr zuständig und eigenem wie fremdem Volk vornehmlich durch einen vergoldeten Stahlhelm auffällig, fand es relativ rasch wichtiger, den besiegten Bajuwaren Ernährung, Kleidung und Wohnraum zu schaffen, als "jedem kleinen Nazi nachzulaufen".
Daß auch größere Nazis von dieser Nachsicht alsbald erheblich profitierten, focht den draufgängerischen General und seinen Militärgouverneur Keegan kaum an. Denn Bayer und Nationalsozialist -- das ging nach Meinung dieser beiden US-Spezialisten ohnehin nicht zusammen.
In einem Geheimbericht schon vom 9. Mai 1945 hatten Fachleute für psychologische Kriegführung die Bayern allesamt zu einer Sozietät wackerer Antifaschisten befördert. "Traditionell gegen das Preußentum und damit auch gegen dessen spätere Verbindung mit dem Nationalsozialismus eingestellt", so hatten es sich Pattons Hobby-Historiker zusammengereimt, "hat Bayern die unverdorbenen und gesunden Wesenszüge seines besonderen Deutschseins bewahrt."
Diese frühe Zuneigung der Sieger zu den besiegten Seppln gründete neben anderem darauf, daß der Wehrmachtsdolmetscher Rupprecht Gerngross mit seiner "Freiheitsaktion Bayern" (FAB) zwei Tage vor dem amerikanischen Einmarsch in München den Aufstand proben ließ. Obwohl die Gerngross-Gruppe "selbst zu diesem späten Zeitpunkt gegenüber den Nazis nicht überwältigend erfolgreich war", kommentiert US-Historiker Ziemke sarkastisch, "waren ihre Mitglieder doch mehr als bereit, die Amerikaner von der Last der Stadtverwaltung zu befreien".
Pattons Psycho-Krieger, die gleich neunzehn zumeist stramm katholische Freiheits-Aktionisten auf die Vorschlagsliste für eine zukünftige Münchner Separat-Regierung hievten, hielten denn auch emphatisch dafür, daß "die bayrische Nation unzweifelhaft einen enormen Aufschwung nehmen würde, wenn man ihr erlaubte, eine eigene Regierung zu haben -- und sei es auch nur eine provisorische".
Derlei Hymnen auf einen angeblich antifaschistischen Grundkonsens der Alpenländler und auf einen bayrischen Separatstaat klangen dem vom US-Außenministerium als politischen S.108 Berater der Militärs nach Deutschland abgeordneten Botschafter Robert D. Murphy zu schrill -- zumal in einer Zeit, in der noch alliierte Übereinstimmung galt, den Deutschen keinerlei politische Aktivitäten zu erlauben. Pattons Wertungen tönten aber auch an der historischen Wahrheit vorbei:
Die Analyse der Bayernfreunde um Patton, so vertraute Murphy seinem Minister Stettinius an, präsentiere "Bayern als stärkere und breitere Opposition gegen den Nationalsozialismus, als es tatsächlich jemals der Fall gewesen ist".
Murphys dürres Fazit: "Bayern ist kaum das empörte, aber hilflose Opfer der vergangenen Ereignisse, als das es viele Bajuwaren jetzt gerne darstellen möchten" -- und viele unserer uniformierten Umerzieher, hätte der Emissär Washingtons leicht hinzufügen können. Deshalb war der versierte Diplomat damals, im Juni 1945, keineswegs sicher, ob hinter der Patton-Studie nicht auch daheim die stärkere Politik stehen könnte. So bat er seinen Minister inständig, sowohl den Bericht aus Pattons Hauptquartier als auch die Tatsache seiner -- Murphys -- Zuträgerdienste unbedingt diskret zu behandeln.
Die deutliche Unsicherheit des "Politicals advisers" Robert Murphy, dessen mit dem Archiv-Kürzel POLAD versehene Akten ebenfalls erst seit kurzem frei sind, ist zugleich ein Indiz für die Unübersichtlichkeit der politischen Szene Bayerns in diesen ersten Wochen und Monaten nach Ende des Zweiten Weltkrieges.
Hunderte mehr oder minder gut getarnte Nazi-Würdenträger tummelten sich in München und Umgebung, von wo ihre Bewegung 26 Jahre zuvor ihren Ausgang genommen und wo sie sich bis zuletzt halbwegs sichere Zuflucht erhofft hatten. Ihre rasch zusammengezimmerten Widerstandslegenden mischten sich auf für die Amerikaner kaum entwirrbare Weise mit der oppositionellen Scheinlegitimation der Münchner Polizei- und Wehrmachts-Putschisten in letzter NS-Sekunde. Gleichzeitig jedoch kehrte aus den befreiten KZ-Lagern allmählich zurück, was an wirklichen Anti-Nazis verschiedener politischer Richtung das Dritte Reich überlebt hatte.
Auch die Emigranten kamen bereits in den letzten Kriegswochen über die nahe Schweizer Grenze mit den unterschiedlichsten Hoffnungen und Aufträgen nach Hause. Der bayrische Sozialdemokrat Wilhelm Hoegner, Mitbegründer der Arbeitsgemeinschaft "Demokratisches Deutschland" in der Schweiz, war einer der ersten dieser Heimkehrer nach der Kapitulation.
Andere wie Ludwig Ficker, Leitungsmitglied der Exil-KPD in der Schweiz und Aktivist der kommunistisch dominierten Bewegung "Freies Deutschland", waren bereits im März 1945 illegal an die Isar zurückgekehrt, um für den Aufbau ihrer Organisation einen möglicherweise entscheidenden Vorsprung zu gewinnen.
Für die Kommunisten unter den Schweizer Exilanten galt ohnehin der strikte Parteiauftrag, sich als Kader der ersten Stunde ausschließlich in West- und Süddeutschland zur Verfügung zu halten: Leo Bauer, später Chefredakteur des DDR-"Deutschlandsenders" und noch später zur westdeutschen Sozialdemokratie konvertiert, begann zusammen mit seinem jungen Genossen Stephan Hermlin in der Redaktion der gerade lizenzierten "Frankfurter Rundschau".
Der Schauspieler und spätere Ost-Berliner Regisseur Wolfgang Langhoff, Mitglied des letzten Präsidiums der Bewegung "Freies Deutschland" vor deren Auflösung Ende 1945, sprach schon bald auf Massenkundgebungen in Frankfurt, Stuttgart und München. Und der Spanienkämpfer Eduard Claudius (bürgerlich: Eduard Schmidt), DDR-Schriftsteller und -Diplomat, fand das Startloch für seine politischpublizistische Karriere in der ersten, von den Amerikanern eingesetzten bayrischen Staatsregierung -- als Pressereferent im Ministerium für Entnazifizierung.
Hitler-Gegner aus allen Himmelsrichtungen, mit den unterschiedlichsten Schicksalen und Weltanschauungen, prallten in der bayrischen Hauptstadt aufeinander. So wurde der Kommunist Claudius in jenen Tagen zu seiner Verblüffung von einem US-Offizier zur Mitarbeit beim Münchner Sender aufgefordert; der uniformierte Besucher, so beschreibt es Claudius in seinen Lebenserinnerungen, stellte sich als "Kontrolloffizier am hiesigen Rundfunk" vor: "Mein Name ist Golo Mann."
Noch wurde der Kalte Krieg, den auf diesem Gebiet wenig später ein anderer US-Offizier namens Hans Habe exekutieren sollte, nicht offen ausgetragen. Immerhin machen die von der amerikanischen Militärverwaltung hinterlassenen und so lange sekretierten Dokumente deutlich, wie stark selbst persönliche Vorlieben und Abneigungen einzelner Besatzungsoffiziere den politischen Neubeginn beeinflußten, indem sie unterhalb des generell gültigen Antikommunismus örtlich einzelne Gruppen favorisierten und andere benachteiligten.
Insbesondere das Münchner "Office of Military Government of the United States" (Omgus Bavaria) scherte sich, solange Pattons Kommiß-Verwaltung das Sagen hatte, nicht viel um zentrale US-Richtlinien und alliierte Absprachen.
"Die Omgus-Leute in Bayern", erinnert sich Robert Wolfe, heute Chef der Militärgeschichtlichen Abteilung des amerikanischen Nationalarchivs und nach 1945 Militärregierungsoffizier in Heidelberg, "waren ''ihren'' Deutschen beinahe näher als uns; irgendwie hatte der bayrische Separatismus sehr rasch und sehr stark auf sie abgefärbt."
So sehr, daß Politik-Berater Murphy sich im September 1945 die Klage des stellvertretenden US-Oberkommandierenden S.110 Lucius D. Clay anhören mußte, die in München stationierten Kameraden handelten zunehmend eigenmächtig und verweigerten zugleich jegliche Information. Er sei deshalb, so berichtete Murphy seinem Ministerium in einem mehrseitigen Dossier, von Clay unverzüglich nach München in Marsch gesetzt worden, "um die Situation in Bayern mit unserer erklärten Politik wieder auf eine Linie zu bringen".
Das Ergebnis dieser Murphy-Mission: Kriegsheld Patton quittierte nach einer kontroversen Unterhaltung mit General Eisenhower in Frankfurt seinen Job. Gleichzeitig setzten die Besatzer das erste bayrische Nachkriegskabinett ab -- samt seinem Ministerpräsidenten, dem CSU-Mitbegründer Fritz Schäffer. Den hatte Roosevelts Finanzminister und Deutschland-Planer Henry Morgenthau ("Germany is our problem") gerade als "klerikal" und "abhängig von der Industrie" eingestuft. Bissiger Kommentar der liberalen US-Presse: "And General Patton''s men like him."
Des Oberbayern Schäffer engere Clique bestand gleich ihm aus Honoratioren der alten Bayerischen Volkspartei (BVP), die sich allesamt einen Freistaat fern vom Reich und nahe beim katholischen Gott und seinen irdischen Stellvertretern erträumten: Nazis waren diese bayrischen Nationalisten nach der erzwungenen BVP-Auflösung von 1933 selten geworden. Manche mußten sogar Verschleppungen in Konzentrationslager und Zuchthäuser ertragen. Aber ihrem bodenständigen Konservativismus hatten solche Anfechtungen durch den nationalsozialistischen Staat der Hitler und Himmler keinen Abbruch tun können.
Indem die Amerikaner Adenauers späteren Finanzminister Schäffer schon nach so kurzer Amtszeit feuerten und ihm für einige Zeit sogar jegliche politische Betätigung verboten, brachten sie dem Separatismus in Bayern eine Schlappe bei, von der er sich, abgesehen von einem vergeblichen Wiederbelebungsversuch durch die 1948 lizenzierte Bayernpartei, nie wieder erholte.
Für den geschaßten Neu-Demokraten Schäffer war seine Ablösung einfach die gemeinsame Schandtat antibayrischer Kräfte und der amerikanischen Nachrichtendienste. Vor allem dort hätten sich, so erklärte Schäffer Ende 1948 in einem parteiinternen Rechtfertigungspapier, "Kräfte einer besonderen politischen Einstellung zusammengefunden": Insbesondere sei "die Zahl der emigrierten Deutschen recht groß" gewesen, und die hätten sich "von einer gewissen Voreingenommenheit nicht frei machen" können.
Tatsächlich taten in den geheimdienstlichen Abteilungen der Münchner Militärregierung, vor allem bei der "Information Control Division" (ICD), eine Reihe jüdisch-deutscher Emigranten Dienst, die das Gerangel der neuen Bayern-Führung mehr als argwöhnisch und dabei durchaus parteilich beobachteten. Zwar war ihnen von Anfang an klar, daß gegen diese christlich-konservative Sammlungsbewegung auch in einem leidlich entnazifizierten Bayern auf Dauer niemals Politik zu machen sein würde.
Aber anders als der Schäffer-Protektor Patton setzten sie in dieser -- noch -- unübersichtlichen Gemengelage, aus der heraus ein Jahr später, im Spätsommer 1946, die ersten CSU-Kreisverbände entstanden, für eine kurze Zeit stärker auf die interkonfessionell-bundesstaatliche Orientierung des späteren CSU-Vorsitzenden Josef ("Ochsensepp") Müller.
Bereits im August 1945 hatte sich mit Zustimmung beider Flügel im Münchner Rathaus ein "Vorbereitender Ausschuß der Christlich-Sozialen Union Münchens" konstituiert. In ihm, so urteilt rückblickend auch der CSU-Historiograph Alf Mintzel, seien "bereits die Gegensätze zwischen BVP-Traditionalisten und interkonfessionell christlich-sozial gesinnten ''Neuen''" angelegt gewesen.
Vorläufig blieben die Konfliktpunkte allerdings noch ausgeklammert, so daß der "Vorbereitende Ausschuß" Ende November 1945 mit einem landesweiten Aufruf gegen die bereits von der Militärregierung zugelassenen Konkurrenten KPD und SPD antreten und zur Bildung einer "großen Sammel- und Volkspartei" aufrufen konnte. Damit sollte "dem Grundgedanken christlicher Kultur und des christlichen Sittengebots" zu seinem gebührenden Platz in der neuen politischen Ordnung verholfen werden.
Unter diesem ersten und wichtigsten Dokument der CSU-Gründungsgeschichte stehen die Namen des evangelischen Synodalen Wilhelm Eichhorn und des erzkatholischen, später zum Ritter des Ordens vom Heiligen Grabe geschlagenen Alois Hundhammer noch ebenso einträchtig nebeneinander wie die der alsbald erbitterten Kontrahenten: Fritz Schäffer und Josef Müller.
Um den innerparteilichen Gegner zu diskreditieren, war den spinnefeindlichen CSU-Parteifreunden bald jedes Mittel recht, und eines der beliebtesten war, jedenfalls bis 1949, das wechselseitige Anschwärzen bei der US-Militärregierung. Wenn es eine Besonderheit gibt, in der sich sowohl Bayern als auch seine Staatspartei CSU von der unmittelbaren Nachkriegsgeschichte anderer Parteien und anderer Bundesländer signifikant unterscheiden, so ist es der mit Affären, Beschimpfungen, Verleumdungen und gegenseitigen Bespitzelungen gepflasterte Weg zur Macht.
Dieses eigentümlich bayrische Verständnis von Parteifreundschaft und christlichem Miteinander wurde von den Besatzern mit beinahe sportlichem Interesse registriert: "Who will make it" -- Wer wird es schaffen, steht immer wieder am Rand solcher Dossiers über CSU-Intrigen, die dem Interesse der Militärregenten durchaus entgegenkamen, über möglichst jede politische oder personelle Differenz bis ins Detail unterrichtet zu sein.
Bereits am Vormittag des 18. September 1947 war die Münchner Militärregierung S.112 beispielsweise über eine Geheimrede informiert, die Ministerpräsident Hans Ehard am Abend zuvor vor der CSU-Landtagsfraktion gehalten und in der er sich den Parlamentariern -- nach dem Austritt der SPD aus seiner Koalitionsregierung -als eigentlicher Unionschef präsentiert hatte: Wenn Müller und Hundhammer sich jemals einigen sollten, spielte Ehard den Bescheidenen, könne er beruhigt zurücktreten, aber zunächst müsse doch jemand "das Volk über den Winter bringen".
Seine eigene Leistung strich auch US-Informant Überreiter gehörig heraus. Sogar Presseleuten sei der Zutritt zu dieser Fraktionssitzung "verboten" gewesen, und "nur auf verschiedensten Umwegen" habe er "Einlaß erhalten" können.
CSU-Mitglied Überreiter war auch ein halbes Jahr später, am 10. März 1948, in geheimer US-Mission dabei, als auf dem Höhepunkt der Flügelkämpfe der CSU-Bezirksverband Oberbayern ganz unter sich sein wollte. Das Wortprotokoll für Pierre Purves, den Chef der Zivilverwaltungsabteilung von Omgus Bavaria, verdeutlicht die praktische Doppelrolle des amerikanischen V-Mannes:
Zu Beginn der Sitzung hatte der Bezirksvorsitzende Fritz Schäffer noch erklärt, daß diesmal außer Delegierten "niemand zugelassen" werden könne -- "auch keine Pressevertreter und keine Vertreter des Radio". Überreiter, mit Dutzenden von Observationsberichten im Omgus-Material vertreten, zeigte sich um zusätzliche Geheimhaltungsmaßnahmen besorgt. Er beantragte "festzustellen, ob jeder seinen Nachbarn kennt. Das dürfte genügen".
Staatsrat a. D. Schäffer fand das eine fabelhafte Kontrollmethode und ließ sogleich prüfen, "ob jemand im Saal ist, den niemand kennt?" Das war -nach Gesichtskontrolle auf Gegenseitigkeit -- "nicht der Fall". Man war unter sich: Es durfte gehauen und gestochen werden.
Tags darauf freilich waren die parteiinternen Denunzianten mit der schmutzigen Wäsche ihrer Widersacher oft noch früher in den Büros der Militärregierung als die von den Amerikanern zu diesem Zweck ausgehaltenen Zuträger-Dienste -- und häufig war das eine vom anderen gar nicht reinlich zu scheiden.
Eine zentrale Rolle in dieser Grauzone zwischen Ausspähung und Einflußnahme spielte eine Organisation, deren mit "T-Unit" gezeichnete Berichte als Original, Durchschrift oder Übersetzung S.115 noch heute in fast jeder Archiv-Kiste des Aktennachlasses vom Omgus Bavaria anzutreffen sind. Oft seitenlang und mit wörtlichen Zitaten der CSU-Prominenz jener Tage gespickt, liefern diese Reports ein höchst lebendiges und so kaum bekanntes Bild der frühen CSU-Flügelkämpfe.
Das "T" im Titel der ebenso geheimnisvollen wie obskuren Agentur stand für "Turicum", den lateinischen Namen von Zürich. Von dort stammte einer der beiden Mitbegründer, der Schweizer Journalist J. C. Meyer, dessen Berliner Korrespondenten-Tätigkeit die Nazis 1944 mit der Ausweisung beendet hatten.
"Turicum"-Chef war der deutsche Journalist Hans-Georg Bentz, der es vor dem Kriege beim Ullstein-Verlag bis zum stellvertretenden Chefredakteur der "Berliner Morgenpost" gebracht hatte und der bis zu seinem Tode 1968 bundesdeutschen Tierfreunden und dem Bertelsmann-Verlag als Erfolgsautor ("Gute Nacht, Jakob", "Alle lieben Peter") lieb und teuer war.
Bei Kriegsende ins bayrische Mittenwald verschlagen, bot der zum Buddhismus konvertierte Bentz seine Schreibkünste jedoch zunächst auf einem ganz anderen Markt an. Er offerierte seinen oppositionellen Kleinkreis mit kaum mehr als einer Handvoll Mitgliedern den Amerikanern vollmundig als "antifaschistische Untergrundbewegung", die über Ortsgruppen in Überlingen, Ludwigshafen und Garmisch sowie über direkte Kontakte zum englischen Geheimdienst, ja zu Churchill "himself" verfüge.
Die amerikanischen Verbündeten waren gehörig beeindruckt. Sie ließen den "Turicum"-Initiator samt Ehefrau Anne-Marie von Mittenwald nach München umsiedeln, requirierten der Bentz-Truppe im Stadtteil Solln ein stattliches Haus in der damaligen Waldstraße 9, bewilligten Fahrzeuge, Sprit und Sonderrationen -- und ließen H. W. Berett, wie sich Bentz auch nannte, und seine Gefolgsleute zu Papier bringen, was immer sie im Nachkriegsbayern aufschnappen konnten.
Einer dieser frühen Lauschangriffe galt dem christsozialen Kungel-Kreis "Dienstag-Club". In ihm hatte sich, zeitweilig unter Führung des Amtsgerichtsrats Richard Jaeger, der sich als Bundestagsvizepräsident später den Nom de guerre "Kopf-ab-Jaeger" verdiente, die junge Opposition gegen "Ochsensepp" Müller organisiert -etwa zwanzig Mitglieder der "Katholischen Jungen Mannschaft", keiner älter als 35 und rund die Hälfte bereits in Parteiämtern und schon in den Startlöchern für eine zumeist steile CSU-Karriere.
Für den Heubl Franz beispielsweise führte sie in 25 Jahren zum Strauß-Stellvertreter im CSU-Vorstand und, mit dem reizvollen Umweg über Bonn, direkt auf den Sessel des bayrischen Landtagspräsidenten.
Damals, auf der "Dienstag-Club"-Sitzung vom 2. April 1946, überlegte Heubl dagegen noch "allen Ernstes, ob es sich überhaupt lohnt, an einem solchen Sauhaufen mitzuarbeiten". Gemeint war -- daran läßt der "Turicum"-Bericht keinen Zweifel -- kein anderer Haufen als die CSU, dessen Vorsitzender Müller für Heubl "eine typische Schieberfigur" war. Und der Müller-Vertraute Michael Horlacher, acht Monate später zum ersten Präsidenten des weißblauen Landtages gewählt, S.117 war dem Jungmannen Heubl ganz und gar eklig -- "ein Klotz und ein Saubauer".
Wann immer die Dienstags-Jünger des Staatsrates a. D. Schäffer sich im Caritas-Verbandshaus in der Münchner Beethovenstraße trafen -- die Besatzungsmacht saß stets mit am Tisch, selbst dann, wenn nur noch (wie etwa am 3. Februar 1947) vier Mitglieder beisammen waren. Den Militärs lagen die minutiösen Protokolle meist schon am nächsten Tag vor: deutscher Text, Maschinenschrift, mit den dürren Quellen- und Empfängerangaben "T-Unit to ICD" oder manchmal auch, eine Spur persönlicher, "T-Unit to Mister Peter G. Harnden" -- dem bei "Information Control" für politische Angelegenheiten zuständigen Omgus-Offizier.
Penibel festgehalten wurde, wenn "der Student Huber" -- Ludwig Huber, der sich später über Posten als Kultus- und Finanzminister auf den Präsidentenstuhl der Bayerischen Landesbank hangelte -- bedauernd "bekanntgab", daß der SPD-Vorsitzende Kurt Schumacher jetzt unter Studenten "wegen seines deutschen, beinahe nationalistischen Tones" immer mehr Sympathien gewinne.
Und ein Ausrufungszeichen am Rand war es dem amerikanischen Leser vom Dienst immerhin wert zu erfahren, daß Rechtsanwalt Josef Brunner -- Mitte der fünfziger Jahre nach Franz Josef Strauß und vor Friedrich Zimmermann amtierender CSU-Generalsekretär -- ganz glücklich war über den von den Amerikanern als Schäffer-Nachfolger eingesetzten SPD-Ministerpräsidenten Hoegner:
"Innerhalb der kürzesten Zeit" gebe es ohnehin einen "vollständigen Zusammenbruch der Wirtschaft", frohlockte Brunner 1946 ähnlich wie Strauß 28 Jahre später in seiner Sonthofener Rede, und die Union könne "dann froh sein, wenn nicht einer der Ihren mit diesem Zusammenbruch verknüpft" sei.
Aber auch bei der Konkurrenz prüften die Kundschafter von "Turicum" regelmäßig Klatsch und Stimmung: Zunächst mittwochs, später donnerstags traf sich im CSU-Landessekretariat in der Paul-Heyse-Straße regelmäßig der "Ochsenclub". In diesem Zirkel, so erläutert ein Bericht vom 13. Juni 1946, "finden sich ... ausgesprochene Anhänger S.119 der Müllerschen Richtung in der CSU zusammen".
Er selbst, so teilt der Spitzel seinem amerikanischen Auftraggeber gleichzeitig mit, sei im "Ochsenclub" erst durch "Dr. Richard Jaeger, der mich vom ''Dienstag-Club'' her kennt", eingeführt worden, "obwohl ich kein Mitglied der Union bin".
Daß der intrigante Partisanenkrieg in der CSU mit allen Mitteln geführt wurde, belegt ein anderes Dokument aus dem Juni des Jahres 1946: Im "Dienstag-Club" war der Vorsitz gerade vom stockbayrischen Richard Jaeger auf Josef Brunner übergegangen, der vor dem Kriege als Geschäftsführer des Reichsverbandes Deutscher Zentrumsstudenten in Berlin gewesen war und nun befürchtete, diese nördliche Verirrung könne dem Ansehen der ganzen Club-Seilschaft schaden.
Aber Jaeger, obwohl damals hauptberuflicher Mitarbeiter im CSU-Landessekretariat, beruhigte den ängstlichen Parteifreund: "Alles, was gegen die Landesleitung der CSU gehen könnte, kann für unseren Club nie belastend sein, das ist nur eine Empfehlung."
Und als eine Belastung galt es damaligen Deutschen auch keinesfalls, dem Sieger allerlei Spanner-Dienste zu leisten. Besonders beliebt, weil mit Einkommen und Einfluß verbunden, war der Ermittler-Job eines "German Investigators", von denen die Militärregierung Tausende teils offiziell, teils konspirativ beschäftigte.
Wer wie der Fallschirmjäger und spätere Würzburger Student Hans Benirschke in amerikanischer Kriegsgefangenschaft gewesen war, fließend Englisch sprach und beteuerte, erst in den USA "politisch denken" gelernt zu haben -- der brachte die denkbar besten Voraussetzungen für solche Horch-Posten mit. Benirschke fragte neben seinem Studium bei fränkischen Nachkriegspolitikern deren Meinung zu amerikanischen Maßnahmen ab, reportierte über KPD- und andere Parteiveranstaltungen und erledigte alles zur "vollständigen Zufriedenheit seiner Oberen" bei der Würzburger ICD.
Noch später wurde Benirschke, wie er 1948 wegen eines USA-Stipendiums an Willy Brandt schrieb, mit der "Materie des ''freiheitlichen Sozialismus'' vertraut" und trat dem SDS bei. Heute ist er Chefredakteur der Deutschen Presse-Agentur.
Vergleich und Analyse der von Omgus gesammelten Hintergrundberichte etwa über die beiden CSU-Flügel und ihre sich wechselseitig befehdenden Münchner Gesprächskreise lassen aus der archivarischen Distanz zudem ziemlich mühelos erkennen, daß viele dieser deutschen "Reporter" und "Investigatoren" ihre Berichtstätigkeit keineswegs neutral versahen: Die Sympathien mindestens der Obskuranten von der "T-Unit" gehörten eindeutig der Schäffer/Hundhammer-Richtung, wenn sie ihre Schmutzarbeit häufig nicht sogar in deren unmittelbarem Auftrag leisteten.
So wird der Militärregierung der "Dienstag-Club" als Zusammenschluß von CSU-Leuten ans Herz gelegt, "die auf dem Boden der christlichen Weltanschauung stehen" und sich "in redlichem Bemühen politisch bilden und orientieren wollen". Der Zirkel des Parteivorsitzenden Müller dagegen erscheint durchgängig als konspirativer Ort, wo Intrigen gesponnen werden, nicht selten auch solche gegen die Besatzungsmacht, der man -- so ein "Ochsenclub"-Mitglied laut "T-Unit" -- nicht in "Würdelosigkeit" und mit "Liebedienerei" begegnen dürfe.
Bald schon wurde "Ochsensepp" Müller von Bentz'' Untergrundbrigade auch direkt angenommen: Ende 1946 beispielsweise lieferte "Turicum" die gesammelten Erkenntnisse eines königstreuen Münchner Zahnarztes namens Hirschberger wichtigtuerisch an die Militärregierung, wonach Müller "schillernd, charakterlos, krankhaft ehrgeizig, verlogen, mit einem Wort: machiavellistisch" sei.
Solche Dossiers taten erweislich ihre Wirkung. In einem eigenen Geheimbericht der ICD über den CSU-Vorsitzenden ist wenige Tage später -- unvermittelt, aber kaum zufällig -- von "Müllers sphinxlike behavior" die Rede. US-Fazit: Man müsse auf den Mann "aufpassen".
Schon wenig später schürte die "T-Unit" den einmal geweckten Argwohn weiter -- an einem Punkt, wo sie die Amerikaner ohnehin allergisch wußte: In einem zehnseitigen Papier belehrte sie die Besatzungsmacht über, so der bedeutungsvolle Titel, "Channels of Russian Influences into Bavaria".
Rote "Einflußkanäle" verliefen danach durch die KPD ebenso wie durch katholische Orden; junge, ehemalige SS-Leute wurden als den sowjetischen Einflüsterungen ebenso leicht zugänglich beschrieben wie Sudetendeutsche, Schlesier und jüdische NS-Verfolgte. Mit allen aber kollaboriere auf dunkle S.122 Weise CSU-Chef Müller, dessen "Kanal ... nach Moskau" wiederum der Ex-Oberst Luitpold Steidle sei, der 1943 in der UdSSR das Nationalkomitee "Freies Deutschland" mitgegründet hatte und nach dem Krieg zunächst Agrar-Staatssekretär in der sowjetisch besetzten Zone geworden war.
Die Diffamierungsstrategie begann bald sichtbare Erfolge zu zeitigen. Als der "Ochsensepp" nach den für die CSU erfolgreichen Landtagswahlen 1946 das Amt des Ministerpräsidenten anstrebte, zögerte die US-Militärregierung demonstrativ mit ihrer Zustimmung und ließ mitteilen, Müllers Tauglichkeit für dieses Amt müsse erst noch genau überprüft werden.
Die Müller-Gegner aller politischen Schattierungen verstanden das Signal: Als der neue Landtag zusammentrat, machte die Hoegner-SPD mit dem Hundhammer-Flügel der CSU gemeinsame Sache. Zwar erklärten sich die Sozialdemokraten zur Koalition bereit, jedoch sei Müller als Regierungschef unannehmbar. Müllers Parteifeind Ehard machte schließlich das Rennen, und erst nach dem Austritt der SPD-Minister aus der Regierung dieser Großen Koalition durfte Müller, im September 1947, als Justizminister in Ehards Kabinettsrunde Platz nehmen.
Doch die politisch-persönlichen Attacken gegen ihn gingen unvermindert weiter. Im Februar 1948 etwa warnte ein Informant der "T-Unit" den US-Geheimdienst davor, die "Verbindung Müller-Tulpanoff" aus dem Auge zu lassen: Der CSU-Vorsitzende konspiriere mit dem obersten Kulturoffizier der sowjetischen Militäradministration und plane, gemeinsam mit dem Ost-Berliner CDU-Funktionär Ernst Lemmer, "eine Offensive gegen Adenauer".
Auch Franz Josef Strauß, einer der wenigen oberbayrischen Gefolgsleute des "Ochsensepp", geriet ins "Turicum"-Visier: In der Umgebung Müllers, so meldete Bentz den Amerikanern im Frühjahr 1948, trete ein Landrat Strauß "immer mehr in den Vordergrund". Der habe als Anführer einer "Luftwaffengang" nach Kriegsende die gesamte Verwaltung von Schongau übernommen und seine Spezis sogleich bei der US-Fahrbereitschaft untergebracht, wo binnen kurzem "ein bis zwei Millionen Mark" verschwunden seien.
Außerdem verfüge Strauß dank Müller, der ihn häufig nach Frankfurt (zum Bizonen-Wirtschaftsrat) mitnehme, über exzellente Verbindungen: So sei er beispielsweise "in der Lage, den (Patton-Nachfolger) General Muller jederzeit und selbst schneller als hohe amerikanische Offiziere zu kontacten".
Den Amerikanern war der fixe Landrat freilich aus anderen Quellen längst geläufig. Denn August Haußleiter, stellvertretender CSU-Vorsitzender, fränkischer Landtagsabgeordneter und ergebenster Müller-Mann, hatte bereits Anfang 1947 den Militärbehörden sein politisches Credo frei Haus geliefert -samt ausführlicher Einschätzung der innerparteilichen Gegner um Schäffer und Hundhammer als "klerikal" und "besitzreaktionär".
Gegen diese "Separatisten" aber, so versicherte Haußleiter, der als 75jähriger Patriarch inzwischen der grünen Bewegung vordenkt, stünde unerschütterlich eine "fortschrittliche Gruppe", die sich "mit dem ganzen Schwung der Jugend ... für den sozialistischen Fortschritt", ja für "die Revolution" einsetze. Zu den wenigen Helden, denen Haußleiter damals die Ehre namentlicher Erwähnung antat, gehörten "Dr. Strauß" und "Dr. Zwicknagl", damals 46 und Jahre später Straußens Schwiegervater.
Einmal als Aktivist der "revolutionären" CSU-Richtung annonciert, blieb Franz Josef Strauß gemeinsam mit seinem Mentor Müller unter mißtrauischer Beobachtung: In einem 21seitigen Müller-Dossier, das die Münchner Militärregierung mit Hilfe der "T-Unit" anlegen ließ, wurden nicht nur Gerüchte notiert, wonach Müllers Frau Maria bei "Rauschgiftorgien" im Hause eines "Bubi" genannten Ettaler Bildhauers namens Otto Mayer gelegentlich zum Nackt-Tanz antrat. Unter S.124 den als "geheim" eingestuften Intim-Informationen findet sich auch die pauschale Denunziation, unter den Müller-Gefolgsleuten sei "ein hoher Prozentsatz von Homosexuellen und Morphinisten".
"Einer von ihnen", behauptet der anonyme, erst 1977 deklassifizierte Omgus-Report weiter, sei "zweifellos Strauß, Landrat von Schongau". Er sei ebenfalls "dauernd von jungen Männern eines unmißverständlichen Typs umgeben".
Derlei absurdem Tratsch, mindestens wenn er von der "T-Unit" aufgerührt wurde, maßen die Amerikaner durchaus Bedeutung bei. In einem vertraulichen Papier vom September 1946 etwa berichtet der US-Geheimdienstler John Arouet, daß "die Organisation Turicum -- ein System von geheimen Informationen mit außergewöhnlich hilfreichen Verbindungen zu vielen hohen deutschen Stellen -- ICD kontinuierlich mit herausragenden und wichtigen Geheiminformationen beliefert. Keine unserer anderen vertraulichen Quellen ist fähig, uns auch nur annähernd gut zu bedienen".
Eine Zulassung von "Turicum" als politische Organisation allerdings hatte das für München zuständige MG-Detachment bereits einige Monate früher, im März 1946, abgelehnt. Denn Bentz hatte zunächst durchaus vorgeschwebt, seine Geheimgesellschaft als eine Art elitärer Ersatzpartei zu etablieren -als "internationale Arbeitsgemeinschaft zur Förderung der Demokratie".
Nur die "geistige Elite aus allen Ländern und Bevölkerungsschichten" sollte in "Turicum"-Gruppen aufgenommen werden, die wiederum -- aus Zürich, Washington und London zentral geleitet -- den nationalen Regierungen großzügig "geeignete Persönlichkeiten ... zur Verfügung stellen" wollten. Um die Militärregierung davon zu überzeugen, wie segensreich die Verwirklichung seiner Ideen wäre, ließ Bentz englisch beschriftete Organisations-Schemata sowohl von der "Kriegsform" als auch von der "Friedensform" seines Vereins malen. Zugleich beschwor er die Amerikaner, der "Turicum-Mann" wie die "Turicum-Frau" müßten endlich "in der Welt ein Begriff werden, der Inbegriff des ''chemisch-reinen Demokraten''".
Daß es die US-Militärregenten bei diesen Vorstellungen ihres geheimen Verbündeten gegruselt haben könnte, ist aus den Omgus-Akten nicht ersichtlich: Die Genehmigung als offizielle Organisation wurde "Turicum" allein deshalb versagt, weil zwei der dafür erforderlichen Bürgen als ehemalige NS-Mandatsträger aufgefallen und drei weitere von den Militärbehörden bereits wegen Fragebogen-Fälschung verurteilt worden waren.
Doch dieselben Leute, die den Amerikanern wegen einiger belastender Unterstützer als nicht lizenzfähig galten, nahmen sie als glaubwürdige Geheimdienst-Zuträger nachweislich bis 1949 gern in Anspruch. Zahlreiche "Turicum"-Recherchen -- darunter auch ausgesprochen intelligente über die politischen Strukturen Bayerns -- sind für die Omgus-internen Hintergrundberichte "Trend" übersetzt und ausgewertet worden.
Dabei wird der zeitgeschichtlichen Forschung die Gewichtung vorbehalten bleiben, welchen exakten Einfluß so oder ähnlich vorgefärbte nachrichtendienstliche "Erkenntnisse" auf Maßnahmen der Münchner Militärregierung hatten und damit zugleich auf den S.126 politischen Formierungsprozeß im Nachkriegsbayern.
Zahlreiche Omgus-Dokumente belegen immerhin unmißverständlich, daß sich die amerikanischen Besatzer durchaus über die tatsächliche Dimension der mit Derbheiten und Denunziationen geführten CSU-internen Debatte im klaren waren. Was sich vordergründig wie ein Kampf um Posten und Pfründe ausnahm, waren in Wirklichkeit -- so Alf Minzel aus dem Vierteljahrhundert Distanz seiner CSU-Geschichtsforschung -- "Grundsatz-Debatten über den großen Kurs der Partei".
Der aber war spätestens nach der Währungsreform mit der endgültigen Niederlage der Müller-Fraktion festgelegt, wenn auch um den Preis eines erheblichen Mitgliederschwunds und deutlicher Auflösungserscheinungen im Organisationsgefüge der Christlich-Sozialen Union. Im Mai 1949 mochte die CSU-Landesversammlung Josef Müller nicht mehr als Vorsitzenden bestätigen; sein Nachfolger wurde der Mann, der dem "Ochsensepp" schon bei der Ministerpräsidenten-Kür zwei Jahre zuvor den Rang abgelaufen hatte: Hans Ehard.
Wer seine Partei- und Staatskarriere nicht gefährden wollte, war freilich schon vorher zu den stärkeren Bataillonen übergelaufen -- und dafür von den Zuträgern der Besatzungsmacht prompt mit Wohlwollen bedacht worden. Am 9. März 1949 berichtet die "T-Unit" erneut über den einst geschmähten CSU-Nachwuchspolitiker Franz Josef Strauß. Er ist nun "34 Jahre alt, sehr lebendig und gilt in Münchner CSU-Kreisen als Gegner Dr. Müllers. Seine Berufung in das Amt des Landesgeschäftsführers wird als ein Erfolg der Hundhammer-Gruppe vermerkt".
Die Karten für das beginnende Polit-Poker um die Macht in Bayern und in der im selben Jahr gegründeten Bundesrepublik waren jedenfalls innerhalb der CSU verteilt. Im September 1949 lösten die Amerikaner ihre Militärregierung in Bayern auf -- und nicht wenige Omgus-Offiziere verließen München mit dem Gefühl, nach dem militärischen Sieg von 1945 doch noch eine politische Niederlage erlitten zu haben.
Hellsichtige und dabei nicht weniger bayrisch fühlende Bayern wie der Sozialdemokrat Hoegner freilich hatten schon sehr viel früher gesehen, daß von wirklichem Neubeginn, von tatsächlicher Neuverteilung wirtschaftlicher wie politischer Macht kaum die Rede sein konnte. Anfang 1947 schrieb Hoegner, damals Justizminister im ersten Kabinett Ehard, an einen New Yorker Freund, die Situation sei "ungefähr die gleiche wie 1920/21, und das alte Spiel der bayrischen Reaktion kann von vorn beginnen". S.127
Unter den "breiten Massen", so klagte Hoegner in dem von der amerikanischen Zensur abgefangenen und kopierten Brief, gebe es "nicht die Spur eines Schuldgefühls". Statt dessen stecke die bayrische Politik in einem "Chaos von Haß, Verleumdung und Verkommenheit"; und "die Besatzungsmacht begnügt sich bei alledem mit der Beobachtung und läßt die politisch unbelehrbaren Deutschen tun, was sie eben wollen".
Der Hoegner-Brief, zur Halbzeit alliierter Herrschaft geschrieben, interessierte die Amerikaner, doch er beunruhigte sie nicht. Der Münchner US-Generalkonsul James R. Wilkinson reichte den Text zwar an sein Außenministerium weiter, qualifizierte ihn aber als den Befund "eines müden, desillusionierten Mannes, der möglicherweise glaubt, er sei der einzige Mann in Bayern, der zum Ministerpräsidenten taugt".
Zwei Jahre später -- kurz bevor Omgus Bavaria seine Tätigkeit einstellte -- machte die nämliche Resignation auch die Amerikaner betroffen.
Eine von der "Intelligence Division" der Münchner Militärregierung erstellte Analyse hatte, vier Jahre nach Kriegsende, die Renazifizierung der bayrischen Ministerien untersucht. Danach waren bereits 81 Prozent der höheren Justizbeamten wieder Nazis von ehedem; im Agrarministerium (77 Prozent) und im Finanzministerium (60 Prozent) hatte sich die alte Ordnung ähnlich lautlos wiederhergestellt.
Experten der für die deutsche Zivilverwaltung zuständigen Omgus-Abteilung erwarteten zu diesem Zeitpunkt illusionslos, "daß die Rückkehr ehemaliger Nazi-Beamter zu ihren Jobs einer ''Stampede'' vergleichbar sein würde, wenn die Supervision durch die Militärregierung aufhört".
Die Strafverfolgung von NS-Verbrechern war längst zu einer lästigen Pflichtübung verkommen. So hatte die Anklage in Regensburg gerade für den SS-Sturmführer Johann Engel trotz erwiesener Grausamkeit gegenüber politischen Häftlingen lediglich zwei Jahre gefordert.
Resignierter Kommentar des Chefs der Omgus-Rechtsabteilung: "Der Ankläger ist ein couragierter Mann und ein ausgewiesener Anti-Nazi. Es ist die Atmosphäre, die ihn verändert hat. Er ist bereits von so vielen ehemaligen Nazis umgeben, daß er womöglich beginnt, an seiner eigenen Überzeugung zu zweifeln."
Der vertrauliche Bericht des Omgus-Nachrichtendienstes war an die Chefetage der Münchner Militärregierung adressiert. Vielleicht, "wenn es die Zeit erlaubt", hoffte Autor Donald T. Shea, Direktor der "Intelligence Division", "wird er dort im ''Küchenkabinett'' behandelt und über Gegenmaßnahmen gesprochen".
Es wurde nicht. Der "Special Report" wanderte, wie unzählige andere, ohne praktisches Ergebnis in die Ablage -- und von dort in die Omgus-Akten, die nun frei sind und erzählen können, wie alles anfing in Bayern nach dem Kriege.
Ende
S.106 Im April 1945 vor dem Mikrophon im Reichssender München. * S.127 Als Vize-Landrat in Schongau, mit US-Besatzungsoffizieren. *

DER SPIEGEL 49/1980
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