22.09.1980

„Lieber mit hungrigen Barrakudas“

SPIEGEL-Reporter Fritz Rumler über Hildegard Knefs „Welttournee“
Der zerknitterte alte Herr aus der ersten Reihe nahm sie nach der Show gerührt in den Arm. Hollywoods berühmter Augur, der Astrologe Carroll Righter, war stolz auf seine Klientin Hilde. Eine Sternstunde?
Sie hatte sich redlich abgestrampelt, mit den Armen gerudert, in den Knien gewippt, aus dem hochgeschlitzten Balmain-Fummel Beinfleisch hervorgestreckt und sehr, sehr laut gesungen.
Ihr altbekanntes Weh und Ach kam zur Sprache, der Tapetenwechsel, der alte Wolf, die roten Rosen, das sommersprossige Berlin, höchst Melodramatisches über Amsterdam; und als "Welturaufführung" ein paar Petits Fours aus ihrem Musical "Der geschenkte Gaul".
Hinter ihr lief, zur Vertiefung, ein Lichtbilder-Vortrag ab. Sang sie vom Regen, erschien ein Regenbild, sang sie von Wolken, zog Cumulus auf, beim "Gaul" kam ein Roß. Lichtkanonen verwandelten die Berliner Philharmonie in eine flackernde Disco-Bude; das Publikum, Gletscherköpfchen der Trümmerfrau-Zeit und schnieke Herren mit Handtäschchen, jubilierte.
Seit letzter Woche ist Deutschlands geliebte Schmerzensmutter auf Tournee, auf "Welttournee". Die Züge wieder stramm, den Sinn voll Tatendrang nach zwölf Jahren Tour-Abstinenz, soll diesmal auch der Rest der Welt ihre gegerbte Stimme hören.
Ein junger, vollbärtiger Pastorensohn aus der Lüneburger Heide hat Hildegard Knef, 54, zu der Global-Safari angestiftet, Martin Biallas, 21. Er ist, in Personalunion, ihr Manager und Veranstalter; "Hollywood, Detroit, Amsterdam, Soltau" gibt seine Visitenkarte als Wirkungsstätten an.
Den Platzhirschen der Branche fuhr der Knef-Coup des unbekannten Frischlings zunächst mal in die Glieder. Vor allem Hildes früherer Impresario, der Hamburger Erfolgsmensch Hans-Werner Funke, sah sich überfahren: Biallas hatte ihm die Knef kurz vor dem eigenen Vertragsabschluß ausgespannt.
Tatsächlich ist das Buben-Stück der eigentliche Glitzer an der eher nach grüner Heide denn nach Hollywood riechenden "Welttournee". Hildegard Knef freilich nimmt ihr Ausbüxen cool: "Ich arbeite lieber mit hungrigen Barrakudas als mit satten Walen."
Appetit auf Karriere, jedenfalls, steht dem Heideknaben in den kühlen, blauen Augen. Er will in die Phalanx der Etablierten einbrechen, die "ganze Knef-Kiste" sieht er als "Einstieg und Investment". Auch cool: "Wir sind im Konkurrenzkampf."
"Hilde", sagt er, "kann ich weltweit verkaufen." Vor allem in den USA habe sie "noch ihren Namen, da ist wirklich noch Kohle drin." Ihr "Gaul" trabte auch in Amerika auf den Bestseller-Parcours, als "The Neff" war sie, in den 50er Jahren, das Fräuleinwunder des Broadway-Musicals "Silk Stockings". Biallas' Zielgruppen in Übersee S.262 sind, neben Auslandsdeutschen, "unsere heißen Brüder". Er weiß mittlerweil: "Die Hilde zieht, mit ihrer Stimme und ihrer Art und Weise, wahnsinnig viel Schwule an." Das sei ein "sehr, sehr großer Markt", und die "homosexuellen Kritiker helfen uns, die fliegen ihr ja nach."
Daß die Hilde nochmals auf die Piste geht, motiviert sie mit ihrem "inneren Motor": Sie müsse "mal wieder ausbrechen, Farbe bekennen". Fakt ist, daß ihre Schallplatten, Branchenschnack, "wie Blei auf den Regalen liegen" und ihr Sauseleben, das Grunewald-Domizil kostet 6000 Mark Monatsmiete, Unterfutter braucht.
Wo der Jungpirat das viele Geld hernimmt, ist der Branche ein Rätsel. Schon die Tournee-Vorkosten sind enorm -- zehn Tage Probe etwa fraßen 40 000 Mark. Jeder Konzert-Abend macht Unkosten von mindestens 40 000 Mark, Hilde kriegt davon 10 000. Da muß der Saal schon rammelvoll sein.
Das Managen, meint Biallas, liege ihm im Blut. Schon als Zwölfjähriger, erzählt er, tingelte er mit einer Schülertruppe durchs flache Land, "Hans im Glück" hieß das Stück, ein "echtes Schwein und ein echtes Pferd" tingelten mit.
Per Schüleraustausch, 15jährig, kam er in die USA, blieb da hängen, wie er sagt, und schaffte sich allmählich ins Showbusiness rein. Mit dem Gelde finanzierte er sich ein Betriebswirtschaftsstudium und begann, Tournee-Fäden zwischen der Alten und der Neuen Welt zu spinnen.
Als er, Anfang des Jahres, vernahm, daß Funke mit der Knef Reise-Pläne macht, schlug er zu, Hilde fiel um. Den Regisseur Axel Andree, 36, den die Sängerin bei ihrem Auftritt im Berliner "Tuntenball" kennen- und schätzengelernt hatte, übernahm er als Show-Inszenator.
Andrees inniges Verhältnis zum Hause Knef, er drehte auch Hildes Locken und servierte Frühstück, brach jäh zusammen, als Biallas ein Teil von Andrees Regiekonzept "zu politisch" vorkam. Den günstigsten Kündigungstermin ließ man, sonnenklar, beim Sterndeuter Carroll Righter errechnen: ein Julimorgen, zwei Minuten nach sechs Uhr.
In Verbundwerbung mit "Bild am Sonntag" (Gratisanzeigen für geschätzte 100 000 Mark), mit gesalzenen Eintrittspreisen (bis zu 60 Mark) zog die Show-Karawane dann an die Front. In der Provinz freilich geriet die "Welttournee" letzte Woche schon ins Stolpern; in Braunschweig kamen nur 385 Fans, Ingolstadt platzte.
Das freut den einstigen Hilde-Impresario Funke. "Dem Schäfer aus der Heide", sagt er, "wollen wir auch das Hünengrab errichten."
Von Fritz Rumler

DER SPIEGEL 39/1980
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