14.07.1980

PRESSE

Gesellige Neugier

Politiker, Künstler und andere "Unterhalter" beantworten der "FAZ" Fragen nach ihren Vorlieben und Abneigungen, ihrem "größten Fehler" und ihrem Todeswunsch.

Bundeskanzler Schmidt möchte "glimpflich" sterben, "aber noch nicht so bald", Peter Rühmkorf "von eigener Hand -- süß und selig", Hildegard Knef "gar nicht".

Die Lieblingsbeschäftigung des Dramatikers Franz Xaver Kroetz ist "Sonnenbaden", die der Politikerin Hildegard Hamm-Brücher "Schauen", die der so unterschiedlichen Schriftsteller Johannes Mario Simmel und Hans Magnus Enzensberger übereinstimmend "Schlafen".

Für ihren größten Fehler hält die Sängerin Milva "Eifersucht" (für die S.168 Knef ist es der Fehler, den sie "am ehesten entschuldigt"). Der Kritiker Friedrich Luft kreidet sich "Treulosigkeit" an, der Verleger Ledig-Rowohlt "mangelndes Selbstvertrauen".

Österreichs Kanzler Bruno Kreisky möchte gern Arzt sein, der Romancier Wolfgang Koeppen Zauberer, Simmel "ein alter Baum". Der Lieblingsvogel der Schauspielerin Rosel Zech ist der Schwan, der Erzählerin Gabriele Wohmann die Krähe, "wegen Schubert". Verleger Siegfried Unseld verabscheut am meisten "Illoyalität", Opernintendant August Everding "Geiz", Komödiant Willy Millowitsch "betrunkene Frauen".

Derlei Auskünfte bekannter Zeitgenossen über eigene Vorlieben und Abneigungen, Selbsteinschätzungen und Weltanschauungen gehören seit einiger Zeit zum Redaktionsprogramm der "FAZ". In ihrer Freitags-Farbbeilage "Frankfurter Allgemeine Magazin" veröffentlicht die Zeitung regelmäßig einen von Prominenten ausgefüllten Fragebogen -- "ein klassisches Gesellschaftsspiel, weitergespielt".

Historisches Modell für die "FAZ"-Liste war ein französischer Fragebogen, den einst Marcel Proust (1871 bis 1922) ausgefüllt hatte -- einmal als 14jähriger, dann noch einmal mit 20. Berühmt gewordene Antwort des späteren Autors der "Suche nach der verlorenen Zeit" auf die Frage, was für ihn das größte Unglück wäre: "Von Mama getrennt sein."

Jene und die übrigen 36 Fragen des "Questionnaire Marcel Proust" haben im "FAZ"-Magazin bislang 19 "Unterhalter aus verschiedenen Bereichen" beantwortet. Ihre Antworten, aufrichtig oder auch nicht, ernsthaft oder ironisch-verspielt, S.169 geben auf jeden Fall der von der Redaktion in Betracht gezogenen "geselligen Neugier" Nahrung.

Dabei mag es etwa von vergleichsweise geringem Interesse sein, daß Intendant Everding als seine Lieblingsblume die "Pusteblume" nennt. Aufschlußreicher ist schon, welche Eigenschaften der Beredsame bei Frauen am meisten schätzt: "Verzeihen und Ungeschwätzigkeit."

Kaum verwunderlich, daß bei der Frage nach den "am meisten verachteten geschichtlichen Gestalten" Hitler und Stalin, meistens als Duo genannt, an der Spitze liegen, weit vor Nero, Caligula und Napoleon. Durchaus überraschend aber, daß zur Minderheit der Befragten, die überhaupt eine "militärische Leistung bewundern", der linke Lyriker Rühmkorf gehört: "Entebbe war schon recht eindrucksvoll." Kollege Enzensberger dagegen: "Die Fahnenflucht deutscher Soldaten während des Zweiten Weltkriegs."

Bei den Lieblingskomponisten führt Bach mit zehn Nennungen vor Mozart (sieben) und Gershwin (zwei). In der Literatur sind die Präferenzen nicht so eindeutig: Goethe und Proust (je drei) vor Heine, Hemingway und Handke (je zwei). Ähnlich bei den Malern: Rembrandt und Caspar David Friedrich (je drei) vor vielen zweimal Genannten. Die Favoriten des Orgelspielers und Hobbymalers Helmut Schmidt, der gern Städtebauer geworden wäre, sind Bach, Zola, El Greco und Nolde.

Nachdenklich nimmt man zur Kenntnis, daß Enzensberger für seinen größten Fehler "Menschenscheu" hält; mit Rührung, daß Ledig-Rowohlts "Traum vom Glück" darin besteht, "mit meiner Frau zusammen zu sterben (von meiner Frau im Jenseits mit offenen Armen empfangen zu werden)".

Etwas ratlos liest man, was Everding für seinen "Hauptcharakterzug" hält: "Egozentrischer Altruismus"; mit Vergnügen, wer Simmels "Lieblingsheldin in der Dichtung" ist: Josefine Mutzenbacher.

"Welche Eigenschaften schätzen Sie bei einem Mann am meisten? Welche bei einer Frau?" -- die meisten Befragten, neun von neunzehn, machen da keinen Unterschied. Oder nur einen kleinen: Kanzler Kreisky schätzt am Manne "Verläßlichkeit gepaart mit Humor", an der Frau dasselbe "und noch 'etwas' dazu".

Verläßlichkeit, mal auch als Zuverlässigkeit, Treue oder Loyalität definiert, ist überhaupt die meistgeschätzte Eigenschaft, männlich wie weiblich. Auf den Plätzen: Klugheit/Intelligenz und Humor/Witz. Kroetz wünscht, daß der Mann "sich nicht einbildet, spezielle männliche Eigenschaften zu haben". Enzensbergers einschlägiges Antwortpaar kritisiert hübsch die Geschlechterrollen-Klischees: Beim Mann bevorzugt er "Zartgefühl", bei der Frau "Mut".

Enzensbergers Antworten gehören zu den originellst-pointierten, die das "FAZ"-Magazin auf seinen Fragebogen bisher erhalten hat. Sein "vollkommenes irdisches Glück": "Das unvollkommene irdische Glück"; seine Lieblingsfarbe: "Die Farbe des Regenbogens"; sein Motto: "Laßt 250 000 Blumen blühen".

Zu den pompösesten gehören die des Suhrkamp-Verlagschefs Siegfried Unseld. Diese "stattliche Erscheinung" mit dem "zugreifenden Charme" ("FAZ") lebt nach der Maxime des alten Römers Properz "In magnis et voluisse sat est" (Es genügt, Großes gewollt zu haben). Er favorisiert Beethoven, den Adler und Hannibals Alpenüberquerung.

Unseld schätzt beim Mann "seine Fähigkeiten zu lieben", bei der Frau "ihre Liebesfähigkeit", und auf die Frage nach seiner Lieblingsbeschäftigung gibt er an: "Skifahren ist die drittschönste."

Im übrigen hat er auch diese (wie jede) Gelegenheit genutzt, Autoren seines S.170 Verlags empfehlend in Erinnerung zu bringen. Hesse und Frisch und Handke und Walser kommen auf seinem Fragebogen in der einen oder anderen Form zu Ehren.

Als seine Lieblingsblume nennt Unseld die Cattleya. Diese Orchideenart spielt eine exquisite Rolle bei Proust (Suhrkamp-Autor) -- als ein privates Codewort für Beischlaf.


DER SPIEGEL 29/1980
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