04.05.1981

„Alles war eine Erfindung“

Die „Washington Post“ über ihre Reportage „Jimmy's World“ Die Reporterin
Am 12. Juli 1979, elf Tage vor ihrem 25. Geburtstag, schrieb Janet Cooke, Reporterin beim "Toledo Blade", folgenden Brief an Ben Bradlee, den Chefredakteur der "Washington Post":
"Sehr geehrter Herr Bradlee!
Seit etwas mehr als zwei Jahren arbeite ich als festangestellte Reporterin für 'The Blade'. Ich glaube, daß ich jetzt für die Arbeit bei einer größeren Zeitung in einer Großstadt gerüstet bin ..."
Dem Brief waren eine Kurzfassung des Lebenslaufes und Kopien von sechs Berichten beigefügt, die Janet Cooke für den "Toledo Blade" geschrieben hatte. Ein Punkt erregte Bradlees Aufmerksamkeit: In der Kurzfassung hieß es, Janet Cooke habe 1976 das Vassar-College mit Auszeichnung absolviert. Bradlee unterstrich diese Angaben und schickte Ausschnitte und Kurzfassung an Lokalchef Bob Woodward. Auf den Brief schrieb er für seine Sekretärin den Vermerk, er wolle Janet Cooke sehen.
Als Janet Cooke zwei Wochen später die "Post" besuchte, waren alle von ihr beeindruckt. Sie war eine bemerkenswerte, schick gekleidete Schwarze, genau von der Art, wie sie Chefredakteuren willkommen ist, die unter dem Druck stehen, Minderheiten und Frauen einstellen zu müssen. Und sie konnte schreiben.
Wie üblich wurde sie in der Nachrichtenredaktion, in der City-Redaktion und der Washington-Redaktion vorgestellt und dort befragt.
In der schriftlichen Zusammenfassung der Eindrücke, die Tom Wilkinson, Personalchef der Redaktion, erstellt hatte, heißt es:
"Janet Cooke kam herein, traf jeden und kam bei jedem gut an. Mich beeindruckte, daß sie ihren eigenen Auftritt sehr gut vorbereitet hatte. Sie scheint gut geeignet zu sein, Karriere zu machen. Auf mich wirkte sie sehr tüchtig."
Nicht nur auf ihn. Lediglich City-Redakteur Herb Denton fragte, ob sie wohl auch genügend Ausdauer habe.
Janet wurde am 3. Januar 1980 für die Wochenendbeilage der "Post" als Reporterin eingestellt. Die Mitarbeiter waren von ihr und ihrem Schreiben so beeindruckt gewesen, daß ihre Referenzen entgegen dem Brauch nur oberflächlich überprüft wurden. Wilkinson erinnert sich vage, mit irgendwem vom "Blade" gesprochen zu haben. Andere können sich an irgendwelche Überprüfungen nicht erinnern.
Janet Cooke war direkt der Redakteurin Vivian Aplin-Brownlee unterstellt. Ihr erster großer Artikel erschien am 21. Februar 1980. Es war eine dramatische Geschichte über das drogenverseuchte Unruhen-Viertel in Washington, Jahre nach den Krawallen von 1968, und das Stundenprotokoll einer Polizeistreife längs der 14. Straße.
"Es war ein gutes Stück Journalismus", sagt Vivian Aplin-Brownlee, "meisterhaft geschrieben."
Janet produzierte. Bis zu dem unheilvollen Bericht über den nichtexistierenden "Jimmy" erschienen in der "Post" 52 ihrer Geschichten.
Sie war eine hervorragende Mitarbeiterin in der Nachrichtenredaktion. Wenn sie ging, schien sie zu schreiten. Wenn sie lächelte, wirkte sie überwältigend. Ihre Garderobe schien immer neu zu sein, makellos und vielfältig. "Sie hat ein umwerfendes Flair", sagte Bradlee.
Da war aber noch etwas. "Sie war von blindem und kaltem Ehrgeiz besessen", so Vivian Aplin-Brownlee. Und ihr Ehrgeiz nahm Formen an. Sie wollte aus der Redaktion der Wochenendbeilage in die Washington-Redaktion versetzt werden, die täglich die Lokalnachrichten über die Hauptstadt bringt. Als besonders wichtiges und größtes Ressort ist diese Abteilung das Lieblingskind des Verlegers Donald Graham.
Bob Woodward, berühmt seit seiner gemeinsamen Arbeit mit Bernstein zu dem Skandalthema Watergate, ist seit dem 1. Mai 1979 stellvertretender Chefredakteur und verantwortlich für die Washington-Redaktion.
Janet Cooke hatte ihm gesagt, daß sie schnell aufsteigen wolle, und sie unterhielt sich häufig mit Milton Coleman, dem Leiter des Washington-Ressorts. Vivian Aplin-Brownlee wußte von den Gesprächen.
Als die "Jimmy-Story" entstand, sagte Janet Cooke zu einem Freund: "Mit dieser Geschichte habe ich die Wochenendbeilage hinter mir."
"Sie hatte sich enorme Ziele gesetzt", sagte Karlyn Barker, eine Washington-Reporterin. "Sie wollte innerhalb von drei Jahren den Pulitzer-Preis, und sie wollte in zwei bis fünf Jahren in die US-Redaktion. Da ihre Geschichten alle gut ankamen, war es seltsam, daß sie sich jeden Tag so verhielt, als müsse sie um ihren Arbeitsplatz kämpfen. Sie war die letzte, die das nötig hatte."
Im August vergangenen Jahres hörte Vivian Aplin-Brownlee über eine neue Art Heroin auf den Straßen Washingtons: Die Droge verursache Eiterbeulen auf der Haut. Sie beauftragte Janet Cooke, sich darum zu kümmern.
Bei Hintergrund-Recherchen zu der Geschichte konnte Janet Cooke die neue Heroinsorte nicht finden, sie sammelte aber viel Material über den Heroin-Mißbrauch in Washington.
Alles in allem hatte sie schließlich zwei Tonband-Interviews, jeweils eine Stunde lang, plus 145 Seiten handschriftlicher Notizen plus einer Sammlung von Broschüren und Dokumenten über Drogenmißbrauch.
Als Vivian Aplin-Brownlee sah, welche Materialsammlung Janet Cooke zusammengestellt hatte, sagte sie sofort: S.172 "Dies ist eine Geschichte für die 'Daily'."
"Daily" ist die interne Bezeichnung des Ressorts der Wochenendbeilage für den Washington-Teil. Janet Cooke ging mit ihren Aufzeichnungen und ihren Vorstellungen zu Milton Coleman. Vivian Aplin-Brownlee sah die Geschichte nicht wieder, bis sie am 28. September unter der Überschrift "Jimmys Welt" auf der ersten Seite der "Washington Post" erschien.
Die Geschichte
"Ich sprach mit Janet über das Material", sagte Coleman. "Sie erzählte von Hunderten von Leuten, die süchtig geworden seien. An einer Stelle erwähnte sie einen achtjährigen Drogensüchtigen. Ich unterbrach sie und sagte: Das ist die Story. Dem müssen wir nachgehen. Das ist eine Geschichte für die erste Seite."
Coleman war sich seiner Sache sicher: "Es stellte sich heraus, daß das Kind von der RAP betreut wurde, einer Organisation für Drogenabhängige. Ich ging zu Nachrichtenchef Howard Simons, und wir berieten über folgende Frage: Wenn die RAP uns die Erlaubnis gäbe, mit dem Jungen zu sprechen, dürften wir dann den Namen bekanntgeben? Wir vereinbarten, daß wir das auf keinen Fall tun würden. Würde die RAP uns gestatten, mit den Eltern zu sprechen? Wir wußten es nicht. Janet recherchierte weiter."
Zwei Wochen vergingen. Bei einer Geschichte dieser Art ist es bei der "Post" üblich, dem Reporter so viel Zeit zu geben, wie er braucht.
Janet Cooke kam zu Coleman zurück und sagte, sie sei auf die Spielplätze gegangen, habe herumgefragt und habe an einer Reihe von Plätzen ihre Karte zurückgelassen. Eine dieser Karten sei in die Hände der Mutter des Jungen geraten, die Janet verärgert angerufen und gefragt habe: "Warum spüren Sie meinem Jungen nach?"
Janet Cooke erzählte Coleman, sie habe nochmals mit der Mutter gesprochen, habe aber keine Zustimmung erhalten, den Jungen zu befragen. Auf ihre Frage sagte Coleman, sie könne der Mutter Anonymität versprechen.
Coleman fragte weder nach dem Namen der Mutter noch nach der Straße oder Adresse, wo die Familie wohnte. Er hatte Janet Cooke Vertraulichkeit für ihre Quellen zugesichert. Die Halsschlagader des Journalismus lag entblößt -- der Glaube, den ein Redakteur in einen Reporter setzen muß.
"Janet berichtete mir, sie habe mit der Mutter wieder Kontakt aufgenommen und die beiden hätten sich zum Essen im Eastover Shopping Center verabredet", sagte Coleman.
Später berichtete Janet Cooke ihm, sie sei zu der Verabredung gegangen, und zwei Tage später habe sie das Haus der Mutter aufgesucht, das gleiche erfundene Haus, das sie dann in allen S.175 Einzelheiten in "Jimmys Welt" beschrieb.
Weitere Gespräche mit "Jimmy" oder seiner Familie habe es nicht gegeben, berichtete sie Coleman. Sie erwähnte dabei, daß sie Angst habe: "Ron", der (erfundene) Liebhaber der (erfundenen) Mutter, habe sie bedroht. Während des ganzen Interviews sei "Ron" mit einem Messer in der Hand im Zimmer auf und ab gegangen und habe einmal zu ihr gesagt: "Wenn ich irgend jemanden von der Polizei sehe, mein Fräulein, dann bekommen Sie es mit uns (dabei blickte er wieder auf sein Messer) zu tun."
Nachrichtenchef Howard Simons, dessen Sorge für seine Mitarbeiter nahezu väterliche Züge trägt, ließ Janet Cooke zwei Nächte nach Erscheinen ihrer Geschichte nicht nach Hause gehen. Er sorgte dafür, daß sie bei einem anderen Mitarbeiter der "Post" übernachten konnte.
Als Coleman die Darstellung ihres "Gesprächs" mit der Mutter hörte, bat er sie, darüber einen schriftlichen Bericht zu verfassen. Janet Cookes Notiz, ihre erste Niederschrift zu dem Thema, umfaßt 13 1/2 Seiten, zweizeilig auf etwa DIN A 4 großem Papier geschrieben, voll ermüdender Einzelheiten wie etwa: "Jimmy trägt ein blaues und grünes Izod-T-Shirt ... Nicht schlecht. Ich habe sechs davon." An der einen Seite des Wohnzimmer stand ein etwa 2 1/2 Meter breites Sofa, an der anderen ein passendes zweisitziges Sofa. Beide waren mit Plastik bezogen. In dem Zimmer waren ein Farbfernseher, ein Gummibaum, unechte Bambus-Rollos, ein brauner Langhaarteppich, zwei Lampen, ein Kaffeetisch aus Glas und Chrom und noch ein Chromglastisch.
An dieser Stelle sah Coleman den Namen "Tyrone" auf dem Bericht, und er schloß daraus, dies sei der "richtige" Vorname des (fiktiven) Kindes. Er erfuhr auch, welche Grundschule "Tyrone" besucht habe, und den ungefähren Stadtbezirk, in dem er vermutlich lebte. Das war ganz beruhigend und wurde in der Nachrichtenredaktion später so interpretiert, daß Coleman wisse, wer das Kind sei.
Andere Redakteure stellten damals oder auch später überhaupt keine Fragen. "Niemand hat mich nach dem Namen gefragt", erinnert sich Coleman. "Man hätte mich ja fragen können."
Janet Cookes Art der Beschreibung überzeugte Coleman, aber Woodward sagte später, hätte er als erster den Entwurf gesehen, dann hätte er wohl Fragen hinsichtlich der langen und so perfekt wirkenden Zitate gestellt.
Coleman, der die Washingtoner Szene besser kennt als Woodward, sagte, er habe keine Veranlassung gesehen, die Zitate in Frage zu stellen. Er las alles noch einmal durch, machte Vorschläge für die Überarbeitung, empfahl, wie sie die Einleitung schreiben und wie sie das Material arrangieren solle.
"Ich wollte, daß es so ankommt wie John Coltranes Musik. Stark. Es war S.178 eine großartige Geschichte, und es ist mir niemals in den Sinn gekommen, sie könne das erfunden haben. Ich hatte keinerlei Zweifel."
Coleman recherchierte selbst ein wenig. Er fragte jemanden, der Bescheid wußte, ob Janets Beschreibung, wie ein "Schuß" gesetzt wird, richtig sei. Er war zufrieden, daß die Antworten mit Janets Bericht übereinstimmten.
Der Justitiar der "Post", Bo Jones, der Artikel auf ihren juristischen Gehalt gegenzulesen hat, schlug einige Veränderungen vor. Von "Ron" hieß es, er stamme aus Atlanta. Jones regte an, statt dessen lieber "aus dem Süden" zu schreiben, weil man sonst möglicherweise "Rons" Spuren in Atlanta finden könne; das Versprechen der Anonymität sei absolut.
Woodward sah nun die Geschichte zum ersten Mal. Er teilt alle Geschichten in zwei Kategorien ein: solche, die Verleumdungsklagen oder strafrechtliche Folgen haben können -- und die anderen. "Jimmy" fiel in Woodwards zweite Kategorie: Verleumdung konnte es nicht sein, weil die Personen anonym waren.
"Janet hatte eine großartige Geschichte geschrieben", sagt Woodward. "Die Geschichte war so gut und so gut zusammengestellt, daß es bei mir einfach nicht klingelte. Meine Skepsis war verschwunden. Ich war nachlässig."
Woodward bat Janet Cooke zu sich und forderte sie auf, ihm persönlich zu berichten. Er wollte ihre Geschichte hören. "Sie war eine ausgezeichnete Schauspielerin, ganz ausgezeichnet", sagt er. "Sie erzählte alles ganz entwaffnend. Es war so persönlich, so dramatisch, so knallhart."
Keiner der leitenden Redakteure der "Post" unterwarf Janet Cookes Geschichte einer näheren Untersuchung. Simons war in der Woche vor ihrem Erscheinen auf Urlaub in Florida. Ressortleiter Richard Harwood hatte mit ihrer Vorbereitung nichts zu tun gehabt. Ben Bradlee las die Geschichte in jener Woche und dachte, es sei eine "Mordsstory".
Auf die Frage, ob ihn das Ergebnis der Überprüfung von "Jimmys Welt" damals überzeugt habe, antwortete Simons: "Ja, es gab keinen Grund, die Geschichte nicht zu glauben." Bradlee: "Ich bin jetzt nicht überzeugt, aber damals war ich es."
Coleman, der Janet Cookes Manuskript redigierte, erinnert sich: "Ein großer Teil meiner Aufmerksamkeit konzentrierte sich auf die Geschichte und die Formulierung. Im Unterbewußtsein, glaube ich, war ich fest überzeugt, andere Mitarbeiter, die noch mit dem Manuskript befaßt wären, würden etwas merken, was ich übersehen hätte."
Jetzt glaubt Coleman, die anderen Redakteure hätten sich auf ihn verlassen. "Wir haben eigentlich nie darüber diskutiert, ob es wahr war oder nicht", sagt er. "Ich glaube, sie gingen einfach davon aus, daß Coleman Bescheid wissen müsse."
Die Illustrationen und die Geschichte waren fertig. Bradlee hatte Wochenenddienst. Er sagte wieder, es sei eine Geschichte für die erste Seite.
Er hielt sie für großartig. Die Geschichte hatte mit fliegenden Fahnen den letzten und wichtigsten Filter passiert.
Janet Cooke hatte noch eine letzte Chance, ihre Meinung zu ändern. Am Freitagabend, bevor die Geschichte am Sonntag erscheinen sollte, bat Coleman sie zu sich. Simons hatte die Stadt verlassen, aber vorher hatte er noch darauf bestanden, daß sich Coleman mit der Reporterin unterhalten solle.
"Ich sagte ihr, was Simons mir gesagt hatte. Bei solchen Sachen ist er fast romantisch", erzählte Coleman. "Ich sagte, sie habe eine Geschichte geschrieben, die sicherlich kontrovers sei: 'Sie haben ein Verbrechen gesehen, und Sie könnten vorgeladen werden. Wir glauben das zwar nicht, aber es könnte sein. Das sollten Sie wissen, und die 'Post' wird hundertprozentig zu Ihnen stehen. Wenn Sie gerichtlich vorgeladen werden und Sie sich weigern, Ihre Quellen preiszugeben, könnten Sie wegen Mißachtung des Gerichtes belangt und zu einer Haftstrafe verurteilt werden. Vor Erscheinen der Geschichte fragen wir Sie daher, ob Sie diese Gefahr in Kauf nehmen wollen, falls nicht, werden wir sie nicht bringen. Denken Sie darüber noch einmal bis morgen nach.'"
Am Samstagmorgen teilte Janet Cooke Coleman mit, die Story solle erscheinen.
Der Artikel war zur Veröffentlichung am Sonntag vorgesehen. Für lange Artikel gibt es mehr Platz -"Jimmys Welt" umfaßte 2256 Wörter, und sonntags gibt es mehr Leser -892 220 Exemplare des Blattes erschienen am Sonntag, dem 28. September. "Jimmys Welt" stand auf der ersten Seite. Die Druckpressen begannen um 21.54 Uhr zu laufen.
"Jimmys" Geschichte traf Washington unmittelbar ins Herz. Kaum war die Zeitung an den Kiosken erschienen, als auch schon die Lichter in der Telephonzentrale der "Washington Post" aufflackerten wie in einem Kontrollraum beim Abschuß einer Rakete.
Washingtons Mitleid für "Jimmy" und die Erbitterung in der Stadt, als die "Post" sich weigerte, Namen und Adresse des Jungen bekanntzugeben, waren kaum zu überbieten. Die Polizei erhielt Zuschriften aus dem S.180 ganzen Land, darunter ein Schreiben, das von 30 Schülern einer Schule in Richmond unterzeichnet war und in dem sie die Polizei dringend baten, alles zu tun, um "Jimmy" zu finden.
Coleman setzte für die weitere Arbeit an "Jimmy" ein elfköpfiges Reporterteam ein. Sechs der Reporter sollten nach einem zweiten "Jimmy" fahnden -- nach der Theorie: Gibt es einen, muß es noch andere geben.
Janet Cooke und ihr Kollege, Washington-Reporter Courtland Milloy, waren eines der Teams, die nach dem zweiten jungen Drogenabhängigen suchten.
Am folgenden Wochenende dann wurde Coleman unruhig -- ein leichter Anflug von Unbehagen, dennoch spürbar. "Ich hatte geglaubt, die Polizei würde ihn in höchstens drei Tagen finden. Ich gehöre nicht zu den Leuten, die meinen, die Polizei könne nichts richtig machen. Ich wußte, daß sie ihn finden konnten."
Milloy war ebenfalls beunruhigt. Er und Janet Cooke hatten inzwischen versucht, den zweiten "Jimmy" zu finden.
"Schon bald merkte ich, daß Janet den Bezirk gar nicht kannte. Sie sagte, sie könne das Haus nicht finden. Ich fragte sie, ob es rechts oder links von uns liege oder ob wir daran vorbeigefahren seien. Sie wußte es nicht."
An dieser Stelle kamen Milloy erstmals ernste Zweifel an der Geschichte. Nachdem er und Janet Cooke sieben Stunden lang gesucht hatten, fuhren sie ins Büro zurück. Milloy ging zu Coleman: "Ich glaube, Sie sollten mir einen Drink spendieren."
Das tat Coleman denn auch am nächsten Tag. Dabei berichtete Milloy ihm von seinen wachsenden Zweifeln an Janets Story. Coleman hörte Milloy aufmerksam an, mißtraute jedoch seinen Schlußfolgerungen. "Ich dachte", so Coleman, "seine Zweifel beruhten vielleicht zum Teil auf Eifersucht."
Coleman erinnert sich, Milloys Zweifel dem leitenden Washington-Redakteur und dem Chefredakteur übermittelt zu haben. Bradlee erinnert sich, daß er zu Woodward oder Coleman gegangen sei und sie gefragt habe, ob es etwas gebe, was noch einmal nachgeprüft werden sollte. Die Antworten, die er erhielt, hätten ihn beruhigt.
Die Nachrichtenredaktion der Zeitung, in der allmählich leichte Zweifel an der Geschichte aufkamen, war voll des Lobes und der Glückwünsche für Janet Cooke.
Herausgeber Don Graham schrieb ihr am 7. Oktober: "Ihr Bericht in der Sonntagsausgabe vor einer Woche war eine sehr schöne Story, eine von vielen schönen, die Sie in diesem Jahr geschrieben haben. Sie scheinen weit mehr als das übliche Maß an Aufgeschlossenheit zu besitzen und die Fähigkeit, zu erklären, was sie sehen. Das ist eine große Gabe. Überdies haben Sie Ihre Prüfungen der letzten Woche mit geradezu weltmeisterlicher Gelassenheit überstanden. Mit freundlichen Grüßen, Don."
Am Montagmorgen, nachdem "Jimmy's World" erschienen war, kam Woodward in Vivian Aplin-Brownlees Büro und teilte ihr mit, Janet Cooke sei jetzt Mitglied des Washington-Redaktionsstabs. Vivian Aplin-Brownlee war wütend. Sie hatte ihre erfahrenste Reporterin verloren.
Seit Erscheinen der "Jimmy"-Story gab es Zweifel an ihrem Wahrheitsgehalt. Einer der stärksten Zweifler war Vivian Aplin-Brownlee. Sie hatte mit der Geschichte nichts zu tun gehabt, nachdem diese an die Washington-Redaktion weitergegeben worden war.
"Als ich die Geschichte zum erstenmal las, war ich erstaunt. Meiner Meinung nach war Janet in einem Drogenlokal völlig fehl am Platze. Ich glaubte nicht, daß sie dort überhaupt hineinkäme. Kein Pusher würde in ihrer Gegenwart ein Kind an die Nadel hängen."
An dem Tage, als bekannt wurde, daß Janet Cooke den Pulitzer-Preis erhalten würde, ging Vivian Aplin-Brownlee zu Coleman und sagte: "Ich hoffe nur, sie hat das perfekte Verbrechen begangen."
Als der Schwindel dann aufflog, ging Coleman seinerseits zu Vivian Aplin-Brownlee und sagte: "Das perfekte Verbrechen war es denn doch nicht."
"Er sagte, er glaube die Geschichte", erinnert sich Vivian Aplin-Brownlee jetzt. "Ich brauchte nicht nach Gründen zu fragen. Er glaubte es, weil er es wollte."
Die Skepsis von Milloy und Vivian Aplin-Brownlee lösten in der Nachrichtenredaktion Gerüchte über "Jimmy" aus, die nicht wieder verschwinden wollten.
Woodward hatte keine Zweifel an der Story, obwohl er und Coleman über diejenigen sprachen, die Zweifel hatten. "Ich war von der Story einfach fasziniert", sagte Woodward. Er tendierte dazu, die Zweifler abzuweisen und ihre Skepsis auf "berufliche Eifersucht" zurückzuführen.
Dennoch ergriffen beide Redakteure gewisse Vorsichtsmaßnahmen. Während Janet Cooke an einer Prostituierten-Geschichte arbeitete, bestanden sie darauf, daß Coleman sich mit der Hauptfigur der Geschichte treffe, vor allem, um Janet Cooke vor weiteren Eifersüchteleien ihrer Kollegen zu schützen und die Stichhaltigkeit ihrer Reportagen ein für allemal zu beweisen. Janet Cooke vereinbarte immer neue Zeitpunkte und Orte für ein solches Treffen, das jedoch stets abgesagt wurde.
"Ich maß dem keine besondere Bedeutung bei", sagte Woodward, "aber es war doch ein wenig merkwürdig."
Der Reaktion der "Post" lag auch noch etwas anderes zugrunde: Die Zeitung fühlte sich angegriffen. Wütende Worte des Bürgermeisters und des Polizeichefs verletzten den Stolz der Redaktion. Anschuldigungen der Öffentlichkeit, das Blatt habe unverantwortlich gehandelt, waren schwer zu schlucken. Woodward S.182 formulierte es treffend so: "Wir gingen zu unserem Watergate-Verfahren über -- die Quelle zu schützen und den Reporter zu decken."
Als die Polizeibehörde dann mit einem Prozeß drohte, erschien Don Graham eines Tages in Colemans Büro und fragte: "Gibt es etwas, das wir überprüfen sollten?"
Keiner der beiden erinnert sich genau an Colemans Antwort. Coleman glaubt jedoch, daß er Janet Cookes fesselnden Bericht über ihren Besuch in "Jimmys" Wohnung geschildert habe. Graham sei daraufhin zufrieden aus dem Raum gegangen.
Etwa drei Wochen nach Erscheinen der "Jimmy"-Geschichte rief Simons bei Coleman an: "Der Junge ist noch immer da draußen, und niemand sucht ihn. Wir sollten ihn suchen. Nehmen Sie Janet mit."
Einen Tag später ging Janet Cooke zu Coleman und berichtete ihm, sie sei zu "Jimmys" Haus gegangen und habe es leer vorgefunden. Die Familie sei nach Baltimore gezogen. Es bestehe nun kein Grund mehr für sie beide, noch mal zu "Jimmys" Haus zu fahren.
Während Coleman beunruhigt war, daß die Polizei den Jungen nicht finden konnte, fand Woodward das nicht weiter bemerkenswert. "Es schien nur logisch", so Woodward, "daß seine Mutter ihn nach Baltimore oder an einen anderen Ort gebracht hatte."
Coleman jedoch war in Rage. Er ging zu Nachrichtenchef Simons und machte seiner Verärgerung Luft. Erstmals kamen nun auch Simons Zweifel an der Story. "Ich hatte jedoch nicht mehr als einen leisen Verdacht."
Bradlee behauptet, er habe während der ganzen Zeit von Skepsis nichts bemerkt. "Niemand", so Bradlee, "ist je in mein Büro gekommen, um mir zu sagen: 'Ich habe Zweifel an der Geschichte' -- weder vor noch nach der Veröffentlichung --, niemand auch hat gesagt, daß andere Zweifel an der Geschichte hätten."
Der Preis
Wie konnte trotz aller Zweifel die "Jimmy"-Story mit voller Unterstützung der "Post" beim Pulitzer-Preisausschuß eingereicht werden?
Woodward, der auf das Drängen Colemans einging und sich bei Bradlee und Simons für die Geschichte stark machte, formuliert es sehr bezeichnend so: "Ich würde meine Entscheidung, die Cooke-Story für den Pulitzer- oder einen anderen Preis einzureichen, am besten wohl mit dem Sprichwort begründen: Mitgefangen, mitgehangen."
"Ich habe die Geschichte geglaubt, wir haben sie veröffentlicht. Von offizieller Seite waren zwar Fragen gekommen, doch wir hielten an der Story und an ihrem Autor fest. Auch innerhalb unserer Redaktion waren Fragen aufgetaucht, aber keine präzisen und auch keine, die Janets andere Arbeiten in Frage gestellt hätten. Ich meine, die Entscheidung, die Story für den Pulitzer-Preis einzureichen, ist relativ bedeutungslos. Es ist eine brillante Story, auch wenn sie Lug und Trug ist."
Als bekannt wurde, daß "Jimmy's World" den Preis tatsächlich bekommen hatte, jubilierten alle leitenden Redakteure, ebenso die Nichtzweifler innerhalb der Nachrichtenredaktion. Herausgeber Donald Graham schrieb Janet Cooke einen zweiten Brief: "Liebe Janet, hurra. Noch nie habe ich gehört, daß eine Preisverkündung Menschen so glücklich gemacht hat. Unsere Leute schätzen Sie. Sie glauben, daß Sie zu der Art Journalisten gehören, die die 'Post' für ihre weitere Zukunft braucht ... Die Preisverleihung an Sie zeigt mir, daß wir bei unserer Berichterstattung über diese Stadt auf dem richtigen Weg sind. Der Preis ist eine starke Ermutigung, es noch besser zu machen. Don."
Die Entscheidung über die Verleihung des Pulitzer-Preises fiel am 3. April. Janet Cooke war zu der Zeit in New Haven, um über das Reagan-Attentat zu schreiben. Woodward und Coleman erreichten sie telephonisch. Sie kaufte sich eine Flasche Champagner, rief ihre Mutter an und sah sich in ihrem Motelzimmer die Fernsehserie "Dallas" an.
Die öffentliche Bekanntgabe der Preisträger erfolgte am 13. April. Der leitende Nachrichtenredakteur vom "Toledo Blade", Joe O'Connor: "Wir haben eine Ausgabe, die kurz nach acht Uhr in Druck geht. Darin hatten wir eine Spalte über Janet Cooke und ihre Toledo-Zeit eingerückt.
"Im weiteren Verlauf des Tages zeigte mir einer der Redakteure eine Kopie der AP-Kurzbiographie der Pulitzer-Preisträger. Die darin enthaltenen Informationen stimmten mit den unseren nicht überein. Wir taten daher, was wir normalerweise in einem solchen Fall tun: Wir machten AP darauf aufmerksam, daß sich unsere Informationen mit ihren nicht deckten."
Daraufhin begann Michael Homes, AP-Korrespondent in Toledo, seine eigenen Recherchen und fand die dem "Blade" vorliegenden Fakten bestätigt. Er meldete das seinem New Yorker Büro. Von dort aus ging die Anweisung an Paris, bei der Sorbonne zu recherchieren. Überdies wurde Janet Cooke bei der "Post" angerufen.
"Janet Cooke sagte im wesentlichen, daß die Informationen in ihrer offiziellen Biographie korrekt seien. Spätestens da war klar, daß etwas nicht stimmte. Wir setzten unsere Recherchen daher beschleunigt fort", sagte der New Yorker AP-Vizechef Boccardi.
Die "offizielle" Biographie, die vom Pulitzer-Preiskomitee herausgegeben und von Associated Press verbreitet worden war, entstammte einem Standard-Formblatt für biographische Angaben, das die "Post" der Preisnominierung Janet Cookes beigefügt hatte.
Janet Cooke hatte das Formular ausgefüllt. Niemand bei der "Post" prüfte es. Aber es wich erheblich von dem summarischen Lebenslauf ab, den sie bei ihrer Bewerbung bei der "Post" eingereicht hatte.
Nach dem neuen Lebenslauf sprach sie Französisch, Spanisch, Portugiesisch S.184 und Italienisch oder konnte es zumindest lesen. In ihrem ursprünglichen Lebenslauf war nur von Französisch und Spanisch die Rede gewesen.
In dem neuen Formular war auch vermerkt, daß sie das Vassar-College 1976 mit Auszeichnung absolviert, 1975 an der Sorbonne studiert und 1977 an der Universität Toledo ihren Magister gemacht hatte. In dem ursprünglichen Lebenslauf war die Sorbonne nicht erwähnt. Nach den Unterlagen des Vassar-College nahm sie dort nur über ein Jahr am Unterricht teil. Sie absolvierte zwar die Universität Toledo, erwarb aber nicht den Grad eines Magisters.
Das Geständnis
Am Dienstagnachmittag zwischen 15.00 und 15.30 Uhr läutete bei Nachrichtenchef Simons und bei Chefredakteur Bradlee gleichzeitig das Telephon. Boccardi rief bei Simons an, Dixie Sheridan, Assistentin des Vassar-Rektors, bei Bradlee. Anlaß des Sheridan-Anrufs waren die bei ihr eingegangenen AP-Nachfragen.
Die Anrufer stellten Bradlee und Simons die gleiche Frage: Was sie über die Abweichungen in den Lebensläufen wüßten. Keiner der beiden Redakteure konnte die Frage beantworten.
Simons bat Woodward, Coleman und den Personalchef Tom Wilkinson in Bradlees Büro. Wilkinson brachte Janet Cookes Personalakte und die Pulitzer-Biographie mit.
"Als wir die Unterlagen sahen, wußten wir, daß wir vor einem Problem standen", sagte Simons. Er und Bradlee entschieden, daß als erstes den Diskrepanzen der Vassar-Angaben nachzugehen sei.
Zu diesem Zweck beauftragten sie Coleman, Janet Cooke zu einem Spaziergang um den Block zu bitten und mit ihr zu sprechen.
"Bring sie zum Holzschuppen", sagte Bradlee in Anlehnung an eine Formulierung, die Lyndon B. Johnson einmal in bezug auf Hubert H. Humphrey benutzt hatte. Im Klartext: Stellen Sie ihr alle möglichen Fragen, holen Sie die Wahrheit heraus.
Coleman und Janet Cooke gingen über die L Street zum Capitol Hilton Hotel. In der Bar bestellten sie zwei Ginger Ales. Coleman fragte sie über ihren Bildungsweg aus. Warum behauptete das Vassar-College, sie sei nur ein Jahr dort gewesen, während Janet Cooke behauptete, sie habe das College absolviert?
Janet Cooke sagte, sie wisse es nicht. "Gut, dann rufen wir Vassar an", schlug Coleman vor. Er erreichte Judy Blom, eine Kanzleisekretärin. Sie teilte Coleman mit, Janet Cooke habe nie Examen gemacht. Coleman bat die Sekretärin, ihn mit ihrem Chef zu verbinden, S.185 und wurde zu Margaret Battistoni, Verwaltungsassistentin des Kanzleileiters, durchgestellt. Sie bestätigte die Auskunft der Sekretärin.
Coleman sah Janet Cooke an. Die behauptete, sie besitze Unterlagen, um ihre Aussagen zu beweisen. Sie seien bei ihrer Mutter.
"Rufen wir in Toledo an", sagte Coleman, wobei er die Universität meinte. Janet Cooke jedoch wollte mit ihrer Mutter sprechen, was sie 15 oder 20 Minuten lang auch tat, während Coleman dabeistand.
Nach diesem Gespräch sagte Janet Cooke: "Lassen Sie uns miteinander reden." Sie kehrten in die Bar zurück und bestellten zwei weitere Ginger Ales.
Janet Cooke erzählte Coleman, das Vassar-College habe recht. Sie habe es besucht, habe jedoch psychische Schwierigkeiten bekommen und sei im folgenden Jahr nach Hause zurückgekehrt, um sich dann an der Universität Toledo einzuschreiben, die sie absolviert habe.
"Dann ist dieser Teil Ihres Lebenslaufes also falsch", sagte Coleman.
"Ja."
"Und die 'Jimmy'-Story?"
"Die stimmt."
Bei der "Post" schlug Bradlee vor, Coleman solle Janet Cooke durch den Eingang L Street zur "Post" zurückbringen, um Aufsehen zu vermeiden, und sie dort in das leere Büro des Verlagsdirektors der "Post" im achten Stock schaffen. Dort stießen Bradlee und Woodward dann zu Janet Cooke und Coleman.
Als Bradlee und Woodward eintraten, saß Janet Cooke auf einem Sofa und weinte. Sie sagte: "Man fällt doch mit den dümmsten Sachen herein."
Bradlee schüttelte ihr die Hand. Dann aber wurde er massiv. Er, Simons und Woodward seien zu der Überzeugung gelangt, die Abweichungen in den Lebensläufen stellten ihre Ehrlichkeit ernstlich in Frage, und dieser Mangel an Ehrlichkeit sei das einzige, was die 'Jimmy'-Story zusammenhalte.
Janet Cooke weinte noch mehr. Bradlee begann daraufhin, ihre Sprachkenntnisse zu prüfen. "Sagen Sie mir zwei Wörter auf portugiesisch", forderte er sie auf. Sie sagte, das könne sie nicht.
"Können Sie denn Italienisch?" fragte Bradlee.
Janet Cooke verneinte.
Bradlee, der fließend Französisch spricht, stellte ihr Fragen in dieser Sprache. Ihre Antworten waren holprig.
Bradlee zog einen anklagenden Vergleich zu Richard Nixon: "Sie sind wie S.187 Richard Nixon, Sie versuchen, zu vertuschen."
"Wir geben Ihnen 24 Stunden, um zu beweisen, daß die 'Jimmy'-Story stimmt", sagte Bradlee.
Jetzt wurde auch Woodward massiv: "Ich glaube Ihnen die 'Jimmy'-Story nicht."
"Sie glauben mir nicht?" antwortete Janet Cooke.
"Nein, das tue ich nicht. Und das werde ich beweisen, selbst wenn es das Letzte ist, was ich tue."
Bradlee und Woodward verließen den Raum und beschlossen, der nächste Schritt sollte am besten sein, Coleman zusammen mit Janet Cooke in die Xenia Street zu schicken, um dort zu klären, ob sie überhaupt den genauen Ort kannte, an dem die "Jimmy"-Story entstanden war. Wiederum machten sich Coleman und Janet Cooke auf den Weg, diesmal per Auto.
Bradlee, Simons, Herausgeber Donald Graham und Woodward versammelten sich erneut in Bradlees Büro. David Maraniss, stellvertretender Washington-Leiter und einer derjenigen, die zuvor schon die Geschichte angezweifelt hatten, gesellte sich zu ihnen.
Woodward, Maraniss und Wilkinson machten sich an die mühevolle Arbeit, 145 Seiten handschriftliche Notizen durchzugehen und die Tonbandaufzeichnungen der Interviews abzuhören.
Es war das erste Mal, daß ein Redakteur der "Post" das Grundlagenmaterial für die "Jimmy"-Story einsah. Woodward erklärte später, er habe in all ihren Notizen zwar die Anklänge an die veröffentlichte Geschichte, aber keinen Hinweis gefunden, daß sie tatsächlich ein Kind interviewt habe, das Heroin nahm.
Während die drei Redakteure über den Tonbändern und Notizen brüteten, rief Coleman an. Er sagte, sie könnten "Jimmys" Haus nicht finden. Später erklärte er, als Janet Cooke das Haus nicht habe zeigen können, sei er überzeugt gewesen, daß die Geschichte ein Schwindel war. Jetzt glaubte jeder, der sich mit Janet Cooke befaßte, daß sie log. Sie aber hielt an ihrer Geschichte fest.
Coleman und Janet Cooke gingen zu Woodward, Maraniss und Wilkinson in den Konferenzraum der "Post" im 5. Stock. Das Verhör wurde fortgesetzt.
"Janet sah erbärmlich aus", sagte Maraniss. "Ihre Augen waren glasig, ihr Gesicht verzerrt. Sie schien nicht zu wissen, was sie sagen wollte, bevor sie sprach."
Woodward führte das Verhör. "Es ist alles vorbei", sagte er zu Janet Cooke. "Sie müssen jetzt die Wahrheit sagen. Die Notizen beweisen uns, daß die Story falsch ist. Wir wissen es. Wir können Ihnen Punkt für Punkt beweisen, wie Sie das Ganze erfunden haben."
"Ich war grob", sagte Woodward später. "Aber ich war überzeugt, daß wir die Sache mit Janet erledigen mußten."
Wilkinson sagte zu Janet Cooke, sie tue ihm leid. Woodward fuhr fort, er wisse, daß sie die Geschichte erfunden habe, obwohl sie blendend geschrieben sei.
"Es wird allmählich zu grausam", sagte Janet Cooke, "mir bleibt nur noch meine Story."
Coleman schwieg. Woodward versuchte es ein letztes Mal: "Wenn ein gerechter Gott auf uns herniederblicken würde, was würde er als Wahrheit erkennen?"
"Ich weiß nicht, was Sie meinen", erwiderte Janet Cooke.
Coleman ging im Zimmer auf und ab. Maraniss saß am Tisch, Janet Cooke gegenüber. Woodward und Wilkinson verließen den Raum, Coleman kam nach. Maraniss blieb mit Janet Cooke allein zurück. Beide weinten. Er hielt ihre Hand.
"Ach, David, was soll ich nur machen?" fragte Janet. Sie unterhielten sich eine Stunde, wobei sie ausführlich von ihrer beider Kindheit sprachen. Immer wenn ein Redakteur die Tür zum Konferenzraum öffnete, winkte Maraniss ihm ab.
Sie sprachen über den Schrecken und die Angst, die Janet verspürt hatte, als sie für den Pulitzer-Preis nominiert wurde.
Dann sagte Maraniss: "Sie brauchen den anderen nichts zu sagen. Ich werde das für Sie erledigen. Was soll ich ihnen sagen?"
"Es gibt keinen Jimmy und keine Familie", sagte sie. "Sie sind erfunden. Ich habe so sehr daran gearbeitet, aber es ist alles erdichtet. Ich möchte den Preis zurückgeben."
Als Woodward, Wilkinson und Coleman in den Konferenzraum zurückkehrten, blickte Maraniss auf und erklärte: "Sie können jetzt nach Hause gehen, 'Jimmy' ist erfunden."
Die Männer umarmten Janet und küßten sie.
"Es tut mir leid, daß ich so ein Schwein war", sagte Woodward.
"Das hatte ich verdient", antwortete Janet.
"Ja, das hatten Sie", erwiderte Woodward.
Woodward und Wilkinson riefen Bradlee an, Coleman Janets Eltern.
Nach zwei Stunden Schlaf und zwei weiteren Stunden Gespräch mit Janet rief Maraniss Bradlee an, der ihn anwies, von Janet Cooke die Kündigung und eine schriftliche Erklärung zu verlangen.
Handschriftlich schrieb sie: "'Jimmy's World' war im wesentlichen eine Erfindung. Ich habe nie einen achtjährigen Heroinsüchtigen getroffen oder interviewt. Der Artikel, der am 28. September 1980 in der 'Washington Post' erschien, war eine gravierende Fehldarstellung, die ich zutiefst bedaure. Ich bitte meine Zeitung, meinen Berufsstand, das Pulitzer-Preiskomitee und alle, die auf der Suche nach der Wahrheit sind, um Verzeihung. Angesichts dieser Wahrheit habe ich heute meine Kündigung eingereicht. Janet Cooke."

DER SPIEGEL 19/1981
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„Alles war eine Erfindung“

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